»Thomas Knüwer 07. May 2007, 09:47 Uhr

Staun über die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”

Derzeit ärgert mich an Berufskollegen eine Haltung, die ich als Pippi-Langstrumpf-Syndrom hiermit copyrighten möchte: Sie spiegelt sich wieder in einer Recherche nach dem Motto “Ich mache mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.” Jüngstes Beispiel: die “FAS” von gestern.Eigentlich habe ich keine Lust mehr, darüber zu schreiben, wenn die “FAS” über Internet-Themen schreibt. Vielleicht gehöre ich ja zu einer Minderheit: Aber mir können es die Kollegen nicht recht machen.

Doch ein Artikel von gestern reizt einfach zu einer Replik. Er heißt “Wo seid ihr?” und trägt den Untertitel “Seit Jahren revolutionieren Blogs jetzt schon die Medien. Warum nur merken wir davon nichts?”.

Auf diese Frage fallen mir einige böse Antworten ein. Zum Beispiel: “Liebe Kollegen, geht mal einen Stock höher.” Denn vor einiger Zeit traf ich einen Kollegen der “FAZ” und als der von meinen Internet-Aktivitäten hörte, berichtete er stolz, er habe ja nun auch endlich mal Kollegen aus der Online-Redaktion kennengelernt. Die hätten während der WM einen Großbildfernseher gehabt und da habe er festgestellt: “Die sitzen ja einen Stock höher, direkt über uns.”

Der Entdeckungsdrang der Frankfurter Redaktion scheint also auf non-digitales beschränkt, zumindest bei einigen von ihnen. Dann hätten sie vielleicht auch festgestellt, dass Blogs nur selten von sich behaupten, die Medien revolutionieren zu wollen. Vielmehr erscheint mir dies die Hoffnung zu sein, die so mancher frustrierte Redakteur altgedienter Medien in sie hineinprojeziert, auf dass Weblogs ändern mögen, was die Redaktion nicht schafft: eine Rückkehr zu gutem Journalismus.

Und auch die Zwischenzeile des Beitrags wirkt dann etwas merkwürdig: “All der Wahnsinn, den die Blogger für sich reklamieren, verpufft im harmlosen Gestus eines ,Ich mein ja bloß’.” Denn wenn man eines den Blogs nicht vorwerfen kann, dann ist das Meinungsschwäche.

Überhaupt dreht sich der Kollege Harald Staun als Autor die Welt eben so, wie er sie gerne haben möchte. Da wird dann munter behauptet, dass statistisch jedes Blog 30 Leser hat – doch verschwiegen wird, wie stark die Schwankungen sind. Die nur wenig genutzte Empfehlungsfunktion von Blogscout wird als Maß der Relevanz von Artikel gewertet.

Überhaupt: Relevanz. Staun schreibt:
“Jeder darf schreiben, worüber er will, und dass dabei gerade jene Blogs am erfolgreichsten sind, die sich mit vermeintlichen Marginalien beschäftigen, dafür können die Autoren ja nichts….
Die Stärke der Blogs liegt gerade in der obsessiven Beschäftigung mit obskuren Nischeninteressen in einer Sorgfalt und in einem Umfang, die sich kein ,Mainstream-Medium’ leisten kann. Der Autor taugt nicht zur Instanz.”

Ähm, bitte? Schauen wir uns einmal die meistverlinkten Blogs an, die auch Staun in seinem Artikel als Maßstab nimmt:
1. Bildblog - obsessive Beschäftigung mit Deutschlands größter Tageszeitung.
2. Basic Blog - buntes Spektrum, zwischen wichtig und unwichtig.
3. Spreeblick - mit Themen wie Gewerkschaften vs. Coke in Südamerika oder Umgang mit der RAF. Kann man unwichtig finden, wenn man bei einem Blatt arbeitet, das keinen Zweifel daran lässt, wie man mit der RAF umzugehen hat.
4. Law Blog - Recht. Für die “FAS” vielleicht ein Nischenthema. Aber lassen Sie das nicht meinen geschätzten Ex-Kollegen Jahn merken, der jetzt Rechtsthemen bei der “FAZ” betreut.
5. Blogbar - Internet-Themen. Für die “FAS” wahrscheinlich ein Nischenthema. Ein Nischenthema, dem sie bemerkenswert viel Raum widmet.

