Gestern Abend beschäftigte sich das ZDF Magazin “Frontal 21″ mit PR im Radio. Es entstand ein Beitrag, der auf mehreren Ebenen wütend macht: einerseits ob der Dummheit der Privatradio-Macher, andererseits ob der Behäbigkeit der Landesmedienanstalten – und schließlich ob der Dummdreistigkeit von “Frontal”-Moderator Theo Koll.Anscheinend gehört die Kenntnis des rechtlichen Rahmens, in dem ein Unternehmen agiert, bei Radiosendern nicht zu den Grundkompetenzen, die es braucht, um eine leitende Position zu erlangen. Zumindest nicht bei Jam FM, dem Berliner Privatsender. Gestern Abend entblößte sich der Programmchef des Senders, mit dem wirklich schönen Namen Ricky Breitengraser, als vollkommen wissensfrei in Sachen Rundfunkrecht, wie auch das Haupstadtblog schreibt:
“Breitengraser: Wenn dann zehn-, fünfzehntausend Euro fließen, warum sollten wir uns dagegen verwirren, verschwören…
Reporter: …weil das gegen journalistisches Ethos verstößt, gegen das Gebot von Trennung von Werbung und Journalismus, und Redaktion.
Breitengraser: Ich finde aber, wenn es sowieso eine Relevanz hat – wir würden es ja sowieso tun. Und wir haben auch Leute zu bezahlen…
Reporter: Es ist illegal.
Breitengraser: Es ist illegal, diese Dinge zu tun?
Reporter: Es verstößt gegen den Rundfunksstaatsvertrag.
Breitengraser: Innerhalb eines privaten Rundfunksenders?
Reporter: Ist Ihnen das nicht bewusst?
Breitengraser: Ne, tatsächlich nicht. Das ist tatsächlich nicht bewusst.”
Gefallen sind diese bemerkenswerten Äußerungen in einem Beitrag zur Unterwanderung kleiner Radio- und TV-Sender durch PR. Überraschen kann das Medienkundige nicht, doch mancher Hörer macht sich vielleicht wenig Gedanken darüber, warum Lokalradios Sondersendungen aus Autohäusern fahren, interviewte Experten in feinster Tonqualität aus Firmenzentralen zugeschaltet werden und Moderatoren sich für gewisse Reiseveranstalter derart begeistern. Dass aber lokale TV-Sender wie Rhein-Main-TV erst zu einer Talkshow-Teilnahme einladen, dann aber Geld dafür verlangen, das war mir auch neu.
Diese Praktiken sind eine weitere Baggerschaufel Erde auf klassische Medien. Nur die Macher dieser Programme können glauben, ihre Hörer und Zuschauer seien in breiter Masse dumm genug, das nicht zu merken. “Die Menschen merken, wann etwas Werbung ist und wann nicht”, sagte mir Anfang des Jahres Chuck Porter, der Mit-Gründer der Werbeagentur Crispon Porter + Bogusky: “Und wenn sie merken, dass jemand sie täuschen will, werden sie sauer.”
Es ist das Sat-1-Prinzip, das die Sender treibt. Ziel ist allein, mit einem möglichst billigen Programm schwarze Zahlen zu schreiben. Und währenddessen verabschieden sich die Traumzielgruppen der Werber in Richtung Internet. Irgendwann folgt dann die Werbung – und der Insolvenzverwalter macht bei den Sendern das Licht aus.
Die miesen Praktiken könnten natürlich unterbunden werden. Von den Landesmedienanstalten, zum Beispiel. Doch die geben sich mal wieder hilflos. Im Interview mit “Frontal 21″ kann Norbert Schneider, Chef der nordrhein-westfälischen Möchtegern-Medienhüter, schön mit den Achseln zucken. Was sollen sie auch machen? Ja, was? Anprangern wäre eine Möglichkeit. Aber, hach, so viel zu tun, so wenig Geld. Oder die Politik mit ins Boot nehmen. Aber, hach, so viel zu tun, so wenig Geld. Der Etat der Landesmedienanstalt NRW beträgt übrigens rund 21 Millionen Euro.
