»Thomas Knüwer 06. June 2008, 15:04 Uhr

Was PR-Leute von “Germany’s Next Topmodel” lernen können

OK, meine Information war falsch. Nicht Christina, sondern Jenny heißt Deutschlands nächstes C&A-Model. Unternehmenskommunikatoren aber können aus dem Fall GNTM ein wenig was lernen über Kommunikation im Internet-Zeitalter. Dass es so schlimm werden würde, hatte ich nicht gedacht. Am 10. Mai hatte ich mit aller Vorsicht und dem Hinweis, dass ich mich damit auch blamieren könnte, geschrieben, dass Christina die aktuelle Staffel von Heidi Klums Casting-Show “Germany’s Next Topmodel” gewinnen würde. Denkste: Die Siegerin heißt Jenny.

In der Zwischenzeit aber sind die Zugriffe auf dieses Blog jetartig in die Höhe geschossen, Gestern zwischen 20 und 24 Uhr griffen pro Stunde über 1000 Leser auf den Artikel zu, während die Zahl der Kommentare in Richtung 300 marschiert.

Die Sendung trifft auf extremes Interesse. Nachvollziehen kann ich das nicht: Sie ist absurd schlecht gemacht und niemand kann ernsthaft glauben, dass dort Topmodels entstehen. 3,5 Folgen habe ich selbst gesehen – oder besser: ertragen.

In den Kommentaren wiesen Leser bereits früh auf eine andere Liste hin: Sie zählte zutreffend auf, welche Kandidatin in welcher Folge rausfliegt – weit vor der Ausstrahlung. Für Pro 7 sind diese Informationen ein Betriebsgeheimnis, das Bekanntwerden ein Desaster. Patzig kommentiert die Redaktion der Sendung im Namen von Heidi Klum im Forum zur Show, die Liste sei “Nonsense”.

Hier liegt einfach der Haken an der Art und Weise, wie die Show produziert wird. In Zeiten des Internets verbreiten sich Informationen rasend schnell – es ist kaum geheimzuhalten, was Wochen vorher passiert ist und von dem, Produktionsteam und Senderumfeld zusammen, sicherlich eine dreistellige Zahl von Menschen weiß.

Ebenso ist es utopisch zu glauben, man könne das Endergebnis geheim halten, wenn man die Sendung aufzeichnet. Dies geschah gestern Nachmittag, mutmaßlich war die Siegerin gegen 17 Uhr gekrönt worden – vor einigen hundert Zuschauern. Und die verbreiteten die Kunde weiter, um 18.15 Uhr war die Meldung im Netz.

Dies an sich wäre nur mittelmäßig schlimm, wenn nicht die Fangemeinde in nervöser Erwartung natürlich den Nachmittag über ständig das Web durchforstet hätte – und das Ergebnis in den einschlägigen Foren bekannt gemacht hätte.

Was Pro 7 hätte tun können? Zunächst einmal natürlich das Finale wirklich live senden – daran geht wohl kein Weg vorbei. Ebenso aber ist es nicht gelungen, den Online-Auftritt der Show zur Kommunikationsplattform der Fans zu machen. Hätte die Redaktion von “GNTM” offener kommuniziert, hätte sie mehr entsprechende Funktionen auf der Homepage der Sendung eingebaut – dann hätte diese vielleicht die Möglichkeit geboten, die Gerüchte zu kanalisieren.

Gleichzeitig hätte mehr authentische Kommunikation die Chance geboten, manchem Rechercheur ein Stück seiner Motivation zu rauben – denn nur Geheimnisse sind spannend.

Die Verantwortlichen im Fernsehen sind noch nicht im Internet-Zeitalter angekommen, denke ich oft. Und das zieht sich durch bis zu den Produzenten einer einzelnen Sendung. Je länger sie sich aber den Strukturen der neuen Kommunikation verschließen, desto häufiger und schneller werden ihre Sendekonzepte ausgehebelt werden – und irgendwann sind sie dann uninteressant.

»Thomas Knüwer 06. June 2008, 15:04 Uhr

    13 Kommentare zu “Was PR-Leute von “Germany’s Next Topmodel” lernen können”


  1. schroedi says:

    Germanys next Top Model sind die eigentlichen Web Zwo null giganten. Erst die Ente mit der “Geheimliste” und jetzt kommt das Gina-Lisa Video, das es eigentlich gar nicht gibt. Die folgen für die Web2.0 Community sind hinreichend bekannt http://www.ischroedi.de/allgemein/gina-lisa-sex-video-und-die-folgen-fuer-blogs/

    Komischerweise kam gestern abend während der Fussball EM wieder Germanys next Top Model. Eine Best-of-Sendung, wenn man davon sprechen kann.

    Das Gina-Lisa SexVideo ist bisher aber nirgendwo wirklich zu sehen.

    Wer hat jetzt wohl die Trümpfe ausgespielt?

  2. Danke für den Hinweis. Ich finde in unserem Agentursystem nur eine DPA-Meldung von 21 Uhr mit Sperrfrist bis 22.30 Uhr.

  3. K6 says:

    Haben Sie eigentlich mitbekommen, wie Pro 7 dazu auch noch vorab eine mit Sperrfrist versehene Pressemitteilung herausgab, die laut einem Diskussionsbeitrag dann prompt über mindestens eine Nachrichtenagentur lief und gegen 18.15 Uhr auf einem offen zugänglichen Tickerdienst auftauchte?

  4. Lukas says:

    Ich bin auch eher überrascht darüber, dass die Liste die Quoten nicht negativ beeinflusst hat, sondern im Gegenteil die Staffel die bisher erfolgreichste war.

