»Thomas Knüwer 01. April 2008, 18:27 Uhr

Die Schulhofrüpel von der Deutschen Telekom

Immer stärker gelange ich zu dem Eindruck: Juristen denken nicht. Zumindest dann nicht, wenn sie eine Abmahnung schreiben können. Dann schaltet eine Welle von Paragraphen-Adrenalin jede normale menschliche Regung aus, der Jurist wird zum Tier. Jüngstes Beispiel: die Rechtsabteilung der Deutschen Telekom. Ja, wir wissen es: Die Deutsche Telekom hat sich die Logo-Farbe Magenta geschützt. Ob das aber reicht wild um sich abzumahnen, darüber sind Juristen geteilter Meinung. Der BGH entschied 2003 (so ich das richtig interpretiere), dass nur dann rechtliche Schritte möglich sind, wenn jemand über die Farbe den Eindruck erweckt, er biete Telekom-Dienste an.

Das aber hält die Rechtsabteilung des Konzerns nicht davon ab, weiter böse Briefchen an jeden zu richten, der nicht schnell genug wegzuckt. Dumm nur, wenn es ein journalistisches Produkt erwischt – wie das Weblog Engadget. Ein Aprilscherz scheint das hier nicht zu sein, denn Engadget veröffentlicht gleich mal das Schreiben um den “Dialog zu eröffnen”.

Und man darf sich sicher sein: Auch um die Leistungen von T-Mobile wird sich Engadget künftig verstärkt kümmern. In ähnlich bösem Tonfall. Und das nur, weil ein paar Juristen sich benehmen wie die Rüpel auf dem Schulhof: Jeder wird angerempelt, der sich ihnen nähert – bis zu dem Moment, in dem der schmächtige Brillenträger mit Karatekenntnissen ihnen einen mitgab.

»Thomas Knüwer 01. April 2008, 18:27 Uhr

    22 Kommentare zu “Die Schulhofrüpel von der Deutschen Telekom”


  1. Iris says:

    Wieso kann man überhaupt Farben schützen lassen. Die Farben waren doch schon alle. Ein Zeichen, Logo oder bestimmter Schriftzug, dies ist was anderes. Aber doch nicht Farbe. Soll ich mir weiß sichern?

  2. Siegfried says:

    Die Reaktion war übertrieben und taktisch unklug. Eine im gleichen freundlichen Tonfall gehaltene öffentliche Ablehnung des Ansinnens wäre deutlich klüger gewesen.

  3. Jens says:

    (oh, oder auch nicht…)

  4. Jens says:

    Manueller Trackback: Unentspanntheit wirkt meistens albern

  5. Rainersacht says:

    @Frank: Nein, die Reaktion der T-elekom war natürlich nicht “freundlich”, sondern bloß taktisch klug. Die T-elekom ist grundsätzlich nicht freundlich – solche Kategorien gibt es in der asozialen Marktwirtschaft ja nicht. Wir können das Verhalten von Unternehmen doch nur innerhalb des Rahmens des Strategischen und Taktischen diskutieren. Blogger kostenpflichtig abmahnen, das zeigt die Geschichte, ist einfach nur unklug, weil es Auswirkungen auf das Bild hat, das sich Konsumenten vom Unternehmen machen.

  6. Frank Joster says:

    Könnte es sein, dass das hier hochgelobte Telekom-Verhalten, nicht direkt mit einer teuren Abmahnung zu kommen, einfach daran liegen könnte, dass sie Schwierigkeiten haben könnten in den USA eine Abmahnung deutschen Stils durchzusetzen?

    Ich glaube nicht an die freundliche Reaktion der Telekom. Wenn die gekonnt hätten, dann wäre das eine saftige Abmahnung geworden. Wer Leuten den Arsch wegen einer Farbe vollgeklagt hat, wird nicht plötzlich ohne Not zum lieben Onkel.

  7. hANNES wURST says:

    ??!??!: “Immer stärker gelange ich zu dem Eindruck: Juristen denken nicht. Zumindest dann nicht, wenn sie eine Abmahnung schreiben können.”

    Weiter so und noch ein paar Tanja-Anja-Sprüche oben drauf, dann wird’s noch was mit dem Pulitzer-Preis.

    Ach wäre ich bloß Ihr Chefredakteur, ich würde Sie mit der Aufforderung demütigen, Highlights aus Ihrem Blog in der Redaktionskonferenz vorzutragen.

    Zuckt übrigens das Kommentarlöschfingerchen schon? Kneift die eitle Journalistenseele und will das hier nicht haben? Einfach löschen, haben Sie doch schon oft angewandt, die China-Methode. Dann ist alles wieder fein, alles voller “Supää Knüüwää, hicks” Kommentaren.

  8. Rainersacht says:

    Ich finde, die T-elekom hat sich vergleichsweise korrekt verhalten und eben keine strafbewehrte Abmahnung rausjagen lassen. Eigentlich wünschen wir uns Blogger (gerade die, denen – wie mir – Abmahnwälte etliche Tausend Euros abgezockt haben) doch, dass wir im direkten Kontakt gebeten – oder meinetwegen auch: aufgefordert – werden, dieses oder jenes zu unterlassen.

