»Thomas Knüwer 11. July 2006, 14:10 Uhr

Golin Harris? Golin Harris? Jemand daheim?

Wenn selbst eine Kommunikationsberatung nicht mehr auf ihre eigenen Homepage guckt, ist es Zeit, sich zu überlegen, wer die ganzen Unternehmens-Internet-Seiten überhaupt noch braucht. Vor einiger Zeit hatte ich in einem meiner Polemie-Anfälle vorgeschlagen, Unternehmens-Homepages abzuschaffen. Weil sie ja ohnehin niemand braucht. OK, das betrifft nicht alle Unternehmen, aber doch eine ganze Menge.

Einen Grund hatte ich vergessen: Es ist möglich, sich per Homepage so dermaßen zu blamieren, dass eine Zusammenarbeit mit einem Kunden, der die Unsäglichkeit im Netz entdeckt, sich eigentlich aus Sicht dieses Abnehmers verbietet.

Womit wir bei einer Kommunikationsberatung Golin Harris wären.

“Ein spezielles Profil: Ausgehend von unserem traditionellen Schwerpunkt, der Finanzkommunikation, haben wir unsere Kompetenz auf die Unternehmens- und Markenkommunikation erweitert. Unsere Kunden unterstützen wir in diesen Bereichen mit PR und Werbung aus einer Hand. Als hochspezialisiertes Team bieten wir unseren Kunden neben der strategischen Beratung immer auch direkt Lösungskonzepte an, die selbstverständlich Research, Kreation, Media und Produktion mit einbeziehen.”

So lobt sich dieser Hort der Tanja-Anjas selbst. “Speziell” ist das Profil nicht, die Kundenliste aber durchaus anspruchsvoll. Obwohl… Die Namen rauschen so schnell durchs Bild, als hätte sie ein Programmierer unter Speed ins Web platziert.

Ansonsten scheint es aber eher ruhig zuzugehen bei Golin Harris. Still. Ganz, ganz still. Ich möchte nicht das überstrapazierte Wort “lethargisch” einwerfen, aber wer es als Unternehmen der Kommunikationsbranche schafft, in seiner Rubrik “Aktuelles” in 2,5 Jahren ganze sechs Meldungen unterzubringen – und das “Wir sind im Gespräch” nennt -, der gehört zu den Zurückhaltenden seiner Kaste:

Und deshalb macht ein Weblog für ihn eigentlich auch keinen Sinn. Hat aber noch nie jemanden daran gehindert eins zu eröffnen. Golin Harris hat auch eins. Und immerhin: Einmal hat jemand was reingeschrieben. Im Januar dieses Jahres. Fünf Leute haben kommentiert. Im Januar und Februar. Und dann senkte sich kontemplative Starre hinab:

Und so soll es anscheinend auch sein. Schließlich demonstriert ein Kommunikationsunternehmen mit der eigenen Homepage doch, wie sie aussehen soll, die moderne Welt der Firmenpräsentation. Golin Harris zumindest ist stolz auf sein Ein-Artikel-Blog. Und preist es munter weiter auf seiner Homepage. Oder soll das heißen – auf die guckt auch kein Schwein?

(Vielen Dank an T. Fogelberg für den Hinweis)

Nachtrag: Auch andere haben nichts zu sagen. Gerade erreicht mich folgende Mail:

“Sehr geehrte(r) Herr Knüwer,

anbei erhalten Sie den neuesten Newsletter von Adjouri & Stastny

Viele Grüße”

Einen angehängten Newsletter gibt es ebensowenig wie einen Punkt zum Satzende. Schade. Ich hätte gerne noch ein paar Worte verloren über das Werk, enthielte es so sinnentleerte Wortblasen wie die Homepage der Nicht-Newsletterer (deren Newsletter ich, muss ich das eigentlich erwähnen?, niemals erbeten habe):

“Kommunikation als elementares Axiom kann nur ganzheitlich betrachtet werden.”

“Der Erfolg unserer Kunden ist auch unser Erfolg.”

“Die Intention unserer Kunden, verstärkte Aufmerksamkeit und Akzeptanz zu gewinnen, unterstützen wir durch den zielgerichteten Einsatz verschiedener, von uns entwickelter Kommu- nikationsmaßnahmen.”

Nachtrag vom 13.7.: Golin-Harris-Geschäftsführer Benedikt von Westphalen hat sich gemeldet und das durchaus mit Nehmerqualitäten:

“Sehr geehrter Herr Knüwer,

Sie kennen die Geschichte vom Schuhmacher und seinen eigenen Schuhen. So ist es wohl auch bei uns und unserer Home Page. Sie haben da sicherlich Ihre spitze Feder in eine offene Wunde gelegt. Wir werden uns bessern. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: in den ersten sechs Monaten dieses Jahres hatte wir viele neue Aufträge, es gab viel Arbeit und wir haben uns darüber gefreut, unsere Homme Page haben wir darüber jedoch vernachlässigt.

Der Blog war ein Versuch und das Ergebnis war sehr ernüchternd. Ich will die Idee aber noch nicht ganz aufgeben, daher steht der Blog weiterhin sozusagen als ?Erinnerungszettel? auf unserer Seite.

Mit dem Hinweis, dass wir unser bessern werden verleibe ich

Mit besten Grüßen
Benedikt von Westphalen”

»Thomas Knüwer 11. July 2006, 14:10 Uhr

    6 Kommentare zu “Golin Harris? Golin Harris? Jemand daheim?”


  1. Disco QueeN says:

    @Pawel: Ist das nicht unter Ihrer Würde? Sie können ihn doch einfach informieren.

  2. björn says:

    ist halt die frage, mit welchem anspruch man so etwas angeht.

    wirklich professionell wirkt das nicht und das gerade von “wer viel für kunden arbeitet, hat keine zeit zur aktualisierung der eigenen website/des blogs” halte ich eher für eine halbgare ausrede.

  3. Pawel Psturic says:

    @Berg: Herr Knüwer weiss nicht einmal Sätze wie “Der Erfolg unserer Kunden ist auch unser Erfolg.” Vielleicht braucht er noch einen Newsletter.

  4. Steanie Berg says:

    MAN. TRACKBACK: Eigentlich wollen wir hier nicht über Kollegen lästern. Aber nachdem schon beim Storyblogger in der neuen Rubrik Küchengespräche ?über alles, was die Welt des Klatsch und Tratsch in einer Agenturküche so thematisch mit sich bringt? geschrieben wird, können wir uns auch nicht mehr zurückhalten. Der Handelsblatt-Redakteur und A-Blogger Thomas Knüwer hat sich heute die PR-Agentur Golin Harris vorgeknöpft

  5. Bingo says:

    Der Schuster hat immer die schlechtesten Schuhe! Und was Herrn Knüwer stört, merkt eh kein Kunde. WArum also Zeit und Geld investieren…;-)

  6. Bingo says:

    Der Schuster hat immer die schlechtesten Schuhe an. Wer viel für Kunden arbeitet hat eben keine Zeit die eigene Unternehmensseite oder das Firmen-Weblog zu akualisieren. Traurig aber wahr: Die Kunden stört das in der Regel überhaupt nicht… ;-)