    Das zeigt in meinen Augen, dass das Ergebnis einer Castingshow (gerade, wenn es anschließend kein Produkt zu kaufen gibt wie bei “Popstars” und “DSDS”) eigentlich völlig egal ist. Und entsprechend sah das “große Finale” auf ProSieben gestern ja auch aus.

  5. Lazerte says:

    Herr Knüwer, ich glaub auch nicht, dass das lanciert ist. Wozu auch? Die gleichen Leute, die bei Ihnen kommentiert habe, schauen sich im Internet Produktionsphotos an, kombinieren, rätseln, hören was von Bekannten (oft ebenso unzuverlässig wie Ihre Bekannten, auf die Sie sich verlassen haben). Kurzum: Sie machen das, wozu andere Marken mit großem Aufwand irgendwelche Reality Games im Internet erfinden.

    Aber wie kommen Sie auf das Gespenst der durch Spoiler sinkenden Quote? Man mag GNTM ja meinetwegen für den kulturellen Untergang des Abendlandes halten – aber die Quote hat gestimmt. 4,5 Mio. haben sich Heidis finale Hühnerparade angeschaut. Und all die Spoiler und Lecks haben nichts daran geändert. Warum? Ich denke der Bauer vom Dreigestirn hat es bereits gesagt: Es ist eben nicht allein wichtig, wer gewinnt, viel wichtiger noch ist die ganze Reality Soap drumherum, das Gedisse, die Zickereien, Sympathien und Antipathien, die entstehen. Das müssen Sie doch bemerkt haben, wenn Sie die Kommentare in Ihrem von den Fans gekaperten Artikel durchlesen: Projektions- und Identifikationsflächen, wohin man sieht. Abschalten wegen eines Spoilers? Nie im Leben. Da könnte ich doch verpassen, wie Giselle der Christina oder die Jennifer der sowieso sonstwas antut… Und wenn der Stern mittags schon schreibt, dass sich der Herr Seal bei seinem Auftritt mächtig versungen hat, dann will ich das abends doch grade sehen…

    GNTM ist trotz des Wettbewerbsfaktors kein Sport, sondern ne Show. Und ne Show schaut man wegen der Show, nicht wegen der Ergebnisliste.

  6. @Hopper: Ich glaube nicht, dass Pro7 eine solche Liste streuen würde. Das Risiko, dass Leute deshalb abschalten könnte zu hoch sein. Und PR-Leute in der Fernsehbranche sind eher risikoavers.

  7. Ich finde nicht, dass die Geheimhaltung bei Apple übertrieben gut funktioniert. Fast täglich finden sich bei http://www.techmeme.com neue Informationen über Apple-Produkte – mit einer ordentlichen Trefferquote. Heute zum Beispiel das hihttp://www.idealschina.com/Insider/NewsDetail.aspx?ArticleID=4

  8. justus says:

    @mario
    wahrscheinlich, weil den undichten Stellen solch extreme wirtschaftliche und/oder berufliche Konequenzen (Vertragsstrafen, Kündigungen, Ersatzforderungen) drohen, dass diese Quellen einigermaßen dicht halten.
    Im Übrigen glaube ich, dass Apple mittlerweile ganz bewusst die Gerüchtekanäle füttert, Gerüchte und deren Reaktionen austestet und so immer meisterhafter die Nebelkerzen wirft. Cupertino hat sich längst aufs Spiel mit den bloggern eingelassen und versteht die Regeln.
    Wer diese apple-pr-story knackt, hätte die mit abstand beste pr-story, oder?

  9. Bauer vom Dreigestirn says:

    “irgendwann sind sie dann uninteressant” – davon gehe ich bzgl. der Idolshows auch aus und fürchte mich vor dem nächsten Schwachsinnsshowkonzept, welches sie ersetzen wird. Ob das aber irgendwas mit Internet oder Kommunikation zu tun hat?

    Der Beweis ist doch erbracht – es wird geglotzt, vollkommen egal, ob Ergebnisse leaken oder nicht. Ich wage zu vermuten, dass die Show für ihr Publikum nicht wegen der Gewinner interessant ist.

  10. Lazerte says:

    Was PR-Leute von GNTM lernen können, ist: Spoiler und Informationssuche im Netz sind ein wichtiger Teil des Buzz. Wo ist das Problem? Eine Community, die selbst Knüwers olles Blog als ihrem Treffpunkt okkupiert und in hundert Foren heiß diskutiert, das ist Involvement pur, wie es sich andere Produkte händeringend wünschen würden! Und ich glaube nicht, dass diese ominösen Listen oder Vorabmeldungen vom Nachmittag Prosieben auch nur einen Zuschauer gekostet haben.

  11. Hopper says:

    Die Liste wurde von Pro7 / GNTM lanciert, tippe ich.

    Das Internetvolk hat die Liste(n) hoch und runter diskutiert. Das Thema dadurch an vielen Stellen Interesse geweckt. Weniger Zuseher gab es deswegen wohl auch kaum, weil alle wissen wollten, ob sich die Vorhersagen der Liste(n) bewahrheiten.

  12. katja says:

    habe wegen knüwi auch schon zwei eis ausgeben müssen.

  13. Mario Jung says:

    Und wie gelingt es Apple die Infos so lange so geheim zu halten, obwohl die Produktion der entsprechenden Geräte schon eifrig läuft?

    Wie sehen die Mechanismen dahinter aus?

    PS: Ich muss wegen Dir meiner kleinen Schwägerin nun ein Eis bezahlen :-)