Dass Bayern ja eigentlich keine Demokratie sei, ist ein verbrauchter Witz. Schön aber, dass die Bayerische Landesanstalt für Neue Medien – man beachte das “Neue” – sich zum Ziel gesetzt hat, diesen Scherz am Leben zu erhalten. Mit einem Schub Medienstalinismus, der von einer bemerkenswerten Unkenntnis in Sachen Internet zeugt.Der erste Tag in einer vietnamesischen Großstadt verwandelt die meisten Menschen – auch mich – zeitweilig in wimmernde Angstbündel. Denn man wagt einfach nicht, die Straße zu überqueren, die angefüllt ist mit einem kreuz und quer durcheinander rasenden Chaos aus Motorrädern, Rollern und Autos. Wie soll man da auf die andere Seite kommen?
Die Lösung ist eindeutig, im Alltag erprobt und verlangt dem Vietnam-Erstbesucher eine Portion Mut ab: Einfach gehen – gemessenen und regelmäßigen Schrittes. Wer dies probiert, dem umflutet der Verkehr und er fühlt sich aufgeladen mit einer Aura der Unsterblichkeit: Wenn er hier rüberkommt, dann kommt er überall rüber.
So geht man um mit Fluten, die man nicht kontrollieren kann: Man arrangiert sich mit ihnen. Mitarbeiter deutscher Landsmedienanstalten wählten da wohl einen anderne Weg. Sie sprängen auf die Straße brüllten: “ALLE ANHALTEN!”
Dieses Vorgehen würde sofort Wirkung zeigen: Sie wären nach ziemlich genau zwei Sekunden tot.
Seit geraumer Zeit schon versuchen sich diese Anstalten gegen eine Flut zu stemmen, die sich Internet nennt. Mit besonderen Kuriositäten tut sich dabei Norbert Schneider hervor, der Chef der Landesanstalt NRW. Erst jüngst wollte er im Internet Pornos und besonders Kinderpornos verbieten. Da in Deutschland aber Pornos erlaubt sind, wollte er somit dieses Genre in Deutschland verbieten. Und da Kinderpornos in Deutschland verboten sind, könnte man im Rückschluss böserweise annehmen, Schneider wollte sie in Deutschland erlauben – außer im Internet. Aber das ist natürlich übelster Zynismus, dem wir hier keinen Boden bieten wollen.
Leider hat sich ein anderer Vorschlag Schneiders herum gesprochen unter den Ewiggestrigen seiner Zunft. Er hat sogar Einfluss gefunden in den neuen Rundfunkstaatsvertrag und Bayern – jene Hochburg der freien Meinungsäußerung und der gegenseitigen Toleranz – macht als erstes Bundesland ernst.
Die “Süddeutsche Zeitung” schreibt heute (merkwürdigerweise ist dieser, doch einige Klicks versprechende Artikel nicht online):
“Betreiber von Internet-Fernsehen benötigen in Bayern von 1. August an eine Sendelizenz, wenn mehr als 500 Benutzer zeitgleich auf ihr Live-Stream-Angebot zugreifen können. Diese Änderung ihrer Fernsehsatzung hat die Bayerische Landesanstalt für neue Medien (BLM) beschlossen. Die Lizenz werde ohne weitere Voraussetzungen erteilt, wenn es keine programminhaltlichen Bedenken gebe…”
Tja, und hier wird es lustig. Denn diese 500er-Grenze ist zunächst einmal aus der Luft gegriffen.
Das gab sogar Norbert Schneider während der Porno-Verbots-Rede zu:
“Die Grenze bei 500 zu ziehen, sei eine willkürliche Festlegung seiner Juristen gewesen, berichtete Schneider weiter. Umso erstaunter zeigte er sich, dass die Klausel nun auch in den Entwurf für die 12. Änderung des Rundfunkstaatsvertrags (PDF-Datei) aufgenommen worden sei und somit bald auch für andere Bundesländer gelten dürfte. Dabei sei es einfach darum gegangen, dass “größere Veranstalter” nicht einfach “Piratenfunk” machen. In Nordrhein-Westfalen hätten sich eine Reihe von Pressefirmen inzwischen eine Lizenz geholt. Die meisten fielen aber gar nicht unter die Regelung.”