Und so geht es weiter. Natürlich nehmen das Internet und Klein-Bloggersdorf selbst viel Platz ein. Doch schreiben Zeitungen auf ihren Medienseiten auch weit mehr über Medien, als es die Themen rechtfertigen würden. Welche Branche wird zum Beispiel in der Rubrik “Die lieben Kollegen” in der “FAS” jede Woche mit Klatsch gefüttert? Richtig. Medien.

Vielleicht ist ja ein Durchblättern der “FAS” in punkto Beschäftigung mit Nischeninteressen die Zeit wert?

Aufmacher ist in dieser Woche zum Beispiel eine Geschichte über Werbung an Schulen. Obwohl es gar keine Werbung ist, sondern Sponsoring. Das ist ein wichtiger Unterschied in diesem Fall, wie uns Autorin Cornelia von Wrangel aber verschweigt. Denn Werbung an Schulen ist in den meisten Bundesländern verboten – Sponsoring nicht. Natürlich würden die meisten Unternehmen lieber kostengünstigere Werbung platzieren, statt viel Geld für Lehrvideos und Broschüren zu zahlen.

Der Artikel also dreht sich um Unterrichtsmaterialien in geradezu obsessiver Länge. Ich frage mich dabei: Ist dies die Platzierung eines Themenstrangs unter bewusster Weglassung wichtiger Informationen – oder gehört von Wrangel zu jenen Kollegen, von denen Harald Staun in seinem Artikel berichtet, dass sie keine Weblogs lesen? Denn das Thema Schul-Werbung köchelt ja gerade ein wenig hoch. Zunächst gab es die sachbeschädigende Dummbeutel-Aktion der Schülerplattform SchuelerVZ, nun sind anscheinend weitere Aktionen geplant, die sich mit den Gesetzen in vielen Bundesländern nicht in Einklang bringen lassen. Diese Geschichte also würde wunderbar in das Stück von von Wrangel passen – taucht aber nicht auf.

Schauen wir uns weiter um in der “FAS”. Auf der ersten Seite finde ich Stücke, die mir den Atem stocken lassen – aus Langeweile. “Wieder Sticheleien in der Koalition – Struck gegen Schäuble. Krippen-Streit geht weiter.” So was finden nur Politik-Redakteure – Politik ist ja das neue Feuilleton – interessant. Etwas das “wieder” passiert und “weiter geht” haut jeder Journalismus-Dozent seinen Studenten um die Ohren. Oder “Heute: Royal gegen Sarkozy” – die “FAS” informiert uns, dass überraschend in Frankreich eine Wahl stattfindet. Oder: “Saufen, bis du Arzt bist” – Medizin-Erstsemester trinken am meisten Alkohol, sagt die Uni Marburg.

Auf der Seite 2 darf sich ein Gastautor mit der Sonderlichkeit beschäftigen, dass unterschiedliche Länder den Beginn des Zweiten Weltkriegs auf unterschiedliche Daten legen. Zum Thema Bundestrojaner schildert Oliver Trekkamp lang und breit die Entwicklung des Streits zu diesem Thema. Der in der Unterzeile gestellten Frage, wie das funktionieren soll, widmet er nur das letzte Drittel des Artikels.

Noch mikrointeressierter: Zur Bürgermeisterwahl in Bremen stellt uns die “FAS” nicht Programme und Kandidaten vor – sondern widmet die Hälfte des Stücks “Schaffern und Eiswette” und Werder Bremen. Oder die bunte Seite, die uns ein Interview mit Strongmen-Sportler Heinz Ollesch bringt, Lieblingsdisziplin: LKW-Ziehen.

Es folgt der Sport, den man vielleicht aus Minderheiten-Interesse sehen kann. Leider ist der Sportteil der “FAS” bei weitem nicht so gut, wie das, was die Kollegen bei der “FAZ” liefern.

Besonders bemerkenswert ist in dieser Woche der Wirtschaftsteil. Aufmacher: das Satellitensystem Gallileo, das nun am Ende ist. Leider gelingt es nicht, herauszuarbeiten, warum dieses wichtig sein soll. In einer Woche, in der es bei Siemens weiter brodelte, sich Mega-Fusionen im Medienbereich ankündigen und ein russischer Investor die Baubranche aufmischt, findet die “FAS” andere Themen. Zum Beispiel einen Ernährungswissenschaftler, der über den Unsinn von Diäten befragt wird. Wirtschaftsressort? Oder Verbraucherressort? Mehrere Artikel in dieser Woche ließen sich problemlos anderen Teilen des Blattes besser zuordnen. Eine blasse Geschichte über das Murdoch-Angebot an Dow Jones findet sich. Und auch Siemens taucht auf: In einer hanebüchenen Story über die Macht der PR-Leute, in der Georg Meck allen Ernstes behauptet:
“Die Spin-Doktoren gingen so offensiv und ungeschickt vor, dass sich die Siemens-Aufsichtsräte provoziert fühlten und dem Vorstandschef unterstellten, er wolle über öffentlichen Druck eine Vertragsverlängerung erzwingen. Das Ergebnis ist bekannt: Heute sucht der Konzern einen neuen Chef.”

