» 31. Januar 2007, 13:21 Uhr

Kinderkreuzzug nach Digitalien

Allgemein wird angenommen, Menschen seien lernfähig und -begierig. Diese Regel muss wohl verfeinert werden. Denn geht es um das Lernen über das Internet und handelt es sich um Vertreter aus der Wirtschaft oder den Medien, so scheint dies einfach nicht zu gelten.Vielleicht ist es ja so, dass das Ende einer Ära umso näher ist, je mehr Propheten ihres Ruhmes umher schleichen. Wenn dem so wäre, dürfte es in Sachen Internet-Blase bald „Kabumm!“ machen. Denn die Zeit scheint angebrochen, da Unternehmensberater, die sich das Internet unter dem Banner „Web 2.0“ auf die Rüstung geschrieben haben, die Festungsmauern, hinter denen sich die Entscheider der Wirtschaft von alle dem Zeugs im Netz abgeschottet haben, erstürmen.

Und die Herrscher der Burgen sind erstaunt ob der strahlenden Zuversicht der Web-2-Propheten, malen sich ein @ auf das Königswappen und rufen zum Kreuzzug, auf dass auch Digitalien erobert werde und ihnen gehorche.

Nehmen wir zum Beispiel VW. Die haben sich als Lancelot Horst Schlämmer ausgesucht. Eigentlich keine dumme Idee: Hape Kerkelings Schlämmer ist die TV-Figur des vergangenen Jahres und fern von Abnutzungserscheinungen. Warum also nicht den Horst den Führerschein machen lassen, natürlich auf nem Golf? Ein Weblog, ein paar hübsche Filme, Kommentarfunktion – das hätte eine hübsche Online-Marketingaktion werden können.

Wenn die Aktion authentisch gehalten worden wäre. Keine Nennung des Hintergrunds, das hätte die einen glauben lassen, Kerkeling habe tatsächlich das Internet entdeckt, die anderen hätten über Wochen gerätselt, wer dahinter steckt. Oder die offene Variante: Schlämmer testet VW-Modelle – ohne Rücksicht auf böse Worte.

VW aber ist ein Großkonzern und der ist zu der dafür nötigen Offenheit eben nicht fähig. Er ist aber auch nicht in der Lage das Wasser zu halten, sprich: die Klappe. Nach zwei Tagen schon war klar: Dies ist eine Marketingaktion aus dem Hause Volkswagen. Der Spaß ist damit weg, nur die Schlämmer-Fans dürften noch zuschauen, eine verpasste Chance.

So einfach ist das eben nicht mit dem Netz. Das weiß auch Jan-Eric Peters. Der hat mal „Welt Kompakt“ gegründet und leitet nun die frisch gegründete Axel-Springer-Medienakademie. Die jungen Menschen, hat sich Peters, gedacht, sollen auch mal ins Internet. Mit nem Weblog. Weil das aber ja alles nicht so leicht ist, siehe oben, dürfen sie nicht selbst. Könnten ja verderben, die guten Kleinen. Nein, der Akademieleiter gibt seine Volontäre wieder. So wie Muttern erzählt, was ihrem Nachwuchs im Kindergarten passiert ist, während der mit gesenktem Kopf daneben sitzt. So entstehen Neurosen, glaube ich.

Weil diese Langweiligkeit von Anfang niemand lesen mochte, fürchtete Peters aber vielleicht Demotivation. Das Kind verstockt ja schnell, fährt man ihm ständig über den Mund. Und so erhielt ich vor einiger Zeit eine bemerkenswerte E-Mail aus der Akademie:

„Ihnen muss ich das nicht extra erläutern: Axel Springer hat zu Jahresanfang seine Journalistenausbildung deutlich intensiviert.“

Na gut, hätte man mir erläutern können. Schließlich muss ja nicht jeder Bundesbürger – und nicht mal jeder Journalist – über jede Bewegung des Hauses Springer auf dem Laufenden sein.

„Zur neuen Akademie gehört natürlich auch ein eigener Onlineauftritt, den wir sukzessive ausbauen wollen und der schon jetzt ein Weblog umfasst, in dem wir über Megatrends im Journalismus diskutieren wollen, von der Ausbildung des Nachwuchses bis zur Zukunft der Branche.“

Megatrends des Journalismus – ich bitte diesen Begriff im Kopf zu behalten.

„Ja, beim Handelsblatt ist man schon früher auf diesen Weblog-Trichter gekommen, aber das muss eine Vernetzung nicht verhindern.“

Nein. Warum sollte sie? Das ist ja der Sinn einer Vernetzung. Dass man sich vernetzt, nämlich.

