»Thomas Knüwer 06. May 2008, 16:20 Uhr

Lidl, Welt.de und der Glaube an die Dummheit der Leser

Ich bin begeistert von Lidl. Ehrlich. Ich kenne kein Unternehmen, dessen Kunden von so hoher Intelligenz und Ausdruckskraft geprägt sind. Nachzulesen unter dem Dach von Welt.de.Die Verlagsgruppe Axel Springer und der Discounter Lidl pflegen ein durchaus, sagen wir, wohlgesinntes Verhältnis zueinander. Man könnte fast sagen, da schlagen zwei Herzen im 70-Cent-Takt, schließlich sind die “Bild” und Lidl am gleichen Tag der Meinung, dass Mexiko-Partys wahnsinnig angesagt sind. Oder beide gemeinsam gönnen dem deutschen Volk Nüsschen und Bier für wenig Geld.

Ganz, ganz toll finde ich dabei, dass trotz dieser vielen Berührungspunkte die bei Springer so oft propagierte journalistische Unabhängigkeit nicht leidet. Natürlich berichtete “Bild” auch über die “Stern”-Geschichte, laut der Lidl seine Mitarbeiter bespitzeln soll. Leider blieb nicht so viel Raum für diese Story, wie bei anderen Medien, das war halt der aktuellen Nachrichtenlage geschuldet und schließlich waren die Vorwürfe ja nur angeblich.

In seinem nicht enden wollenden Aufklärungsdrang stellt nun ein anderes Blatt des Hauses ASV eine Kommunikationsplattform für die verunsicherten Lidl-Kunden bereit: Welt.de.

Dort gibt es ein Lidl-Spezial, das mir, der ich daran glaube, dass Menschen immer schlauer werden, die Tränen der Rührung in die Augen treibt.

Wie klar, wie ausdruckstark und wie mitfühlend sind doch Lidl-Kunden. Achim Halfmann, zum Beispiel:
“Sehr geehrtes Lidl-Team, das ist doch ein echtes Dilemma: Einerseits müssen Sie als Discounter möglichst billig anbieten. Das erwarten nicht zuletzt Ihre Kunden. Andererseits sollen Sie Verantwortung übernehmen: – für Ihre Mitarbeiter – für die Lieferketten Ihrer Produkte – für Ihr Umfeld. Das erwarten inzwischen auch Ihre Kunden. Mit welcher “Strategie” lässt sich denn einer solche Dilemma-Situation begegnen? Beste Grüße, Achim Halfmann”

Ach, da würde man erwarten, die Menschen zetern los. Würden wütend gegen Kameras wettern und gegen Ausbeuterbedingungen bei Lidl-Zulieferern, wie sie Günter Wallraff jüngst in der “Zeit” geschildert hat. Nein, Lidl-Kunden nehmen ihren Lieblings-Discounter fest in den Arm, und fragen: Ey, Du, wie schaffste das denn?

David Schuster, zum Beispiel:“Sehr geehrte Damen und Herren, Ihre Anzeige in der heutigen WamS hat doch einen guten Überblick über Ihre Aktivitäten gegeben. Es ist sicher beachtlich, dass z.B. Fußballturniere für die Mitarbeiter ausgerichtet werden, nur dann lautet meine Frage: Weswegen beginnen Sie nicht mit einfachen Selbstverständlichkeiten, wie der Zulassung und Unterstützung von Betriebsräten? Diese Entscheidung stünde einem seriösen Unternehmen, welches sich zur sozialen Marktwirtschaft bekennt, meiner Meinung nach ganz hervorragend zu Gesicht. Mit freundlichen Grüßen, David Schuster”

Ja, Lidl-Kunden, sind eine besondere Spezies. Die schreiben nicht einfach, eine Filiale ohne Zaun drumherum, die “sähe besser aus”. Nein, sie tippen, solch eine Variante würde sich besser in die Umgebung “einpflegen”. So nennt das Jürgen Dietz.

Und die Mitarbeiter? Fühlen die sich bespitzelt, drangsaliert, ausgenutzt? Aaaach, Quatsch! Toll isses bei Lidl. So schön, da möchte man direkt kündigen und künftig dort anfangen, liest man, was die Lidlaner so von sich geben.
Ohne Frage kann man Lidl zu solchen Kunden nur gratulieren.

Nicht gratulieren kann man dem Konzern für seine Kommunikationsabteilung, die dieses elende und widerliche Schmierentheater auf der Seite von Welt.de abzieht. Erfundene Kunden, platteste PR-Texte und dann nicht mal genügend Fantasie, um sich im Bereich “Soziale Verantwortung” mehr als drei Punkte zusammenzuwurschteln.

