»Thomas Knüwer 14. March 2007, 18:20 Uhr

Tendenz zum Blödsinn

Früher beinhaltete Tendenjournalismus die politische Kommentierung in eine bestimmte Richtung. Heute bedeutet Tendenz: Ich peitsche meine vor der Recherche gefasste These durch bis es blutet. So wie in der jüngsten Ausgabe des “Manager Magazins”.Ich weiß nicht, ob es so passiert ist. Ehrlich. Aber ich könnte es mir gut vorstellen.

Dass es nämlich beim “Manager Magazin” hieß: “Wir müssen jetzt mal was gegen Google schreiben. Haben die viel zu lang nicht gehabt. Und das kann doch nicht so weitergehen. Kurs ist doch auch schon unten.”

Und so machte Eva Müller und dreht sich die Fakten so zurecht, dass es ganz, ganz schlecht steht um Google – leider ist der Artikel noch nicht online.

Auszüge:
“Das lukrative Geschäft mit der lokalen Recherche beherrscht das US-Unternehmen nur unzureichend.”
Lukratives Geschäft mit lokaler Recherche? Wo hat das “MM” denn dies ausgemacht?

Zu den Problemen in Russland (die vor allem technischer Natur sind):
“Eigentlich müsste Google den Zukunftsmarkt längst erobert haben. Schließlich wurde Mitbegründer Sergey Brin noch zu Zeiten des Sowjetregimes geboren.”
Na klar. In seinen Lebensjahren null bis fünf wird er sicher viel mitbekommen haben, bevor er im Alter von sechs Jahren in die USA kam.

Zu China:
“Anfang Januar investierten die Möchtegern-Weltenherrscher…”
Wo hat Frau Müller denn diese Attitüde gefunden?
“… in Xunlei, eines der am schnellsten wachsenden Internet-Startups Chinas, und kündigten eine Kooperation mit China Mobile an. Doch mit der Partnerstrategie scheiterten bereits Web-Gurus wie Ebay oder Amazon im Reich der Mitte.”
Und weil schon Ebay und Amazon mit dieser Strategie und anderen Partner nicht zurecht gekommen sind, wird es auch Google passieren. Bemerkenswerte Argumentation.

Dann das Thema lokale Suche. In der Tat ist Google dort oft nur bedingt hilfreich. Doch das liegt vor allem an Portalen wie Meinestadt.de die das alleinige Ziel haben, Nutzer auf ihre Werbung zu locken, statt ihnen Informationen zu liefern. Und natürlich an Unternehmen wie der Deutschen Post, die keine Lust haben, sich im Internet auffindbar zu machen.
Lustig aber ist die Behauptung:
“Zum anderen bietet das Online-Werbegeschäft mit Pizzaboten und Schlüsseldiensten enorme Wachstumsmöglichkeiten.”
Da werden wohl die finanziellen Möglichkeiten von Schlüsseldiensten und Pizzaboten ein wenig überschätzt.

Eine möglicherweise verfehlte Wahrnehmung steckt auch hinter diesem Satz:
“Unter den ersten zehn Treffern – und mehr schaut sich kaum jemand an – finden sich häufig nur Preisvergleiche und Blog-Einträge. Multimediaprodukte, die zur Anfrage passende Videos, Bilder oder Musikstücke präsentieren, existieren erst in Ansätzen.”
Und was könnte besser sein? Die Firmen-Webseite mit PR-Matsch? Wer ein Produkt sucht, hofft meist, den günstigsten Anbieter zu finden – oder eine neutrale Kritik. Welche Multimediaprodukte sich das “Manager Magazin”, selbst ja multimediafrei, zu finden erhofft, wird es vielleicht noch mal irgendwann erklären.

Doch die gewagten Thesen gehen weiter:
“Die latente Unzufriedenheit der Surfer birgt die größte Gefahr für die Zukunft von Google. Sobald ein Angebot auftaucht, das einen substanziell besseren Service bietet, wechseln die Nutzer blitzschnell und in Scharen zu der neuen Site – dafür sorgt die virusartige Verbreitung beliebter Sites im Internet. Schließlich wurde auf diese Weise erst vor wenigen Jahren die damals marktbeherrschende Suchmaschine Altavista in kürzester Zeit von Google abgehängt.”
Latente Unzufriedenheit? Die bricht sich aber nur spärlich Bahn. Und wo die Angebote sind, die auch nur ansatzweise bessere Treffer liefern, darauf darf man gespannt sein.

Schauen wir mal, wenn das “Manager Magazin” so als Google-in-spe sieht. Hakia, zum Beispiel. Eine Suchmaschine, bei der man Fragen eingeben soll. Dauert zwar erheblich länger, liefert dafür aber auch schlechte Ergebnisse. Während Google bei Eingabe meines Namens – ich weiß: Eitelkeitstest – dieses Blog liefert, ist es bei Hakia mein Seite bei OpenBC. Nicht schlecht. Nur: Mein Blog taucht bei Hakia nicht mal bei der Frage “Where blogs Thomas Knüwer” auf – da verweist der erste Treffer auf das Blog von Klaus Eck.

