Ein Freund zu Schulzeiten konnte schon mit fünf, oder sechs Jahren Barock und Rokkoko auseinander halten und verabscheute die Oper zu Gunsten der Operette. Leider habe ich kein Foto von ihm parat, denn sonst würde ich es neben ein Bild der ersten Ausgabe des “Zeit”-Magazins stellen – das nämlich ist so wie er damals: schon bei der Geburt erwachsen.Eigentlich hat Herr Ix schon alles gesagt, was es zum neuen “Zeit”-Magazin zu sagen gibt. Zum Beispiel zum Magazin-2.0-Aufruf Christoph Amends, seine Leser mögen ihm Besinnungsaufsätze schreiben zu einer moralischen Frage (was so unbeholfen wirkt wie die Debatten-Seite bei Welt Online). Die Forderung nach einem Editorial aus der Feder von Matthias Kalle kann ich nach dessen TV-Rubrik “Kalle sieht fern” allerdings nicht nachvollziehen, da versucht einer, Stefan Niggemeier in der “FAS” zu kopieren – und scheitert.
Das “Zeit”-Magazin auf jeden Fall, strahlt eine bemerkenswerte Atmosphäre des Nie-Weggewesen-Seins aus. Das ist einerseits schön, weil es ohne großen Bohai daherkommt, andererseits schade, weil seine Innovationskraft gegen Null geht.
Die Qualität der Geschichten ist wechselhaft zwischen exzellent (Wallraffs Call-Center-Story), ordentlich (“Warum gibt es von diesem Gursky-Foto nur sechs Abzüge?”) und langweilig (“Warum Männer immer die falschen Sonnenbrillen kaufen”). Rundherum schlimm ist die Rubrik “Worte der Woche … die leider nicht gesagt wurden”: eine Spalte langweilige Unwitzigkeit tief unter “Zeit”-Niveau.
Und optisch? Erinnert mich an das “FAZ”-Magazin von einst mit seinen schwarzen Balken über den Seiten und seinen überfetteten Überschriften. Da hat dann Harald Martenstein schon recht, wenn er über Artdirektoren schreibt:
“Der Artdirektor verhält sich zur Kunst des sich schriftlich Ausdrückens wie der weiße Tiger Montecore zu dem Zauberer Roy, wie eine kalte Dusche zur Erotik oder wie die Klimakatastrophe zu den Gletschern der Alpen.”
Und ich als Freund der Martenstein-Kolumne forderer hiermit: Weniger Artdirektor, mehr Martenstein. Ich lese die “Zeit” wegen ihrer Texte, nicht wegen ihres Weißraums.










15 Kommentare zu ““Zeit”-Magazin: Erwachsen geboren”
Die “Zeit”-Leser als libidinöse Speerspitze – schön, wenn die “Generation Mohr” ihre Jugend so verklärt.
)
Die “Zeit” liefert Journalismus-Simulation, da ihre besserverdienende Klientel irgendetwas zwischen “Betroffenheit” und “Bestandswahrung” hören will – legendär der Artikel mit Lüpertz, der einem hemmungslosen Wessi-Materialismus das Wort redete. *lol*
… zum Thema Martenstein: ich bin ja nun kein Anti-Deutscher aber lieber 5* Gremliza als 1* Martenstein, eine der ganz großen Print-Schnarchnase.
Hm. Ich bin 21 und kenne die Zeit nur als diese riesige Papierwüste (die ich trotzdem sehr gerne lese). Was ist so besonders daran, dass der Teil “Leben” jetzt in Din A4 kommt? Der Inhalt ist derselbe, und auf den kommt es mir an.
Wer lesen kann, ist klar im Vorteil, lieber Herold.
Ich habe dich persönlich nicht der Generation zugeordnet, die damals immer in Karohemden in den Ecken standen und neidisch waren. Ich habe dich dem Chor derjenigen zugeordnet, die “links-liberal” konsquent mit “lamoryant” etikettieren. Deren Vorsänger sind die Typen, die man mit Neokons bezeichnen kann, was mit neoliberal nicht im unmittelbaren Wirkungszusammenhang steht. Aber wo habe ich das verwechselt?
Es ist auch gar nicht Debatte, ob sich die ZEIT gegen irgendwas gestemmt hat – ist ja auch eher kein Stemmblatt. Sachich doch: Journalistische Qualität ist in deinen Augen Attitüde (oder sogar Pose) und in den Augen des Chores auch.
