Was, liebe Kollegen von der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” und hier namentlich Oliver Hoischen und Eckart Lohse, was werft Ihr eigentlich morgens in Euren Tee? Oder was ist das für ein Tee?
Denn anders als durch die Zuführung halluzigen wirkender Zusatzstoffe ist einer Ihrer Sätze in einem Interview mit Innenminister Wolfgang Schäuble kaum erklärbar. Doch, das steht da so. Ohne erkennbare Ironie.
Glückliche Chinesen. Das politische System in China als Alternative zur Demokratie. Puh. Wer so etwas fragt, müsste eigentlich als Antwort eine Rückfrage bekommen. In der Art wie: “SIND SIE NOCH GANZ FRISCH?” oder “HUSTENSAFT ABGELAUFEN?”
Natürlich nicht bei Wolfgang Schäuble. Dass er diese Frage auch noch ernst nimmt, kann nicht wirklich überraschen. Seine Antwort:
“Na ja, noch liegt das Durchschnittseinkommen in Deutschland oder in den anderen Ländern des euro-atlantischen Raums ziemlich deutlich über dem in China. Zudem haben wir nicht so große soziale Unterschiede wie in China. Unser System scheint mir eindeutig das überlegene. Darauf deutet übrigens auch hin, dass andere große Länder des asiatischen Raums – allen voran Indien – es vorziehen, Demokratien zu sein. Aber wir sollten diese Überzeugung nicht mit Arroganz vertreten.”
Na ja, noch ist die Demokratie besser. OK, OK, scheint besser zu sein. Aber wir sollten da nicht arrogant werden.
Solche Interviewfragen sollten belohnt werden. Mit einem Korrespondentenposten. In der chinesischen Pampa, dort wo sich Millionenstädte um Fabriken winden, wo Sweatshops Hochlohnarbeitgeber sind und die Luft so rein, als würde man sie aus dem Auspuff eines katalysatorbefreiten Daimler-Diesels aus den 60ern nuckeln.
Dorthin sollte die “FAS” Hoischen und Lohse schicken, schließlich sind die Menschen dort glücklich. Und so viel Glück sollte doch auch für Journalisten aus dem Westen reichen, oder? Sicherlich würde sich auch Dieter Hennig vom Sport-Informationsdienst SID dieser Abkommandierung anschließen.
Nachtrag: Statt in China glücklich zu werden, wurde Hennig vom SID zurück in die Heimat beordert.










17 Kommentare zu ““FAS” meldet: Diktatur macht glücklich”
Auch ich denke, daß Zufriedenheit und äußere Faktoren nicht in einem GANZ SO engen Verhältnis stehen, wie oft angenommen wird. Vor einigen Jahren hieß es doch, daß die Bevölkerung in Bangladesh weltweit am zufriedensten sei. Ich habe jetzt nicht parat, ob das Land als Demokratie gilt (vmtl. ja). Jedenfalls läßt sich dieses Zufriedenheitsgefühl für mich einigermaßen nachvollziehen: Man muß nicht reich sein, um zufrieden sein zu können, es reicht oft schon das Fehlen von größeren Ungerechtigkeiten. Ob das so auf China zutreffen kann (oder auf Rußland), mag man vielleicht eher bezweifeln.
Daß die Interviewfrage hier kritisiert wird, ist aber natürlich verständlich. Auffallend ist, daß Schäuble alles sofort aufs Materielle einengt. Man könnte dahinter die Haltung vermuten: Wenn die Leute nur genug zum Fressen haben, dann reicht das ja. Eine recht konsequente Haltung für Personen wie ihn.
So einfach kann man es sich nicht machen. Empfinden von Glück und Zufriedenheit korreliert nicht mit dem Maß an Demokratie. Man sehe sich Russland an.
Insoern ist die Frage völlig berechtigt, die Antwort ist allerdings etwas hilflos.
Zu einer echten Bewertung der Zufriedenheit mit einem Zustand muss man mehr kennen als ich gerade Menschen in einem Land wie China zutraue.
Man muss über die Vorgänge im eigenen Land informiert sein. Man muss über vergleichbare Situationen andernorts Informationen besitzen.
Man sollte wenigstens grundlegend über die Mechanismen der Entscheidungsfindung in verschiedenen Systemen Bescheid wissen.
Würden die Menschen in Kenntnis aller anderen Optionen und der eigenen Situation die aktuelle Situation behalten wollen?
Das sind natürlich alles andere Ansprüche als “sind die Menschen zufrieden mit ihrem Land”. Der Mensch der gerade seine Bedürfnisse größtenteils befriedigt bekommt ist natürlich zufrieden, er hat ja gerade keinen Grund sich über seine Regierung zu beschweren, welcher Form auch immer diese ist.
Was ist aber wenn die Regierung übermorgen entscheidet komplett was anderes anzustellen, mit dem dieser Mensch nicht mehr zufrieden ist?
Dann werden fehlende Mechanismen der Rückbindung von Macht an das Volk sehr kostspielig für diesen Menschen.
Vielleicht sollte man den Zufriedenheitsindex nicht daran festmache, wie zufrieden die Mehrheit der Bevölkerung ist, sondern eher daran, wie unzufrieden die unzufriedensten fünf Prozent sind.
Ein Großteil der Chinesen in den Städten genießt derzeit den wirtschaftlichen Aufschwung und ist auch stolz auf die langsame Öffnung zur restlichen Welt hin. Das ist eher eine Zufriedenheit mit einer Entwicklung als mit einer Situation. Das darf aber nicht davon ablenken, dass am anderen, unteren Ende der Zufriedenheitskala gefoltert, gemordet, hingerichtet wird. Die paar Prozent unzufriedene Chinesen, die nach Rechtsstaatlichket verlangen oder einfach Entscheidungen der Regierung kritisieren und entsprechend behandelt werden, fallen in einem Zufriedenheitsindex natürlich nicht weiter auf.
