Wie sich die Deutsche Fußball-Liga derzeit fühlt kann ich mir gut vorstellen: medial am Rande des Wahnsinns. Ich bin mit Videospielen groß geworden. Atari VCS, zum Beispiel. Bei diesen altertümlichen Ballerspielen wie Space Invaders erreichte ich irgendwann das Level, für das ich gerade noch kompetent genug war. Dann konnte ich erahnen, wann meine Reaktionsfähigkeit nicht mehr ausreichte und die eckigen Außerirdischen mich erplätten würden. Es blieb nur ein Wutschrei und ein neuer Versuch – oder die Aufgabe.
So ähnlich müssen sich derzeit die Inhaber von Fußballrechten fühlen. Wie die Aliens bei Space Invader tauchen Kick-Videos, deren Rechte für teuer Geld verkauft wurden bei Youtube, Sevenload & Co. auf. Dazu noch Amateuraufnahmen aus den Fankurven. Und alte Fernsehsendungen, vom Videorekorder digitalisiert. Kaum hat man ein Dutzen abgeballert, taucht die nächste Hundertschaft auf.
Seit zwei Tagen habe ich versucht, Tom Bender zu erreichen, den Sprecher der Deutschen Fußball-Liga. Heute Nachmittag gelang es endlich ein wenig Licht in eine merkwürdige Video-Fußball-Affäre zu bringen.
Die Geschichte: Die Macher von Fanfaktor mailten mich gestern an. Youtube habe ihren Trailer für ein Fußball-Videoblog vom Netz genommen mit dem Hinweis, er sei von der Deutschen Fußball-Liga beanstandet worden.
Nun enthält der Trailer, nein, nicht vieles, sondern fast gar nichts. Vor allem aber keinen Ball, keinen Spieler, kein Stadion.
Nach insgesamt drei Telefonaten konnte Bender aufklären. Fanfaktor hat nämlich Videos aus der Fankurve, gedreht mit dem Handy, in Youtube gestellt.
“Fast kriminell” nennt Bender das. Rechtlich gesehen hat er Recht: Die Bilder zeigen nicht nur Fans, sondern auch Spielszenen. Auf den Eintrittskarten dürfte im Kleingedruckten (das die meisten nicht lesen wollen, Schwachsichtige nicht lesen können) Bildaufnahmen untersagt sein.
Björn Hornemann von Fanfaktor zeigte sich am Telefon überrascht, dass solche Aufnahmen nicht erlaubt sind – das habe er nicht gewusst.
Nun ist die rechtliche Seite die eine. Die andere ist das Marketing. Solche Fanvideos entstehen meist nicht aus Geschäftemacherei. Fanfaktor hat auf seiner Seite allerdings Werbung, das sei angemerkt. Generell gesprochen geht bei den Youtube-Fan-Videos aber eher um das Herumzeigen der Triumpfe des Lieblingsteams und um das Strunzen mit eindrucksvoller Unterstützung der Mannschaft.
Die Flut von Fan-Videos ist vor allem die Befriedigung eines Bedarfs. Denn selbst in der Regionalliga, ja sogar in der Oberliga, gibt es Fangruppen, deren Intros, also die Begrüßung der Mannschaften beim Einlaufen, vor fünf, sechs Jahren, noch jedem Bundesligisten die Neid-Röte auf die Wangen getrieben hätte. Und so was möchte man festhalten. Die Clubs aber haben die Bildrechte durch die Liga abgetreten an die Sender. Die haben kein Interesse, Bilder für die Fans zu liefern.
Einige Bundesligisten halten sich inzwischen kostenpflichtige Bereiche, in denen Vereinsmitglieder und die, die ein paar Euro monatlich zahlen, nochmal Tore bewundern können. Dazu gibt es ein paar dürre Interview-Videos. England ist da weiter: So gibt es bei Arsenal oder Manchester United wesentlich mehr zu gucken.