Lieber Rainer, für “Bräute in den Jahren ´67 bis ´77″ bin ich noch ein bißchen zu jung.
Im übrigen sollte man vllt. noch einmal das eine oder andere Lexikon heranziehen, auf daß man nicht “neoliberal” und “neokon” verwechsle …
Ich kann im übrigen nicht erkennen, daß sich die *Zeit* mit “Qualitätsjounalismus” dem wirtschafts- und sozialpolit. Rechtsruck seit 1998 entgegengestemmt hätte … aber vllt. habe ich die entsprechenden Artikel nicht gelesen.
P.S. In Punkto “Attitüde” oder “Posen” steht die “Zeit” für mich vorne und zwar ganz vorne … sicherlich nicht nur für mich.
Lieber Herold, für deinesgleichen, die in den aufregenden Jahren immer ein bisschen Zu-spät- und/oder -kurz-gekommenen, ist links-liberal immer lamoryant, weil deinesgleichen alles, was kommt, affirmativ mit dem Sei-mal-realistisch Etikett beklebt. So singt der Chor der Neokons, der zwischen 67 und 77 einfach nie die wirklich scharfen Bräute abgekriegt hat – die Köche, die Mistfelder & deren Konsorten.
Damit sei nicht die ZEIT verteidigt. Für dieses Blatt steht mehr die journalistische Qualität, die für einen Neokon immer bloß Attitüde sein wird, weil er Handwerk nicht respektiert mangels Profitorientierung.
Stimme TK vollkommen zu. Es war ein echter Genuss, mal wieder eine richtig gut geschriebene Reportage zu lesen.
Da bitte ich zwei Ebenen zu beachten. Nicht nur die Informationen sind gut – die Geschichte ist sehr, sehr gut komponiert, hebt und senkt die Spannung sehr geschickt – das ist journalistisches Handwerk alter Schule.
Ich weiß nun wirklich nicht, was an der Wallraff-Geschichte “exzellent” sein soll. Erfahrungen von einem doch recht kurzen Ausflug ins Call Center werden mit ein paar Fakten angereichert. Eine große “Undercover”-Story ist das wohl nicht. Mittlerweile hat ja wohl jeder Student schon mal im Call Center gearbeitet und könnte Interessanteres (und detaillierter) berichten.
Auf dem Titel, das ist doch Harrison Ford, oder?
Die *Zeit* ist das Blatt der links-liberalen Larmoyanz – also jener Lesergruppe, die edle Gesinnung und “dafür bezahlen” idR und konkret seit 1998 fein auseinanderhalten konnte.
Es wäre nicht schade, wenn das Blatt von der Bildfläche verschwände … aber sei´s drum: in 5, 6 Jahren wird man dort sowieso nur noch Artikel über kukident und Heizdecken lesen können.
Ach, ja … Martenstein ist so öde, so uninspiriert, daß man weinen könnte. *ätsch*
Martin Fickinger: Es gab da mal eine Wirtschaftskrise, von der auch die ZEIT betroffen war.
Mehr Text?
Was haben Sie denn, Herr Knüwer?!
Die kürzesten Geschichten sind im Leben doch meist die aussagekräftigsten! Kleines Beispiel? Gerne, und zwar von … Seite 68 des aktuellen Zeit-Magazins:
“Angenehme Frau, 40, sucht Mann mit Haus am Meer. Telefon 0170/8439520″
Ende.
Hoffentlich knüpft es an das Niveau von damals an. Warum aber gab es das Zmgazin solange nicht und warum kommt es jetzt zurück?
Es gibt sie noch, die guten Dinge… Und auf “Innovationskraft” sch… pfeif ich im Bereich des gedruckten Journalismus. Ich bon so froh, dass es wieder da ist, dass ich kritisch nicht sein mag.
Martenstein hat Recht: Den Artdirektor (wie die meisten anderen sinnlos Kreativen, die auch nur ne Art Direktor sein wollen…) muss man stoppen; der hat doch tatsächlich die Typografie des Sudoko-Rätsels verändert! Hirnriss!!!
Son Quatsch.
Ein guter Artdirektor verhält sich zu Roy wie Siegfried, oder wie Merkel zu Helmut.
Dann kommt etwas dabei heraus.