Kleinfeld musste wegen seiner PR-Leute gehen – eine erstaunlich simple Sicht der Dinge. Und überhaupt geizt Meck mit Beispielen für die Macht der Berufskommunikatoren, wirft munter Personality-PR und Finanzkommunikation durcheinander. Ein wenig mehr obsessive Beschäftigung mit dem Thema wäre schon gewesen.

Solche höchst mittelmäßigen Stücke finden sich reichlich in der jüngsten Ausgabe der “FAS”. Sprachlich sind sie alle hübsch – doch oft mies konstruiert, überlang, fantasielos. Selbst die von mir so geschätzte Sibylle Berg beendet eine Theaterkritik so, wie es sonst nur in Lokalblättchen zu finden ist:
“Hut ab vor diesem gelungenen Abend, der überraschenden Botschaft, der komplexen Regie und dem amüsanten Spiel aller Akteure!”
Fehlen nur noch geschwungene Tanzbeine und die Darreichung von Speis und Trank.

Wo wir aber gerade dabei sind: Sind Theaterkritiken über ein Stück, dass mit viel Glück eine fünstellige Zahl von Menschen sehen kann, nicht verschwendeter Platz? Was soll ich anfangen mit einer Kurzkritik über einen “Klassikabend der Deutschen Grammophon”, der nicht noch einmal stattfindet? Hat da jemand Mikrointeressen gerufen?

Schließlich endet das Blatt mit zwei Artikel, die mich fragen lassen, ob ich mein Abo nicht kündige. Eine Seite widmet die “FAS” der Software DXO, von der ich bisher nichts gehört habe. Bemerkenswert ist bei diesem intensiven und lobhudelnden Text vor allem die fehlende Einordnung des Programms und die suchmaschinenoptimierende, ständige Nennung des Herstellernamens DXO.

Zuvor, im Reiseteil darf Michael Winter sich zwar über den Text schreiben lassen “Ayurveda im indischen Kerala – und was davon zu halten ist”. Doch er mag sich mit dieser kritischen Einordnung nicht abgeben. Offensichtlich hat er eine hübsche Reise bezahlt bekommen, vor Ort eine Dame namens Melanie und viele angestellte Ärzte getroffen – und seiert dies nun als journalistischen Artikel ab. Leider ein typisches Beispiel für den bedauernswerten Zustand des Reisejournalismus.

Der Anteil der Mikrointeressen-Geschichten in der “FAS” ist letztlich ebenso hoch wie bei Weblogs. Und das dürfte beide Seiten erschrecken. Der Anteil der Blogger, die sich, wie Staun es wünscht, “nicht nur an Kochrezepten und Youtube abarbeiten, sondern an abseitigen Themen wie dem Klimawandel, dem Theater, der SPD oder der deutschen Außenpolitik” ist ebenso hoch wie der Anteil der “FAS”-Mitarbeiter, die über saufende Medizinstudenten schreiben, über bezahlte Öl-Kuren oder das Raucherabteil.

Fast am Ende seines Textes aber schreibt Staun:
“Es bleibt die Hoffnung, dass mit der Etablierung des Mediums auch altgediente Kriterien wie Textqualität und Originalität wichtiger werden”. Nein, damit meint er nicht seinen eigenen Arbeitgeber.

Nachtrag: In Frankreich, der europäischen Mutter des Polit-Diskurses, sieht man Blogs ganz anders. Das beweist, mit herlichem Dank für den Hinweis an Felix Mann, ein Artikel aus dem “Figaro”.

»Thomas Knüwer 07. May 2007, 09:47 Uhr

    22 Kommentare zu “Staun über die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung””


  1. Rene Kriest says:

    Die FAZ ist ohnehin ziemlich schmerzfrei, zumal die FAS.

    Jahrelang wähnt sich die FAZ ob ihres nunmehr vielbelachten Wirtschaftsteils als Gralshüter der Wirtschaftsrationalität, doch im eigenen Hause peilt man es nicht, daß man vor ein paar Jahren knapp am Konkurs vorbeigeschrammt ist. Andern erzählen, was Sache ist kann jeder.

