Fernsehen ist immer ein wenig Lüge. Denn Bilder lassen sich auch manipulieren und Kameras dürfen nicht überall dorthin, wo sie aus Zuschauersicht sein sollten. Der G8-Gipfel wird deshalb auch zum Medienduell 2.0.Die Chefetage der Tagesschau führt seit einigen Monaten ein Weblog, dass nun sogar für den Grimme-Preis nominiert ist. Ich halte es für einen guten Ansatz, oft aber wird zu sehr getrommelt für die eigenen Sendungen.
So nun auch kurz vor dem G8-Treffen. Thomas Hinrichs, Redaktionsleiter des ARD-Mittagsmagazins tönt per Blog:
“Vier Tage sind wir am Puls des Geschehens und zwar so nahe, dass man ihn hören und fühlen können soll.”
Dann wird er ziemlich laut schlagen können müssen. Denn was Hinrichs auch nähere Angabe zugibt: Die ARD ist nicht in Heiligendamm stationiert, sondern in Kühlungsborn. Und das liegt, Blogmedien hat gleich mal den Routenplaner angeworfen, acht Kilometer weit vom Tagungsort entfernt. Für die “Tagesschau” ist das “direkte Nähe” und wie Hinrichs weiter schreibt:
“Aus Kühlungsborn aber kann man in der Ferne die weiße Stadt am Meer sehen” und ergänzt ehrlicherweise: “…wenn man einen guten Platz erwischt hat.” Wollen wir mal hoffen, dass die Praktikanten der “Tagesschau” früh genug aufstehen, um den Kollegen solch einen guten Platz zu sichern.
Die klassischen Medien werden es so oder so aber schwer haben beim G8-Treffen. 2.500 Journalisten sollen akkreditiert sein und diese Meute wird sich gegenseitig behindern. Es ist so wie die Fußball-Mannschaft, die im verzweifelten Versuch, den Ausgleich zu erzielen, vier, fünf Stürmer bringt: Dann ist der Strafraum zu voll, um Tore zu machen.
Schon jetzt ist es anscheinend hektisch in Meck-Pomm. So beging DPA einen bösen Schnitzer und sendete ein schwer verbogenes Zitat. Damit nicht genug, erklärte die Nachrichtenagentur gegenüber Spiegel Online den Patzer mit einem Fehler des Übersetzers. Nur: Es waren Kameras zugegen – und der Übersetzer lag richtig (gefunden bei Heiko Hebig).
Solche Pannen wird es reichlich geben in Heiligendamm und Kühlungsborn und der Umgebung. Und ebenso die Sicht der Gegenseite, wenn auch vor allem im Internet, sind doch politische Aktivisten erheblich Online-kompetenter. So sendet G8-TV bereits, die Macher eines Videoblogs sind auf dem Weg und das Gipfelblog versucht ebenfalls eine Gegenberichterstattung. Diese Links fand ich im Wortfeld, das ebenfalls berichten will. Ein technisch spannendes, inhaltlich bisher aber wenig interessantes Experiment kommt aus dem Hause Spreeblick: Bei Spree8 kann jeder per SMS oder Anruf seine Eindrücke schildern.
Wetten würde ich nicht darauf. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass dieses Aufeinandertreffen alter und neuer Medien für rollende Köpfe sorgen könnte. Wenn zum Beispiel ein Ordnungshüter die Nerven verliert und dabei gefilmt wird. Oder sensationsheischende Schlagzeilen mit Videos entkräftet werden. G8 in Heiligendamm – vielleicht das spannendste Medienexperiment des Jahres.
Nachtrag: Clap zeigt den schwarzen Blog…
Nachtrag II: Und wer nachvollziehen möchte, wo eines der großen Problem der sogenannten Qualitätsmedien liegt, der lese bei Herrn Niggemeier, wie das falsche Zitat seine Kreise zieht…










2 Kommentare zu “Acht Kilometer nah dran”
Nein, eine Gegenberichterstattung versucht Gipfelblog.de nicht. Ergänzungsberichterstattung trifft es vielleicht eher.
Wo von berichteten eigentlich die Kollegen vom Handelsblatt?
Besonders bemerkenswert: Wie die fragliche Nachrichtenagentur ihre Fehlleistung nachträglich zurücknimmt. “Der Aufruf zum ‘Krieg’, mit dem ein Redner während der Krawalle am Samstag in Rostock die militante Szene angestachelt hatte, war nach Darstellung der Protest-Organisatoren ein Übersetzungsfehler.” Tatsächlich hatte der Mann gar nichts und niemanden angestachelt. Aber das kann man bei dpa nicht zugeben. Deshalb: Kein Hinweis darauf, wer den Fehler begangen hat (wir nehmen mal an: der Reporter der Agentur vor Ort oder sein Redakteur in der Zentrale). Keine Erklärung dazu, wie das geschehen konnte. Ist der Presserat nicht auch für solche Sachen zuständig?