»Thomas Knüwer 01. June 2007, 14:56 Uhr

Ein Faybl für Blogger

Sind Sie, lieber Leser, Autor eines Weblogs? Dann könnten Sie vielleicht bald einen Anruf bekommen von einem Call Center. Oder eine E-Mail.

Sie sind nicht selbst Blogger? Dann lesen Sie bitte trotzdem weiter und lernen am Beispiel des Startups Faybl, wie das Internet nicht funktioniert.Wer auf der Suche nach einem Call Center ist, kann sein Ansinnen auf gewissen Plattformen ausschreiben, auf dass sich einer der zahlreichen Anbieter dieser Branche melde.

So stieß eine Person, die ungenannt bleiben möchte, der ich aber herzlich für die Information danke, auf folgende Projektbeschreibung:

“Wir möchten für die Vermarktung unseres Unternehmens ausgewählte Blogger aus der Internetszene ansprechen. Es geht um die telefonische Ansprache (Outbound).

Die Adressen bzw. Ansprechpartner liefern wir selbst. Im ersten Schritt sollen um die 200-500 Blogger kontaktiert werden, je nach Erfolg.
Entsprechend sind die Calls pro Woche. Bei guter Zusammenarbeit stehen eine Vielzahl weiterer Projekte an, u. a. Ansprache von Fan-Clubs, Prominenten etc.

Blogger kennen sich im Internet sehr gut aus, testen viele neue Webseiten und sind insbesondere in unserem Markt ? Web 2.0 ? sehr sicher und
?belesen?. D.h., dass ist eine äußerst sensible Zielgruppe.
Wir müssen da also intelligent und nicht zu aufdringlich rangehen. Davon abgesehen wollen wir nichts ?verkaufen?, was einen Preis hat, sondern die Blogger
1.) über unser Konzept informieren, so dass sie eventuell darüber in ihrem Blog schreiben,
2.) sie als Poster für unsere Website (Adresse s. oben) gewinnen,
3.) sie dazu anregen, eine eigene Gruppe zu gründen und viele Leute einzuladen
4.) und ihre Meinung, ihr Feedback hören, um uns kontinuierlich im Sinne aller Nutzer verbessern zu können.

Blogger sind grundsätzlich eine Zielgruppe, die gerne ihre Meinung kundtun und daher auch prädestiniert sind für das Einholen von Feedbacks.”

Ein Call Center also soll sich um die Akquise von Bloggern kümmern. Ja, das ist Authentizität 2.0, was sag ich, 3.0. Da muss der Gründer ja nicht mehr selbst anrufen, das machen schlecht bezahlte Servicekräfte. Und die sollen so schmeichelnd an die Sache herangehen, dass selbst A-Blogger auf sie hereinfallen.

Denn eben solche A-Blogger, enthalten in den Top 100 der deutschen Blogcharts, sollen angesprochen werden, wie ein Anbieter beim Gespräch mit dem Ausschreiber erfuhr.

Hinter dem bemerkenswert arroganten, dummen und frei von Wissen über das Internet geprägten Projekt steht das Startup Faybl, die 273.483. deutsche Kopie des Kurznachrichtendienstes Twitter.

Hinter Faybl steht als CEO und Gründer ein gewisser Thorsten Alles, dessen Xing-Profil beweist, dass er sich wirklich nicht auch noch um die Vermarktung von Faybl kümmern kann. Schließlich ist er gleichzeitig:
- Gründer und Vorstand der Objektiv AG
- Gründer und Geschäftsführer der Allevo Consulting
- Gründer und Geschäftsführer von Youdecide

Diese Postenanhäufung ist sonst nur bekannt bei prominenten Aufsichtsratspendlern und lässt mich fragen, wie – sollten all diese Firmchen überhaupt ein Tagesgeschäft haben – sich all das in 24 Stunden am Tag machen lässt?

Aber es gibt ja Mitmacher, wie bei Faybl zum Beispiel Daniel Heer. Sein Lebenslauf ist unspektakulärer und seine Internet-Kompetenz manifestiert sich darin, dass sein Xing-Profil derzeit verlinkt ist auf Fayble.de, eine Seite, die nur Werbung enthält, darunter für Fayble und für Schamlippenverkleinerungen an der Sophienklinik Stuttgart:

Faybl, also jenes junge Unternehmen, will Blogger ansprechen. Woher die Telefonnummern kommen sollen? Die stünden im Impressum, erklärt ein Firmenvertreter interessierten Call Centern. Und wenn nicht, sollten E-Mails geschrieben werden. Er selbst, erklärte der Faybler, habe schon Blogger angesprochen – und die Resonanz sei positiv gewesen. Es gebe auch schon einen Wissenschaftsjournalist und Blogger, der für das Projekt gewonnen wurde.

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis jemand so vorgehen würde. Schließlich gründet sich der Erfolg von Mymuesli auch auf die Kontaktierung von Weblog-Schreibern. Nur: Hier sprachen die Gründer über ihre Idee persönlich mit den Weblog-Autoren.

Und so freue ich mich schon über den ersten Blogger, der einen Anruf von einem Call Center bekommt mit der Frage “Kennen Sie eigentlich schon Faybl?” Wer so dummdreist wirbt, kann die Gründungspapiere seiner Web 0.0-Klitsche auch gleich verbrennen. Und ganz nebenbei: Ungesetzlich ist dieses Vorgehen natürlich auch noch.

Nach dem, was dem Media-Markt-Verlustiger Media-Blöd passiert ist, nämlich die Beschmierung seines Hauses, ist Faybl eine Petitesse. Doch zum Schutz von Weblog-Autoren wird es wohl nötig werden die Daumschrauben anzulegen bei jenen, die glauben ein Impressum sei dazu da, Daten abzugreifen.