    Mir ist es ehrlich gesagt scheißegal, was die Altherrenriege der FAZ/FAS von Blogs hält. Ich wette, daß viele der sogenannten FAZ/FAS-Experten nicht einmal in der Lage sind, fehlerfrei ihren Rechner anzuschalten.

    Schon immer war die erzkonservative FAZ fortschrittsfeindlich. Belächelt wurden unter anderem Handys (vor allem im Feuilleton), das Internet und nun auch Blogs. Irgendwann einmal sprang man dann auf den Zug auf getreu dem Motto, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.

    Ich halte jede Wette, daß in zwei, drei Jahren die FAZ ganz schnell in Sachen Blogs nachziehen wird. Irgendwie muß man ja der sich im gesetzten Alter befindlichen Leserschaft verklickern, was da draußen in der (Internet-) Welt so abgeht, bevor es endgültig zu spät ist.

  2. czz says:

    Sind very amused über Simultanwahrnehmungen der Staunschen Killerphrasen sowie die Losung des “Pippi Langstrumpf-Prinzips” (PLP).
    Mit den drei Hauptthesen ?KEINER LIEST ES? / “SELBSTBEZOGENHEIT DER SZENE” / “LEERE NISCHEN IM LONG TAIL” gibt und kippt Staun die – - remember ? – - Debatten über Not/ -Wendigkeiten des Feuilletons auf die Blogger herunter. – Das ist ebenso klassischer Bullshit (H. Frankfurter) wie die Bloggerinnen-Debatte, wo ebenfalls durchgerostete Diskurs-Vehikel geparkt werden. – -
    Blog Horn Ochsen 1 + Blog Horn Ochsen 2 | Klassische Kuh @ http://www.inadäqu.at

  3. Torsten says:

    Blogbar behandelt “Internet-Themen”? Vor Jahren vielleicht einmal. Jetzt ist es “Ego-Marketing”.

  4. Ich verstehe – ehrlich gesagt – diesen ganzen Beitrag nicht. Staun hat ja nicht behauptet, dass die Blogger sich selbst für Revolutionäre halten. Die Diskussion, auf die er sich bezieht, findet doch innerhalb der klassischen Medienwelt statt. Und da ist es doch wohl richtig, mal innezuhalten und zu fragen, ob die Entwicklungen wirkich in die Richtung gehen, die seit jahren prognostiziert wird.

    In seiner Analyse hat Staun völlig recht. Das kann den bloggern selbst doch aber völlg egal sein. Warum die Aufregung?

  5. Yep, das glaub ich auch, dass das spannend werden könnte. Und anschließend hängt mein Bild dann an jeder Dart-Scheibe des “FAZ”-Gebäudes.

  6. Lieber Thomas,
    es freut mich sehr, dass Du unsere Zeitung sonntags so aufmerksam und intensiv liest. Wir sollten Dich wirklich einmal zu einer FAS-Blattkritik einladen. Das könnte richtig spannend werden!
    Herzliche Grüße vom Ex-HBler
    Thomas Schmitt

  7. jo says:

    Marnem: Danke für die Blumen. Leider muss ich da was geraderücken ,)

    Eigentlich bin ich nämlich gar kein Blogger. Angefangen habe ich vor Urzeiten bei der Schülerzeitung. Mit 14 oder 15 konnte ich dann meine ersten Artikel und Bilder an unsere beiden Lokalzeitungen verkaufen (Reitsport ist und war eine Marktlücke. Kann ich empfehlen).

    Im Studium (Was mit Medien & Journalismus) dann Offener Kanal (vor Ort mit aufgebaut), bisschen Werbefilmerei und nicht ganz so schöne Jobs für diverse Printmagazine (irgendwann auch online).

    Über die Odem.org-Geschichte bin ich dann um 2002 im Journalistennetzwerk Jonet (jonet.org) gelandet. Blogs (Medienrauschen, jetzt auch nicht das typische Katzenbilderbefindlichkeitsblog) kamen erst im Sommer 2004 dazu.

    Für die FAS schreibe ich wohl nicht zuletzt auf Empfehlung von Stefan Niggemeier, der tatsächlich nur meine Blogtexte kannte (Oder?). Dort bin ich aber weder Blogger/Evangelist, noch versuche ich in meinen 75 Zeilen/Woche die Welt zu erklären. Macht aber trotzdem Spaß.

