»Thomas Knüwer 20. April 2006, 16:14 Uhr

WM-Tickets! Schöne, frische WM-Tickets!

Das Kartenhaus der WM-Organisatoren wackelt: Das heutige Urteil zum Ticket-Weiterverkauf ist nur das erste As, das seinem Fundament entzogen wird – bis es dann ganz einstürzt und die das Organisationskomitee der Lächerlichkeit Preis geben wird.Die Fifa und auch das deutsche WM-OK hat eine Sicht auf die Welt wie Pippi Langstrumpf: Immer schön so, wie es gerade passt. Das beweist einmal mehr die Reaktion auf das heutige Urteil in Frankfurt, dass die Umschreibung von Tickets erfordert, die auf Ebay gekauft wurden.

“Wir wundern uns, dass der Geschäftemacherei eines Einzelnen Rechnung getragen wurde”, zitiert DPA den OK-Sprecher Jens Grittner: “Unser Fair-Play-Gedanke ist ein anderer.”

Ja, genau, bloß keine Geschäftemacherei mit der WM. Das darf nur die Fifa. Die beruft sich bei jeder passenden Gelegenheit darauf, dass es sich bei dem Turnier um eine private Veranstaltung handelt. Eine private Veranstaltung, für die Polizei und Bundeswehr aufgeboten werden sollen, eine private Veranstaltung, für die sogar Werbeschutzzonen errichtet werden.

Das Ausmaß der Werbeparanoia ist auch in einem Interview von Fifa-Marketing-Chef Gregor Lentze mit dem “Spiegel” (leider nicht online zu finden) abzulesen:

“SPIEGEL: In Deutschland gilt Werbe- und Gewerbefreiheit – und im Stadionumfeld hat die Fifa eigentlich nichts zu melden.

Lentze: Natürlich gibt es diese Freiheit, und sie wird auch überhaupt nicht eingeschränkt. Es ist aber so, dass man beispielsweise für ein Großposter eine Genehmigung braucht. Das liegt im Ermessen der Städte. Die können aber eigentlich auch kein Interesse daran haben.

SPIEGEL: Wieso?

Lentze: Die Städte und Stadien stehen im Licht der Weltöffentlichkeit. Ich glaube nicht, dass man rundherum einen wilden Basar aus fliegenden Händlern und wehenden Großpostern sehen möchte.

SPIEGEL: Solange es nicht die der offiziellen Sponsoren sind, meinen Sie?

Lentze: Für die Partner gelten in diesem Bereich natürlich dieselben Vorgaben.

SPIEGEL: Und wer überwacht das – eine Privatarmee aus Fifa-Anwälten?

Lentze: Die Marketingdivision wird 250 Mitarbeiter im Einsatz haben, etwa 20 davon im Rechteschutz. Sie werden in Teams von Stadion zu Stadion reisen und vor Ort von Freiwilligen unterstützt.”

Natürlich ist dies alles keine Geschäftemacherei sondern dient allein dem Schutz einer profitorientierten privaten Veranstaltung.

Doch es wird, da dürfen wir sicher sein, weiter lustig bleiben in Sachen WM-Tickets. Da gibt es zum Beispiel die Hospitality-Karten, deren Verkaufszahlen anscheinend geschönt sind. Die Auseinandersetzungen von Menschen, die auf dem Schwarzmarkt Tickets kaufen und dann nicht eingelassen werden, weil ihr Name nicht auf der Karte steht – obwohl das nur Einzelfälle sein werden, denn die Einlasskontrollen werden ohnehin so nicht funktionieren. Oder die Schlagzeilen, wenn die ersten Sponsorenkarten ohne aufgedruckten Namen auf dem Schwarzmarkt vertickt werden.