Nächster Versuch: Powerset - noch gar nicht aktiv. Exalead? Findet dieses Blog auch nicht, den Ersten-Treffer-Preis holt diesmal Martin Roell. Snap stellt die Suchergebnisse zwar hübsch da, findet dieses Blog aber nicht – im Gegensatz zu meinem nur zweimal benutzten Linkedin-Kontakt.

Ihren Offenbarungseid in Sachen Konkurrenz leistet die Autorin zwischen den Zeilen:
“Mit ähnlichen Verbesserungen gelang es bereits Ask.com in den USA, zur am stärksten wachsenden Suchmaschine neben Google zu avancieren.”
Neben. Das ist Journalistisch für: “hinter”.

Google also ist weiterhin die am stärksten wachsende Suchmaschine. Und deshalb werden Gegen Ende des Artikels die Beispiele, wann wo etwas schief gegangen ist an immer längeren Haaren herbeigezerrt. Munter wird der Aufwand für eine Suchmaschine verglichen mit dem “Kölner Startup Imageloop”, das mit “wenigen 100 000 Euro ein Produkt für die einfache Gestaltung und Verbreitung von Diashows im Web entwickelte”. Und schließlich wird der Fall von AOL als Beispiel erwogen für den Fall von Internet-Unternehmen:
“Von dauerhaftem Erfolg durch Konzentration auf Kundenwünsche hatte AOL-Chef Steve Case im Herbst 2000 auch noch schwadroniert. Der Rest ist bekannt.” Wahrscheinlich wird bei der nächsten Daimler-Story auch der Vergleich mit ruinierten Straßenbauunternehmen gezogen.

Und wer sich noch immer fragt, warum so viel über die Qualität der Medien diskutiert wird, der muss sich nur solche Stücke anschauen. Oder natürlich “Panorama” gucken. Oder Second-Life-Artikel lesen.

»Thomas Knüwer 14. March 2007, 18:20 Uhr

    9 Kommentare zu “Tendenz zum Blödsinn”


  1. Anastasia says:

    hehehe danke für den blog

    ich glaube nicht das mm dieses artikel rausbringt.
    würde mich auch ziemlich enttäuschen da ich selbst
    hin und wieder mal den informatik bereich im mm lese.

  2. usw. says:

    Und “am stärksten wachsend” ist journalistisch für “ziemlich klein”.

    Man beachte übrigens, daß “am stärksten wachsend” eine unklare Formulierung ist. Was wird denn verglichen, relatives Wachstum oder absolutes? Anders gesagt, wenn IT-Beratung Kowalski 3 Leute einstellt, zählt das dann als 100%iges Wachstum, wofür Microsoft zehntausende einstellen müßte?

  3. Dirk Ploss says:

    @fennek: Falls nicht… Die Domain “qualitaetsjournalismus2.de” ist nicht registriert. :-)

  4. Manager Magazin – war das nicht das, von dem alle sagen es nur “wegen der Bilder” zu kaufen?
    (Deswegen dauert das auch so lange bis es durch die Redaktion wandert, liegt vorher wochenlang auf der Herrentoilette, der ruhigen im Anbau)

  5. fennek says:

    Das Herr Turi nicht immer ganz auf der Höhe ist, ist ja nu nix neues, Olaf. ;)
    (ich schau mal eben ob blog-attacke2.de noch zu haben ist *lach*)

  6. Robin says:

    Schöner Kommentar und ganz meiner Meinung. Erfolg in Frage zu stellen ist doch das, was viele zwischendurch mal brauchen. Ich auch, aber dann fundiert ? aber das gibt es leider viel zu selten ?

  7. Ich glaube, Peter Turi, Thomas Knüwer war im Urlaub.

  8. Thoregon says:

    Was will man von einem Artikel mit der Überschrift “Der Siegeszug der Suchmaschine ist zu stoppen” auch erwarten? Über solche öden und durchschaubaen “rise and fall of an empire”-storys in Wirtschaftsmagazinen rege ich mich schon länger nicht mehr auf. Hauptsache journalistische Fallhöhe durch bekannte Marken suggerieren, egal wie hanebüchen die Geschichte ist. Wenn man das MM als das nimmt, was es ist – die Bunte für “Entscheider” – kann man mit dem Blatt auch seinen Spaß beim lesen haben.

  9. Peter Turi says:

    Tendenz zum Spätkommen

    Wie lange dauert es eigentlich, bis bei Euch im Laden ein “manager magazin” in der Abteilung Blog-Attacke angekommen ist? 17 Tage?