    PS: Es gibt in Frankfurt nette Kollegen, die sich ganz vorzüglich mit dem Internet auskennen ,)

  8. Rainersacht says:

    So langsam entwickelt sich das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten zu einem Hund-Katze-Problem: Wenn der Journalist mit dem Schwanz wedelt, denkt der Blogger, er würde angegriffen…

  9. Bücherwurm says:

    Die Kritik an dem DXO-Artikel kann ich nicht nachvollziehen. Das ist tatsächlich eine kon-geniale Software, die Fehler von Objektiven digitaler Kameras ohne großen Aufwand ausgleicht. Ich hatte mich beim Lesen des Artikels viel mehr gefargt, ob die Vorteile von DXO nicht schon überall bekannt sind. Ihre Reaktion (“von der ich bisher nichts gehört habe”) beweist aber das Gegenteil. Was an DXO nervt, wird in dem Artikel klar genannt: der umständliche Kaufprozess via Internet und die hakelige Zwangsregistrierung/aktivierung.

  10. Tinbox says:

    Gerade Sonntagszeitungen und Wochenendbeilagen verwechseln nicht zeitkritische, wichtige Themen sehr oft mit belanglosen und solchen, die außer dem Autor (und seiner Entourage) praktisch niemanden interessieren. Ich stelle mir vor, viele freie Autoren landen ihre Geschichten mit dem Argument: “Das habt ihr exklusiv.” Der Redakteur greift zu, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Dass das nur mit exklusiven Geschichten gelingen kann, die mehr als fünf Leser interessieren, vergisst er in der Hektik völlig.

    Redaktionen gehen zudem gerne davon aus, dass sich der Leser schon den Themen zuwenden wird, die ihm gefallen. Aber selbst ich als jahrzehntelanger Newspaper-Addict ertappe mich immer öfter dabei, wie ich ganze Bücher einfach durchblättere, ohne irgendwo hängen zu bleiben. Das liegt auch am Internet: Zu interessanten Themen habe ich mich meist schon im Web informiert, auf Nachrichten-Seiten und in Blogs. Hier erhalte ich auch, was mir am wichtigsten ist: Verschiedene Meinungen und Sichtweisen zu einem Thema. Zeitungen bieten dagegen zwar Themen- aber keine Meinungsvielfalt. Und um zum Schluss wieder die Kurve zu kriegen: Die würde ich mir gerade am Wochenende auch von Print wünschen. Derzeit habe ich aber nur die Wahl zwischen Agentur-Müll, wiedergekautem der Woche und Lifestyle-Gedöns.

  11. sapere aude says:

    da schreibt ein medienjournalist einen langweiligen blog-abgesang-me-too-artikel und ein anderer medienjournalist und blogger steigt drauf ein … mannmannmann. staun hat keine ahnung von blogs und darf 1,2 millionen menschen davon in kenntnis setzen. das ist zwar ungerecht – aber eigentlich wurst. eine zeitung, die gewerbliche beiträge, die von redaktionellen nur durch den lustigen zusatz “sonderbeilage” (in mattem grau über der WERBUNG) zu unterscheiden sind, oder die mal eben so am nachmittag runtergerissene artikel ohne sinn und substanz in druck gibt, hat mängel, die von lesern bemerkt werden … das ist wie bei blogs … nur haben nur-blogger weniger zu verlieren. deshalb läßt sie dieser (sta)unsinn eigentlich kalt … wenn da nicht irgendwelche blogger drauf einsteigen würden :o )

  12. Lange nicht mehr so eine gelungen Blattkritik gesehen und gelesen. Spricht mir aus der Seele. Gerade die Schulgeschichte zeigt, dass leider auch die FAS gerne Story mal eben schnell zusammenrecherchiert und passend gemacht. Offensichtlich geht es vielfach nur noch darum eine Erwartungshaltung des Lesers zu erfüllen. Kein Wort darüber, dass die Schulen in Berlin schon beinahe mit Preislisten fürs Sponsoring herumwedeln. Als Fachredakteur bekäme man das Ding um die Ohren gehauen.

  13. SvenR says:

    Ganz meine Meinung. Die FAS ist die einzige Offline-Publikation, die ich noch regelmäßig lese. Ansonsten kucke ich mir offline meistens eh nur die Bilder an (Nein, ich schreibe hier nicht von nackten Frauen, mehr so Häuser, Möbel, Autos, Lebensmittel, manchmal auch Promis usw. usf.).