Am meisten freue ich mich aber auf das Ticket-Tauschportal, das allen Ernstes versuchen will, Umtauschaktionen nur unter Verwandten zu erlauben. Da könnte wahrlich Nostalgie aufkommen, liest man den Text auf der offiziellen Fifa-WM-Seite:

“Grundsätzlich werden für einen Karten-Transfer die folgende sieben Gründe durch das OK allgemein anerkannt:
· Übertragung innerhalb der Familie oder innerhalb rechtlich anerkannter Lebensgemeinschaften
· Krankheit des Bestellers/Besuchers
· Besteller/Besucher erhält kein Visum für Deutschland
· Ausreiseverbot für Besteller/Besucher
· Höhere Gewalt (z. B. politische Unruhen, Epidemien, Naturkatastrophen)
· Todesfall (des Bestellers/Besuchers oder innerhalb der Familie des Bestellers/Besuchers)
· Ein sonstiger Härtefall

In Einzelfällen können vom OK entsprechende Belege angefordert werden. ?Die Entscheidung über jeden einzelnen Fall kommt einem Spagat gleich. Natürlich möchten wir versuchen, im Sinne der Fans zu entscheiden, müssen wegen der bekannten Sicherheits-Anforderungen gleichzeitig aber die nötige Sensibilität walten lassen. Insgesamt wird es die meisten Übertragungen innerhalb der Familie oder wegen Krankheit geben. Mit diesen Möglichkeiten kommen wir unseren Kunden doch schon sehr weit entgegen,? sagt Horst R. Schmidt. Für die Übertragung des Tickets wird eine Gebühr von jeweils zehn EURO für den Besteller fällig.”

Anforderung von Dokumenten über Verwandtschaften (und das möglicherweise übrigens ja noch wenige Tage vor einem Spiel, um dessen Tickets es geht)? Schnell her mit den Unterlagen – Dallidalli. Ja, das erinnert einen doch an etwas. An jene Zeit, als das Stadion, in dem das Endspiel der WM stattfindet, erbaut wurde.

»Thomas Knüwer 20. April 2006, 16:14 Uhr

    10 Kommentare zu “WM-Tickets! Schöne, frische WM-Tickets!”


  1. Mia says:

    Da der Besitz von WM-Eintrittskarten offensichtlich ein hohes Frustrationspotential birgt, bin ich ja beinahe froh, dass ich keine bekommen habe…

    @Herr Kärcher

    Und die Kirche immer hübsch im Dorf lassen. Dass Beckenbauer seinen Gärtner mit ins Stadion nimmt, mag ja sein, aber bei dem Dutzend Karten pro Stadtrat hat man sie ordentlich verarscht.

    Doch sollte mir jemand in den nächsten Wochen noch 12 Karten zukommen lassen, nehme ich Sie gerne mit. Versprochen!

  2. Denis Kärcher says:

    Beim Kommentar von Herrn Knuewer vom 20.04. kommt mir die Galle hoch. Ach wie schön wäre das, wenn alle 389.000 Karten aus dem Kontingent der “Deutschen Fussballfamilie” an Fans und Jugendmannschaften verteilt worden wäre. Statt dessen sitzen über dieses Kontingent Stadträte (bis zu 12 Tickets je Stadtrat!), Vertreter vom DFB (z.B. Beckenbauer und seine 12 Frauen!), Vertreter von Fussball-Vereinen (z.B. Michael Adolf Roth) und sonstige Funktionäre (z.B. Gärtner von Beckenbauer) im Stadion.

    Herr Knuewer, wenden Sie sich doch bitte an den Pressesprecher des WM-OK Jens Grittner und fragen Sie einfach mal nach wie die 389.000 Tickets aus diesem Kontingent GENAU verteilt wurden.

    Die ganze Ticket-Sache stinkt zum Himmel. Denn der deutsche Michel zahlt rund 1 Milliarde Euro für den Ausbau der Stadion und die dazugehörige Infrastrukur und bekommt dann nur 1/3 der Tickets. Das ist Berug am Steuerzahler. Aber unsere Politiker sehen natürlich keinen Handlungsbedarf, denn sie haben alle ihre Tickets in der Tasche. Pfui deibel.