Augen zu und durch. Das ist das Motto der Verwalter und der öffentlich-rechtlich subventionierten Privatfernsehmoderatoren des ZDF. Da haut sich doch Theo Koll bei der Anmoderation auf die Brust wie ein fetter Silberrücken-Gorilla um allen Ernstes von der PR-Freiheit und der journalistischen Unabhängigkeit der großen Sender zu reden. Ach ja, Herr Koll? Die Schleichwerbung im “Marienhof” schon vergessen? Noch nie Haribo-Bären bei “Wetten, dass…” genascht? Und was die Unabhängigkeit betrifft, freue ich mich schon auf die überlangen Berichte zum Thema “Stop der Tour-Übertragungen” heute Abend in “Heute” und “Tagesschau”.
Ach ja, und Lobbyisten tauchen bei den großen, ethischen Sendern natürlich nienicht auf. Nie. Auf gar keinen Fall. Außer bei Report.










20 Kommentare zu “Warum wir auf Jam FM & Co verzichten können – und sollten”
Hallo zusammen,
Ich finde den Beitrag von Frontal21 und gerade dass Interview mit Herrn Breitenbach absolut schlechten Journalismus.
Die Aussage: “Wir würden den Beitrag so oder so senden, wenn wir dafür 10-15tausend Euro bekommen, warum nicht?” setzt den Artikel des Staatsvertrages wohl außer Kraft, da die Zahlung nicht den Inhalt beeinflusst hat.
Zudem sind der ein oder andere Kommentar recht primitiv, ich hoffe es kommt von keinem Journalisten.
In diesem Sinne.
So übrigens kann PR im Radio auch gehen – und damit journalistisch und sauber:
http://www.mywebwork.de/fiene.tv/archive/2007/07/30/fiene-redefreiheit/
(…) Um diese Freiheit und Unabhängigkeit der Presse zu garantieren, hat der Staat ein gesetzliches Regelwerk geschaffen, das sogenannte Pressegesetz. Denn das funktionieren einer Demokratie beruht nicht zuletzt darauf, daß die Presse frei und unabhängig ermitteln und berichten kann. (…)
Ich habe nicht gesagt, dass PR so viel Einfluss habe, sondern dass dies mit PR mit Journalismus so viel zu tun hat wie das “Neue Deutschland”.
Wenn Radios ohne PR nicht überlebensfähig sind, weil es Hörern unbedingt nach Wortbeiträgen dürstet – dann mögen sie halt verschwinden. PR-Beiträge im Radio ohne vorherige Ankündigung, dass sie PR sind, sind für mich aber gleichzusetzen mit Werbung. Nein, sie sind sogar noch schlimmer, denn Werbeblöcke sind klar erkennbar.
Die weiteren Schritte liegen in der Hand der Landesmedienanstalten? Nein, darauf dürfen wir uns nicht verlassen. Und die Hörer? Woher bitteschön, sollen sie wissen, dass sie gerade belogen werden?
Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn ein gewitzter Anwalt das Thema Trennung von redaktionelllen und werblichen Inhalten am Beispiel der Radio-PR nach Karlsruhe tragen würde. Dann könne man über Monate keinem PR-Menschen mehr die Hand geben – sie wäre zu schwitzig…
Hallo Herr Knüwer,
wer sagt denn, dass jedewede Kritik untergraben wird? Wessen Pflicht ist es denn, diese Kritik abzugeben? Die des Journalisten oder die des PR-Mannes? Ich denke diese ganze Diskussion hier geht in eine falsche Richtung. Wir hauen hier einer Branche eins auf die Mütze, die allein gar nicht lebensfähig wäre. PR-Leute könnten sich die Finger wund schreiben, wenn es nicht die Journalisten gäbe, die solche Sachen dann abdrucken oder on air nehmen.
Ich glaub da schießen Sie weit über das Ziel hinaus. Jede Agentur arbeitet mit einem freiwilligen Angebot für Journalisten zu denen sie wiederum gute oder weniger gute Beziehungen pflegen. Alle weiteren Schritte liegen in der Hand von Landesmedienanstalten und Lesern/Hörern. Tatsache ist, und das sagt auch der Frontal 21 Beitrag, es ist ein Geschäft das blüht und wächst.
Ihr Vergleich mit dem ND zu DDR Zeiten ist aber sehr weit hergeholt. Trauen Sie den PR-Agenturen so viele Einfluss auf unsere Medienlandschaft zu?