    Den Artikel von Staun fand ich merkwürdig. Es liest sich ein wenig wie eine Abhandlung eines Blinden über Farben, der sich als erstes rechtfertigt: “ich sehe ja nichts”.

    Ansonsten fand ich die letzte FAS sehr lesenswert. Neben der Niggemeier’sche Ergänzung, den Artikel über die türkische “Direktorin”, den anderen Ernährungswissenschaftler (ok, ich bin auch ein bischen adipös) oder das Wolkenkratzerfestival-Spezial. Es gab schon schwächere Ausgaben.

  14. Die FAS an sich ist nicht schlecht, aber einzelne Artikel sind es. Und die zu kritisieren, ist das gute Recht eines sorgfältigen Bloggers.

  15. Wenn meine Argumentation schwach ist, bitte ich um explizite Gegenrede. Dafür sind die Kommentare da.

    Über das Handelsblatt schreibe ich hier nichts Negatives. Das ist nun mal so, ich bin hier angestellt. Wenn Sie sich aber dazu auslassen möchten, stehen Ihnen selbstverständlich die Kommentare offen.

  16. LBK says:

    Ach Gottchen, da fühlt sich aber ein ganz “wichtiger” Blogger ja mal wieder richtig angepinkelt. Die Art und Weise, in der hier Kollegen von der Konkurrenz per Generalabrechnung durch den Kakao gezogen werden, ist unter journalistischen Aspekten als unsouverän zu bezeichnen. Mein Arbeitgeber ist nicht die FAZ/ FAS. Aber ich bin einer ihrer Abonnenten. Zur Generalkritik nur soviel: Ihr Kommentar ist meinungsstark, aber argumentationsschwach. Im Gegensatz zu Ihrem Blatt kann man der FAS immerhin zugute halten, dass es ihr gelungen ist, ein neues Zeitungsobjekt im Markt erfolgreich zu etablieren. Die Leser der FAS werden wissen, warum sie sie lesen. Setzen Sie sich doch einmal mit einer Neupublikation aus Ihrem Hause auseinander: Wie wäre es mit der BusinessNews, quasi die WELTkompakt für Arme?! Mit Vorfreude erwarte ich dazu Ihren Kommentar…

  17. Weltenweiser says:

    Typisch ist auch wieder, daß der ganze Artikel ohne einen einzigen Link auskommt. Hätte de rAutor die Themen der Blogosphäre wirklich in letzter Zeit verfolgt, wäre der Artikel etwa sanders ausgefallen. Wobei das nicht ins Konzept gepasst hätte, über Dinge wie digg.com zu schreiben.

  18. @thomas
    axso..:-)
    ich dachte schon.

    mir ist neulich in “reallife” sowas passiert:
    spiegel gekauft, aufgeschlagen, und wollte doch in der themenübersicht auf den titel klicken. meine hand führte meinen finger, wie von der heiligen-maushand-prophezeit, auf den titel und ich klickte. bis ich merkte das ich offline soviel klicken kann, wie ich will, dennoch passiert da nix. peinlich, peinlich..

  19. Nessy says:

    [...] Der Anteil der Mikrointeressen-Geschichten in der “FAS” ist letztlich ebenso hoch wie bei Weblogs.[...]

    Und das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die FAS als Generalist Journalisten ins Rennen schickt, die als Gatekeeper die Aufgabe haben, die Leser über relevante Ereignisse und Entscheidungen zu informieren und ihnen bei der Meinungsbildung behilflich zu sein, während Blogs und ihre Autoren als Spezialisten antreten. Ein grundlegender Unterschied.

  20. @Weltherrscher: Das war der Versuch selbstreferenzieller Ironie. Ist schief gegangen.

  21. Ich möchte darauf jetzt gar nicht groß eingehen, weil dem nicht mehr vie hinzuzufügen ist. Nur so viel: Mich ärgert es, dass Harald Staun so viel schreibt und Stefan Niggemeier kaum noch zu Wort kommt.

  22. *in die hände klatsch*

    lustig ist allerdings:
    “…Schließlich endet das Blatt mit zwei Artikel, d suchmaschinenoptimierende, ständige Nennung des Herstellernamens DXO…”

    was ist denn damit genau gemeint?
    googelt google jetzt auch schon in offline-print-produkten nach namen?
    :-)

    oder hab ich es falsch verstanden und du meinst eine onlineseite?

    ansonsten ist die herbeigerufene kampfsimulation des herrn staun ähnlich, wie der kampf morgens auf dem frühstückstisch “wurst vs. käse”.