Kommende Woche wird die “Westdeutsche Allgemeine Zeitung” endlich ihr lang erwartetes Online-Angebot Der Westen starten. Ich hab mal in Essen vorbeigeschaut. Dumm sind sie ja nicht, bei der “Waz”, könnten die Designbewussten denken. Da baut man ein Verlagshaus, richtet es hübsch ein im aktuellen Stil, in diesem Fall dem der späten 60er, und ist voll auf der Höhe der Zeit. Statt ständig zu streichen und zu hämmern und zu dekorieren, um jedem Trend hinterher zu renovieren, lässt man die Sache ruhen. Und dann, 40 Jahre später, macht es POPP – und alles ist wieder modern.
Habe ich zumindest gedacht, als ich vergangenen Donnerstag in Essen war, um mit Der-Westen-Chefin Katharina Borchert zu sprechen. Denn sowohl der Nebeneingang wie auch der alte Haupteingang sind nahe an dem, was man heute Retro-Design nennen würde.


Im lang gezogenen Schlauch, der seit kurzem von der Online-Redaktion bearbeitet wird, sieht es ganz anders aus. Dummerweise, hat meine Kamera dort aber versagt. Oder besser ich: die Bilder sind grauenhaft verwackelt. Grau ist es dort auf jeden Fall, passend zur “Waz”-Firmenfarbe. Durchaus aber edelgrau. Und wer die Hühnerstangen-Bilder des Newsrooms von Axel Springer gesehen hat, gewinnt das Gefühl, das Arbeiten in Essen könnte deutlich angenehmer sein. Außer natürlich, dass es halt Essen ist.
Auch den Westen habe ich gesehen, wenn auch nur in Ansätzen. Gerade lief ein Deployment, was nicht, wie mir Katharine Borchert versicherte, das Gegenteil von Employment und somit die erste Entlassungswelle ist, sondern eine Datenverschiebung. Und das sorgte für begrenzte Leistungsfähigkeit.
Was ich gesehen habe, wird das Internet nicht neu erfinden. Es wird aber einiges im deutschen Online-Journalismus verändern.
Zunächst werden alle Lokalverleger auch so ein Geo-Tagging haben wollen. Das liegt zum einen daran, dass sie ja immer haben wollen, was die Konkurrenz hat. Zum anderen aber, weil es eine sinnvolle und neue Idee ist.
Die in der Blog-Szene heiß diskutierte Community wirkt sauber aufgesetzt. Ob sie fliegt, kann niemand vorhersagen, wie immer bei Communitys. Zumindest aber ist die optische Aufbereitung kein Hinderungsgrund, was den Westen von vielen anderen verlagsgetriebenen Community-Versuchen unterscheidet.
Und noch etwas Interessantes gibt es in Sachen Inhalt: einen Fachredakteur für E-Sports. Durch das Besetzen solcher Web-naher Spezialthemen kann sich auch eine Lokalredaktion profilieren. Natürlich nur, wenn die Qualität stimmt.
Die eigentliche Revolution findet meiner Meinung nach hinter den Kulissen statt. Da wäre zum Beispiel die Ankündigung, keine großen Drüberlieger-Anzeigen, Unterbrecher-Werbung oder andere Leser vertreibenden Formate zuzulassen.
Oder das Redaktionssystem: saueinfach und stark an Blog-Software erinnernd. Das kann auch ein technikunaffiner Print-Redakteur bedienen. 810 davon hat die “Waz” geschult. Denn die Lokalredaktionen sollen vor Ort entscheiden, was auf ihren Web-Seiten stattfindet. Würden die Kollegen da mitspielen – es wäre eine Sensation in der Verlagslandschaft.
Und es würde den Online-Redakteuren Luft verschaffen, um selbst journalistisch tätig zu werden. Daran krankt ja dieser Bereich hier zu Lande: Es gibt kaum Online-Journalismus. Die meisten Internet-Redakteure sind Content Manager, die Agenturmeldungen einstellen und Bildergallerien produzieren. Aber recherchieren, denken, selber schreiben – das ist die Ausnahme.
In einem weiteren Schritt arbeitet die “Waz” mit einem Softwarehersteller an einem neuen Print-Redaktionssystem. Auch dies eine dicke Neuerung: Bisher suchten sich Zeitungsverlage ein Print-Redaktionssystem, das versprach, eine Online-Anbindung zu haben. Meist stellte sich dann im Tagesgeschäft heraus, dass man leeren Versprechungen aufgesessen ist – fragen Sie nur mal beim “Tagesspiegel” nach. Die “Waz” aber geht den genau umgekehrten Weg: Sie entwickelt mit vorhandenem Online-System ein neues Print-System.
Weil all das aber dem Leser zunächst nicht großartig auffallen wird, ist Katharina Borchert in einer Situation, um die ich sie nicht beneide. Denn angesichts der himmelhohen Erwartungen wird sie beim Start richtig Prügel in der Blog-Szene kassieren. Ob der Westen aber ein Erfolg wird – das zeigt sich erst nach frühestens einem Jahr. Die Grundlagen, dass dem so sein wird, sind aber gelegt.
Was die Chefin selbst dazu sagt, hören Sie in der neuen Ausgabe unseres Medien-Podcasts bel étage. Zu hören gibt es ihn hier oder bei Itunes oder später am heutigen Tag bei Sevenload.
Und wie es im Westen so schmeckt, das lesen Sie hier.










6 Kommentare zu “Katharina Borchert in der bel étage”
Foto auch bei mir…
http://www.derwesten.de/community/gesine.scharf/stories/7798/
***Hier stand ein Kommentar, der nichts mit dem Thema zu tun hatte.***
Immer wenn man überbordende Erwartungen oder zu erwartende Kritik mildern möchte spricht man davon, auch nur mit Wasser zu kochen.
man. TB:
http://www.ringfahndung.de/archives/der-westen-mit-wasser-gekocht
Seit wann tun Prügel aus der Blog-Szene weh? Damit kann jeder Medienmacher mit Rückgrat gut leben.
warten wir ab – wie gesagt nach einem Jahr sind/seid Wir/Ihr schlauer und ev. reicher
)) Viel Erfolg!
Ich glaube, die Prügel aus der Blog-Szene ist zu verschmerzen, wenn die übrigen Benutzer das Ergebnis akzeptieren und nutzen. Mich macht Dein Text jedenfalls neugierig.