    Nein, ehrlich, hier wird eine Sau zum Durchsdorftreiben hochgedopt, die kein Schwein geil findet.

  9. CSt says:

    Mal ganz davon abgesehen, wem die Farbe der Telekom gehört (für mich ist das noch immer Rot, wenn ich sie ärgern will – pink) ich finde das Verhalten hier eigentlich ganz vernünftig. Rechtliche Schritte werden nicht angedroht und die ganze Sache wäre mit der Änderung von ein paar Logos gegessen.
    Wie sich Engadget jetzt allerdings verhält ist nicht mehr nur kindisch, sondern einfach dumm. Die Umgestaltung kann nur darauf zielen T-Mobile zu stören und deutlicher kann man einem Konzern nicht klarmachen, dass man bitte verklagt werden möchte. Die Telekom hätte wahrscheinlich mit dem neuen Logo gute Erfolgsaussichten.
    Und eines zum Titel:
    Ein Rüpel verprügelt Schwächere. Ich möchte nicht spekulieren, wer hier wirklich der Schwächere ist.

  10. Augenweide says:

    Ich verweise mal auf einen älteren Eintrag im fontblog:
    http://www.fontblog.de/wem-gehoert-magenta-bernd-kreutz-weiss-mehr
    Dieser erlaubt einen interessanten Rückblick auf die rechtlichen Streitereien rund um die Magenta-Farbe.
    Und wem dies nicht reicht, sei die Seite “Free Magenta” empfohlen:
    http://www.freemagenta.nl/

  11. moti says:

    das anschreiben ist allein deshalb schon schwachsinnig, weil man die trotzreaktion hätte vorausahnen bzw. zumindest einkalkulieren müssen. was jetzt dort drüben passiert ist, ist ein pr-gau sondergleichen.
    ist es verwunderlich, dass das internet-medium engadget die sache publikumswirksam ausschlachtet?
    jaja, die bösen, gehässigen konsumenten mal wieder. sind alle doof. hmm, wie groß ist wohl die wahrscheinlichkeit, dass man vielleicht selber als telekom einen fehler gemacht hat und diese reaktion bei den ganzen leuten provoziert hat?

    ich denke, einige – besonders in deutschland – müssen leider immer noch lernen, dass es absolut nichts bringt, über ein “unangemessenes” verhalten der kunden/leser/user zu maulen. das kann man beim besten willen nämlich nicht ändern. vielmehr sollte man es möglichst im vorfeld antizipieren und mit den möglichen outcomes abwägen, um schaden von der marke abzuwenden. dies ist hier auf grandiose weise schiefgegangen.

  12. Nicht Denken says:

    Man könnte argumentieren, dass sich die Telekom mit der Reservierung einer Farbe ein Allgemeingut unter den Nagel gerissen hat. Natürlich staatlich sanktioniert und alles legal.

    Nur, ist es wirklich eine gute Idee, Allgemeingut wie Farben, Zahlen oder einzelne Buchstaben unter dem Deckmantel des schwammigen Begriffs “Marke” legal der Allgemeinheit zu entziehen? Hohn und Spott sind dafür noch eine sehr milde Strafe. Ewige Verdammnis für das Aneignen eines Allgemeinguts würden eher meinem Geschmack entsprechen.

    Ok, die hier anwesenden Werber werden das Grundproblem nicht verstehen und argumentieren mit Markenwert und Wiedererkennung. Was will man schon von Leuten erwarten, die jegliche soziale Interaktion sofort auf monetäre Verwertbarkeit abklopfe?

  13. SvenR says:

    Herrn Knüwers Ton finde ich ein bisschen übertrieben – aber dafür lese ich Ihn ja auch immer so gerne.

    Nur: Wo soll das hinführen?

    Wir haben so ungefähr ein Dutzend verschiedene Farben, die ein normaler Mann (Frauen sind da in der Regel besser) unterscheiden und mit einem Namen versehen kann (schwarz, weiß, rot, grün, gelb, blau, braun, orange, rosa, lila, magenta/fuchsia (erst seit dem es die Telekom gibt, ok) und grau), es gibt nur 216 “Web Safe Colors”, aber bedeutend mehr Unternehmen, die Marken angemeldet haben (wollen).

    Die Telekom selbst verwendet ja nicht nur genau einen Farbton, sondern im Web einen anderen als auf Rechnungen als auf Prospekten als auf Leuchtreklamen — weil die Farbräume unterschiedlich sind für unterschiedliche Medien und Materialien.

    In meinen Augen ist es bereits rechtsmißbräuchlich, Engadget anzuschreiben, weil die ja eben NICHT versucht haben sich als Telekom oder Telekomtochter darzustellen, sondern nur eine Farbe verwendet haben. Mit ganz anderem Logo, ganz anderem Produktspektrum.

    Aber die Telekom macht das ja im Namen der ach so dummen Kunden, die können das beim besten Willen nicht unterscheiden…ja, ne, is’ klar!