Die generelle Frage aber ist: Lassen sich Fans und bewegte Bilder vereinen? Denn wer gegen die Youtube-Videos vorgeht, trifft vor allem die aktivsten Anhänger, die, die sich zumindest technisch engagieren. Meist besitzen sie auch eine Meinungsführerrolle.
Kommuniziert wird mit ihnen nicht. Die DFL hat die Überwachung des Netzes abgetreten an einen ausländischen Dienstleister namens Netresult, dessen Internet-Adresse schon sympathisch klingend www.copyrightcontrol.com heißt. Er arbeitet auch für die Fifa, was aus meinen Erfahrungen eine gehörige Portion Arroganz verheißt.
Vielleicht kann es sich der Fußball ja leisten, seinen Kunden gegenüber arrogant zu agieren. Fußball wollen schließlich alle. Doch wenn ich heute sehe, dass Stadionsprecher die Fans aktivieren müssen, wenn ich die ersten klatschenden Micky-Maus-Hände auf Anzeigetafeln erblicke, weil sonst niemand mitginge, und wenn ich sehe, wie das Logenpublikum entweder gar nicht erscheint oder teilnahmslos am Buffetfutter nuckelt – dann frage ich mich, wie es in zehn Jahren aussehen wird.
Schmilzt der stimmungsmachende Fanblock, verliert der Sport seine zweite Attraktion neben dem Spielgeschehen. Und dann werden die großen, schönen Arenen nicht mehr so leicht zu füllen sein wie heute.










17 Kommentare zu “Youtube, Fußball und die mediale Überforderung”
man kanns auch echt übertreiben… youtube eignet sich um mal bisschen nebenher zu schauen, aber sicher nicht als ersatz für arena oder sportschau.
lang lebe der fussball, dfl…
Passt ja zur Problematik: http://www.unser-fussball.de
Die ganze Geschichte ist absolut lächerlich und schadet dem Ruf der DFL ziemlich. Und dummerweise taucht sie jetzt auch noch bei Spiegel Online auf, was eine noch höhere Verbreitung garantiert….
Manueller Trackback (siehe Link)
Es gibt auf jeden Fall ein “Recht auf Kurzberichterstattung” – soweit ich infomiert bin, bezieht sich das laut EU-Richtlinie allerdings nur auf Fernsehsender:
(22) Im Sinne dieser Richtlinie bezeichnet der Begriff “frei zugängliche
Fernsehsendung” die Ausstrahlung eines der Öffentlichkeit
zugänglichen Programms auf einem öffentlichen oder privaten Kanal,
ohne daß neben den in dem betreffenden Mitgliedstaat überwiegend
anzutreffenden Arten der Gebührenentrichtung für das Fernsehen
(beispielsweise Fernsehgebühren und/oder Grundgebühren für einen
Kabelanschluß) eine weitere Zahlung zu leisten ist.
Jene, die so definiert sind, haben das Recht, 90 Sekunden über eine Veranstaltung von öffentlichem Interesse ohne weitere Lizenzzahlungen zu berichten. Wenn für Sie unverhältnismäßige Kosten entstehen, dürfen sie sogar das Trägersignal verwenden (bspw. Nachrichtensendung von RTL zeigt BuLi-Bilder von ARD anstatt eigene Kameras aufzubauen).
Aber für private (also Handybilder etc.) fehlt da m.E. ein eigener Absatz, der das regelt.
Prinzipiell gilt: Öffentlicher Raum: alles erlaubt. Aber Stadion = Hausrecht des Vereins = Zustimmung des Vereins benötigt. Diese wird über Lizenzen an Sportrechteagenturen bzw. Sendeanstalten verhökert. Dagegen steht EU-Richtlinie mit Kurzberichterstattung.
Für Juristen schon seit Jahren ein heißes Thema. Für den EuGH eines der Lieblingsthemen. Kiloweise Urteile, Klagen und Revisionen, die kaum zu durchschauen und verstehen sind…
Hoffe, das konnte doch ein wenig weiterhelfen und ging nicht allzu sehr in die falsche Richtung. Bin mal auf die Aussage von Herrn Vetter gespannt.
