»Thomas Knüwer 28. May 2008, 14:06 Uhr

Sächsische Eklatwut

Die Wahl zum neuen sächsischen Ministerpräsidenten ist ein Musterbeispiel für das Qualitätsproblem des deutschen Online-Journalismus. Vielleicht ist DPA schuld. In ihrer ersten längeren Zusammenfassung über die Wahl des neuen sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich findet sich um 12.24 Uhr diese Passage:

“Der Kandidat der rechtsextremen NPD, Johannes Müller, bekam 11 Stimmen und damit 3 mehr, als die Partei im Parlament Sitze hat. Gerätselt wurde, wer von CDU, SPD, FDP, Grünen oder der Linken für
den Rechtsextremisten gestimmt hat.”

Wer hat da gerätselt? Die Journalisten auf der Pressetribüne (ich vermute mal, da saßen sie)? Hat da einer den anderen angestupst und gefragt: “Sach mal, der Rechte hat ja drei Stimmen mehr. Wer hat denn für den gestimmt?”

Man mag es sich nicht wirklich vorstellen, dass diese mutmaßlich im Flüsterton vorgetragene Frage nicht von irgendwo her, vielleicht eine Reihe dahinter oder davor, richtig beantwortet wurde: “Ne, weißte nicht mehr? Da sind doch drei NPDler mal aus der Partei ausgetreten. Die sind jetzt fraktionslos. Waren bestimmt die.”

Das hätte zum Beispiel der Kollege von AP sein können, der neun Minuten nach DPA seinen Bericht abschickte mit der Passage:
“Möglicherweise kamen die weiteren Ja-Stimmen für Müller von drei bei der geheimen Wahl anwesenden ehemaligen NPD-Abgeordneten, die inzwischen fraktionslos sind. Darunter ist der mehrfach vorbestrafte Rechtsextremist Klaus-Jürgen Menzel.”

Oder der Abgesandte von Reuters, der schrieb:
“Spekuliert wird, dass die Stimmen von Aussteigern stammen, die die NPD-Fraktion vor anderthalb Jahren verlassen hatten.”

Vielleicht haben Sie den DPA’ler einen Wink gegeben, nachdem sie mit der hektischen Arbeit fertig waren, um 13.08 Uhr war nämlich eigentlich alles wieder gut. DPA schickt einen neuen, längeren Text, in dem es heißt:
“Da die NPD nach Austritten und einem Rauswurf auf acht Sitze und damit zwei Drittel ihrer einstigen Stärke schrumpfte, gibt es im Landtag vier Fraktionslose mit unklarer Stimmungslage.”

Stimmungslage ist in diesem Zusammenhang übrigens hübsch formuliert.

***Nachtrag: Justus Demmer, der Pressechef von DPA hat sich gemeldet. Hier seine Anmerkungen:
“Was Sie nicht wissen (können), ist, dass unser Kollege Jörg Schurig für die falsche Formulierung in der Zusammenfassung überhaupt nichts kann. Ich wäre Ihnen daher dankbar, wenn Sie die ihn doch in ein sehr schlechtes Licht rückenden Formulierungen in Ihrem Beitrag korrigieren könnten. Sie stellen einen Kollegen öffentlich an den Pranger, der sich keinerlei Vorwürfe zu machen lassen braucht. Das dpa da einen Fehler gemacht hat, ist unstrittig, weitere Details zu dessen Genese werden wir öffentlich nicht diskutieren – Jörg Schurig aber ist daran nicht beteiligt gewesen.”
Vielen Dank an Herrn Demmer für den Hinweis!***

Allein: Es war wohl zu spät. Denn wie Stefan Niggemeier auflistet, hatten derweil mehrere Online-Nachrichtendienste aus den drei Stimmen einen “Eklat” gemacht: Spiegel Online, Welt.de, Taz.de, Bild.de – alle mit dabei.

Nun ist es 14.02 Uhr. Spiegel Online hat sich korrigiert, Welt.de hat den Text korrigiert, aber nicht den Vorspann, Bild.de hat – keine Überraschung – kein Interesse an Leseraufklärung, Tagesschau.de in Form des MDR sieht sich auch nicht genötigt (Wenn das Herr Leif sieht…). Heute.de? Dito. Und die Taz liefert sogar die falscheste aller Formulierungen:
“Das heißt: Er wurde er von mindestens drei Abgeordneten einer demokratischen Partei gewählt.”