@Heinrich: Hm, wer arbeitet wohl in der Radio-PR? Sie vielleicht selbst? Anders ist die Argumentation ja auch nicht zu erklären. Es ist toll, wenn PR-Leute Journalisten mit Statements und Moderationen versorgen? Nein. Ist es nicht. Es ist zum Kotzen. Weil damit jedwede Kritik untergraben wird. Mit angemessener Berichterstattung hat das so viel zu tun wie das “Neue Deutschland” zu DDR-Zeiten mit unabhängigem Journalismus.
Lieber Klaus-Peter,
warum kennst Du Dich eigentlich so gut in der Szene aus? Du hast auf der ZDF-Homepage ein ähnliches Statement veröffentlicht. Auch Lieschen74 ist eine wahre Branchenkennerin. Da stellt sich doch die Frage, woher diese Informationen kommen. Wie nah stehst Du denn dieser Agentur die Du da an den Pranger stellst? Arbeitest Du vielleicht selbst in einer Hörfunk-PR-Agentur?
Worum geht es hier eigentlich? Agenturen zu beschuldigen die auch auf Aufträge angewiesen sind und einen guten Job machen? Oder geht es nicht eher um die Radiostationen die diesen Inhalt auch ausstrahlen? Da hier so viel die Rede vom ZDF ist, habe ich mich mir mal die Inhalte im Hörfunk-PR-Bereich angesehen. Ich persönlich bin der Meinung, dass es ein großartiger Service ist. Radiostationen bekommen da Inhalte, an die sie selber nie rankommen würden. Mal ein Interviewstatement eines Politikers mit der passenden Moderation, mal ein buntes Thema für die Morningshow. Was ist daran verwerflich? Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass es eine Bereicherung gerade für die private Radiolandschaft ist. Wir hören doch jeden Tag die Sendungen ohne Inhalte, mit viel Musik und einer blöden Moderation nach der anderen. Dazwischen auch mal ein Interviewstatement vom ZDF zu einem aktuellen Thema…das würde mir gefallen. So kommen wir vielleicht zu einer angemessenen Berichterstattung, die ich mir auch von den privaten Stationen wünsche.
Manueller Trackback:
“Ein Beitrag des ZDF-Magazins Frontal21 sorgte in den vergangenen Tagen für eine frische Brise in der Blogosphäre. Mit der Metapher vom Bumerang könnte man die Vorwürfe zusammenfassen, die sich gegen das ZDF richteten. Wir dokumentieren hier das vollständige und aufschlussreiche Transkript eines Interviews, das für die Sendung geführt wurde.”
http://medienlese.com/2007/07/21/ja-ich-muss-ja-ansetzen/
…warum wird eigentlich immer nur von all4radio gesprochen? Das ZDF bezahlt aus Gebühren eine weitere Radio-PR-Agentur, und das nicht zu knapp. Directnews bombadiert die Sender tagtäglich mit zig O-Tönen aus dem ZDF-Programm, die nur mit Nennung ZDF gesendet werden dürfen. Dafür hat diese Agentur einen Schichtdienst mit drei Redakteuren eingerichtet. Der Etat dürfte hoch 5-stellig bis 6-stellig sein. Verantwortlich ist dafür ein Name, der auch noch nie auftauchte: Der Leiter der Presseabteilung des ZDF.
Aber bei Directradio gibts doch auch Beiträge von der FAZ und so…
Im Ernst: Das Angebot von denen ist doch noch etwas anderes als bezahlte Werbung, die von extra eingestellten Experten besprochen wird – ob man es nun mag, dass Directradio O-Töne des ZDFs liefert oder eher nicht ist Geschmackssache. Aber das sind IMHO zwei verschiedene Birnen…
Ad Astra
@frontal21: wo sind diese services eingestellt? ich bekomme täglich ca. 5-10 mails von directradio mit hinweisen auf zdf-themen in die redaktion
@Frontal21
Ich hoffe sie haben die Verteilung offensichtlicher eingestellt als es beispielsweise bei ZDF-WISO mit dem Telefonmehrwertdienst “Faxservice” getan wurde. Bei dem 49cent/min Angebot wurde ja nur die damit erzielten Gewinne eingestellt um nicht gegen den Rundfunkstaatsvertrag §13 zu verstoßen. (Macht doch mal einen Beitrag, wer die jetzt bekommt)
Auch gut, das Gewinnspiele beim öffentlich rechtlichen Rundfunk Service sind. Sonst wären ja die von einem Autohersteller zur Verfügung gestellten Preise beim Gewinnspiel auf den tour Seiten des ZDF auch Sponsoring und nach §4 (3) ZDF-Staatsvertrag verboten.