In einer Diktatur zu leben und zufrieden zu sein, schließt sich also nicht unmittelbar auf. Ist für wirtschaftlichen Wohlstand gesorgt, wird ein Großteil der Bevölkerung sehr zufrieden sein. In vielen arabischen Ländern sieht es ja auch nicht anders aus: Da regiert ein Scheich oder eine Königsfamilie und lässt auch mal Hände abhacken, aber der Großteil der Bevölkerung ist dennoch zufrieden.
> … da haben es Journalisten in Deutschland rosig dagegen
.
Hahahaha. Guter Witz. Ich habe (besser hatte) da einen Auftraggeber, da sind seit 2001 die Seitenhonorare um 27% gesunken — und da ist die Inflation noch gar nicht eingerechnet.
Ich bin froh, dass ich nicht vom Geschreibsel alleine leben muss. In den anderen 50% meiner Arbeitszeit kann ich so mehr als 2/3 meines Einkommens erwirtschaften.
Ich war durchaus auch in Pampa-Städten und die sind überraschenderweise oft grösser als Berlin. Ja, die Differenzen in China sind gewaltig – und in jedem Bereich (ausser auf dem Land, wo die alte Generation oft alleingelassen wird) stehen, sobald einer aufbegehrt, sich beklagt oder nicht mehr so viel leisten kann oder will, 10, 100 oder 1000 andere da, die ihn ersetzen wollen. Dieser Druck ist gewaltig, da haben es Journalisten in Deutschland rosig dagegen
.
@Ronnie Grob: Das war überhaupt nicht bös gemeint, sollte das so übergekommen sein. Aber ich fürchte, die Differenz zwischen den Menschen in den “touristischen” Gebieten und jenen Städten in der Pampa, die vor allem aus Fabriken bestehen, ist gewaltig.
Was die Links betrifft: Unser Leider-Immmer-Noch-Dienstleister Blogg.de ist leider weiterhin da unvorhersehbar selektiv – sorry!!!
Übrigens, Herr Knüwer, darf man bei Ihnen keine Links per Hyperlink setzen? Ich versuchs nochmals:
http://pewglobal.org/reports/display.php?ReportID=261
Und wie wäre es mit einer Kommentarbenachrichtigung? Ist so eine geplant vielleicht? Ich fände das sehr nützlich.
Man sollte auch nicht so tun, als sei die Kritik an der polit.Führung Chinas in Deutschland sooo eindeutig. Wenn Schäuble das geringere Durchschnittseinkommen anführt, dann wohl, weil er sich denken kann, daß “Freiheit” als Argument in D. nicht ausreicht. Wenn *Diktatur* so sehr auf Anlehnung stieße, hätten wir seit 1990 etwas andere Wahlergebnisse und etwas andere Talkshowgäste.
@Thomas Knüwer: Ich gebe zu, dass ich nicht mit allen 1.3 Milliarden Chinesen geredet habe, sondern mit einzelnen ausgewählten in verschiedenen Städten entlang von touristischen Reiseströmen. Hätte ich mit anderen reden wollen, dann hätte das wohl ohne Übersetzer nicht geklappt. Ich nehme keineswegs an, dass ein gegängelter Dissident mir erzählt hätte, dass er sehr zufrieden mit der Führung des Landes ist.
Dennoch: Ich glaube der Studie ohne zu zögern. Chinas Bewohner sind sehr stolz auf ihr Land und ihre Kultur. Die allermeisten sind das auch auf ihre Führung (aus welchen Gründen auch immer). Das kann einen nachdenklich stimmen, ist aber eine Tatsache.
@Ronnie Grob: In welchen Gegenden waren Sie denn?
Nein, unglaublich, in einem Land wo die Menschen mit massiven problemen rechnen müssen wenn sie Unzufiredenheit äußern, geben die meisten in Befragungen durch Außenstehende an, sie seien zufrieden mit ihrem Land. Wer hätte DAS erwartet?
Die Frage der FAS ist nicht aus der Luft gegriffen, aber leider wird das nicht transparent gemacht. Nach dieser kürzlich erschienenen Studie (pewglobal.org) sind die Chinesen weltweit Nummer 1 in der Zufriedenheit darüber, wie sich ihr eigenes Land ausrichtet. Ob die Studie unter Druck zustande gekommen ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Mein Vor-Ort-Eindruck vom Mai diesen Jahres bestätigt jedenfalls dieses Ergebnis: Alle Chinesen, auf die ich getroffen bin, waren sehr zufrieden und stolz auf ihr Land und deren Führung.
Also: Es steht glücklich in einer “Diktatur” gegen unglücklich in einer “Demokratie”. Da kann man auch mal nachfragen, oder?
Dem stimme ich zu, aber hier mal mein Projekt:
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Also worauf wartest du noch ? Spar, was das Zeug hält
Wo ist jetzt das Problem? Ist doch Genial, solche Fragen zu stellen und dann Zustimmung zu bekommen.
)
ich schenke ein “zu” oder so..
*lol*
fehlt nur noch, dass journalisten fragen:
“eigentlich sind die kriegsgefangenen in guantanamo die zufriedensten menschen. sie bekommen ihr essen und trinken frei haus. sollten wir deutschland zu einem guantanamo 2.0 umbauen?”
schäuble würde dann vielleicht sagen:
“schaun mer ma! wenn das der erklärte wille der “mehrheit” im lande wäre, könnte ich mir durchaus vorstellen, meine bemühungen, die demokratie abzubauen, forcieren!”
tss…man glaubt kaum noch, was heutzutage alles so abgeht.