» 31. Oktober 2007, 17:18 Uhr

Warum ich Berufsangehörige der Public-Relations-Branche als Tanja-Anjas tituliere

Manchmal ist es nötig, wieder mal an den Grundlagen zu arbeiten. Und sich bewusst zu machen, warum man den Kopf eines bestimmten Menschenschlag am liebsten in beide Hände nehmen möchte, um ihn kräftig auf den Schreibtisch zu knallen, bis eine gewisse Einsicht eingekehrt ist. “Ach”, sagt die Dame am Telefon, “finden Sie?”

Ja, finde ich. Ich finde eine Pressemitteilung über eine Studie, die behauptet jene Studie sei repräsentativ, aber völlig verschweigt, wie viele Menschen auf welche Art befragt werden, unseriös. Und das habe ich der Dame der dienstleistenden PR-Agentur auch so gesagt.

Das hat sie verblüfft. “Ich hab mir das gar nicht so genau durchgelesen”, versucht sie sich zu rechtfertigen. Und mitgedacht auch nicht, füge ich hinzu. Pressemitteilung runtertippen und rausrotzen, das ist das Geschäft dieser Tanja-Anjas. Sie sind es, die das Image ihres Berufsstandes zu Schanden reiten.

Sie wolle, sagt die Dienstmissleisterin, auf mich zukommen, wenn ihr Kunde, der mir völlig unbekannte Marktforscher PBS sich bereit gefunden habe, die Zahl der Befragten zu nennen. So lange behaupte ich, er hat sich diese Angeblich-Umfrage aus den Fingern gesogen, ebenso die Behauptung, sie sei repräsentativ.

Und hier der Grund für meinen Ärger – ohne die kompletten Studienergebnisse, das wäre zu viel der Ehre:

“Web 2.0er ticken anders

Nicht Alter, Geschlecht, Bildung oder Einkommen steuern das Online-Verhalten der Nutzer, sondern Motive, Persönlichkeitsmerkmale und grundsätzliche Einstellungen. Das ergibt eine repräsentative Online-Studie des Münchner Marktforschungsunternehmens PbS AG.

München, 22. Oktober 2007 – Ausschlaggebend für die Nutzung von Web 2.0- Anwendungen und Mitgliedschaften in Communities sind nicht die soziodemografischen Rahmenbedingungen, sondern Lebenseinstellungen und psychologische Grundmotive. Die repräsentative Studie web 2.0 offensiv! der Münchner PbS AG über die deutschen Onliner unterscheidet diese nach ihrem Charakter, ihren Nutzungsmotivationen und Bedürfnissen. Auf dieser Basis hat die PbS AG eine neuartige, psychologisch fundierte Web 2.0-Typologie entwickelt, mit der sich Marketingmaßnahmen im Kontext des Web 2.0 effektiver und effizienter konzipieren lassen als bisher.

Die Untersuchung hat zunächst gezeigt, dass über 40 Prozent aller Onliner in hohem Maße Web 2.0 Anwendungen wie Blogs, Chats und Community-Plattformen nutzen. Der gemeinsame Treiber für dieses Verhalten ist dabei primär das Bedürfnis nach Kommunikation, sowohl online wie offline. Dieses Grundbedürfnis der heutigen Nutzer existierte also schon, bevor es das Web 2.0 gab – es konnte sich aber durch das Web 2.0 in einem völlig neuen Rahmen und Umfeld entwickeln und den Kommunikationsradius des einzelnen Nutzers deutlich erweitern.”

Habe ich schon erwähnt, dass im Word-Dokument auch noch die Änderungen am Text nachvollziehbar waren?

» 31. Oktober 2007, 17:18 Uhr

    22 Kommentare zu “Warum ich Berufsangehörige der Public-Relations-Branche als Tanja-Anjas tituliere”


  1. Nörgler sagt:

    Warum T. Knüwer Berufsangehörige der Public-Relations- als Tanja-Anjas tituliert

    Weil er es vor Jahren bei DotComTod fand und es ihm gefallen hat, wie so vielen anderen außerhalb von DCT auch. Knüwer ist damit also nicht, wie PS irrt, die Quelle.

