Wieder einmal hat die Deutsche Welle ihren Weblog-Preis “Best of Blogs” verliehen – wieder einmal ist das Ergebnis verbunden mit dem Ruch des Unseriösen. Um eines vorwegzunehmen: Ich fände es sinnvoll, würde sich endlich ein respektabler deutscher Internet-Preis, gerade für Weblogs, Podcasts & Co, etablieren. Dieser würde in den klassischen Medien – und in der breiten Bevölkerung – für eine höhere Bekanntheit sorgen und so Deutschland vielleicht aus einer Rückständigkeit in diesem Feld holen.
Sicher aber ist auch: So wie die Deutsche Welle ihre “Best of Blogs” verleiht, sollte es definitiv nicht laufen. Das beginnt schon bei der Grundkonstruktion: Wie soll denn bittschön das deutsche Publikum darüber abstimmen, ob ein weißrussisches Blog spannender ist als ein chinesisches? Das überfordert selbst multilinguale Genies – und mich Sicherheit auch die Jury. Wobei diese international besetzt ist. Nur: Pro Sprache gibt es in der Regel gerade mal ein Jury-Mitglied. Was letztlich bedeutet: Ein Diskurs über die Qualität ist nicht möglich.
Folgerichtig wurde im Jahr 2004 ein chinesisches Hundeblog zum besten Blog gekürt. Angeblich sollte es hochpolitisch sein. Faktisch aber war es schlicht ein Hundeblog, so ich mich recht erinnere.
Jedes Jahr auch läuft die gleiche Kritik auf: So werden vorgeschlagene Blogs erst nach Tagen, teilweise nach Wochen erst in die Liste der Vorgeschlagenen aufgenommen. Ebenso die Stimmen: Offensichtlich werden diese nicht direkt gezählt, sondern erst mit Verspätung, die 30 Stunden überschreiten kann – unannehmbar. Das Ergebnis ist einfach mehr Arbeit für die Organisatoren. Denn wenn diejenigen, die Blogs nominieren, oder für sie abstimmen, keine Reaktion sehen, dann machen sie das Ganze einfach nochmal.
Wir sehen schon: Die technische Basis ist anscheinend eher dürftig. Folgerichtig wurde sie in diesem Jahr gehackt. Was die Deutsche Welle auch freimütig zugab – mit Verspätung. Sie habe aber die angeblich zufällig verteilten Stimmen, die über diesen Angriff reinkamen, so gut es ging herausgenommen.
Das würde ich gern glauben. Es fällt aber schwer. Denn gestern am frühen Abend bekam ich vorab die Pressemitteilung über die Gewinner – und freute mich sehr, dass die geschätzte Christiane Link vom Behindertenparkplatz die Auszeichnung als bestes deutsches Blog erhält.
Meine Freude sank schnell, als ich vergeblich nach dem Publikumspreis suchte. Er wird in der Pressemitteilung nicht erwähnt. Und ich bin gespannt, ob da noch was nachkommt. Oder will die Deutsche Welle dieses Thema totschweigen?
So, auf jeden Fall, verleiht man keinen Preis. Die Konstruktion der “Best of Blogs” ist so fehlerhaft wie ihre technische Plattform. Und das ist traurig. Statt sich beim Versuch, das Großeganze zu prämieren, zu verheben, sollte die Deutsche Welle lieber mal klein anfangen und es richtig machen.
(Disclaimer: Ich war in diesem Jahr zum zweiten Mal für den Preis nominiert. Man hat an meinen widersprüchlichen Hinweisen zur Abstimmung hoffentlich gemerkt, dass dies ein Magengrummeln bei mir hinterließ.)










9 Kommentare zu “Die Merkwürdigkeiten der “Best of Blogs””
Lieber Thomas Knüwer,
als Projektleiter der BOBs muss ich hier, krankheitsbedingt zugegebenermaßen etwas verspätet, auf deine Kritik reagieren und einige Missverständnisse aufklären.
