Politiker können nicht alles wissen. Erwartet auch niemand. Sie sollten aber jemand haben, der sie mit dem nötigen Wissen versorgt. Und wenn sie sich öffentlich äußern, sollte ihre Datenbasis einem gewissen Mindestmaß genügen – ansonsten kommt so etwas dabei heraus wie das Interview des niedersächsischen Innenministerst Uwe Schünemann (CDU) mit dem “Stern”. Kürzlich traf ich mich mit einem Lobbyisten und Ex-Politiker. Wir sprachen über ein Thema, zu dem es Studien gibt, aber nur wenige und wissenschaftlich äußerst umstrittene. Ich hatte diese Studien gelesen, er nur die Zusammenfassungen. Er versprach, mir sofort Informationen zu geben, sollte es Studien geben, die seine Auffassungen unterstützen – ich habe nie wieder etwas gehört.
Daran musste ich denken, als ich bei Herrn Dahlmann auf ein Interview mit dem niedersächsischen Innenminister Schünemann stieß. Denn Schünemann gehört zu jenem Teil der politischen Klasse, der glaubt Management Summarys und arrangierte Besuche bei Firmen und Institutionen lieferten ein Abbild der realen Welt und seien ausreichend für Meinungsbildung und Entscheidungsfindung.
Nun habe ich eine zwiespältige Meinung zu Egoshootern und Killerspielen. Labilen Persönlichkeiten oder Jugendlichen mit wenig erziehungskompetenten Erziehungsberechtigten werden sie nicht gut tun. Sie aber generell zu verbieten, ist aber eine typische Ignoranz gegenüber Ursache und Wirkung. Sich Gedanken über die pädagogischen Fähigkeiten deutscher Eltern zu machen – das wäre jetzt eine angebrachte Diskussion.
Vor allem aber wehre ich mich, mir Dinge verbieten zu lassen, von Menschen, die Interview geben wie Herr Schünemann. Gleich bei der ersten Frage kanzelt er den Fragesteller als inkompetent ab – typisches Zeichen eines zu hohen Testosteron-Spiegels:
“Offenbar haben Sie sich noch kein “Killerspiel” angeschaut, sonst würden Sie nicht eine solch naive Gleichstellung mit einem James Bond herstellen. Das ist eine ganz andere Qualität. Bei den “Killerspielen” geht es darum, dass die Spieler selbst zum Töten animiert werden. Sie müssen auf einen Knopf drücken. Dadurch wird etwa ein Arm mit einer Kettensäge abgetrennt. Diese Handlung wird zudem positiv bewertet, wenn man sein Opfer zuvor quält. Fürs Arm-Abtrennen gibt es 100 Punkte, fürs Kopf-Abtrennen 1000 Punkte. Das ist pervers und gehört sofort verboten.”
Nun wäre dieser harsche Reaktion ja verständlich von jemand, der sich schon intensiver mit Killerspielen beschäftigt hat. Nur: Das hat Herr Schünemann eben nicht.
“Stern: Ein Hauptvorwurf der Spieler gegenüber der Politik lautet, dass Politiker über Spiele reden, von denen sie keine Ahnung haben. Haben Sie selbst schon gespielt?
Schünemann: Ich habe gerade eindrucksvoll geschildert, warum ich mich so vehement für ein Verbot ausspreche.
Stern: Was für Spiele haben Sie schon gespielt?
Schünemann: Ich habe nicht gespielt, sondern ich habe mir diese Szenen aus mehreren Spielen zeigen lassen. Man muss sich klar machen, welche Form der Brutalität auf dem letzten Level eines solchen Spiels erwartet wird. Das ist auch das Problem der Selbstkontrollstelle der Softwareindustrie, der USK: die Prüfer gehen oft eben nicht ins Detail und sehen sich das letzte Level, in dem möglicherweise die brutalsten Szenen umgesetzt werden, nicht an.”
Gespielt hat er also nicht. Warum nicht? Schließlich geht es hier nicht darum von Klippen zu springen, Kampfhunde zu bändigen oder eine Jauchegrube auszuleeren. Ein Minister trifft eine Entscheidung auf Grund vorgelegter Bilder. Würde Schünemann auch fordern, einen Film zu verbieten, wenn er nur Szenenfotos gesehen hat? Einen Text verbieten, weil er Ausschnitte gelesen hat? Ups, etwas Ähnliches hat doch gerade erst für Unmut gesorgt.
In welcher Welt Schünemann lebt, zeigt sich auch bei der Frage der Eltern:
“Ich bin mir sicher, dass man dadurch die Eltern auch aufschrecken kann. Sobald das strafbewehrt ist, müssen sie prüfen, was ihre Kinder da eigentlich spielen. Wir müssen sicher auch die Medienkompetenz der Eltern verbessern. Aber durch die in Aussicht gestellte Strafe werden wir sie wachrütteln – und statt neue Anreize zu schaffen, wird genau das Gegenteil eintreten.”
Das Verbot von Alkoholverkauf an Minderjährige hat ja auch dafür gesorgt, dass die keinen Alkohol mehr bekommen. Oder nicht mehr kiffen. Tun die alles nicht mehr. In Hannover. In den guten Gegenden von Hannover. Anscheinend. Und Herr Schünemann durchsucht sicher täglich die Zimmer seiner Kinder, so er welche hat.
