Drei Ausgaben alt ist das neue Layout der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”. Zeit, nochmal genau hinzuschauen.Wer die Kritik am neuen Layout der “FAZ” auf deren Homepage liest, “muss glauben, seit dem vergangenen Freitag sei eine völlig neue Zeitung auf den Markt gekommen.
Hier ein Beispiel:
“Wenn ich eine andere Zeitung gewollt hätte, hätte ich eine andere Zeitung bestellt…
Angeblich haben Sie die Leser befragt, mich nicht. Und wenn ich mir die Kampagne und die Leserdiskussion anschaue, spüre ich, dass für Leser wie mich (Jahrgang 1964, seit 17 Jahren Abonnent, kein Platz mehr ist). Abo-Kündigung folgt.”

Das erinnert mich an meine Besuche im heimatlichen Münster in diesem Sommer. Dort fand zum vierten Mal die Skulptur Projekte statt, eine wunderbare Skulpturen-Ausstellung im öffentlichen Raum.
Vertreten war diesmal auch wieder Thomas Schütte. Und die Geschichte seines “Modell für ein Museum” lehrt uns auch etwas über die Rezeption der neuen “FAZ”.
Das “Modell für ein Museum” entstand aus dem Ärger Schüttes. Für die Skulptur Projekte 1987 hatte er eine wunderschön-kitschige Sandstein-Säule mit zwei comicartigen Kirschen erschaffen. Erst war dieses Werk höchst umstritten, inzwischen lieben die meisten Münsteraner es. Nun stellte Schütte fest, dass an jenem Platz, der von seiner Kirschsäule bisher optisch dominiert wurde, ein Brunnen entstanden ist. Ein sehr hässlicher Brunnen ist das, gestiftet von der Kreishandwerkerschaft. Es ist einer jener Brunnen, die so anstößig unanstößig sind, dass sie in jede beliebige Fußgängerzone passen. Meist findet man sie dann auch dort, in kleinen bis mittelgroßen Städtchen, umgeben von 80er-Jahre-Bausünden.
Schütte nun überdachte diesen Brunnen mit einer Art Schneewittchensarg. Auf diesen wieder platzierte er ein Modell für ein Berliner Museum, dass seit Jahren in seiner Schublade lag. So wirkt das “Modell für ein Museum” wirklich wie ein Modell für ein Museum, das nur ein Ausstellungsstück hat: jenen Brunnen. Eigentlich also ist es mehr ein Modell für ein Freizeitbad.

(Foto: Roman Mensing/sp07)
Nun aber berichteten die Führer der Skulptur Projekte Erstaunliches. Angestammte Münsteraner ergänzten die Ausführungen nämlich mit der Frage: “Aber der Brunnen ist doch auch neu, oder?” Sieben Jahre steht er dort – und ist einfach nicht wahrgenommen worden. Das Hirn blendet die Beliebigkeit des Objektes aus. Erst durch Schüttes Skulptur nehmen die Menschen das braune Stein-Teil wahr.
So ähnlich ist es mit der “FAZ”. Erst durch den Relaunch scheinen sich einige Leser Gedanken über die Zeitung zu machen, die sie seit Jahren lesen. Sie nehmen sie mit anderen Augen wahr. Monieren auf einmal farbige Anzeigen, die es doch schon lange gibt. Erregen sich über die Textqualität, als sei diese von einem Tag auf den anderen gesunken.
Das aber ist sie definitiv nicht. Und misslungen ist das neue Layout ebenfalls nicht. Es hat so seine Tücken, das ist klar. Mit exzellenten Fotos oder mit dem Mut zur Spielerei entstehen eindrucksvolle Seiten:


Mittelmäßige Fotos aber – und noch stärker Kleinteiligkeit – machen das neue Layout so austauschbar und lokalzeitungserisch wie kein anderes Erscheinungsbild einer überregionalen deutschen Zeitung. Solch einen Effekt hab ich nie zuvor in meiner persönlichen Wahrnehmung erlebt:

Und die Frakturschrift über den Kommentaren? Ich habe sie nie gemocht, es gab sogar Tage, in denen ich sie mühsam entziffern musste. Im neuen Layout jedoch hätte sie gewirkt. Und entsteht nicht Liebe gerade durch seltsame Macken? Hätte der Erhalt der Schrift im neuen Gewand nicht leserbindend gewirkt?
Das neue Layout reize nicht zum Lesen, bemäkeln eine Reihe von Kritikern auf FAZ.net. Vielleicht ist es anders herum: Nach langer Zeit studieren die “FAZ”-Leser ihr eigenes Lesen. Und sie stellen fest, dass sie das Blatt eben nicht mehr lesen, sondern nur noch durchblättern. Einerseits wäre dies tröstlich, denn das würde bedeuten, dass die Textqualität noch immer über allem steht. Andererseits wäre es erschreckend für die Redaktion: Sie müsste sich fragen, ob ihre Textqualität schon länger nicht mehr den Ansprüchen der Leser genügt.
Das Münsteraner “Modell für ein Museum”, übrigens, wird für eine Übergangszeit wohl erhalten bleiben. Verschwindet es wieder, wird vielleicht so manchem auffallen, wie hässlich der Brunnen darunter alleine wirkt. Und vielleicht findet sich jemand, der an der Verschönerung des Platzes arbeitet und das Grundübel beseitigt. Ähnliches wäre auch der “FAZ” zu wünschen.