Du schreibst, du würdest es begrüßen, wenn sich hier endlich ein respektabler deutscher Internet-Preis etablieren würde. Das ist schön, aber wir sind das nicht, und wir werden es auch nie sein. Die Bobs sind ein internationaler Award, kein nationaler. Da lag auch der Spiegel falsch als er titelte „Weißrussen-Weblog gewinnt deutschen Blogger-Preis“. Den von dir erwünschten Effekt – einen Bedeutungsauftrieb für Weblogs – wollen wir gerne unterstützen, aber auf internationaler Ebene.
Abgesehen davon, dass du es offensichtlich nicht magst als Corporate Blogger eingestuft zu werden (eine Kategorie die es in diesem Jahr nicht mehr gab) zielt deine Kritik eher auf die scheinbare Unmöglichkeit beim Voting fremdsprachige Blogs bewerten zu können oder zu müssen. Bei den Bobs geht es aber nicht vorrangig um die gute „Schreibe“ eines Bloggers. So ein Kandidat hat auch meist in der Jurysitzung kaum eine Chance. Ich verweise da mal auf das Fazit des Jurymitglieds Mark Glaser:
“What I noticed was that winning blogs often had a universal message that could transcend language and culture. Foto-Mania spoke with pictures. Alive in Baghdad showed life in Iraq via video shot by locals. Valour-IT helped raise money to give laptops with voice-recognition software to wounded American soldiers. These are blogs that are changing the world by showing us something different, crossing boundaries and setting an example for others to follow. The language barrier just didn’t matter in those cases.“
http://www.pbs.org/mediashift/2007/11/return_to_the_bobs7_lessons_le.html
Die Jury neigt dazu, Kandidaten zu küren die in einer der 10 Blogosphären etwas leistet, das eine internationale Würdigung und eine Transfer-Promotion in die anderen Blogosphären verdient.
Demzufolge stimme ich Johnny auch nur bedingt zu, wenn er sagt „Blogger brauchen keine Preise“. Blogger brauchen keine nationalen Awards. Diese Aussage unterschreibe ich widerspruchslos. Aber ein internationaler Award kann selbst (oder gerade) für einen Blogger eine interessante Gelegenheit bieten um über den Tellerrand seiner nationalen Blogosphäre zu schauen.
Die User bekommen ab dem Voting zu jedem Nominierten einen Beschreibungstext in Deutsch und Englisch, zu den Gewinnern wird der Text in alle 10 sprachen übersetzt. Dies müsste eigentlich reichen, um einen interessierten Blogger von der Qualität und Leistung eines Weblogs in einer anderen Blogosphäre zu überzeugen und im besten Falle als Inspiration zu dienen.
Johnny hat uns schon auf der Preisverleihung geraten unsere Kommunikation zu verbessern. Gut, den Schuh wollen wir uns anziehen. Ich muss aber einschränkend sagen, dass diese zu verbessernde Kommunikation fast ausschließlich für die deutsche Blogosphäre notwendig erscheint. In den anderen 9 Blogosphären haben wir diese Erklär-Probleme nicht. Dies lässt mich vermuten, dass die erhöhte Skepsis unter deutschen Bloggern auch auf schlechte Erfahrungen mit hiesigen Awards (Zeit Online Award / Grimme) zurückzuführen ist.