  14. Hirngabel says:

    Aus meiner Sicht ist die Reaktion von Engadget auch definitiv ein Stück weit überzogen, um nicht zu sagen albern bzw. sogar u.U. “gefährlich”.

    Irgendwo ist es doch dann kein Wunder, dass Firmen direkt mit Abmahnungen vorgehen, wenn die Reaktion auf einen solchen relativ freundlichen und gemäßigten Brief ein solcher Hohn und Spott ist. Ich weiß nicht, ob man sich mit solchen Aktionen nicht eher selbst ins Fleisch schneidet.

  15. Berufskommunikator says:

    Ich sehe das etwas differenzierter: Eine Marke ist sehr schwer aufzubauen. Ist sie einmal etabliert, kann sie monetär bewertet werden, denn sie hat viele Investitionen verschlungen. Außerdem bietet sie dem Inhaber der Markenrechte Werte, durch die das Unternehmen überhaupt erst existieren kann. Zu einer Marke gehören eben auch Design, Bildmarken, Logos, Farben.

    Wenn man nun ein Unternehmen – welches sogar das Wort “mobile” im Namen trägt – bittet (abmahnt, however), eine andere Farbe zu verwenden, dann ist das nicht nur legitim, da geltendes Recht, sondern sogar als Schutzfunktion notwendig. Ansonsten würde die eigene Marke irgendwann verwässern. Genauso schützt man ja auch eine Innovation der eigenen Ingenieure auf Produktebene, z.B.

    Ich finde das ein bisschen zu sehr “gewollt-Guerilla”, die alte David-Goliath-Geschichte hier zu forcieren.

    Die Telekom hat ganz andere Probleme. Den Customer Service zum Beispiel. Da sollte mal drüber berichtet werden.

  16. Jens Wahnes says:

    In Zeiten von kostenbewehrten Abmahnungen und verglichen mit dem üblichen Tonfall, den Juristen sonst so drauf haben, ist das auf der Engadget-Seite nachzulesende Schreiben ja wohl wirklich das freundlichste, das ich seit langem gesehen habe.

    Wenn ich über diesen Vorfall berichten würde, dann ganz sicher nicht mit dem Tenor “Die bei der Telekom haben’s immernoch nicht kapiert, wie sehr man sich mit sowas lächerlich machen kann”, sondern viel mehr mit der Feststellung, daß sie ordentlich dazugelernt haben und erstmal einen Brief schicken mit einem Gesprächsangebot, anstatt gleich laut loszukläffen. Vielleicht ist denjenigen, die selbst dieses harmlose Vorgehen übertrieben finden, ja nicht klar, daß man gerade in einem Markt wie den vereinigten Staaten seine Marke schützen muß, weil man sonst Gefahr läuft, daß sie zum Allgemeingut wird (wie etwa Aspirin).

    Mehr als albern finde ich dagegen das Kindergarten-Verhalten von Engadget, jetzt aus Trotz ein Logo im Stil “engadge-T-mobile” auf die Seite zu stellen. Man kann ja zu dem Versuch der Deutschen Telekom, alles abzumahnen, was magenta ist oder mit “T” anfängt, stehen wie man will, aber bei Verwendung der Farbe magenta im Zusammenhang mit dem Wort “mobile” und Mobilfunkthemen kommt man m.E. tatsächlich in Bereiche, wo eine Verwechselung nicht auszuschließen ist und die Marken der Telekom betroffen sind.

    Disclaimer: Ich nicht bei der Telekom, halte die für einen überteuerten Mistladen und habe meinen Telefonanschluß auch nicht bei denen, aber das Vorgehen in diesem Fall halte ich für voll OK.

  17. Usul says:

    Und das Logo haben sie auch noch “optimiert”:

    http://www.engadget.com/2008/04/01/painting-the-town-magenta/

    ROFL

  18. Uwe says:

    Herrlich, jetzt hat Engadget in Fortsetzung des Dialogs die gesamte Seite mit Magenta umrahmt. Immer feste druff.

  19. Carsten says:

    Würden in Deutschland statt Abmahnungen solche Briefe verschickt, hätten wir doch gar kein Problem. Eine freundliche, wenn auch etwas dusselige Bitte. Und der vorletzte Absatz gefällt mir sogar:
    As part of the AOL and Time Warner families, entities which are very conscious of defending their own designations and the value of trademarks, we believe you will understand this reasoning.
    Und gabs in den Staaten nicht eine Regel, die die zu sowas zwingt, falls sie die Rechte nicht verlieren wollen?

  20. Michael Müller says:

    Das gibt’s ja wohl gar nicht! Danke für die Aufklärung!

  21. Marcel says:

    ich sehe da auch keine abmahnung, in den USA wäre das äquivalent ja afaik ein “cease and desist letter”. ich sehe da mehr eine relativ freundlich formulierte bitte. wenn auch eine dämliche ;)

  22. Olaf says:

    Dieser Brief ist doch keine Abmahnung?