»Thomas Knüwer 04. May 2008, 15:17 Uhr

Die Logik der Börse am Beispiel Yahoo

Ich bin ein überzeugter Marktwirtschaftler. Und auch die Börse ist ein extrem wichtiges und gutes System. Die Absage der Yahoo-Übernahme durch Microsoft sollte uns Medienmenschen aber nicht dazu verleiten, die Logik der Börse als einzig selig machendes Heil zu betrachten. Kürzlich produzierten wir im gedruckten Handelsblatt eine Schwerpunktseite zum Kampf um Yahoo, auf der wir die möglichen Szenarien durchspielten. Dabei überlegten wir einige Zeit, ob wir die Möglichkeit erwähnen sollten, die sich nun als die Realität herausstellt: Microsoft gibt auf, Yahoo macht allein weiter.

Letztendlich haben wir uns dafür entschieden. Es war auch eine Entscheidung gegen die Logik der Börse. Denn kein Analyst glaubt, dass ein Unternehmen allein weitermachen kann, sobald es in einen Übernahmekampf verwickelt wurde. Zumindest muss ein “Weißer Ritter” gefunden werden, wie eine dritte, herbei eilende Partei genannt wird. Oder der Angegriffene muss eine “Giftpille” schlucken, seine Übernahme durch eine eigene Übernahme teurer machen.

Yahoo war dabei relativ zurückhaltend. Sie haben eine Abfindungsregelung beschlossen, die Mitarbeitern im Falle der Entlassung nach einer Microsoft-Übernahme eine satte Abfindung garantieren würde. Und sie haben einen Test mit Google in Sachen Suchmaschinen-Anzeigen übernommen. Ansonsten haben sie einfach auf den Zinnen ihrer Burg gesessen und abgewartet.

Für die Vertreter des Aktienmarktes ist so etwas unvorstellbar. Und damit auch für viele Journalisten, für die Analysten häufig die einzige kundige Quelle sind. Morgen wird es eine Menge Kommentare geben, die Yahoo bescheinigen, dass sie schon bald nicht mehr um einen Zusammenschluss mit einem anderen Unternehmen umhin kommen. Doch stimmt das? Dahinter steckt oft krudeste Annahmen, die mit klassischer Betriebswirtschaft wenig zu tun haben. Als frappierendstes Beispiel führe ich mal Laura Martin an, Analystin bei Soleil Systems. Sie sagte der Nachrichtenagentur Bloomberg:
“Unbelievable… This is management putting its employees and its job security ahead of current Yahoo shareholders’ interest.”

Unglaublich? Unglaublich ist ein Management, dass die Interessen seiner Mitarbeiter berücksichtigt, sie vor die Interessen der Anteilseigner stellt? Nein, solch ein Management ist nicht unglaublich – es ist vorausschauend.

Yahoo hat keine Maschinen, die irgend etwas produzieren. Es ist eigentlich im Dienstleistungsgewerbe. Und dort ist nichts wertvoller als gute Mitarbeiter. Die aber sind ohnehin derzeit auf dem Absprung, kompetente Leute finden im Silicon Valley derzeit problemlos einen Job.

Die Mitarbeiter sind Yahoos wichtigstes Kapital. Wer ihre Interessen berücksichtigt, hilft langfristig den Interessen der Anteilseigner viel mehr als mit einem hektischen Verkauf an ein Unternehmen, dessen Kultur auf Kollisionskurs mit der eigenen ist.

Ohnehin stellt sich die Frage, ob Yahoo verkaufen muss. Der Konzern holt weit weniger aus sich heraus, als was möglich scheint. Auch mit Jerry Yangs Rückkehr ist keine steigende Kreativität in diesem Punkt zu beobachten. Aber: Yahoo ist profitabel und wächst. Nur wächst es eben nicht so schnell, wie es die Börse gerne hätte. Dabei übersehen all die Analysten gerne eins: Das oberste Unternehmensziel war schon immer Profitabilität – und nicht Wachstum. Auch wenn uns die Börse immer das Gegenteil einreden will.