Du sagst, dass die Besetzung einer Sprache mit nur einem Jurymitglied eine Diskussion über die Qualität von Weblogs unmöglich macht. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Du bist hier auch im Singular unterwegs. Behindert es dich dabei eine dezidierte Meinung über Weblogs und Blogosphären zu haben? Kein Jurymitglied hat eine ausschließliche Kontrolle über eine bestimmte Kategorie. Die Entscheidungen in allen(!) Kategorien werden nach einer ausgiebigen Diskussion in einer allgemeinen Abstimmung getroffen. Meist stimmen die Mitglieder für andere als ihre „eigenen“ Kandidaten. Das spannende an dem Preis für Christiane Link ist doch, dass nicht ein oder zwei deutsche Jurymitglieder über diesen Preis entschieden haben, sondern ein Runde von 15 Bloggern aus 10 Blogosphären. Dabei kam es nicht auf die Qualität einzelner Postings an, sondern auf den grundsätzlichen Ansatz und die Idee hinter einem Blog (siehe Glaser-Zitat oben).
Kurz zu den technischen Problemen. Du verlinkst jemanden der eine Verspätung bei der Zählung von Stimmen moniert. Da hat jemand etwas völlig missverstanden. Die „Bewertungen“ die in Zusammenhang mit den Kommentaren zu einzelnen Blogs das ganze Jahr über bei uns eingereicht werden können, haben nichts mit dem Onlinevoting zu tun. Es handelt sich hier um Bewertungen die jenen bei amazon ähneln. Diese werden redaktionell freigeschaltet. Das vierwöchige Onlinevoting war jederzeit von der Starseite aus klar zu erkennen und zählte die Stimmen natürlich in Echtzeit. Ein gravierende Usability-Fehler scheint mir nicht vorzuliegen, da uns aus keiner der anderen Blogosphären ähnliche Beschwerden erreichten.
Daraus zu folgern, dass die technische Grundlage der Bobs mangelhaft wäre, ist also falsch. Hackerangriffe kommen in den besten Familien vor. Diesmal hat es uns erwischt, und wir werden daran arbeiten. Ich finde aber, das Begriffe wie „angeblich“ und „anscheinend“ in diesem Zusammenhang nicht unbedingt fair sind.
Wir „verschweigen“ auch nicht die Publikumspreise. Das Voting endet erst in der Nacht der Preisverleihung. Die Ergebnisse sind sofort auf der Seite einsehbar. Aus den oben genannten Gründen halten wir aber innerhalb des dualen Systems „Voting und Jury-Award“ gerade den Jury-Award für das Besondere an den BOBs. Einen alleinigen Voting-Award (wie er zumeist in der Welt zu finden ist) halten wir für nicht sonderlich aussagekräftig. In den gemischtsprachigen Kategorien tragen meist die spanisch- oder portugiesischsprachigen Kandidaten den Publikumspreis davon. Warum? Weil sie einfach zahlreicher sind und sich stärker als die Deutschen am Voting beteiligen. Da hat ein deutscher Kandidat kaum eine Chance. In der Jurysitzung aber schon. Da kommt es nicht auf die Pageviews oder die Zahl der Fans an. Wir halten deswegen die derzeitige Doppel-Konstruktion für besser, wenn auch komplexer.
Nichts für ungut.
“Ausgerechnet die Deutsche Welle …” denk’ ich jedes Jahr, wenn die Awards bekanntgegeben werden. Wider das Vergessen
: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/4/4727/1.html
Wir dokumentieren den Verlauf , die fragwürdige Zusammensetzung der Jury ( 1 Juror pro Kategorie ), das steinzeitliche Interface und die “Kommunikations(un)kultur” der Veranstalter seit genau einem Monat .
Eine Preisfindung , welche nicht weniger Mängel aufweist wie zB. diejenige zum “Deutschen Buchpreis” : Das Interesse an solchen , etwas komplexeren Zusammenhängen scheint begrenzt . Warum , wäre zu fragen – und das gilt für die Buch- , Büchner- und Literaturauspreisung nicht weniger als für Web- Awards – : Warum gelingen in Deutschland einfach keine fairen und transparent abgewickelten Konkurrenzen ?
Standesdünkel , neuofeudale Strukturen von Institutionen oder solchen , die sich dafür halten , Schlamperei …
“Man muss froh sein “, hat Ilse Aichinger letzthin gesagt , “wenn die Dinge kenntlich sind ” . Das Deutsche Preisunwesen bleibt dem etwas aufmerksameren Beobachter in der Tat keinen Gefallen schuldig .