Ach ja, Seminare soll es noch geben. Für Eltern. Die sich bestimmt darüber freuen und gerade die Erziehungsberechtigten von Kindern, die anfälliger für Gewalttaten sind, werden zu hauf kommen zu den Seminaren, über die ich auf der Homepage der Landesmedienanstalt leider nichts finde. Dafür gibts Broschüren. Aber ich habe die Landesmedieanstalt mal angemailt mit der Bitte über Details zu diesen Seminaren.
Schünemann klopft derweil große Sprüche. Das Verbot der Killerspiele gehe durch, behauptet er. Hab ich schon mal gehört. Von all den Menschen, die behaupteten, der neue Lotteriestaatsvertrag sei kein Problem.
Es sind solche Spiegelfechtereien halb kompetenter Volksvertreter, die das Wort “Politikverdrossenheit” erst möglich gemacht haben.
Nachtrag: Lüge oder Inkompetenz? Hier geht die Geschichte noch weiter.










10 Kommentare zu “Interviews, die man besser nicht gegeben hätte”
Hahaha, großartig, Stephan
)))
Da reden die Politiker von Spielen, in denen für das Abtrennen von Gliedmaßen Punkte vergeben werden. Kennt jemand dieses Spiel?
doom evtl., falls das heute überhaupt noch jemand nutzt
Ich spreche mich vehement für ein Verbot von Innenministern aus. Ich habe zwar noch nie mit einem Innenminister gespielt, aber immer, wenn einer in der Presse zitiert wird, kann beim Leser die geistige Gesundheit beeinträchtigt werden. Der Posten des Innenministers ist pervers und gehört sofort verboten.
Ich bin mir sicher, dass man dadurch die Bürger auch aufschrecken kann. Sobald das strafbewehrt ist, müssen sie prüfen, was ihre Politiker da eigentlich reden. Wir müssen sicher auch die Wahlkompetenz der Bürger verbessern. Aber durch die in Aussicht gestellte Strafe werden wir sie wachrütteln – und statt neue Anreize zu schaffen, wird genau das Gegenteil eintreten.
mir fällt da grade mal “Stubbs the Zombie” ein…
und das find ich eher lachhaft, als zum Töten animierend…
von diesem Spiel war allerdings nie die Rede…ich weiß gar nicht, ob es das in Deutschland überhaupt gibt…
CSt: Ich stimme zu. Der überwiegende Teil der Spiele hat doch gar nicht Brutalität zum Inhalt, sondern Strategie. Insbesondere das oft zitierte Counter-Strike (das in der deutschen Version ohnehin ganz ohne Blut auskommt) ist ein solches Spiel, in dem es viel mehr um Strategie und Teamspiel geht, als um irgendeine Form von Brutalität.
Es ergäbe Sinn, das Problem beim Namen zu nennen und, falls es das beschriebene Spiel denn wirklich gibt, könnte man dann auch herausfinden welcher verschwindend geringe Teil von Computerspielern so etwas Primitives wirklich spielt. Die “Zocker”, die ich kenne, jedenfalls nicht.
Immer wenn die Debate um Killerspiele aufkommt, wünsche ich mir einen Journalisten, der mal nicht lockerlässt. Der weiterfragt, um welche Spiele es hier eigentlich geht. Denn was ich regelmäßig in Interviews lese, erstaunt mich doch.
Da reden die Politiker von Spielen, in denen für das Abtrennen von Gliedmaßen Punkte vergeben werden. Kennt jemand dieses Spiel? Ich jedenfalls nicht.
Insgesamt ist das doch aber nichts anderes, als blinder Aktionismus, der die Betrefenden auf die Bühne bringt. Keiner will wirklich etwas lösen, alle wollen schnell etwas machen, das gut aussieht.
es ist eben ein schönes thema mit dem man als abgeordneter den bekanntheitsgrad nach oben korrigieren kann. denn halbkompetent sind leider nicht nur viele volksvertreter, sondern auch viele ihrer wähler in den jägerzaunbewehrten häuschen am rande der stadt
“Aber über die brutalen Varianten darf es überhaupt keine Diskussion geben.”
Der Mann hat absolut recht. Diskutieren und – was der Himmel verhüten möge – abweichende Meinungen anhören müssen? Das ist doch Politikstil der 70er oder 80er, wo kämen wir denn da hin? Wir sind Politiker, also wissen wir schon von Berufs wegen, was richtig ist!
Das Schlimmste ist, daß diese Kombination aus Viertelwissen (bestenfalls!) und Ignoranz in der deutschen Politik mittlerweile flächendeckend verbreitet ist (schon jemand den Namen Zypries gehört?).
Super:
“Demnächst müssen also alle Spieler mit Razzien zu Hause rechnen?”
“Natürlich. Diejenigen, die die brutalen, verbotenen Spiele spielen, müssen damit rechnen, dass sie dingfest gemacht werden. Das halte ich auch für richtig.”
Herr, wirf RAM-Chips vom Himmel. Deutsche Politiker benötigen dringend mehr Wissen über Computer und neue Medien. Erschreckend, dass ein Mann von 42 Jahren so ignorant sein kann.
meiner meinung nach ist das exzessive spielen von killerspielen nur ein symptom (früher waren es übrigens horrorfilme!)
wenn die amokläufer dann mal ihre inspiration aus tagesschau und kriegsdokumentationen empfangen, dann werden diese halt auch verboten…
lesenswert ist dazu auch das editorial zur aktuellen c’t