Viele Grüße
Justin Case
Wo ist Herr Vetter, wenn man ihn braucht?
Sorry, ich möchte nicht penetrant sein oder nerven. Ich finde aber die Frage interessant. Zitat:
“Es gibt eine Ausnahme zum Urheberrecht (das Recht am persönlichen Bild ist ein Teil davon), bei der das Informationinteresse der Allgemeinheit höher gewertet wird als das Recht des Einzelnen. Diese Ausnahmesituation betrifft einen Fotografierten, wenn er “Teil einer Versammlung” ist – und darunter fallen auch Sportveranstaltungen.”
Trifft das nicht auch auf Sportler zu? Sind die 22 Jungs unten auf dem Platz nicht auch “Teil einer Versammlung”? Beschränkt das Gesetz die Berichterstattung/Befriedigen des Informationsinteresse bei Videos explizit auf die lizensierten Medienpartner? Gibt es vielleicht Platz für ein “Kurzberichterstattungsrecht” auch für Individuen, Blogger o.ä.?
ach, warum noch öl ins feuer giessen. die geschichte ist sowas von absurd, daß es schon wieder traurig ist. ich mag ja ein idealist gewesen sein, aber ich bin hinsichtlich des themas fussball ein ganzes stück desillusioniert worden.
@ Thomas wg. Recht am eigenen Bild: Eure Rechtsabteilung in allen Ehren, allerdings würde ich da widersprechen: Das gilt afaik nur für mein Bild “als Teil des Ganzen”, eine Großaufnahme (wie oben angesprochen) ist damit doch wohl nicht abgedeckt, oder? Vielleicht irre ich mich – endgültige Hinweise sind willkommen.
Falls ich recht hätte, könnte man ja die eine oder andere Retourkutsche fahren …
Ich habe gerade mit unserer Rechtsabteilung gesprochen, um es ganz genau zu bekommen. Es gibt eine Ausnahme zum Urheberrecht (das Recht am persönlichen Bild ist ein Teil davon), bei der das Informationinteresse der Allgemeinheit höher gewertet wird als das Recht des Einzelnen. Diese Ausnahmesituation betrifft einen Fotografierten, wenn er “Teil einer Versammlung” ist – und darunter fallen auch Sportveranstaltungen.
@dogfood: stimmt, so hab ich das noch gar nicht gesehen. Immerhin hat ja jeder noch die rechte am eigenen Bild.
Zur Thematik: ich bin für den totalen Boykott. Mal alle einen Samstag nicht ins Stadion gehen. Keiner. Niemand. Und auch die Sportschau nicht anschauen.
Wäre es nicht mal interessant einen Vereinsvertreter zu hören, mit deren Fans die DFL im Namen der Vereine derart umspringt?
BTW: Wie sieht es eigentlich mit der Rechtslage aus, wenn Zuschauer vom Fernsehen in Großaufnahme gezeigt werden (beliebt: der heulende Bubi dessen Verein gerade eine 0:6-Packung kassiert hat). Ist auf den Tickets oder AGBs von Abtretung der Bildrechte die Rede? Muss man als Fan damit rechnen, gefilmt zu werden und 5 Sekunden lang deutschlandweit sein Gesicht hinzuhalten, in Jahresrückblicken verwurstet zu werden oder auf DVDs aufzutauchen?
Möchte nochwas ergänzen. Blauäugig bin ich natürlich nicht
Ich denke jedem normal denkenden Menschen hier ist klar, daß Postings von Sportschau/Arena-Mitschnitten Urheberrechte verletzen. Deren Löschung würde ich zwar für überzogen halten, aber nicht in größerem Maße kritisieren.
Als Du mir gestern im Endeffekt geschildert hast, um welches Video es eigentlich ging (das beanstandete wurde seitens youtube ja gar nicht gelöscht, absurd genug und das spricht auch nicht unbedingt für diese Webmonitoring-Firma) war ich fassungslos.