  3. usw. says:

    Tickets gibt’s bei mir vom Einwohner-Zentralamt, Abteilung für Bußgeld- und Verwarnungsangelegenheiten. Im Vergleich zu den Fifa-”Tickets” sind die aber vergleichsweise billig, und länger als 90 Minuten “darf” man damit auch im Halteverbot stehen …

  4. Urteil: FIFA muss WM-Ticket umschreiben. Tauschbörse bleibt umstritten

  5. … und der konnte nicht nach Deutschland kommen. Die von einem Fan aus Essen bei der Online-Börse â??Ebayâ?? ersteigerten WM-Tickets müssen vom Organisationskomitee der FuÃ?ball-Weltmeisterschaft umgeschrieben werden. Dies entschied das Amtsgericht Fra…

  6. Maddy says:

    Hat sich schon jemand das allheilende Ticketportal mal angeschaut?? Zum Beispiel können Eintrittskarten für einzelne Spiele einer sogenannten TST-Serie gar nicht umgeschrieben oder in den Resale gebracht werden. Entweder man gibt die gesamte TST-Serie zurück, oder man muss die Tickets des Spiels, zu dem man nicht gehen will/kann verfallen lassen. Auch Karten aus Gewinnspielen können laut DFB nicht übertragen werden. Heisst: Wenn ein glücklicher Gewinner seine Karte an seine Mama (Familienübetragung geht ja offiziell) verschenken will – Pustekuchen. Und der größte Schmuh ist der Handel mit Optionstickets. Die Rückläufer gehen in den normalen Verkauf. Die Optionscheine, die ja schon bezahlt sind, sind für den Arsch, denn die Besitzer werden nicht bedient. Wenn es so wäre, dürften ja erstmal alle Optionsticketbesitzer glücklich werden, bevor auch nur ein Feld auf der Ticketseite grün wird. Aber dauernd werden kurz die Felder grün/gelb für einzelne Spiele.

  7. Tja, diese *EXPLICIT* bei der FIFA[tm] haben meines Erachtens noch nicht mitbekommen, wie lächerlich sie sich mit diesen ganzen Schikanen^W besonderen Anforderungen machen. Ich versuch mir ja schon vorzustellen, wie ein Tausch wegen Krankheit belegt werden soll. Muss der bisherige Kartenbesitzer dann seine Krankmeldung erst der FIFA[tm] zukommen lassen, bevor er sie dann an seine Krankenkasse schickt? Und welche Krankheiten gelten eigentlich als Grund? Ich sehe irgendwie nicht, dass das ganze Zeug ernsthaft etwas mit Spaß und Spiel zu tun hat.

  8. tknuewer says:

    Wobei diese Zahl ein wenig zu korrigieren ist: Denn 389.000 Karten gingen an Vereine, Verbände und Fangruppen in Deutschland. So veranstalteten Vereine Verlosungen für Fans oder fahren ihre Jugendmannschaften zu Spielen. Zählen wir dieses Kontingent zu den Fans, dann kommen wir auf 45 Prozent.

    Übrigens finde ich Ticket auch blöd, aber die dauernde Wiederholung der Worte Eintrittskarte oder Karte ist stilistisch auch nicht schön. Billet ist irgendwie maniriert, oder?

  9. Charly says:

    “Unser Fair-Play-Gedanke ist ein anderer.”

    Klar, nur 1/3 der Eintrittskarten (Tickets ist ein scheiß Wort) in den Verkauf geben. Absolut faire Sache.

  10. Reserve says:

    Vor einiger Zeit ging die Klage eines Käufers durch die Presse, der WM Tickets über Ebay für den 8-fachen Preis gekauft hat. Das WM Ok hatte die Übertragung abgelehnt, woraufhin der Fan klagte. Wie Spiegel Online und das Handelsblatt heute berichteten,…