Und selbst? Sind wir auch nicht ohne eigene Erfahrungen – allerdings ausdrücklich nicht als verdeckte Schleichwerbung. Wir haben vor unserer Sendung Interviewauszüge als Sendehinweis auf unsere Beiträge angeboten. Verteilt wurden diese Sendehinweise über all4radio. Es handelte sich dabei lediglich um die erweiterte Wiedergabe von Programminhalten, wie sie sich auch auf unserer Internet-Seite finden und auch als Schlagzeilen in vielen deutschen Tageszeitungen erscheinen. Um jeglichen Zweifel an diesen völlig offenen Programmhinweisen auszuräumen, haben wir diese Art der Verteilung von Programmhinweisen nach kurzer Zeit wieder eingestellt.
Ich empfand den Bericht auch als trauriges Beispiel für die Be- bzw. Überlastung der Redakteure, die daher natürlich allzu gerne auf vorproduzierte Berichte zugreifen die ihnen von Agenturen oder Firmen angeboten werden. Dieses Problem ist aber keineswegs auf private Rundfunkprogramme begrenzt, sondern kommt zunehmend auch bei öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern und Verlagen vor. Erst vor wenigen Tagen berichtete Stefan Niggemeier z.B. von Berichten auf n-tv.de die von EnBW geschrieben wurden vor. Aber die Behauptung das dies nur für “klassische Medien” gilt würde ich ebenso nicht unterstützen. In (Video-)Podcasts aus Amerika wimmelt es nur so von Berichten die offensichtlich von Firmen gesponsort und mit Infomaterial versorgt wurden. Und eingeladene Gastkommentatoren bekommen reichlich Gelegenheit darauf hinzuweisen, für welches Unternehmen bzw. eigenes Angebot sie denn sonst noch tätig sind.
Übrigens: Nein, der Beitrag ist nicht in der ZDF-Mediathek zum Nachschauen abrufbar… Warum sollte man auch komplette Sendungen, die man selbst produziert hat – wie, die BBC macht das demnächst? Ist die wichtig?
Ad Astra
Lukas: Campusradios haben keine Geldsorgen? Aber nur wenn sie aktiv von der Uni und den Studenten unterstützt werden und auch brav einen gewissen Cent-Anteil von den Studierenden pro Semester bekommen.
Wenn du mir jetzt schreibst, dass das überall der Fall ist erlaube mir ein müdes Grinsen…
Ad Astra
Ich weiß gar nicht, ob es strenggenommen Schleichwerbung ist – aber ich finde es schon mehr als grenzwertig, wenn ein öffentlich-rechtlicher Radiosender Reisen zu bestimmten Reisezielen verlost und dazu eine ganze Woche lang täglich umfangreiche positive Berichte über das jeweilige Reiseland bringt. Der Veranstalter, Tourismusverband oder wer auch immer sonst die Reisen gesponsert hat, wurde in dem Fall, den ich beobachtet habe, zwar nicht unbedingt genannt – aber ich denke, er profitiert trotzdem nicht schlecht von dieser häufigen Berichterstattung.
Wieviel Geld bekommen Sie eigentlich vom BDZV für Ihre einseitige Berichterstattung?
Fragen Sie doch mal die Anzeigenverkäufer beim Handelsblatt nach deren “Deals”. Fragen Sie doch mal, welche Kooperationen es in Sachen Autotest Ihres Blattes mit BMW, Mercedes und Co. gibt!
Was hat man Ihnen eigentlich getan, dass Sie immer nur auf ARD udn ZDF einprügeln?
Das ist aber leider kein Privatradio-Problem: Auch die ÖRs weisen bei Reisegewinnspielen einen Tacken zu häufig auf den Reiseveranstalter hin und selbst die Campusradios, die ja weder Quoten- noch größere Geldsorgen haben sollten, fahren in der letzten Zeit auffallend viele “Promoaktionen” mit irgendwelchen “Medienpartnern”.
Hab ich gestern auch gesehen, und nicht schlecht gestaunt. Weniger darüber, dass es Schleichwerbung gibt, sondern dass es den Machern offensichtlich nichtmal bewusst ist. Ich hätte wenigstens eine bewusste Strategie dahinter vermutet.