Es ist in diesen Tagen wirklich faszinierend, sich mit dem Internet zu beschäftigen. Weil es fast täglich neue Fallstudien zur Kommunikation in den Zeiten des Web und die Folgen für die Medien gibt. Jüngstes Beispiel: Google und sein mögliches Investment im oberösterreichischen Kronstorf. Den Anfang macht der Golfplatz. Dort wird Simon Kopf von einem Bekannten gefragt: “Hast Du schon gehört? Google kommt nach Kronstorf.”
Kopf ist überrascht. Nein, hat er noch nicht gehört. Also fragt er mal rum. Ein anderer Bekannter bestätigt ihm: Das sei schon alles am Wirtshaustisch rum, ein offenes Geheimnis eben. Ob er, Kopf, das weitergeben dürfe? Ja, er darf.
Also twitter er am Dienstag Abend:
“Google verhandelt über 60ha betriebsgelände in kronstorf!?!?”
Zu dieser Zeit hat Kopf gerade mal zehn Leute, die seinen Twitter-Feed lesen. Dazu gehört Helge Fahrnberger. Und der wieder hat ein Blog, in dem er das Gerücht aufgreift – mit aller gebotenen Vorsicht. “Die Quellen waren glaubwürdig. Es fehlte auch die Motivation, ein falsches Gerücht in die Welt zu setzen”, meint er.
Fahrnbergers Leser kommentieren und recherchieren. Es zeichnet sich ein Bild ab: Kronstorf wäre ein möglicher Standort für eines der Datencenter, die Google weltweit betreibt. Fahrnberger weist auch den ORF auf den Eintrag hin, bald darauf landet seine Geschichte im Online-Angebot des Senders.
Von dort geht es weiter in die klassischen Medien. Nun melden die “Oberösterreichischen Nachrichten” und der Standard die Geschichte – mit Berufung auf Internet-Gerüchte.
Erst dann wird gründlicher recherchiert. Google sagt erstmal nicht viel, dementiert auch nicht. Dann wird das Statement viel sagender: Man brauche viel Speicher, diese Speicher stünden in großen Zentren quer über den Globus und niemand solle doch verwundert sein, wenn die Zahl dieser Standorte steige.
Das Nachrichtenbild wird langsam klarer: Zwei Standorte stehen wohl zur Wahl, Kronstorf dürfte einer davon sein. Nur ist die Entscheidung noch nicht vollständig gefallen.
Und deshalb scheint in Kronstorf nun die Nervosität auszubrechen. Kopf jedenfalls wurde klar gemacht, dass man sauer auf ihn ist. “Ich habe nur geschrieben, was schon am Wirtshaustisch diskutiert wurde”, sagt er selbst.
Ich habe es ja schon bei der Geschichte um Germany’s Next Topmodel geschrieben: Auch früher gab es Gerüchte nach dem Motto “Papa, Charly hat gesagt, seine Schwester hat gesagt.” Und dann blieben diese Gerüchte auf einen überschaubaren Kreis von Menschen begrenzt. Heute aber hat Charly ein Blog und seine Schwester chattet auf ICQ. Diese Möglichkeit ist manchem noch nicht bewusst.
Oder wie Fahrnberger sagt.
“Jemand hört etwas, man spricht drüber und jeder bringt neue Aspekte ein, irgendwann landet es dann in der Zeitung.
Neu ist, dass dieser Prozess transparent wird: Die erste Information auf Twitter, dann die Diskussion bei mir im Blog – wo viele neue Aspekte (Fieberkabelstränge, Kraftwerke) eingebracht wurden. Mit der Transparenz der Quellen geht auch ein offenerer Umgang mit “Subjektivität” einher. Es ist nicht mehr zeitgemäß, “Wahrheit” verkünden zu wollen – jeder kann sich selbst eine Meinung bilden.”
(Gefunden im Sierralog)










8 Kommentare zu “Google, das österreichische Dorf und der digitale Wirtshaustisch”
@tknuewer: Chapeau! Da sieht man mal wieder, wie unaufmerksam ich das Handeslblatt lese, wenn nicht diese hübschen Postinett- / Knüwer-Ikonen daneben prangen.
@MundM: Zu spät – im Gedruckten war ein Artikel von mir heute schon drin…
Das wäre doch auch ein schönes Kolumnen-Thema. Lese ich mir am Montag gern nochmal durch…
naja ist auch nicht ganz richtig – in Oberösterreich nutzen z.B.: 90 % der Gemeinden ein Homepage-Tool der Firma RiS aus Steyr.
z.B.: http://www.kremsmünster.at/ basiert auf dem gleichen Tool. Kommt nur drauf an wieviel zeit die Beamten investieren möchten.
Lieber adhoc – danke für die Blumen. Aber leider werden solche Projekte in Österreich in aller Regel höchst politisch vergeben – sowas macht dann der Neffe vom Bekannten des Bürgermeisters, der grad einen Dreamweaver Kurs hinter sich hat
Ich habe die Info heute in Münster aus erster Hand erfahren, verpackt als Beispiel in einem Vortrag zum Thema WEB 2.0. Ich habe mich köstlich unterhalten. Geben Sie bitte Laut wenn Sie mal wieder das Münsterland besuchen.
Kronstorf könnte mal ne neue Homepage gebrauchen, vielleicht macht Sierralog mal ein Angebot, dann werden sie bestimmt Googlestandort!
http://www.kronstorf.at
Leider verlassen sich viel zu viele auf irgendwelche unbewiesene Gerüchte und stellen diese dann in größeren Medien als unumstößliche Wahrheiten hin.
Dies wird wohl noch so lange weiter so laufen, bis die Glaubwürdigkeit selbiger Medien derartig ernsthaft Schaden genommen hat, dass es für eine Umkehr zu spät ist.