Das Corpus Delicti war eine völlig verwackelte Aufnahme vom Fanblock ohne Ton, für einige Sekunden waren auch noch die jubelnden Spieler zu sehen. Aufgenommen mit einer normalen Digicam 3,2 MegaPixel. Professionelle Aufnahmen sehen anders aus. Und wenn Herr Bender ein derart amateurhaftes Video, das nichtmal eine aktive Spielszene zeigt, “fast kriminell” nennt, der zuständige Mitarbeiter für Lizenzfragen das Telefongespräch mit Äúßerungen beginnt die ich im Interesse der DFL nicht zitieren werde, dann frage ich mich, wie stark die Drucksituation ist, der die DFL seitens der Rechteinhaber ausgesetzt ist.
Ich muss allerdings fairerweise konstatieren, daß er sich irgendwann beruhigt hat und versöhnlich wurde: Man wolle keinen Konflikt mit den Fans, man wolle die Sache nicht weiter verfolgen. Die Interessen der Rechteinhaber müsse man vertreten, zumal diese ja Betrieb, Mannschaften und Stars finanzieren und das sie ja auch im Interesse der Zuschauerseite.
Ich denke zwar, daß aktive Fans das Produkt DFL/Bundesliga lebendig und attraktiv halten und mit bei YouTube eingestellten Videos aus den Stadien defacto kostenlose Werbung machen – Juristen und mancher Betriebswirtschaftler sehen das offensichtlich anders und offenbaren hier ihr mangelndes Gespür für Neue Medien.
Das beanstandete Video wurde wenn es hochkommt 900-1000x betrachtet. Der angeblich dadurch entstandene Schaden? Nicht zu beziffern, weil nicht relevant. Messbare Reichweite gleich Null. Aber diese Geschichte hier bekommt nun eine Relevanz und trägt nicht unbedingt zum Image der DFL bei. Eigentor.
fußball und foto/video geknipse, das geht mal gar nicht. beispiel WM2006 (ja, das war die hier in D).
jeder, der ne spiegelreflexkamera hatte, durfte nicht ins stadion, er hätte ja bilder machen können (klar, von der tribüne mit nem riesigen tele… das sicherlich ne extra eintrittskarte gebraucht hätte!). mit einer normalen digicam kein problem (die haben aber auch keine kleinen auflösungen). tja und die japanische prinzessin sitzt in einem spiel mit einer spiegelreflex und riesigem tele im stadion und knippst und bei der regt sich keiner auf?! fußball ist sowieso krank
Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis die Fans wirklich mal aufstehen und diesen FIFA Wahnsinn, den wir ja schon bei der FIFA WM 2006 erleben durften, nicht mehr mitmachen… Da wird ein kleines ruckeliges 20 Sekunden Handyvideo als “fast kriminell” bezeichnet und mein Mitarbeiter Björn Hornemann von einem Herrn K. von der DFL Deutsche Fußball Liga GmbH soeben am Telefon in denkwürdigerweise angegangen… Bitte, was denken diese Menschen sich? Wieviel Arroganz sollen wir noch von den Fußball-Vertretern akzeptieren? Sollten wir ein derartiges Telefonat ein zweites Mal erleben, werden wir auf jeden Fall gegen die Art und Weise vorgehen, das steht fest. Wir leben ja immer noch in einer hart erkämpften Demokratie und der Fußball soll den Leuten Spaß machen und drohend dröhnende K.s passen nicht mehr in das 21. Jahrhundert. Rote Karte, Herr K.
Es sieht so aus, dass Fanfaktor jetzt als potenziell immer gefährlich eingestuft wurde.
Die Erklärungen bringen zwar etwas Licht ins Dunkel, erklären aber immer noch nicht, wieso der harmlose Trailer ebenfalls gesperrt wurde. Oder liegt das Problem vielleicht doch bei YouTube, das einfach alle von fanfaktor eingestellten Videos sperrte?