Wir haben uns gewöhnt an Merkwürdigkeiten aus den USA. Wie bräsig aber Senatoren der Vereinigten Staaten sein können, beweist Ted Steven. Gut, er kommt aus Alaska, aber das kann ja nicht alles entschuldigen.Manchmal bin ich ratlos. Nein, es geht nicht um Preußen Münster, sondern um das Internet. Weil es für mich nur schwer vorstellbar ist, wie dieses von (fast) jedem genutzte, unsere Welt derart verändernde Medium, für so viele Menschen noch immer ein derartiges Rätsel darstellt. Gut, dass Internet ist noch jung. Doch hat es in unserem Alltagsleben einen solchen Raum gefunden, dass doch derjenige, der sich beruflich damit umgibt, sich mal ein paar Gedanken machen sollte, warum was vor sich geht.
Meine Ratlosigkeit schwenkt an diesem Morgen Richtung Verzweiflung, nicht nur wegen des “Spiegel”-Artikels von gestern.
Da erzählt mir gestern zum Beispiel jemand, Online-Anzeigenkunden, vor allem die großen Media Agenturen, die Etats von Großkunden bündeln, hätten kein Interesse an Weblogs oder Podcasts, sie wollten bewegte Bilder. Was für ein Dokument der Naivität. Denn welche bewegten Bilder gibt es denn derzeit im Internet? Einerseits Nachrichtenzusammenfassungen, gut gemachte wie bei Spiegel Online und billig zusammengeschusterte wie bei der “NRZ”. Sie sind das laufbandlose 5-Minuten-NTV, das jederzeit abrufbar ist. Das Format ist so alt bekannt, das begreift jeder.
Dann gibt es noch Winz-Filmchen wie bei Youtube und immer gleiche Pseudo-Magazine wie Ehrensenf, Rocketboom oder Xolo. Die Vertreter dieser zweiten Kategorie wollen vor allem witzig sein – und scheitern an der eigenen finanziellen Beschränktheit. In ihren seltenen, glamourösen Momenten sind diese Magazine zum Schreien. Oft sind sie skurril, was das gelegentliche Anschauen rechtfertigt. Meist aber sind sie dauerhaft langweilig. Wenn Harald Schmidt eine Armee freier Gagschreiber beschäftigt, so müssen die Internet-TV’ler eben mit ihren häuslichen Ressourcen auskommen – und die sind limitiert.
Doch die Media Agenturen denken noch immer in klassischen Medien-Kategorien: Und dort geht ja ebenfalls weiter TV über alles – auch wenn sich die Werbung dort munter versendet. Radio? Nein, danke, das ist was für den Krauter um die Ecke. Zeitungen und Magazine – auch prima, doch im Internet werden sie eben gleichgesetzt mit den Online-Auftritten von Zeitungen und Zeitschriften. Die sind dieser Tage komplett ausgebucht.
Wären es aber nur die Werber, die mir Sorgen machen würden, wäre ja alles gut. Nein, die Politiker kommen noch hinzu. Wer dachte, nur Deutschlands Volksvertreter hätten so was von gar keiner Ahnung, was da im Netz vor sich geht, der wird sogar Angela Merkel für ihr Hin und Her in Sachen Videoblog-Interview preisen, wenn er das hier (gefunden im Mediendschungel) gelesen hat:
Because it got tangled up with all these things going on the internet commercially.”
Nein, da redet kein von der Außenwelt fast abgeschnittener Tom-Hanks-Verschnitt, kein halbdebiler Schabrackentapier und kein alzheimernder Spät-Surfer - sondern ein US-Senator. OK, OK, aus Alaska. Aber über den Staat hat Michelle Shocked ja schon gesungen “You know you’re in the largest state of the union, when your anchor’s down in Ancorage”.
Vor allem aber ist er 83 (!) Jahre und leitet den Ausschuss für Handel, Wissenschaft und Transport. Weshalb dieser Ausschuss gerade gegen die Neutralität des Internet gestimmt hat, denn der Chairman entscheidet bei Stimmengleichheit. Nun ist meine Mutter mit 66 noch ins Internet gegangen, ich habe also Respekt vor Menschen, die in gehobenem Alter dieses Instrument für sich entdecken. Doch ein 83-jähriger Senator der glaubt, ein Internet geschickt zu bekommen? Sollte es eine Unterschriftenliste gegen Altersbegrenzungen in politischen Positionen geben – reicht sie mir.
Es ist bemerkenswert, wie viele Menschen das Internet nutzen – und sich keine Gedanken machen, wie man es besser nutzen könnte, wie es unsere Gesellschaft verändert, wo es sich lohnt Geld zu investieren und wo nicht. Könnte man lernen. Doch die Investitionen in die Medienwissenschaften werden auch gekürzt.










2 Kommentare zu “Heute schon ein Internet geliefert bekommen?”
Ach, so schön hätt ich es auch gern geschrieben…
Was Senator Stevens in dem Interview ausführt hat Hand und Fuß, kommerzielle Videodienste benötigen enorme Bandbreiten und natürlich kann das dazu führen, dass andere Dienste wie z.B. Messaging beeinträchtigt werden. Und die Frage, wer für die Bandbreite bezahlt, ist nicht immer geklärt.
Dass er an einer Stelle sagt “an internet was sent” (und meint wohl “a message was sent”) soll Grund genug dafür sein, eine Altersgrenze für Politiker festzulegen?
Ich bin eher für eine Relevanz-Mindestgrenze für Blogeinträge, denn auch die einem bisher unbekannten genetischen Algorithmus folgenden, sich selbst replizierenden Blogs sind ein enormer Ballast für das Internet (aber ich lösche es ja sowieso bald).
Gruß
Ihr Hannes (86 Jahre)