Ebenso keinen Glückwunsch an die Kollegen von Welt.de. Derzeit spricht man mit einer Portion Bewunderung vom Aufstieg der Seite. Das lassen wir dann jetzt besser mal wieder, denn wer ein journalistisch anspruchsvolles Produkt herausgibt, der lässt nicht zu, dass PR wie diese Lidl-Jubelarie unter seinem Dach und nur schwer unterscheidbar vom redaktionellen Angebot erscheint. Ganz klein und verschämt steht links oben in der Ecke der Seite “Anzeigen-Sonderveröffentlichung”. “Versuchte Volksverdummung” wäre passender.

»Thomas Knüwer 06. May 2008, 16:20 Uhr

    15 Kommentare zu “Lidl, Welt.de und der Glaube an die Dummheit der Leser”


  1. uchyond says:

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  2. Alvar Freude says:

    … ups, ist ja schon einen Monat her, sehe ich gerade (man sollte seinen RSS-Feed immer richtig sortieren!). Nun, da ist wohl die Kampagne abgelaufen.

  3. Alvar Freude says:

    Mir scheint, dass die Welt da einen kleinen Rückzieher macht?
    Auf jeden Fall wird bei http://dialog.welt.de/ (und den anderen Unterseiten) nun ein Passwort verlangt.

  4. Insiderin says:

    Bild bildet, nur wie und wen? Die PR-Aktionen von Lidl sind einfach nur traurig. Lieber sollte Lidl mal bekanntgeben wie viele von ihren Vertriebsleitern und Verkaufsleitern mittlerweile in psychatrischer Behandlung sind, weil sie dem Druck dem sie ausgesetzt sind nicht mehr standhalten können. Da gibt es einige, drei davon sind mir namentlich bekannt, alle aus einer Vertriebsgesellschaft von insgesamt 34 in Deutschland. Ganz zu schweigen von den vielen Mitarbeitern im Verkauf, die entweder von alleine gehen oder von Lidl als krank, alt und unbrauchbar entlassen werden, auch mit unlauteren Mitteln. Aussage eines Verkaufsleiters: “Wir kriegen alle raus, da gibt es viele verschiedene Methoden, dass können Sie mir glauben”. Mache ich auch, habe ich auch schon mehrfach mitbekommen!! Die Pfandnummer ist sehr beliebt! Trifft auch wirklich unschuldige Mitarbeiter, die man einfach nur loswerden will. Die weisse Weste von Lidl ist eine Lüge, darunter verbirgt sich ein scmuddeliges Hemd!! Schönen Tag noch für alle die Lidl mögen, oder schlimmer, auch noch gerne dort arbeiten, die negativen Infos aus Unwissenheit als unhaltbar erklären. Mit ca. 7% Personalkosten im Unternehmen, kann man kein soziales Umfeld aufbauen, das kostet ein wenig mehr!!!!

    Insiderin

  5. Joe Kehr says:

    es ist einfach nur peinlich das hier Leute ihre meinung kund tun die überhaupt keine Ahnung haben was wirklich abgeht aber da sieht man mal wieder das nur negativ presse auch Schlagzeilen macht……

  6. Johann says:

    Ach, Lidl gehört wohl zu jenen Unternehmen, bei denen soziale Faktoren überhaupt keine Rolle spielen! Einzig und allein der kapitalistische Gedanke, das heißt, die reine Ausrichtung auf Profitmaximierung sind ausschlaggebend für die Geschäftsführung. Dass da andere Parts leiden, ist nicht verwunderlich und wird als Kollateralschaden betrachtet.

  7. Im Zusammenhang mit dem LIDL-Skandal wird oftmals etwas zynisch erwähnt, dass das Unternehmen nur ein tolles Angebot herausbringen muss und schon würden nach der “Geiz-Mentalität” die Kunden wieder in die Läden strömen. Kurzfristig mag das stimmen, aber Vertrauen ist damit keines gewonnen.
    Es gibt meiner Meinung nach ein paar entscheidende Regeln, um als Unternehmen eine glaubwürdige Kommunikation mit dem Kunden (und den Mitarbeitern) zu gewährleisten. Die wohl in diesem Fall wichtigsten sind kurz gefasst:

    - Authentizität siegt oder Wer lügt, verliert! In unserer vernetzten Welt kommt früher oder später doch jeder Täuschungs-Versuch ans Licht

    - Die Kunst des Zuhörens: Wer sich den Bedürfnissen von Kunden (und auch hier wieder Mitarbeitern) verschließt, wird irgendwann an deren Interessen vorbei handeln oder planen. Und wer kein Gehör findet, fühlt sich nicht ernst genommen. Keine gute Ausgangsbasis für ein Vertrauensverhältnis.