Kein Journalist, der sich wenigstens sporadisch mit der sächsischen Politik befasst, kann davon überrascht sein, dass Ex-NPD-Leute für einen NPD-Kandidaten stimmen. Und das wirft die Frage auf: Wer schreibt denn da?

Dass schon die DPA zunächst rätselte, ist enttäuschend. Denn zumindest der zweite Artikel scheint von Jörg Schurig zu stammen, der erste wohl auch, als Kürzel steht “su” drunter. Und Schurig ist, so ich das richtig sehe, im Dresdner Büro von DPA tätig – er müsste es also wissen. Immerhin: Er hat sich nach einer halben Stunde korrigiert.

***Bitte beachten Sie dazu auch den Nachtrag oben.***

Taz.de verrät nicht, wer den Bock gebaut hat. Als Autor wird “taz/dpa” angegeben, sprich: Ein Online-Redakteur hat die Agentur umgeschrieben. Ähnlich verhält es sich bei Welt.de mit “DPA/KNA/FSL”, Heute.de orakelt “Mit Material von dpa”, wobei eine informationelle Eigenleistung in dem kurzen Artikelchen nicht erkennbar ist. Der MDR hat um 14.03 Uhr den Artikel korrigiert, verrät aber nicht, wer ihn geschrieben hat. Der Text deutet nicht darauf hin, dass der Haussender Sachsens einen Mitarbeiter vor Ort hatte. Stattdessen wurde wohl Agenturmaterial ohne Quellennennung verbraten – auch eine Form öffentlich-rechtlicher Qualität.

Spiegel Online wenigstens gibt in lobenswerter Offenheit zu: “Die Redaktion hat dabei nicht bedacht, dass mehrere frühere NPD-Abgeordnete inzwischen als Unabhängige im Landtag sitzen…”

Während ich dies nun schreibe, listet Niggemeier gleich die nächsten Beispiele auf. Stern.de hat die zunächst fehlerhafte Meldung flott mit einem DPA-Feature ausgetauscht. Das “Hamburger Abendblatt” hat das nicht nötig.

Und ich füge nochmal ein paar weitere hinzu. Die Netzeitung rätselt, woher die Stimmen gekommen sind; Focus Online erklärt zwar, will aber mit der Überschrift “Geisterstimmen” auf platte Weise Stimmung erzeugen. Der “Standard“? Na gut, sind Österreicher. N-TV.de? Keine Erklärung. Der Westen? Nö. Zeit.de spricht auf der Startseite von “Skandal” und verwendet dann den ersten DPA-Text.

Bis auf die Agenturen aber war niemand vor Ort. Nicht nur das: Ich behaupte, keiner von denen, die über die Wahl schrieben, ist ansatzweise kundig. In deutschen Online-Redaktionen findet eben – mit wenigen Ausnahmen – kein Journalismus statt, sondern Inhalteflussverwaltung. Da macht dann einer halt den Tag über Politik, sammelt Agenturmeldungen ein und stellt sie “ins System”. Er muss die ganze Weltpolitik beackern, von Libanon bis Lübeck, von Detroit bis Dresden. Und natürlich kann er nicht die Kompetenz mitbringen, um sofort zu schalten, wer diese drei NPD-Stimmen sind.

Gleichzeitig hat er nicht die Zeit, alle Agenturmeldungen durchzusehen. Die erste wird genommen, erst recht, wenn es die anerkannte DPA ist. Und da dieses Thema sich nicht mehr großartig verändern wird, bleibt der Artikel stehen.

So ist er halt, der Online-Journalismus. Und das wird sich nicht ändern, bis aus den Content-Manager-Teams Redaktionen geworden sind. Das aber wäre teuer. Und deshalb gibt es derzeit wenig Hoffnung für die Qualität der Nachrichten-Sites, egal ob sie von Verlagen kommen oder von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern.