„Es wäre jedenfalls schön, wenn Sie uns in Ihrer Blogroll listen würden.“

Ja, wäre schön. Mache ich auch gern bei Weblogs, die ich empfehle. Nur leider ist das Megatrend-Blog saulangweilig, unauthentisch und beliebig. Eine Blogroll ist für mich eine Empfehlung – und so etwas mag ich nicht empfehlen.

Soll ich mal kurz zitieren (aber bitte nicht einschlafen):

„Journalistenschüler Alexander Holzapfel ist nach dem Recherche-Seminar mit Matthias Brendel, freier Autor und Dozent, über seine zukünftige Branche erstaunt. Folgende Anekdote wusste der Recherche-Profi zu erzählen: Zum Motorsport am Nürburgring lädt ein großer Autokonzern die Sportjournalisten zu einem Presseempfang ein. Einen der ankommenden Journalisten schmeißt der Pressesprecher raus. Er habe in der Vergangenheit zu kritisch über die Marke berichtet. Nun der Skandal: Die anderen Journalisten sind geblieben!

Brendel beklagt gerade im Sportjournalismus eine fehlende Solidarität unter Kollegen. Für einen Vorteil in einer einzigen Sache opferten die Konkurrenten ein Stück elementarer Pressefreiheit. Brendel nennt das ?Kannibalismus pur?. Was der Pressesprecher gelernt habe sei, dass man Journalisten disziplinieren kann. Die Journalisten, dass kritisches Berichten den Job kosten kann. Es wäre für alle das Beste gewesen, geschlossen den Saal zu verlassen. Außer für den Pressesprecher.“

Da erzählt der Akademieleiter, was ein Journalistenschüler erzählt, was Herr Brendel erzählt. Das ist schon fast ein Fall für Horst Schlämmer. Um die Klickzahlen ein wenig aufzupeppen gibts dann noch schwachsinnige Comedy-Videos und sinnfreie Beiträge ohne Neuigkeitswert oder gar Meinung. Vielleicht bin ich natürlich nur eifersüchtig, weil Peters mit dem Namen Anne Will witzeln darf, während die Leser hier meinen, Scherze über Namen seien ein Tabu.

Tja, und wenn dann jemand an diesem Meisterwerk des Journalismus Kritik übt, dann ist das sofort, zumindest nach Meinung von Jep, wie wir ihn sicher jetzt alle nennen dürfen, bloggerischer Beißreflex. Wer wäre denn auch so ein Medienjournalist wie Stefan Niggemeiner, dass er am großen Jep zweifele?

So einfach ist das nicht, mit dem Internet, wiederhole ich jetzt. Und werfe noch ein Beispiel rein. Es ist das Verlags…, pardon, Medienhaus Lensing-Wolff, das ja mit seiner „Münsterschen Zeitung“ gerade demonstriert wie es um die Führungsqualitäten und die sozialen Qualifikationen im Top-Management deutscher Verlage bestellt ist.

Inzwischen ist die „MZ“-Affäre in den üblichen Bahnen gelandet. Schuld an den schlechten Schlagzeilen ist, behauptet Lensing in bemerkenswerter Unverschämtheit, die Konkurrenz. Es sei doch alles nur zum Wohl der Zeitung. Vielleicht kann einer der Münsteraner Leser hier, berichten ob es stimmt, dass die neue „MZ“-Redaktion von einigen Institutionen mehr oder weniger boykottiert wird. Übrigens, wenn ich das richtig sehe, bedeutet die Übertragung an eine Transfergesellschaft, wie dies die „Berliner Zeitung“ beschreibt, nach meinem Wissen auch, dass es Zuschüsse von der Bundesagentur für Arbeit gibt, oder? Somit also würden die Steuerzahler das Vorgehen Lensings mitfinanzieren. Vielleicht weiß da aber jemand unter den Lesern ebenfalls mehr.

Was das mit dem Internet zu tun hat? Logischerweise hält ein Haus, das sich so verhält wie Lensing auch nicht viel von der Wikipedia. Erst recht nicht, wenn es kritisch wird. Und so hat jemand aus dem Medienhaus am Wikipedia-Eintrag gedübelt – und ist prompt aufgefallen.

Ein Kreuzzug in Richtung Internet ist es, was die Unternehmen veranstalten. Doch geistig sind die Könige wie die Kinder, geht es um Wissen über das gelobte Land. Und so wird immer klarer, der Kreuzzug wird zum Kinderkreuzzug.

Nachtrag: Kaum schreib ich das, entdecke ich ein ähnliches Thema an der Blogbar.

Nachtrag II: Vielleicht würde sich ein Lerneffekt in gewissen Bereichen einstellen, würden auch Deutschlands Gerichte Fortschritte machen. Bei Apple wird man sich vielleicht doch Gedanken machen, nachdem ein Richter dem Konzern die Anwaltskosten aufdrückte, die Weblog-Autoren nach einer Apple-Klage entstanden sind.

» 31. Januar 2007, 13:21 Uhr