    “AnjaTanja ist Dotcomtod-Jargon und eine Wortschöpfung Nörglers. Er wurde gewahr, dass die vor Ahnungslosigkeit triefenden Marketing- oder PR-Mädels auffallend häufig Anja oder Tanja hießen. (…) Weitere Bekanntheit erfuhr die Figur AnjaTanja dann durch Knüwer vom Handelsblatt-Blog (…)”
    http://stachanow.twoday.net/stories/1095905/

  2. Eins-A-Text.
    Einstieg, Zitat, Entrollen der Geschichte: Klasse.

    Und das ist der Horror, mir Gott sei Dank (noch?) nicht passiert: die Texte noch mit Änderungsfunktion zu verschicken.

  3. Dass der Berufsstand teilweise noch sehr verpeilt daherkommt, hängt sicherlich mit dem doch sehr breit gefächerten Ausbildungsniveau zusammen. Jeder einigermaßen brauchbare PR-Mitarbeiter in Verantwortung klopft erst die Nachrichtenfaktoren ab und hätte diese Meldung dann wahrscheinlich schnell auf das Datum reduzieren können…

    Dennoch – Statistiken sind doch für den Medienalltag eine prima Sache – ich habe manchmal das Gefühl, wenn einem Redakteur mal wieder so gar nix einfällt, dann nimmt er sich mal wieder eine und stellt diese als Nachricht raus… Dass dann die Tanja-Anjas dieser Welt auf den Zug aufspringen und die Statistiken in butterweichen Textermüll verpacken, wundert mich eigentlich nicht…

  4. Kurt sagt:

    Wobei ja heute in der Auftragsmarktforschung für Unternehmen nicht selten nur noch an einer Stelle wirklich geforscht wird: Nämlich bei der Formulierung der Fragen, die so sein müssen, dass sie die gewünschten Antworten bringen. Alles andere ist dann nur noch eine Sache für Powerpoint…

  5. Da der Trackback zu meinem gestrigen Artikel hier nicht angezeigt wird, erlaube ich mir einen manuellen Verweis:

    http://www.wissenswerkstatt.net/2007/10/31/goldesel-marktforschung-das-web-20-als-lukrativer-studiengegenstand-werkstattnotiz-xxiv/

    Und schließe mich ansonsten dem Kopfschütteln von Thomas Knüwer an.

  6. Berufskommunikator sagt:

    In diesem Zusammenhang möchte ich auf einen adäquaten, interessanten Artikel in der aktuellen Ausgabe der Werben&Verkaufen verweisen: “Seicht statt seriös: Der große Studien-Bluff”. Der Autor analysiert sogar, wie man am Besten Studien frisiert.

  7. Berufskommunikator sagt:

    Umgekehrt kann ich auch 10 Leute befragen und repräsentativ sein. Eine repräsentative Umfrage aller Nutzer von Web 2.0 Anwendungen ist meines Erachtens aber nicht möglich. Dazu müsste man alle Kontaktdaten der Grundgesamtheit haben (sprich: alle Anbieter von Blog-Platformen, Social Networks etc… müssten ihre User-Daten herausgeben), aus denen man per Zufallsstichprobe eine berechnete Zahl auswählt. Ein Panel bedeutet dann, dass man diese über einen gewissen Zeitraum befragt. Das wäre wohl kaum a) technisch und b) organisatorisch machbar.

  8. Kurt sagt:

    Nun ja, die Anzahl der befragten Personen ist das eine. Repräsentativität das andere. Ich kann auch 10.000 Leute befragen und muss deshalb immer noch nicht repräsentativ sein.

