»Thomas Knüwer 07. August 2006, 17:15 Uhr

Vorausdenken auf Dackelschwanzlänge

Beleidigungen. Manchmal bleiben einem nichts als Beleidigungen angesichts der massiven Debilität vieler Angeblich-Profis im Medienbereich – egal ob es um PR-Leute, Exxon-Kommunikatoren, Spiegel-TV-Redakteure oder Fotografen geht.Der Film ist mäßig witzig. Nein, das ist nicht richtig, er ist so unlustig wie die Konversation mit einem Geldautomaten. Da taucht Al Gore auf, verkleidet wie der Pinguin in Batman, und wird als Langeweiler gezeigt, der Linux-Pinguine in den Schlaf redet mit seinem Vortrag über die Erderwärmung. Wer darüber lacht, hält das Freitag-Abend-Programm von Sat-1 für den Höhepunkt komödiantischen Schaffens.

Dieser Film jedoch kursiert seit einiger Zeit bei Youtube. Erstellt wurde er angeblich von einem 29-Jährigen aus Beverly Hills. Denkste. Das “Wall Street Journal”, das nun politisch gesehen sicher nicht zu den Freunden Gores zählen dürfte, hat ein wenig gegraben und eine ganz andere Quelle entdeckt: DCI, eine PR-Firma, die sich als Spezialist für “Corporate Grassroots Campaigns” bezeichnet. Einer ihrer Kunden: der Ölkonzern Exxon, einer der Intimfeinde Gores. Alles natürlich reiner Zufall. DCI sagt gar nichts dazu und Exxon behauptet, nichts zu wissen.

Es ist bemerkenswert die unglaublich dämlich die Berufskommunikatoren agieren, geht es um das Internet. Denn der angebliche Kalifornier, der das Gore-Video einstellte, ließ sich zurückverfolgen auf die IP-Adresse von DCI. Wären die Dumm-PR’ler Freunde anonymer Belästigungsanrufe, dann würden sie die wahrscheinlich mit angezeigter Rufnummer durchführen.

Aber sie sind ja nicht die einzigen. Das Internet ist so einfach zu bedienen, dass selbst Menschen mit dem IQ eines plattgefahrenen Eichhörnchens glauben, im Netz andere austricksen zu können.

Zum Beispiel der Fotograf, der Reuters ein manipuliertes Kriegsbild verkaufte – und nun von Weblogs enttarnt wurde.

Aber auch die Pseudo-Politmagazin-Macher von “Spiegel TV”: Einfach mal ein Filmchen aus dem Internet nehmen und ausstrahlen. Quelle nennen? Internet, ne. Wie ein pickeliger Teenager mit Hirnschaden tölpelt sich die RTL-Sendung durchs Netz und wäre dies ein Computerspiel dann würden sie wahrscheinlich irgendwann in die Jungs von AOL rennen, die mal locker datenschutzrelevante Informationen ihrer Kunden veröffentlichen.

Man möchte schreien, weinen, sie schütteln und schlagen, die Armee der Debilen. Denn sie sind keine Medienunkundigen, keine Neulinge des Netzes. Sie verdienen Geld mit den Monitoren vor ihren Augen, mit dem, was das Internet ermöglicht. Doch die Leichtigkeit, mit der dort Informationen auszugraben sind, scheint vorausschauendes Denken auf das Maß eines Dackelschwanzes zu verkürzen.

Nur eines macht mir Angst: Was, wenn die Täuscher dazulernen?

Nachtrag vom 8.8.: Ja, zugegeben, auch wir Journalisten sind manchmal so dämlich, dass es hackt.

Nachtrag vom 11.8.: Die Sache mit der “Business Week”-Geschichte schein noch viel schiefer gelaufen zu sein…

»Thomas Knüwer 07. August 2006, 17:15 Uhr

    3 Kommentare zu “Vorausdenken auf Dackelschwanzlänge”


  1. marcel w says:

    Das haben die armen Eichhörnchen aber nun wirklich nicht verdient gehabt.

  2. hANNES wURST says:

    Cui bono? Exxon, dem höchstkapitalisierten, börsennotierten Konzern der Erde, der selbstverständlich den Dark Forces zuzurechnen ist? Mit Sicherheit wurde DCI von Exxon beauftragt, ein solches Gore-Filmchen zu produzieren, weil das dem Konzern ja unglaublich hilft! Und das völlig ohne jedes Risiko, wie sich jeder Exxon PR-Stratege denken kann, selbst wenn er nicht weiss, was eine IP-Adresse ist.

    Nur wer glaubt, dass eine Firewall mit Benzin angetrieben wird, dass MK Ultra ein Müsliriegel ist, “Spoofing” auf englisch “Niesen” heisst und Bloggroll mit zwei “g”’s schreibt, der denkt auch ein IP-Trace wäre so etwas wie ein DNA-Test im Internet. Aber danke fürs blognachquatschen, so braucht ich nicht so viele Internet Tagebücher zu lesen um herauszufinden, was in der Blogggosphäre (ich lösche sie bald) gerade so herumgetrötet wird.

  3. Im Vergleich zu früher hat man jetzt aber wenigstens ein Blog, in dem man diese Idiotien an die Öffentlichkeit bringen kann (wenn der Leserkreis entsprechend ist). Stell Dir mal vor, Du müsstest warten wie früher, bis Du mal wieder Platz für so eine Kolumne im Blatt bekommst. Wenn Dein Textchef sie überhaupt nimmt, weil er vor Konsequenzen bibbert.