»Thomas Knüwer 25. September 2006, 19:11 Uhr

Phantom of the Verlagshäuser

Die Zeitungen und das Internet – ein Musical in drei Akten.1. Akt: Vertreibung aus dem Paradies
Einst gab es eine Zeit, da sangen die Verleger von Tageszeitungen:

“Ich will nicht viel
Ich will mehr
Jetzt bin ich frei
und will alles”

Damals schien alles schön und groß und erfolgreich. Während mancher Lebensmittelhändler schon unter fünf Prozent vom Umsatz als Gewinn in die Bücher schrieb, waren für Zeitungen 15 Prozent schon ein schlechtes Jahr.

Dann kam das Internet. Und der Glaube, dort müsse alles genauso laufen wie im Gedruckten. Einmal kurz die Abrechnung klären und schon lockte man auch online die Abonnenten. Nur, hätte man sie gefragt, die Zeitungsmanager, nach ihrem Wissen über die Erfahrungen aus Übersee, dann hieß es:

“Ich war noch niemals in New York,
ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Franzisko in zerriss’nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.”

Die Leser aber, die waren frei, waren schon in San Francisco und New York gewesen. Bald schon stand es an jeder Klowand und auf jeder Krisenagenda der Verlage:

“It’s plastered on the walls all around the school now
(Surfers rule, Surfers rule)
Becoming just as common as a golden rule now
(Surfers rule, Surfers rule)
Take it or leave it but you better believe it
Surfers rule

It’s a genuine fact that the Surfers rule”

3. Falling in Love

Das erkannten dann auch die Verlage:

“Government’s crack and systems fall
‘Cause unity is powerful
Lights go out- walls come tumbling down!”

Ja, sie verliebten sich gar: in Google. Weil Google ihnen über sein Nachrichtenportal jede Menge Klicks lieferte.

“Ist das noch dieselbe Straße die ich
schon seit vielen Jahren geh’
Ist das noch dieselbe Stadt die ich
im Licht der Sterne glitzern seh’
Bist Du wirklich keine Fremde
ist es wirklich keine Phantasie
Mir erscheint die ganze Welt verrückt
denn ich bin glücklich wie noch nie
Eine neue Liebe
ist wie ein neues Leben
Nananananana
Was einmal war ist vorbei
und vergessen und zählt nicht mehr”

3. Akt: Offenes Ende

Doch wie es oft so ist – nicht jeder empfindet gleich. Nicht jeder, ist bereit zu geben. Und das ist dann oft der Moment der Trennung.

Not enough love and understanding
We could use some love
To ease these troubled times
Not enough love and understanding
Why, oh why

So gab es kürzlich eine belgische Zeitung, die vor Gericht klagte, um nicht mehr in den Google News aufzutauchen. Was sie davon hat, nicht mehr dort aufzutauchen? Eine logische Erklärung scheint es nicht zu geben.

Und weil es einige seiner Mitglieder nicht kapieren, das ganze Ding mit den Netz, dringt der Weltverband der Zeitungen darauf, neue technische Barrieren zu errichten, damit Suchmaschinen nicht mehr so einfach auf Zeitungs-Online-Inhalte zugreifen können.

Wer das Spiel mitgeht, wird schnell merken, dass je höher die Barrieren, desto lauter die Rufe vor den Mauern:

“We dont need no education.
We dont need no thought control.
No dark sarcasm in the classroom.
Teacher, leave those kids alone.
Hey, teacher, leave those kids alone!
All in all its just another brick in the wall.
All in all youre just another brick in the wall.”

Und dann werden sie ihre Pläne wieder aufgeben, die Verleger. Oder sie werden zu den Kings von Hollywood.

»Thomas Knüwer 25. September 2006, 19:11 Uhr

    8 Kommentare zu “Phantom of the Verlagshäuser”


  1. Kreuzberger says:

    Vielen Dank Herr Knüwer, jetzt hab ich Jürgen Marcus als Ohrwurm. Super, ganz großartig.

    Außerdem ist es schön zu sehen, dass auch Sie in der Bloggerliga mal einen Spieltag auslassen, um den anderen Tippern eine Chance zu geben.

  2. björn says:

    aua, das dürfte traumatisierend gewirkt haben.
    aber anhand der titel herrlich illustriert ;)

  3. @Lalala: Ich habe zehn Jahre Krankenhausradio gemacht – da wird man sehr gelassen anderen Musikrichtungen gegenüber. Meinen persönlichen Musikgeschmack spiegelt die Auswahl nur teilweise wieder ;-)

  4. Peter Turi says:

    Lustisch!

    Gibt’s das Ding auch als MP3?

  5. Da weiss man doch, wozu eine Woche Gehirn lüften gut ist … furchtbar schön!

  6. Prospero says:

    Danke. Danke. Danke. Danke. :-)
    Ad Astra

  7. Lalala says:

    Pfui, haben Sie einen schlechten Musikgeschmack!