»Thomas Knüwer 05. December 2007, 18:14 Uhr

Die In-die-Tasche-Lüger

Sollte Ihnen in diesen Tagen der Chef eines großen Internet-Angebots, zum Beispiel Sueddeutsche.de oder Spiegel Online, begegnen, wundern Sie sich nicht über die ausgebeulten Sakkos und Hosen. Denn da sind sie alle drin, die Unwahrheiten und fehlenden Selbsteingeständnisse. Schließlich heißt es doch: “Lüg Dir doch keinen in die Tasche”. Was versteht die “Süddeutsche Zeitung” unter “Kultur”?

Schauen wir doch mal jetzt, 17.53 Uhr:
- Johannes Hesters wird 104
- Brad Pitt lässt Häuser für Flutopfer bauen
- Videos über die traurigsten Menschen im Internet
- Modern-Talking-Fotos
- Der Bruce-Darnell-Nachfolger bei Heidi Klums Model-Suche.

Dies ist derzeit das Kultur-Ressort bei Sueddeutsche.de. “Na, Moment”, sagen sie jetzt, “das ist ja das Internet. Die Zeitung sieht das doch anders.”

Nicht, wenn man Hans-Jürgen Jakobs glaubt, dem Chefredakteur von Sueddeutsche.de. In der aktuellen Ausgabe des Branchenblattes “Journalist” spricht er von einem “Journalismus, der auch online der gedruckten Zeitung entspricht.” Und: “Wir fühlen uns in unserem Kurs bestätigt, dass man mit Qualitätsjournalismus im Netz punkten kann.” Noch schöner: “Unser Journalismus ist nicht schlechter (als der in Print), er ist aktueller.”

Jakobs ist nur einer von mehreren Bekleidern ähnlich gearteter Positionen, die das Hohelied ihrer guten Arbeit singen dürfen. Niemand schielt da auf Klicks, alle setzen auf Qualität. Da erklärt Sueddeutsche.de-Chef-vom-Dienst Carsten Matthäus sogar Bildergalerien zum “genuinen Element des Internets”, als gäbe es Bilderstrecken in Print-Magazinen nicht.

So etwas nennen wir im Münsterland “In die Tasche lügen”. Die Qualität deutscher Online-Nachrichtenseiten ist oft genug gemessen am Anspruch eines depperten Bildergeiferers, es ist Boulevard auf niedrigstem Niveau – und das bis ins Detail. Findet sich die Möglichkeit, ein Thema mit einer Bikini-Schönheit zu bebildern, so wird dies pflichtschuldigst getan. Von Prominenten werden immer die blödesten Gesichtsausdrücke gewählt, das Wort “Sex” in der Schlagzeile ist immer gut.

Vielleicht ist es der Rechtfertigungsdruck innerhalb der Verlagshäuser, der für dieses Pippi-Langstrumpf-Gehabe (Ich mache mir die Welt…) verantwortlich ist, dafür, dass sich Online-Redaktionen für ihr Tun noch immer entschuldigen müssen.

Meine ehemaligen Kollegen Roland Schweins und Steffen Range haben diese Klick-Geilheit in einer Studie untersucht. Und auch die kommt im “Journalist”-Artikel vor. Als Hassobjekt von Spiegel-Online-Chef Matthias Müller-Blumencron. Schlechte Recherche wirft er den beiden vor und:
“Es ist eine Unterstellung, dass uns nicht an Qualität, sondern an Klicks gelegen ist.”

Die lesenswerte Antwort finden Sie hier.

»Thomas Knüwer 05. December 2007, 18:14 Uhr

    12 Kommentare zu “Die In-die-Tasche-Lüger”


  1. Roland says:

    noch ein ps: der oben von thomas beschriebene artikel steht jetzt auch auf onlinejournalismus.de – “Der neue Hype” – nachzulesen unter ttp://www.onlinejournalismus.de/2007/12/14/der-neue-hype/

  2. Roland says:

    @julius: wegen der Diskussion – wie sagt man so schön: der markt wird es schon regeln. auch wenn es noch immer andere einschätzungen gibt… (http://www.kleinreport.ch/email_meld.phtml?id=44133)

    @all: die diskussion wird auch bei Stefan Niggemeier fortgeführt, der jüngst zum Journalisten des Jahres gekürt wurde: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/kloppen-und-klicken

  3. Prospero says:

    Stimmt, der Guardian ist der bessere Westen… Hervorragende Podcasts, tolle Blogs und “online first”-Stratgie. (Und kaum Agenturmeldungen meine ich.)
    Ansonsten: Wenn ich als Leser merke, dass die Qualität nicht stimmt klicke im Internet halt woandershin. Wie sagte Herr Ito so treffen: Im Internet kann ich so schön Dinge ignorieren. Passt.
    Ad Astra

  4. Julius says:

    Ich verstehe nur nicht, warum du hier eine Diskussion Print vs. Online anzettelst. Die ist nämlich nicht das Problem. Es ist ein Problem des Journalismus überhaupt. Das Müller-Blumencron und Jakobs ihre Sites verteidigen – geschenkt!