  9. Dr. von Quack sagt:

    @Peter: in dem Pdf steht aber auch, dass es sich ausschließlich um Online-Befragungen gehandelt hat. Kann mit einer reinen Online-Befragung überhaupt eine repräsentative Aussage über Web-2.0-Nutzungsverhalten getroffen werden?

    @alle: In dem pdf steht auch, dass Tanja-Anja in Wirklichkeit “Moni” heißt und um 23.59 Uhr noch pdfs für den Senior Consultant machen musste.

  10. Wie befragt man eigentlich ein “Panel mit 2000 Zielpersonen”?

    Heißt das, man hat 2000 Leuten einen Fragebogen geschickt? Oder die Seite mit dem Fragebogen wurde 2000 mal aufgerufen?

  11. - dante - sagt:

    “Der gemeinsame Treiber für dieses Verhalten ist dabei primär das Bedürfnis nach Kommunikation, sowohl online wie offline.”

    Offline kommunizieren: also Tür zu und mit der Wand reden?

  12. diaet sagt:

    Habe ich schon erwähnt, dass im Word-Dokument auch noch die Änderungen am Text nachvollziehbar waren?

    D’oh!

    (In Ordnung, vorher auch schon, aber das…)

  13. Lukas sagt:

    Entschuldigung, *was* steht da in dieser Pressemitteilung? Und gab es die auch auf deutsch?

  14. PS sagt:

    Zum Knüwerschen Text: Fully ACK.

    Mein Problem ist eher folgendes:
    Als ich mit als late-adopter im Frühjahr das erste mal mit der dt. Blogosphere beschäftigte, stolperte ich irgendwann mal in einem anderen Blog auf den Begriff der Tanja-Anjas.
    Damit konnte ich nichts anfangen.
    Nach heftigem suchen fand ich den Ursprung in diesem Blog.
    Und ich bin ja sooooo dankbar für diesen einfachen Namen, der solch ein gesellschaftsrelevantes Problem allumfassend umschreibt.

    DANKE

    DANKE

    DANKE !

  15. Mario sagt:

    Das Gefasel klingt stark nach “Sinus-Milieus”, einer neuen und modernen Form der Kafeesatzleserei, die gerade dabei ist, ältere Formen der Kafeesatzleserei aus den monatlichen Kaffeesatzleserei-Meetings der mittleren und gehobenen Medienkonzern-Manager zu verdrängen.

  16. ntropie sagt:

    Und es ist alles noch viel schlimmer, als ein Außenstehender je erahnen könnte. Sag ich als Ex-Tanja-Anja.

  17. Matthias sagt:

    Sie sind dennoch die Antwort schuldig, warum Sie die Berufsangehörigen der Public-Relations-Branche als Tanja-Anjas titulieren, Herr Knüwer.

  18. Hast du das

    (http://www.longtail.com/the_long_tail/2007/10/sorry-pr-people.html?cid=88149552) von Chris Anderson gelesen? Wäre vielleicht auch ne Lösung für dich.

  19. Berufskommunikator sagt:

    “Ich hab mir das gar nicht so genau durchgelesen”. Doof, wenn man gegenüber einem Journalisten outet, dass man seinen Beruf verfehlt hat – und der das dann auch noch publiziert! (weil er für eine kritische Beobachtung der PR-Branche bekannt, ja berühmt ist) Frechheit…

  20. Matthias sagt:

    “Nutzung von Web 2.0-Anwendungen”

    Nach dem zweiten Deppenleerzeichen habe ich aufgehört zu lesen. Ich halte das noch immer für eine probate Methode.

  21. Peter sagt:

    Im die Pressemeldung ergänzenden PDF auf der Website der PbS AG steht allerdings zu diesem Thema auf Seite 2 sowohl “repräsentativ” als auch “Panel mit 2.000 Zielpersonen ab 14 Jahren”.

    Direktlink: http://www.pbs-ag.de/downloads/9-1356-285/Ergebnisse_Web_2_0_offensiv.pdf?save

  22. Christian sagt:

    Hihi, Word. :)

    (Reicht als Antwort, meine ich.)