»Thomas Knüwer 05. December 2006, 12:28 Uhr

Wenn die “Süddeutsche” verthest

Ach, liebe “Süddeutsche Zeitung”, manchmal kommt Ihr auf Eurer jetzt.de-Seite so vergreist und flach daher, dass es mir Angst macht. So wie heute mit Euren Thesen zur Blogosphäre.Es gibt Dinge, die mag ich nicht bei Berufskollegen. Zum Beispiel, wenn Sie mit einer tsunamiartigen Bugwelle ankommen. Dann wird schnell mal gethest, weil Thesen ja so monolithisch erhaben wirken und gerne wird auch noch der Erklärungsallmachtsanspruch eingeworfen mit Vorspännen wie “Wir zeigen, was wirklich funktioniert”.

Und damit schalten wir um nach München. Zur “Süddeutschen Zeitung”. Die erklärt Ihren Lesern auf der jetzt.de-Seite, der Seite für die, die glauben, sie seien noch Mitte 20, obwohl sie Anfang 40 sind, wie das so ist mit der Blogosphäre. In neun Thesen passiert das, vermutlich war für die zehnte kein Platz. Oder das mit neun Thesen hat irgendeinen historischen Hintergrund, der mir verborgen bleibt.

Nun gut, schauen wir einmal…

“#1 Blogs sind keine Massenmedien”
Das macht Autor Tobias Moorstedt an ein paar Zahlen fest, einige davon falsch. Derzeit gibt es viele Zahlen zu Weblogs und so könnte man kontern, dass sie vielleicht in Deutschland keine Massenmedien sind, wenn es in einem Artikel der “FAZ” von gestern (leider nicht online – die wissen auch nicht, was Klicks bringt) heißt:
“Eine auf der Veranstaltung in Brüssel vorgestellte Meinungsumfrage von Strategyone in fünf Ländern zeigt: das Lesen der Blogs ist bereits bei jüngeren Menschen in Belgien, Frankreich, Großbritannien, Polen und den Vereinigten Staaten weit verbreitet.”
Und wenn das Bildblog auf 100.000 Seitenabrufe am Tag kommt – reicht das nicht für ein Massenmedium? Zugegeben: Blogs sind in Deutschland noch nicht so weit, wie in anderen Ländern. Aber es wird…

“#2 Star-Blogger wollen das Internet eigentlich hinter sich lassen”
Was ist denn das für ein Unsinn? Gerade Katharina Borchert anzuführen als Beispiel für das Verlassen des Internet, konterkariert die eigene These aufs Offensichtlichste. Ich stell mal eine andere These auf: Blogger haben keine Probleme mit unterschiedlichen Medien zu hantieren und auszuwählen, was am besten in welches Medium passt – das unterscheidet sie von vielen Print-Journalisten.

“#3 Blogs sind ein soziales Instrument”
Ziemlich schwülstige Vokabel. Wenn sie meint, dass Blogs eben nicht nur Texte im Internet sind, sondern Kommunikation – einverstanden. Diese Kommunikation kann aber nur funktionieren, wenn man etwas über sich verrät. Was ja nicht jedem gegeben ist, dessen Texte im Internet stehen.

“#4 Blogs werden vor allem von Journalisten gelesen”
Kann das ernsthaft jemand behaupten, der Journalist ist? Blogs werden viel zu wenig von Journalisten gelesen. Wer sie liest? Ein bunter Strauß von Menschen, wenn ich mir meine Zugriffsdaten und Kommentare anschaue.

“#5 Blogs als Nachrichtenquelle brauchen ein Ereignis”
Häh? Natürlich. Die “Süddeutsche” als Nachrichtenquelle braucht auch ein Ereignis. So ist das mit Nachrichten: Da wo nix passiert, ist auch keine Nachricht. OK, Ausnahmen gibt es immer, es gibt ja Medien, die machen sich Ereignisse und über diese Medien schreiben dann Blogger.

“#6 Mit Blogs muss man rechnen”
Ja.

“#7 Blogs sind korrupt wie wir alle”
Es ist eine klassische Journalistenfalle: Alles in einen Topf werfen und mit einem Etikett versehen. Aber so einfach ist die Welt halt nicht. Wird ein Blogger dabei erwischt, dass er sich kaufen lässt, gibt mächtig einen drüber. Das dürfte, spätestens im Wiederholungsfall, seine Leserschaft nach unten treiben. Vor allem im Bereich Pharma-PR, darauf setz ich eine Flasche Ketchup, werden wir bald solche Fälle erleben. Wenn er mit einem Unternehmen zusammenarbeitet und diese Kooperation öffentlich macht, befindet er sich unter verstärkter Beobachtung. Beispiel: die Opel-Blogger. Bleibt die Schreibe aber so authentisch wie zuvor, ist zu spüren, dass sich der Autor nichts vorschreiben lässt, dann wird seine Leserschaft bei ihm bleiben. Der entscheidende Faktor also ist die Nicht-Beeinflussbarkeit. Wenn man bei der “Süddeutschen” arbeitet, ist das vielleicht schwer vorstellbar.

“#8 Blogs sind ein Ventil und damit ein Therapie-Ersatz”
Da halte ich es mal mit Wolf Maahn: “Oooohhhooo, ich nenn Dich Hobby Freud”

“#9 Bloggen muss man mal gemacht haben”
Stimmt.

Und hiermit noch, als Geschenk, eine zehnte These: So ein Artikel über Blogs ist nicht so schnell geschrieben, wie es mancher gerne hätte.

Der Spreeblick kontert übrigens mit Thesen zur “Süddeutschen.

»Thomas Knüwer 05. December 2006, 12:28 Uhr

    5 Kommentare zu “Wenn die “Süddeutsche” verthest”


  1. albert says:

    herr moorstedt ist doch bestimmt ein armer parktikant. ;-)

  2. Box says:

    Jeder will halt mal mitschwimmen…

  3. lupe says:

    Das ist bitter, wenn sich jemand als korrupt bezeichnet und dann auch noch behauptet, alle anderen seien es auch. Und was bitter ist, erzeugt Ekel in mir.