»Thomas Knüwer 28. May 2008, 14:06 Uhr

    9 Kommentare zu “Sächsische Eklatwut”


  1. Lomexx says:

    Eine Falschmeldung, die aus einer Tatsache (3 Stimmen mehr als Fraktionsstärke für NPD-Kandidat) die falschen Schlüsse zieht, ist sage und schreibe eine halbe Stunde (DPA: 12.24 bis 13.08) in der Welt und wird dann sukzessive mehr oder weniger konsequent korrigiert – und? Daraus einen Beleg für fehlenden Qualitätsjournalismus im Internet zu zimmern, zeugt von genau der hechelnden Erregungskultur, die Blogs gern den Leitmedien vorwerfen – und währenddessen selbst praktizieren. Nicht so beeindruckend…

  2. Teetrinker says:

    schöner Beitrag, besonders die Schlagworte Inhalteflussverwaltung und die geforderte Wandlung von Content Manager Teams zu Redaktionen treffen die Situation gut auf den Punkt. Von hektisch online gestellten Texten voller Rechtschreibfehler und schlechtem Deutsch ganz zu schweigen. Leider passieren derartige Fehler mittlerweile doch online ziemlich häufig.

    Auch die entsprechende Handelsblatt-Meldung ist nicht wirklich besser:
    http://www.handelsblatt.com/News/Politik/Deutschland/_pv/_p/200050/_t/ft/_b/1435271/default.aspx/tillich-ist-neuer-ministerpraesident-von-sachsen.html

    Dort heißt es (copy+paste 29.5. 10.31):
    “HB DRESDEN. Geschafft: Stanislaw Tillich (CDU) ist neuer Ministerpräsident von Sachsen. Der Landtag wählte den 49-jährigen bisherigen Finanzminister am Mittwoch gleich im ersten Wahlgang. Peinlich für den Landtag: Der Kandidat der rechtsextremen NPD, Johannes Müller, erhielt 11 Stimmen und damit drei mehr als die Fraktion Sitze hat. Auch bei der Wahl von Tillichs Vorgänger Georg Milbradt hatte die NPD zusätzliche Stimmen eingeheimst.”
    Also Apfel wird mit Stimmen von faulen Äpfeln gewählt, genauso wie beim letzten Mal als ihn auch noch Birnen gewählt hatten…

    Weiss nicht ob das auch in der Printausgabe so steht, habe die gerade nicht zur Hand, Berliner Morgenpost und Tagesspiegel haben es jedenfalls gar nicht und richtig mit Erklärung der Fraktionslosen erwähnt.

  3. freddy says:

    B-Präs-Nächstwahl

    Hi -

    wenn´s nächstjährig nicht so dumm läuft wie 2005 -
    können deutsche Staatsdiener(innen) endlich die erste deutsche Staatspräsidentinm aufhängen;-) – natürlich “nur” an der Wand ihrer Dienstzimmer…

    Grusz

    Freddy (29. Mai 2008)

  4. oko says:

    Hmm, warum kann dpa nicht einfach mal so souverän sein und diesen Fehler der Öffentlichkeit erklären? Statt dessen Geschwurbel darüber, warum der Autor, dessen Küzel unter dem Artikel steht, nix dafür kann. Es würde diese Agentur doch wesentlich sympathischer machen, wenn sie offensiv mit Fehlern umgeht…

    Würde mich übrigens nicht wundern, wenn der Fehler heute auch in diversen Printerzeugnissen steht.

  5. Sanddorn says:

    “Das dpa da einen Fehler gemacht hat, ist unstrittig, weitere Details zu dessen Genese werden wir öffentlich nicht diskutieren …”

    Solche Sätze rücken dpa aber in ein sehr schlechtes Licht, Fehler können ja vorkommen – aber die dann nur hinter verschlossenen Türen aufzuarbeiten steigert nicht gerade die Glaubwürdigkeit.

  6. Hans says:

    Die anderen genannten Medien haben es auch korrigiert, wobei taz.de hier aber erneut das schlechteste Bild abliefert, denn nun wird einfach ohne Erklärung oder Schlußfolgerung auf die 3 Mehrstimmen hingewiesen. Das ist dann wohl Falschberichterstattung durch Suggestion.

  7. Hans says:

    Also zumindest jetzt erklärt sogar der bild.de-Artikel das ganz korrekt.

  8. XiongShui says:

    Immerhin, bei den Ereignissen um Heiligendamm hat dpa noch drei Tage gebraucht, um eine Falschmeldung (http://buettchenbunt.de/node/324) zu korrigieren, jetzt dreißig Minuten – das hat Zukunft!

  9. Na dann wär ja die Schulssfolgerung aus deinem letzten Absatz, dass wir doch öffentlich-rechtliche Sender brauchen, die auch ihre Online-Portale betreiben und immer weiter ausbauen…
    Nur fürs Protokoll: Ich will das nicht!