Bin mir im Moment gar nicht so sicher, ob nicht die meisten Preise zu häufig nur von ihren Sponsoren oder Medienpartnern gelebt werden; nicht ganz uneigennützig, wie man in der der deutschen Sprache so schön herum fabuliert. Bis auf wenige Ausnahmen altehrwürdiger Preisverleihungen erleben wir mehr und mehr eine Inflation der Preise, die am Ende dann gar nicht mehr so wertvoll sind; abgesehen von dem sehr, sehr kurzlebigen und aufmerksamkeitsheischenden Rummel, den dann gar die Medienpartner darum veranstalten. Warten wir nun geduldig auf den Preis für jene, die noch nie einen Preis gewonnen haben.
@Tine: Ich habe die Moderation honorarfrei gemacht. Auch adical hat nichts mit der DW oder den BOBs zu tun.
@Thomas: Deine Kritik teile ich in einigen Punkten. Dennoch: Der Abend war durch die Gäste für mich überraschend spannend, das eine schließt das andere ja auch nicht aus. Der Verlauf im Vorfeld und die Kommunikation haben aber sicher viele Schwachpunkte. Ich habe auch heute erst gehört, dass die DW offenbar keinerlei Kontakt zu den Nominierten oder den Gewinnern aufgenommen hat, wenn das stimmt, geht das natürlich so nicht und die DW sollte sich um Antworten auf diese Kritikpunkte kümmern.
Wieder so ein dummer Award, den kein Mensch braucht. Danke Thomas. Die “Berichte” von Spreeblick waren lächerich, lächerlicher geht es gar nicht. Aber so ist das halt, wenn man an Auftraggeber gebunden ist. Wessen Brot ich fress, dessen Lied ich sing.
Dass kein Mensch diesem Laden in Berlin ernst nehmen kann, sollte wieder einmal klargeworden sein. Da half dann auch kein zweiter Hilferuf von Adical-Partner netzpolitik.org, bitte alle zum Buffet kommen.
Die Ernsthaftigkeit der Veranstaltung kann man aus der “Berichterstattung” auf den Blogs vorher ableiten. Selbst als es “Probleme” bei der Abstimmung gab, schwiegen die Leute. Warum soll man zu so einem Blödsinn auch etwas schreiben.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das Projektmanagement der Deutschen Welle noch Potential nach oben hat. Ein gutes Beispiel für einen gelungenen Internet-Preis ist da sicher die BIENE (http://www.biene-award.de) für die besten barrierefreien Webseiten – an dem sich im Übrigen auch Weblogs beteiligen können. Fotos von den Preisverleihungen finden sich u.a. auf Flickr, der Webseite der Aktion Mensch und diversen anderen im Accessability Universum.
In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, warum die Deutsche Welle diesen überhaupt ausschreibt. Während hinter der BIENE mit der Aktion Mensch und der Stiftung Digitale Chancen Organisationen stehen, die sich aus einer klar definierten Haltung dieses Themas annehmen, finde ich auf den Seiten der BOBs keine klare Aussage zu dem Warum. Ich bin überzeugt, dass sich aus dieser Antwort heraus ein präzises Konzept entwickeln ließe, in dessen Rahmen es u.a. möglich wäre, die Preisträger und nicht die Powerpoints zu bejubeln.
Disclaimer: Das ist meine private Einschätzung. Und ja, ich bin mit dem o.g. Projekt geschäftlich verbunden.
Laut bestatterblog wurde er selbst Publikumspreis-Träger.
was mich an dieser veranstaltung gestern störte war vor allem die tatsache, daß zwar nahezu die komplette jury anwesend war, jedoch keiner der gewinner. so wars dann ein bejubeln von powerpointfolien. schade.