Ja, Herr Schneider, so ist das halt: Wenn ein inkompetenter Würdenträger einen Vorschlag macht, werden ihm die anderen inkompetenten Würdenträger folgen, denn sie glauben ja, er habe Kraft seines Amtes Ahnung von dem was er so von sich gibt. Und das Sich-Komptent-Machen scheitert an der Faulheit der Würdenträger. Diese Folgsamkeit aus Bequemtlichkeit ist aber immer ein Fehler, ganz besonders aber im Fall der Landesmedienanstaltsdirektoren.
Nun tut die BLM, wie sich die bayerischen Möchtegernmedienhüter abkürzen, so, als sei das alles kein Problem. Gibt schon ne Lizen, keine Sorge. Die Crux versteckt sich im zweiten Teil des “SZ”-Artikels:
“Die Lizenzgebühr beträgt bei lokalen und regionalen Angeboten einmalig zwischen 500 und 2500 Euro, bei bundesweiten zwischen 1000 und 10 000 Euro.”
So etwas mögen Medienanstalts-Direktoren und -Juristen für problemlos halten, was ein bezeichnendes Licht auf ihre Gehaltsstruktur wirft. Faktisch aber bedeutet dies das Abwürgen privater Initiativen im Bereich Live-Streaming.
Ach, wohin das Geld geht?, möchten Sie, lieber Leser wissen. Raten Sie mal. Genau:
“Die Einnahmen durch lokales und regionales Internet-TV fließen an die BLM, bei bundesweiten Angeboten gehen 75 Prozent an die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK). Abrufangebote bleiben lizenzfrei.”
Nun sind wir gespannt, wann die BLM zum ersten Mal durchgreift. Zum Beispiel bei einem Nutzer von Mogulus, jenem Live-Streaming-Dienst, den ein paar Freunde und ich gelegentlich zum Herumalbern nutzen.
Und dann würde es Spaß machen, einen Musterprozess anzustrengen mit der Frage, warum es eine solche Lizenz geben sollte, wenn die Zahl der Kanäle nicht mehr begrenzt ist wie beim Kabel-TV. Würden die Landesmedienstalten dabei siegen, würde das bedeuten, Bürger dürften nicht mehr frei ihre Meinung auf internationalen Plattformen ausdrücken. Und diese Plattformen müssten gesperrt werden.
Das Ergebnis wäre die Rückkehr des alten Witzes mit den Bayern und der Demokratie. Denn der Freistaat würde zu einem medialen zweiten China.
Und in diesem Sinne, finde ich, ist es auch an der Zeit die bayerische Hymne ein wenig den neuen Zeiten anzupassen:
In Gott mit dir, du Land der Bayern,
Bruder Chinas, Vaterland!
Über deine weiten Schirme
spreche nur, wem es erlaubt!
BLM verhüte Freiheit,
schirme deiner Bürger Netz
Und erhalte dir den Glauben
alles bleibe, wie es ist.
Gott mit dir, dem Bayernvolke,
dass wir, unser Väter gleich,
fest in Einfalt und in Frieden
leben in unsrer eignen Welt!
Dass mit des Globus Bruderstämme
einig nur ein jeder schau
was der Alten Ruhm bewahre
unser Banner, weiß und blau!”
Nachtrag: Was gegen eine Lizenz für Web-Streaming spricht, hat Matthias Schlenker hier sehr schön kommentiert.
Noch ein polemischer Nachtrag: Bemerkenswert finde ich auch die Beschränkung auf Streaming. Würde das nicht im Gegenzug bedeuten, ein Fernsehsender, der nur Konserven ausstrahlt, benötig keine Lizenz?










17 Kommentare zu “Die Bayerische Landesanstalt für Neue Medien ist eine lustige Veranstaltung”
Des Pudels Kern beleuchtet auch ein Interview mit Prof. Dr. Bernd Holznagel von der Uni Münster, das er im dradio zur Frage des Zukunfts des Rundfunkrechts gegeben hat.
Hörbar unter:
http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2008/07/19/dlf_20080719_1706_04f8c70f.mp3
Münster … für einen bekennende Fan des SC Preußen Münster wäre das doch mal ein eigenes Interview wert, oder
… und meine ausländischen Bekannten schauen immer so verwirrt wenn ich ihnen davon erzähle wie die Politik in Bayern so ist…
tk empfahl:
> Bayerische Landesanstalt für Neue Medien – man beachte das “Neue” <
Man beachte den feinen Unterschied zwischen “Neue” und “neue”. Einmal Neu, immer Neu. Die Neue Presse in Hannover heißt auch seit 30 Jahren so, das Neue Rathaus in München ist ein alter Kasten und Bad Neustadt an der Saale ist bereits seit 1232 n.Chr. “Neu”.
