»Thomas Knüwer 08. July 2008, 14:34 Uhr

Chef-Studien beim Media Coffee

Gestern Abend saß ich auf dem Podium der Diskussionsveranstaltung “Media Coffee” in München. Es ging um die Frage, was noch bleibt von unseren klassischen Medien. Ist etwas Neues dabei herum gekommen? Für mich persönlich gab es immerhin ein paar Erkenntnisse zum Thema “Chefs im Mediengeschäft”. Kein einziger Laptop war aufgeklappt, gestern Abend im Haus der Bayerischen Wirtschaft. Das unterscheidet Veranstaltungen der Web-Szene noch immer von denen klassischer Medien. Die Vertreter der letzteren fühlen nicht den Drang, Gesagtes zu dokumentieren und der Welt zu überbringen.

Und noch etwas ist sicher: Kommt es zu Fragen aus dem Publikum, erhebt sich ein Journalist oder eine Journalistin gehobenen Mittel-Alters und vom Leben gekrähfußt und beginnt ein Klagelied gegen das böse, böse Internet, dass den Journalismus schlechter macht.

Leider hat Moderator Michael Geffken, den ich sehr schätze, es geschafft, alle thematischen Klippen zu umschiffen, die dem Abend einen giftigen Charakter hätten verleihen können. Somit kam es auch nicht zu einem rechten Duell mit Sueddeutsche.de-Chef Hans-Jürgen Jakobs und mir. Schade, das hätte lustig werden können.

Somit blieben bei mir vor allem zwei Fallstudien zum Thema “Chefs in den Medien” zu begutachten. Da wäre zum einen Mercedes Riederer, Chefredakteurin Hörfunk des Bayerischen Rundfunks. Sie habe einen Ipod, erklärte sie, könne ihn aber nicht bedienen. Gebrauchsanleitungen seien ihr zu kompliziert, sie warte auf jemand, der ihr das erkläre.

Dies zu sagen, ist zunächst menschlich bemerkenswert. Denn der Ipod hat ja eine Kurz-Anleitung, die nun wirklich sehr, sehr verständlich ist. Ohnehin aber ist das Gerät ja kein Hexenwerk, sprich: kein Videorekorder. Dann aber stellt sich die Frage: Gibt es beim BR denn niemand, der der Chefin einen Ipod erklären kann?

Seien wir ehrlich: Natürlich wird es hunderte von Mitarbeitern geben. Riederers Intensität bei der Suche nach einem Scout dürfte sich aber auf niedriger Intensität bewegt haben. Deutlich war herauszuhören, dass sie sich mit solchen Themen einfach nicht beschäftigen mag.

Das aber halte ich für grob fahrlässiges Fehlverhalten. Sie ist Chefin eines Radioprogramms. Und Radio könnte bedroht werden durch das Internet. Mehr noch: Radio wird schon heute über Internet gehört, Podcasts werden auf MP3-Playern gehört. Und da ist es die verdammte Pflicht eines Chefs, sich auf dem Laufenden zu halten. Das macht nicht immer Spaß – aber so ist das Leben halt. Leider steht Riederers Haltung aber stellvertretend für viele Lenker im Mediengeschäft: Sie propagieren lebenslanges Lernen, sehen sich selbst davon aber ausgenommen.

Die andere Chef-Charakterstudie blieb rätselhafter. Im Publikum saß auch Verleger Dirk Ippen, der die Zuhörer mit einer klaren Analyse der Branche überraschte. Auszug:
“Wir Verleger werden nie wieder soviel Geld verdienen wie früher, aber das brauchen wir auch nicht, weil wir nicht mehr soviel Geld ausgeben müssen.”

Allein: Seine Blätter bekommen im Netz so gar keine Traktion. Ihre Online-Auftritte wirken häufig wie mit der Handbremse fahrend, ein paar gute Ansätze, weiter geht es nicht. Haben wir hier den Fall eines Chefs, der seinen Mitarbeitern gedanklich enteilt ist – oder den eines Lenkers, der den Kontakt zur Realität verloren hat? Das können wohl nur Mitarbeiter seiner Verlage mit Sicherheit sagen.

Und hier noch der zugehörige Film vom Diskussionsveranstalter DPA News Aktuell:

»Thomas Knüwer 08. July 2008, 14:34 Uhr

    53 Kommentare zu “Chef-Studien beim Media Coffee”


  1. Radicke says:

    Jung oder nicht – ich mag es nicht, wenn Leute in Vorträgen oder Diskussionen sitzen und auf ihren laptops rumhacken… Man kann nicht wirklich gut zuhören und tippen, meine ich…

    Von hinten sieht man dann häufig, dass die Leute ihre emails checken oder sonstwas machen… dann können die auch rausgehen und klickern nicht auf den Tastaturen rum…

  2. Bezugnahme:
    Juli 2008 im Kontext (Abschnitt 3)
    http://hyperkontext.at/weblog/artikel/juli-2008-im-kontext/P2/

    [...] Thomas Knüwer hat es mit Chef-Studien beim Media Coffee wieder einmal auf den Punkt gebracht. “Lebenslang lernen sollen die anderen” [...]

  3. Ich war auch dort. Und hatte den Eindruck, der einzige Leser unter vielen Journalisten zu sein. Kam mir vor, wie im falschen Film. Als wäre ich durch ein Wurmloch in die Vergangenheit gepurzelt. Ihre dringlichen, ja fast dramatischen Einwürfe, lieber Herr Knüwer, ernteten leider so viele sympathische Lacher aus dem Publikum, dass ihr Ernst gar nicht verstanden wurde. Fast erleichtert schienen mir da die Blattmacher, als Sie dem Fernsehen (nicht dem Print) das baldige Ende prognostizierten. Fast kafkaesk!
    Für den ganzen Abend und das Thema sind aus meiner Sicht zwei Momente bezeichnend:
    1.) Als ich Klaus Eck vom PR-Blogger Tage zuvor frug, ob er nicht auch kommen wolle, interessierte er sich kurz für das Thema. Auf meine Antwort, es ginge um das, was von Print, TV und Radio übrig bliebe, sagte er rasch und fast freundlich schroff ab: Da müsse er nicht hin, er wüsste schließlich, dass NICHTS übrig bliebe (hier muss ich den augenzwinkernden Unterton allerdings hervorheben).
    2.) Nach der Veranstaltungen hielten 250 Journalisten Saftglas, Weinkelch oder Stulle in der Hand, nur einer – nebenbei: ein Blogger – ein Mikro: Peter Turi war’s, der die Referenten interviewte: Natürlich mit Ton und Bild vor laufender Kamera. Da stellt sich mir nicht mehr die Frage, welche Medien bzw. welche Berichterstatter überleben werden.