Morgen, am Montag, werden die Yahoo-Aktien tief nach unten rauschen, das ist klar. Die Frage ist dann: Wird es jemand geben, der für den niedrigeren Kurs eine signifikante Menge Anteile kauft, um selbst anzugreifen. Auch das wäre Börsen-Logik.

Sehr schöne Hintergründe zu den Verhandlungen liefert übrigens Kara Swisher bei All things D:
“Another Yahoo source who was told the details of the meeting agreed that even today’s meeting was probably a lost cause.
“There has never been a moment when there was agreement on anything,” said the source. “Can you just imagine how a merger would have been with this as a prelude?”
Indeed. Cats and dogs. AOL and Time Warner. Oil and Water. Obama and Hillary. You get the picture.”

»Thomas Knüwer 04. May 2008, 15:17 Uhr

    6 Kommentare zu “Die Logik der Börse am Beispiel Yahoo”


  1. egghat says:

    Naja, ob der Entschluss von Yang weise war, wird sich zeigen, wenn die Klagen eintrudeln. Erst danach kann man eine Bilanz ziehen.

    Aber generell ist es natürlich komisch, dass eine Firma *nur* dem Wohle der Aktionäre dienen soll. Eine Firma steht schließlich in mindestens drei wichtigen Beziehungen:

    a) Zu den Aktionären/Kapitalgebern
    b) zu den Mitarbeitern
    c) zu den Kunden.

    In den letzten Jahren scheint mir die Betonung zu deutlich auf a) zu liegen …

  2. mark793 says:

    Die Mitarbeiter sind Yahoos wichtigstes Kapital. Wer ihre Interessen berücksichtigt, hilft langfristig den Interessen der Anteilseigner viel mehr als mit einem hektischen Verkauf an ein Unternehmen, dessen Kultur auf Kollisionskurs mit der eigenen ist.

    Das ist natürlich richtig. Aber seit wann interessieren sich Analysten und Anleger für langfristige Entwicklungen eines Unternehmens? Soweit ich das Börsengeschehen (als Laie) sehe, geht der Trend doch immer mehr in Richtung kurzfristiger Betrachtungen und Bewertungen. Vielleicht reichen irgendwann in naher Zukunft auch Quartalszahlen den Wünschen der “financial community” nicht mehr, dann können die börsennotierten Unternehmen Monatszahlen vorlegen, und dann werden die langfristigen Wertbelange, wie sie beispielsweise auch die Mitarbeiter verkörpern, noch weniger interessieren als jetzt. Aber hey, der Markt hat ja bekanntlich immer recht.

  3. Christiane says:

    Sehr gute Analyse.

  4. Sen. Consultant Lars says:

    Naja, zumindest können nun alle MS- Hasser in der Szene wieder frohlocken, hach, der “kleine Zwerg Yahoo” hat’s es dem “bösen Riesen MS” gezeigt…

    Dass Yahoo auch mit seiner Yahoo Open Straegy kein zukunftsfähiges Konzept vorgelegt hat, verblüfft IMHO genauso wie die etwas typische Analysten-Aussage von Ms. Martin. Ohne schlüssiges Konzept keine Arbeistplatzsicherheit, keine Bindung guter MA etc. IMHO hat Yang nur auf eine höhere Ablöse spekuliert, von daher ist MS richtig beraten, die Offerte zurückzuziehen. Wenn man für sein Geld nichts Anständiges bekommt,soll man es sein lassen…..

  5. Es könnte der Schlüssel sein. Bisher sind mir die Open-Ankündigungen aber noch ein wenig zu wolkig. Es klingt zu sehr nach Facebook mit nem Y! davor. Schließlich gelingt es Yahoo seit Jahren nicht, seine wertvollen Zukäufe richtig zu integrieren.

    Aber warten wir mal ab, was da konkret kommt…

  6. Torsten says:

    Und die Yahoo Open Strategy, die Ende letzter Woche offiziell vorgestellt wurde? Warum sagt dazu niemand was? Dabei ist das IMHO der Schlüssel.