Tatsächlich ist es aber wirklich nicht so, dass der BLM (im amtlichen Kürzel fehlt das “N” für “Neue”!) das Phänomen namens Internet neu wäre. Die von Professor Ring veranstalteten Münchner Medientage sind seit Beginn dieses Jahrhunderts eigentlich Münchner Internet-als-Bedrohung-und-Geschäftsmodell-für-Privatsender-Tage, regelmäßig bevölkert von Massen einschlägigen Fachvolks.
Von daher ist es unfair, ja fast infam, der BLM-Spitze böse Absicht abzusprechen und ihr statt dessen Inkompetenz oder Kontrollwut zu unterstellen. Ring, dessen Karriere in der Straußschen Staatskanzlei begann, ist gerade keiner vom Stamme der Controletti. Er hatte im Gegenteil schon immer großes Verständnis für die Bedürfnisse der in Bayern Gewerbesteuer zahlenden Sender. Ja, in der Tradition der berühmten Liberalitas Bavariae hat die BLM all die Jahre dafür gesorgt, dass die Senderchefs Planungssicherheit hatten, ganz gleich wie glitschig ihre innovativen Formate und wie fragwürdig ihre kreativen Call-In-Zockereien auch gewesen sein mögen.
Wenn diesen wackeren Wirtschaftsfaktoren nun eine subversive Szene von Independents das Werbegeschäft schwer macht, indem sie bösartig Hunderte von Zuschauern von 9Live, Sonnenklar.tv et. al. weglockt, ist man als verantwortungsbewusste Behörde doch in der Fürsorgepflicht. Sonst kannt ja a jeda Hanswurscht daherkemma und an Senda aufmacha im Freischdood.
Ja, Bayern ist immer für eine Schlagzeile gut. Angesichts der teils unglaublichen Sendungen im “richtigen” Fernsehen (hier kann sich jeder etwas denken in Richtung illegaler TV-Sendungen), gegen die die deutsche Medienüberwachung leider nichts unternehmen kann, ist das Ganze erst recht lustig. Warum muß man hier unvermittelt an den Bären Bruno denken, wurde der nicht in Bayern erschossen? Erschossen und ausgestopft?
Auch wenn der Artikel mit Witz geschrieben ist, blieb mir das Lachen doch im Hals stecken…………
“Staatsmacht” würde ich die bayrischen Regulierer nicht unbedingt nennen. Dazu stehen sie allzu sehr im Gegensatz zur übrigen staatlichen Ordnung, auch sind sie zu komisch.
Wir haben es bei diesen Regulierern mit Leuten zu tun, die sich einfach nicht vorstellen können, erstens, dass das Grundgesetz (noch) Gültigkeit hat, zweitens, dass sie als TV- und Radio-Regulierer ihren Lebenszweck aus den – dort – beschränkten Frequenzen ziehen und für das Internet:
nicht zuständig
sind.
Die bereits einschlägig zu nennende BLM-Witzigkeit muss man indes leider zum Formenkreis geriatrischer Problemstellungen zählen, hier zu einem strukturellen “nicht-mehr-verstehen-können”.
Sie werden schon bald zurückgepfiffen werden. Falls nicht, können wir noch vor Ablauf des Jahres darauf zählen, dass sie im nächsten Schritt Presse-Lizenzen vergeben (sogenannte “Print-Sender”), Buch-Lizenzen (“Buch-Sender”) sowie allgemeine Sprech-Lizenzen (“ab 500 Worte”).
Das Fehlen eines Zuständigkeitsbereiches darf die BLM nicht stören.
@hannebauer: Mir ging es darum, was man _selbst_ als Nicht-Rundfunktreibender gegen diese Bemuehungen anstrengen kann. Frage hat sich aber vorerst erledigt, kompetente Anwaeltin wird informiert
Gerade noch über Berlusconi echauffiert …
Schön, daß das deutsche Staatsfernsehen noch von der Staatsmacht behütet wird. Man will sich Macht und Einfluß auf den eigentlichen Souverän des Staates sichern. Ab 01. August wird eine Lizenzkeule gegen jeden noch so kleinen Internet-TV-Anbieter geschwungen, die jede Gegenwehr zwecklos macht. …
Ralf Schwartz, mediaclinique
http://ralfschwartz.typepad.com/mc/2008/07/staatsfernsehen.html
Witzig der Vergleich mit Vietnam, wo ich wohne und genau ueber dieses Thema gestern gebloggt hatte. Uebrigens ist das Ganze in der Radioversion in Bayern schon seit 2007 gueltig. Was den Schmarrn, den Herr Schneider absondert auch nicht besser macht. Meine Forderung seit langem: Abschaffung der Landesmedienanstalten!