»Thomas Knüwer 01. June 2007, 14:56 Uhr

    12 Kommentare zu “Ein Faybl für Blogger”


  1. datenschmutz says:

    Sehr eigenartiger Herangehensweise… wenn sie die Blogger motivieren wollen, was über sie zu schreiben, sollen sie doch trigami nutzen… ts.

  2. bosch says:

    Na ja, aber das gibt es doch schon seit einiger Zeit. Ständig erhalte ich Mails von irgendwelchen Konzertveranstaltern, die wollen, dass man über die neue Band X oder Y in seinem Blog schreibt. Diese Woche erreichte mich folgende Mail:

    Hallo A.,

    erstmal Lob für Deinen Blog, da sind wirklich sehr interessante Themen dabei.

    V.a. die Warteschlangengeschichten sind echt witzig :-)

    Ich erstelle derzeit in meiner Freizeit ein Verzeichnis von interessanten Internetprojekten und würde mich freuen wenn Du hierbei http://www.boschblog.de und andere Projekte von Dir kurz vorstellst. Wie Du die Idee zum Projekt hattest, wie Du es umgesetzt hast (auch technisch) und wie es momentan läuft. Natürlich kannst Du dann auch auf Deine Seiten verlinken.

    Du findest meine Homepage unter http://www….

    Viel Erfolg weiterhin mit Deinem Blog!

    Schöne Grüße nach Hamburg

    F.

    Na ja, immerhin der Gründer persönlich, so scheint es jedenfalls. Aber dass sich jemand über das Impressum an einen Blogger heranschleicht, erscheint mir nicht nicht. Sympathisch ist das nicht, aber auch ohne Impressum wäre der Inhaber der Domain in der Regel ja noch über die öffentlichen Who-Is-Daten ausfindig zu machen.

  3. Clap says:

    @Chat Atkins:

    … da musst Du dann den Herrn Alles fragen. Denn der hat sowohl Wirtschaftswissenschaften als auch Humanmedizin studiert. Und: Seine Objektiv AG sucht Dir obendrein noch die beste Versicherung für/gegen derlei Goggolores.

    Du siehst: die perfekte Vernetzung.

  4. Chat Atkins says:

    Was aber mache ich, wenn die mir mit ihrem geballten rhetorischen Können eine Schamlippenverkleinerung anschnacken, ich aber gar keine Schamlippen aufweisen kann? Darf ich dann vom Vertrag zurücktreten – oder sind meine Bauchfalten dran?

  5. Clap says:

    Aus der Datenschutzerklärung von faybl.de:

    “Wir verpflichten uns, die von Ihnen bereitgestellten Informationen jederzeit mit größter Sorgfalt und größtem Verantwortungsgefühl zu behandeln.”

    Ach?!

  6. vroni says:

    Thorsten Alles (vom Foto auf Xing her wie ein Neocon wirkend, aber ich hab nix gsagt…) und Daniel Heer waren beide Kumpels an der Uni Witten/Herdecke (Privat-Uni, im Direktorium: Dr. Oetker, Deutsche Bank, Merz, West-LB, Herrhausen, AXA Colonia etc.) gewesen. Wem das was sagt. Lernt man da AAL und sowas?

    Fast so gut wie die Uni St. Gallen, von der auch kürzlich nix Gscheits kam (Abkömmling E. Dariani).

  7. vroni says:

    Auf Xing sind nur solche Deppen. Die wiederum ihre Deppen suchen (die ihnen wohl für Umme-Bezahlung die Blog-Adressen rausfuddeln). Dazu sage ich gar nix mehr, widerlich.

  8. Henning K. says:

    Nachtrag: und das Xing-Profil von Herrn Herr ist (mittlerweile?) mit dem Klon verlinkt.

  9. Henning K. says:

    @Thomas Knüwer:

    Inhaltlich weitestgehend d’accord, aber kann es sein, dass hier fayble.de und faybl.de durcheinander gekommen sind? Bei letzterem handelt es sich um den erwähnten Twitter-Klon, erstere Domain ist weder auf Herrn Herr, noch auf Herrn Alles registriert (-> siehe Denic).

    Gruß
    hkr

  10. weltherrscher says:

    als d-blogger bekommt man mittlerweile auch coldcalls: “..Auf die Frage, woher die denn meine Tel.nummer hätten, sagte die Coldcall-Anfängerin:?Die Nummer ist nicht von ihrem Blo..[Hier hörte man dann eine anderen Person im Hintergrund, leider nicht zu verstehen, dann wieder die Anfängerin]..Sie haben bestimmt mal bei einem Preisausschreiben mitgemacht, daher haben wir ihre Telnr??..”

    entweder ist da ein fleissiger adresssammler auch im web unter den blogger unterwegs oder die nette dame am tel. meinte irgendwas anderes mit blo.. am anfang. man kann sich ja auch irren…*lol*

    es wird sicherlich nicht netter werden.

  11. Thomas says:

    Also wenn ich die Seite Aufrufe ist von “Schamlippenkorrektur die Rede” – insbesondere dann, wenn frau Probleme beim Radfahren hat.

    Das ist wirklich ein denkbar ungünstiges Aushängeschid für ein Unternehmen.
    Wenn ich sowas hier lese, dann denke ich immer: was sind das für Leute. All die Begriffe, die etwa der erste Kommentator dafür gelegentlich benutzt, die sind eigentlich noch zu zahm.

  12. Don Alphonso says:

    Abmahnen. Ganz einfach. Wirkt.