  8. Tanja Neureuther says:

    Dass diese Maßnahme eher schädlich als nützlich für die Vertrauenswürdigkeit ist, steht außer Frage. Was müsste LIDL denn unternehmen, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zurück zu gewinnen?

  9. Die von Onryo erwähnten Beispiele zeigen sehr schön, dass es – entgegen der momentan in Deutschland etwas vorherrschenden Stimmung – Unternehmen gibt, die sich als Teil der Gesellschaft verstehen und sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst sind.

    Dass diese Form der Unternehmens-Kommunikation langfristig eine Strategie ist, mit der sich nicht nur ein “Gutmensch-Bonus” gewinnen lässt, sondern dass dieses letztendlich auch wirtschaftliche Vorteile haben kann, muss sich aber noch viel stärker in den Köpfen der Entscheider durchsetzen – besonders in Deutschland. Ein Umdenken der Kommunikations-Strategien muss her, ansonsten könnten viele Unternehmen langfristig einen erheblichen Vertrauensverlust beim Kunden und damit auch geringeren wirtschaftlichen Erfolg erfahren.

    Mit dem Thema LIDL und Vertrauensverlust habe ich mich übrigens auch auf meinem Blog beschäftigt:
    http://blog.kerstinplehwe.de/glaubwurdigkeit/wenn-unternehmen-ihren-mitarbeitern-nicht-vertrauen

  10. Onyro says:

    Der Auftritt des Lidl-Aufsichtsratschefs bei Kerner war genauso peinlich, nur waren hier das Publikum und die anderen Gäste nicht gestellt. Allein an deren Reaktionen hätte ein cleverer Manager sofort merken müssen dass er auch die Zuschauer vor dem Bildschirm nicht für so dumm verkaufen kann. Wozu man einen Manager überhaupt braucht wenn er nicht wirklich für seine Entscheidungen, Mitarbeiter und Lieferanten verantwortlich ist und immer jammert die Wettbewerber würden genauso handeln hätte ich ihn gerne mal gefragt. Lernt man so in jedem Corporate Responsibility oder Management Accountability Vortrag, er anscheinend leider nicht. Vielleicht schon zu alt.

    Bleibt nur zu hoffen, dass die Kunden zukünftig mit ihren Geldbörsen Probleme bei Produktqualität und Arbeitsbedingungen auch bei Zulieferern abstrafen. Der Sportartikelindustrie ist das Thema schon auf die Füße gefallen, zunehmend auch den Elektronikanbietern. Lägerfristig geht es Firmen nicht nur moralisch besser die sich erkennbar auch um ihre Mitarbeiter und die gesamte Lieferkette kümmern. Könnte Lidl auch beim so oft zitierten Wettbewerb sehen. In Deutschland bei Drogeriemärkten (DM vs. Schlecker) und in den USA sogar im Großhandel: Costco ist der viertgrößte Anbieter in den USA, hat auch kaum die bei Lidls so verhassten Gewerkschaftsvertreter, aber verhält sich ansonsten wie ein “Anti-Walmart” mit z.B. 40% höheren Löhnen und Krankenversicherungen für alle. Und das bei trotzdem prächtigen Ergebnissen. Zum Beispiel dank der niedrigsten Diebstahlquote der Branche, was ja der Auslöser für die ganze Bespitzelungsaktion bei Lidl sein soll.

  11. Bernd says:

    … und doppelt gemoppelt hält bekanntlich besser, heute trudelte auch http://www.bild.de/BILD/ratgeber/partner/2008/lidl/folge__2/zufriedenheit,geo=4407742.html im Feedreader ein. Die interne Abstimmung bei Springer scheint also zu klappen. Man beachte den Link – erwartet uns da nun eine Serie mit einem dutzend Folgen?

  12. ugugu says:

    lidl spart offensichtlich nicht nur beim brötchen backen, sondern engagiert gleich noch die billigste werbeagentur. unterste lidl-schublade und sackdoof.

  13. Julius says:

    dazu empfehle ich noch folgende Lektüre:
    http://www.zeit.de/2008/19/Wallraff-19

  14. SvenR says:

    Und das allerschlimmste ist, dass sie damit wahrscheinlich sogar durchkommen werden…