Es ist das Letzte, hier Kübel von Spott über die Bayern auszuschütten und deren Hymne zu verunglimpfen, nur weil man anderer Meinung als die BLM ist.
@stk, ich bin kein Jurist, aber unsere Politiker und Beamten werden sagen: wir dürfen das. Um dann schmunzelnd hinzuzufügen: aber sie können ja klagen, wir leben doch schließlich in einer Demokratie.
Wer schon am Anfang des Jahres weiß, wieviel er am Ende des Jahres verdient haben wird und noch “Leistungszuschlag” für eingereichte Verordnungen und Bestimmungen erhält, macht sich wenig Gedanken um die Gemütslage derer, die er ja verwaltet. Es gibt nun mal keinen Artikel im Strafgesetz gegen dämliche Gesetzesvorlagen. Wie sehr müssen uns eigentlich diese Beamten und Politiker hassen, die sich so etwas ausdenken?
Nachtrag, der Link zum Kommentar bei Heise:
http://www.heise.de/newsticker/foren/S-Internet-ist-nicht-Rundfunk/forum-140616/msg-15226551/read/
ich habs gerade schon im heise Forum kommentiert, da noch in Unkenntnis dieses hervorragenden Artikels. Eine selten gute Mischung aus Information und Humor.
Stehende Ovation: Bravo!
Nachtrag: Lesen hier denn Juristen mit? Ich habe den Entwurf eben einmal durchgelesen, wie ist das zu werten? Wuerde diese Aenderung durchgehen, was koennte dann passieren, wenn die Stadt Ulm und Team-Ulm.de auch 2009 die Schwoerrede im Internet uebertragen, ohne dafuer eine Lizenz als Internetfernsehsender einzuholen?
Hach, herrlich. Ich bereite hier gerade einen Videobericht ueber die Entstehung des Schwoermontages in der Stadt Ulm vor[1], der im Vorfeld der – live per Video im Netz uebertragenen – Schwoerrede gesendet werden soll, und mittlerweile kann ich ja fast schon froh sein, dass Ulm 1810 von Bayern an Wuerttemberg ging, sonst braeuchten wir angesichts der weit ueber 1000 erwarteten Zuschauer noch eine Lizenz…
Im Ernst: Das ist doch eine Farce. Der von Ihnen verlinkte Kommentar treibt es ganz genau auf den Punkt: Sendefrequenzen sind beschraenkt und muessen reguliert werden. Bei den Kabelfrequenzen sieht das schon ein wenig lockerer aus. Drucken kann quasi jeder, der eine Riso oder zur Not einen Sack Kartoffeln hat. Und das Internet? Wieso sollte das reguliert werden? Heiliger Sankt Buerokratius, segne unsere Nachkommen…
[1] Wer sich in Ulm nicht auskennt: http://de.wikipedia.org/wiki/Schw%C3%B6rmontag weiss naeheres
möchte diesen kommentar mal off-topic nutzen, um ihnen zu gratulieren, herr knüwer. ich finde die qualität ihrer artikel *für den user* gerade in letzter zeit teilweise grandios. sehr bissige unterhaltsame schreibe und eine deutliche persönliche note. das ist es, was ein ausnahmeblog ausmacht. genau das zieht leser an!
dass das buzz ihres blogs weiterhin steigt, ist für mich unzweifelhaft. das erkennt man auch an den zunehmenden persönlichen, oft anonymen anfeindungen in den kommentaren.
ich bin mir sicher, unter diesen kommentatoren sind viele ihrer vor neid kochenden (print-)berufskollegen, die sich denken: “wieso darf der kerl das machen, einfach so rücksichtslos seine eigene meinung unters volk bringen? und diese weitgehende narrenfreiheit, die er offensichtlich von seinem arbeitgeber genießt.”
ich glaube, dass so ein eigenes blog, in dem man schreiben kann, was man will und echte kommunikation mit den lesern führt, das großartigste ist, was ein journalist machen kann und ihm den meisten spaß bringt. selbstverwirklichung pur, ist es nicht so? nur die online-kompetenz dazu, die fehlt halt den meisten.
Dann wird das Internet in Bayern für die Zeit von Mogulus-Übertragungen eben abgeschaltet.
So wie damals beim “Scheibenwischer”.