9 Kommentare zu “Modell für eine “Frankfurter Allgemeine Zeitung””
Dass die FAZ ihr Layout ändert, ist ok. Dass sie längeren Artikeln jetzt Zusammenfassungen voranstellt, ist auch ok. Abe dass damit die journalistische Qualität sinkt, ist schlimm. Denn offensichtlich werden die Zusammenfassungen von Leuten geschrieben, die die Artikel gar nicht gelesen haben.
Am Montag schrieb Katja Gelinsky einen Artikel über den Chicago-Marathon, in dem sie vielleicht als einzige in den deutschen Medien schilderte, dass der Abbruch des Laufes mit dem Tod eines Läufers nichts zu tun hatte: Das Rennen war schon abgebrochen als der Mann zusammenbrach.
In der “Zusammenfassung” steht aber, wie in fast allen Medien, genau das Gegenteil, nämlich dass das Rennen abgebrochen worden sei, nachdem der Mann gestorben war. (weitere Infos hier: http://duberichtest.de/einzelbericht.php?id=1371&art=bericht )
Was leider tatsächlich ein Indiz dafür ist, dass das journalistische Niveau der FAZ (und gerade der mehrfach ausgezeichneten Sportredaktion) mit der Neugestaltung sinkt.
Ich bin erschüttert, wie unflexibel manche Leute mit Mitte Vierzig schon sind. Auch dachte ich, dass man als Leserbriefschreiber mindestens das Pensionsalter erreicht haben muss.
Genau den Brunnen-Effekt hatte ich auch! Und dann sogar überlegt, “jetzt kannst du ja die SZ abbestellen!”
Der Vergleich ist lustig und passend! Klasse!
Zur Frakturschrift der FAZ: Es war sicher ein Akt des (späten) Widerstandes.
Von den Nazis wurde die Frakturschrift, die bis dahin bei deutschen Druckerzeugnissen die gängige Type war, 1941 zugleich mit der Sütterlin- Schrift abgeschafft und durch lateinische Schrift ersetzt, um den internationalen Anspruch der Nazis zu unterstreichen.
@50hz: Da muss ich als Münsteraner ja breit grinsen. Unt off topic ergänzen:
Ist eigentlich bekannt, dass wir die Skulptur-Projekte nur dem Unverständnis der Münsteraner für zeitgenössische bildende Kunst zu verdanken haben? Mitte der 70er Jahre wollte Henry Moore der Stadt eine Skulptur schenken, wogegen sich heftiger Bürgerprotest erhob. Daraufhin entschloss sich Kaspar König zusammen mit Klaus Bußmann, den Münsteranern mit einer Ausstellung diese Kunst nahe zu bringen.
Ist vielleicht gar nicht off topic. Auch wieder eine Parallele zur FAZ-Layout-Geschichte, wenn man will.
Herr Knüwer, sie glauben nicht wirklich, dass jemand in Münster ein Geschenk der Kreishandwerkerschaft schleifen wird, oder?
Ein sehr schöner Artikel. Über die Layout-Änderungen der FAZ soll man bei der FAZ diskutieren, wenn man muss, ich denke, die Leser werden sich genauso dran gewöhnen wie an das farbige Foto auf der Feuilleton-Titelseite, da gab es ja vor einiger Zeit auch so einen Aufschrei.
Hier möchte ich mich für den gelungenen Vergleich bedanken, für die Überlegung, was so eine Neu-Darstellung eigentlich bewirkt, und auch für die erklärenden Worte zum “Modell für ein Museum”, denn dass das oben wirklich ein Modell für ein Museum ist, wusste ich gar nicht.
Ich finde das Layout ganz gelungen. Die Fraktur-Schrift war schon albern und anachronistisch, als sie mit Erstausgabe der FAZ eingeführt wurde.
Mich stört allenfalls, dass der Verzicht auf jegliche vertikalen Linien zwischen den Spalten etwas verkrampft wirkt und die condensed Times, die der Fraktur über den Kommentaren nachgefolgt ist. Da hätte man sich ein paar Gedanken mehr machen können.
Insgesamt ist das ja eine sehr zurückhaltende Anpassung. Mich hindert das neue Layout nicht am Lesen; die Weiblichkeit an meiner Seite ist aber begeistert – völlig unrepräsentativer Beleg dafür, dass die Marktforschung des FAZ-Verlages nicht ganz daneben lag.