»Thomas Knüwer 10. April 2007, 14:31 Uhr

Kollegen, für die ich mich schäme

Journalisten haben kein gutes Image. Und angesichts zweier parkender Autos aus meiner jüngsten Vergangenheit, kann ich das absolut nachvollziehen.Mancherorts gibt es noch satte Journalistengehälter. Oder extrem ordentliche Dienstwagen für diese Berufsgruppe. Oder satt verdienende Menschen, die aus irgendeinem Grund Mitglied des Deutschen Journalistenverbandes waren oder sind – und deshalb entsprechende Insignien mit sich führen.

Auf jeden Fall war es schon peinlich genug, dass an einem der vergangenen Samstage diese neue Mercedes-S-Klasse in der Düsseldorfer Innenstadt parkte. Zum einen, weil der Besitzer unbedingt meinte, mit einem “Presse”-Schild protzen zu müssen:

Vor allem aber, weil ein genauer Blick auch noch auswies, dass das Protz-Schild gar nicht mehr gilt. Abgelaufen. Im Jahr 2005. Ohnehin habe ich im Kopf, dass diese Autoschilder, die an keinem Ort der Welt irgendeine rechtliche Bedeutung haben, nicht mehr ausgegeben werden.

Na gut, denkt man sich, ist halt Düsseldorf, eine mit Profilneurotikern erfüllte Stadt. Dann aber, auf dem Weg gen Norden, machte ich am Osterwochenende Station bei Muttern in der Heimat. Senden, genauer gesagt.

Dort parkte an einer Lokalität wieder ein Auto, wieder ein Mercedes. Diesmal aber nicht nur mit einem nicht-offiziellen “Presse”-Schild – sondern auch, trotz Parkplatzmangels, noch quer über zwei Einstellplätze:

Nein, das war kein Kurzzeitparken. Mindestens eine Stunde stand er so da. Das Coesfelder Kennzeichen wies ihn als Einheimischen aus, was nur wenige Möglichkeiten offenlässt. Zum Beispiel könnte es ein abgebauter Mitarbeiter der “Münsterschen Zeitung” sein, der sein gesunkenes Selbstbewusstsein derart kompensieren möchte; oder ein Rivale von den “Westfälischen Nachrichten”, der sich nun als Platzhirsch geriert; ein Lokalfunker von Radio Kiepenkerl (ja, der Sender heißt wirklich so); oder ein Anzeigenblättler vom “Kreiskurier”. Vielleicht aber auch nur ein armes Würstchen, das hofft, um Strafmandate rumzukommen.

»Thomas Knüwer 10. April 2007, 14:31 Uhr

    13 Kommentare zu “Kollegen, für die ich mich schäme”


  1. 7an says:

    presseschilder sind cool. hab auch n abgelaufenes. muss mal n neues holen. peinlich ist es aber, wenn die dinger dauerhaft an der scheibe hängen. und diese “selbstgemachten” blechschilder gehen schon mal gar nicht.

  2. Ute says:

    Nun kloppt doch nicht so auf dem Herrn Kollegen rum, das ist ein netter Typ an und für sich und macht seit Jahren engagierten und guten Lokaljournalismus – sofern er noch dabei ist. Auffm’ Land genießt man mit so einem Schild eben noch ein gewisses Ansehen – ist natürlich schon ein bisschen albern. Aber, liebe Leute, wenn ich mir die Allüren so manch anderer Journalisten ansehe (z.B. der Hosenträgerfraktion), ist das doch wirklich Firlefanz.

    PS Wer war denn da mit Muttern Spargel kaufen? Oder etwa Torte essen?

    @ Kosmar: Bloggerschild ist schön! Weiß nur keiner, was das ist, bei uns affm Land – aber vielleicht sollte man es gerade deswegen mal ausprobieren.

  3. Ralf says:

    Noch besser sind die GdP Aufkleber

  4. flatter says:

    Nun, “Presse”, “Arzt” “Security” oder was auch immer – erwartet Ihr von solchen Extensionsbedürftigen wirklich, daß sie “Arschloch” auf ihre Autos schreiben?

  5. Björn Grau says:

    “Die Allgemeine Zeitung (AZ) erscheint als führendes Medium im Wirtschaftsraum Coesfeld.” Da darf Journalist dann wohl auch sonderparken, oder?

  6. Jens says:

    @Thomas Knüwer:
    Es könnte auch jemand vom neuen Aschoff-Blatt “Hallo Münsterland” (bzw. der Sonntags-Ausgabe “Hallo Sonntag”) sein, die inzwischen die Medienlandschaft vor Ort bereichern…

    Aber meines Wissens (bin nicht DJV’ler) verteilt der DJV noch entsprechende Autoschilder.

  7. kosmar says:

    man sollte sich vielleicht mal ein blogger-schild zulegen ?

  8. Chat Atkins says:

    Eine Kombination einschlägiger Schilder wäre noch wirksamer. Zum Beispiel: “Presse im Notarzteinsatz mit eiligen Medikamenten für die Organtransplantation”.

  9. Oscar says:

    Haben wir als kleine Volontärsfuzzis nicht alle davon geträumt, mit unserem Presseschild im Auto überall durchzukommen und nach Zücken des Presseausweises ebenso überall – natürlich umsonst – reinzukommen?

    Mancher kommt über dieses Stadium aber nicht hinaus. Ich wüsste Chefredakteure, die auch heute noch beim Ausflug mit der Familie den Presseausweis zücken, um den Eintritt für Museum oder Zoo zu sparen.

  10. calcaneus says:

    meine person als aussendienstler im pressegrosso hat ein solches “eilige presse” schild an der windschutzscheibe auch schon bei dem ein oder anderen kölner knöllchenschreiber vor zu viel eifer geschützt.

  11. Tim Lochmüller says:

    Profil-Neurotiker haben in unserem weitgehend unregulierten Berufsfeld schon immer ein Refugium gesucht – und oft gefunden.

    Der/die Besitzer(in) des unteren Autos muss dabei noch nicht mal unbedingt dazugehören.

  12. mona_lisa says:

    Sieh es doch mal von der sportlichen Seite – Du hast es nicht nötig, Dich auf diese Weise profilieren zu müssen.

  13. Die Presseschilder für Autos werden noch ausgegeben, müssen aber meist extra bezahlt werden. Zumindest hier in Jena retten sie in schwierigen Situationen kurzeitig vor dem Knöllchen. Wenn das Schild allerdings so wie in deinem Artikel beschrieben eingesetzt wird, rettet es nichts und vor allem niemanden mehr.