  5. martin says:

    recht hat der herr knüwer, mich ärgert der offensichtliche qualitätsunterschied bei der SZ schon lange. wobei ich glaube, dass es in letzter zeit schlimmer wurde. manches mal frage ich mich, ob da nicht der BILD praktikant noch einen nebenjob hat. abhilfe schafft da nur der blick auf den verfasser; zeichnet ein auch in der printausgabe verantwortlicher (prantl & co), weiß man, dass es sich hier um einen artikel aus der printausgabe handelt, der online gestellt wurde. dafür allerdings müsste man a) die printjungs kennen und b) sich nicht daran stören, dass es bei einem qualitätsmedium wie der SZ derart krasse unterschiede gibt. mich stört das aber. wie mans richtig macht, sieht man ausgerechnet in england, wo z.b. der guardian (guardian.co.uk) das imho gut hinkriegt. warum geht sowas nicht hier? hoffe, die verantwortlichen der SZ ziehen ihre lehren draus, bevor es zu spät ist und eine “generation online” denkt, das blatt sei genauso schrottig wie die website.

  6. Chat Atkins says:

    Ein Journalist in Führungsfunktion muss qua Beruf heute so unverantwortlich daherschwätzen wie einstmals nur die Himbeertonis aus dem PR-Gewerbe, schließe ich aus diesem faktenresistenten Geröhre des Herrn Jakobs. Der Kernbegriff des ‘modernen Qualitätsjournalismus’? Schlag nach unter ‘Irrelevanz’ …

  7. Spätburgunder says:

    streiche “m”, setze “n”. streiche “Online”, setze “Onliner”.
    Guten Morgen!

  8. Spätburgunder says:

    Das Problem ist hier nicht unbedingt die mangelnde Qualität – da kann man ausweichen, keine Frage. Und sollte auch ausweichen. Das Problem ist vielmehr das, was Thomas mit dem Titel thematisiert: Hier wird der Leser von den Online-Chefs für dumm verkauft. “Wir sind so relevant und auf Qualität bedacht…” – hm. Eher so dummdreist, dass wir erst mal was behaupten, vom dem vielleicht niemand merkt, dass es nicht stimmt.

    Was ich aber besonders lustig finde: Dass sich Online es sich noch trauen, offline einfach so falsche Darstellungen zu Online-Themen rüberzureichen. Rechnen die nicht damit, dass sie in Blogs und sonstigen “schnelleren” Medien ihre Aussagen um die Ohren gehauen bekommen?

    Bei einer vernünftigen “werde ich erwischt oder komme ich durch”-Abwägung muss ich eigentlich darauf kommen, dass ich nicht damit durchkomme. Eigentlich.

    Also: Hybris oder Dummheit?

  9. Fischer says:

    Noch viel trauriger als das, was da unter Kultur läuft, ist das, was in den meisten Online-Redaktionen unter Wissenschaftsjournalismus verstanden wird.

    Da werden Dinge aus ner PM (teilweise falsch!) abgeschrieben, die sich mit 30 Sekunden Recherche als Unsinn enttarnen lassen:
    http://fisch-blog.blog.de/?s=sami
    Aber für Recherche gibt’s ja keine Klicks, nicht wahr?

  10. Claus the mouse says:

    Wo ist das Problem? Wir leben in einer Zerfallsgesellschaft. Und die gibt die Qualität vor, nach der sich jeder, der sich gut im Netz verkaufen will, zu richten hat. Niemand kann und wird das aufhalten.

    Wenn ich fotografieren will, nehme ich meine alte Rollei, um mir ein Bild zu machen, das nicht durch ein Programm demokratisch
    angeglichen den perfekten Schnitt liefert.

    Eure Kollegen produzieren eben nur noch jene auf demokratischen Schnitt getrimmten digitalen Sekundenbilder zum endlosen Konsum, von dem nichts als die abgedroschene Leere bleibt, weil er auf die demokratisch durchschnittlich niederen Instinkte zielt. Da sind wir eben. Ganz unten.

    Aber bitte schön, wie meine Rollei bietet das Netz auch anderes als den SZ oder Spiegel Klick-Journalismus. Und das muss man sich halt suchen. Wenn ich im Restaurant vor meinem Fisch sitze, dann entferne ich vor dem Essen die Gräten. Nur ob dazu in geraumer Zeit wenigstens einige wenige dazu noch in der Lage sein werden, Fisch und Gräte ohne Gabel- und Messerführung durch einen Fremden zu trennen, und ist das überhaupt noch erwünscht? Nach dem Klick-Journalismus zu urteilen nein, auch wenn diese Einsichts- und Hilflosigkeit durch den vorherrschenden Stil unbeabsichtigt antrainiert wird.

    Nun ja, die Klick-Gewaltspiele zeigen vielleicht bereits jetzt auf, wie die Lösung aller Probleme in Zukunft dann aussehen könnte. Fügt sich doch wunderbar, wenn für den Verlust eines etwas schwierigeren Lösungsweges gleich ein gut funktionierender und einfacher Ersatz parat steht.

  11. Thomas Mrazek says:

    Kleine Korrektur vom Autor des oben erwähnten “Journalist”-Artikels: Das Zitat zu den Bildergalerien stammt von Hans-Jürgen Jakobs. Wer’s noch nicht kennt: Ich habe bereits im Herbst im Magazin “Berliner Journalisten” einen Artikel zum “Qualitätsjournalismus nach sueddeutsche.de-Art” veröffentlicht, PDF unter: http://blog.zeit.de/meckern/wp-content/uploads/2007/09/berjour07_3_mrazek.pdf
    In einer PM des Süddeutschen Verlags vom 03.12.07 heißt es, dass Sueddeutsche.de im November erstmals die Marke von 100 Mio. PIs überschritten habe: “Gegenüber dem November des Vorjahres, dem letzten Monat vor dem Relaunch, stiegen die Werte somit um 66 bzw. 105%.”
    Bilden Sie sich selbst Ihre Meinung dazu.