»Thomas Knüwer 04. August 2008, 17:20 Uhr

Pflichtlektüre in der Olympia-Zeit

Die Olympischen Spiele 2008 werden keine normalen Olympischen Spiele – das ist schon jetzt absehbar. Zu gewichtig sind die politischen Themen: Von der chinesischen Innenpolitik über das Verhalten Verhalten des IOC bis zum Bereich Doping. Vermutlich wird es deshalb über diese Spiele quer über alle Medien mehr zu lesen, sehen und hören geben, als je zuvor bei Olympia: Die Berichterstattung wird weit über den Sport in andere Ressorts hinüberschwappen.

Verständlich also, wer schon jetzt nichts mehr hören mag von Internet-Zensur, Anabolika oder Gold-Chancen. Doch gibt es ein Weblog, das Sie, liebe Leser, unbedingt frequentieren sollten. Über die Art und Weise, wie Jens Weinreich von seinem Posten als Sport-Ressortleiter der “Berliner Zeitung” wegkomplimentiert wurde, gibt es eine Geschichte. Sie enstammt einem exzellent geschriebenen “Spiegel”-Artikel über die “Berliner Zeitung” aus der Tastatur von Alexander Osang:

“Als Jens Weinreich, der bisherige Sportchef bei der “Berliner Zeitung”, vor ein paar Wochen zu einem Gespräch über Dienstreisen, Themen und fehlendes Personal zu Depenbrock ging, empfing der ihn mit den Worten: “Und? Wollen Sie sich nicht auch langsam mal neu orientieren?”"

Nun ist Weinreich nicht irgendwer. Für mich ist einer der ganz wenigen deutschen Sportjournalisten, die recherchieren können – und wollen. Für mich ist er die Nummer eins der Branche.

Weinreich ist inzwischen als freier Journalist unterwegs, auch in Peking. Und von dort bloggt er in fast exzessiver Manier. Wer etwas über das Arbeiten als Journalist bei Olympia erfahren möchte, der wird hervorragend bedient. Auszüge:

1. August:
“Erstmals ist das IOC-Hotel (die Herrschaften nächtigen im Raffles, das mit dem Beijing-Hotel-Komplex vebunden ist) bei Olympischen Spielen für Reporter gesperrt, da helfen auch zwei Ausweise nicht, die mir um den Hals baumeln. Sogar im George-Bush-Land war das IOC-Hotel, das Little America in Salt Lake City, ein halbes Jahr nach 9/11 problemlos zugänglich. Man könnte sagen: Es wird schwerer, im IOC-Machtbereich vernünftig zu arbeiten…

Der Wlan-Zugang im MPC und allen Sub-Pressezentren kostet rund 350 Euro… Kollegen sagen, am Morgen hätte man noch “Falun Gong” googeln können. Als ich es im MPC mit Wlan versuche, ist Google sofort gesperrt.”

3. August:
“Der Herr Li vom Poly Plaza, der für Sicherheit und solche Dinge zuständig ist, dieser Herr Li also, kennt die meisten Reporter beim Namen. Wahrscheinlich kennt er auch meine Biografie. Einem belgischen Kollegen jedenfalls hat er Li schon einen Kommentar ins Blog geschrieben. Er liest mit. Besser so, als heimlich auf der Festplatte. Aber auch das soll vorkommen…”

Und auch die Meldung, dass der Sport-Informations-Dienst seinen eher unkritischen Mitarbeiter abgezogen hat, die gibt es bei Weinreich.

Bis die Olympische Flagge verlischt ist ein Blog deshalb zumindest für mich Pflichtlektüre.

»Thomas Knüwer 04. August 2008, 17:20 Uhr

    6 Kommentare zu “Pflichtlektüre in der Olympia-Zeit”


  1. Frank Joster says:

    Für diese Aussage:

    > Ich glaube alles, ich bin Journalist.

    muss man Herrn Weinreich leiben.

  2. Matthias says:

    Ob, Flamme oder Flagge – das IOC führt den Olympischen Gedanken ad absurdum. Statt olympische Spiele, Trauerspiele. Und auch das NOK… ich kenne Michael Vesper noch aus meiner aktiv-grünen Zeit. Grau geworden ist der “Herr Oberlehrer”, nicht nur äusserlich. Mitleiderregend, wie manche Menschen ihre Ideale verkaufen müssen …

  3. mk says:

    “ist das olympische nicht ein ewiges Feuer?”

    Nein, das Olympische Feuer wird erst zum Start des Fackellaufs am Tempel der Hera in Athen mit Hilfe eines Hohlspiegels entzündet und brennt dann bis zum Ende der Spiele.

  4. lvgwinner says:

    Oder ist es ein Schreibfehler und die Flagge ist eigentlich eine Flamme. Das würde aber immer noch nicht die Frage klären warum die erlöschen sollte…ist das olympische nicht ein ewiges Feuer?

  5. Argus says:

    “WAHRSCHEINLICH kennt er auch meine Biografie.” … “Aber auch das SOLL vorkommen…”

    Wahrhaftig, eine äußerst fundierte, auf Fakten basierende Berichterstattung.

  6. stk says:

    Ist das subtiler Sarkasmus, dass die olympische _Flagge_ brennt?