»Thomas Knüwer 13. April 2006, 10:52 Uhr

Jean-Remy à l’Americain

Nun hat auch die US-Werbeszene ihren Top-Manager dessen interne Mail an die Mitarbeiter in der Branche belacht wird. Der Jean-Remy von Matt-Gedächtnispreis geht deshalb an: Mark Wnek, COO von Lowe.Es gibt Sätze, die so verbraucht scheinen, dass man sie nicht mehr zitieren mag. Das mit dem Spiel und den 90 Minuten, zum Beispiel. Oder dem im May sellen und away goen. Und dass es nicht vorbei ist, bis die fette Dame gesungen hat.

In diese Rubrik fällt für mich auch ein Zitat des New Yorker Generalstaatsanwaltes Eliot Spitzer. Anscheinend aber ist jener monumentale Ausspruch selbst in Übersee noch nicht in die Hirne der Manager gemeißelt. Deshalb heute, ganz speziell für Mark Wnek, den zweiten Mann in der Spitze der Werbeagentur Lowe:

“Newer write when you can talk. Never talk when you can nod. And never put anything in an e-mail.”

Denn Herrn Wnek ist das passiert, womit schon Jung-von-Matt-Mitgründer Jean-Remy von Matt vor einiger Zeit die Öffentlichkeit belustigte: Er verfasste eine E-Mail an seine Mitarbeiter, die so lächerlich ist, dass sie schnell den Weg in die Internet-Rotation fand.

Wnek versuchte, wie auch von Matt, Kritik an der Arbeit der Agentur wegzuwischen und so seine Truppen zu einen. Das Fachmagazin “Adweek” hatte in seiner jährlichen Bestandsaufnahme Lowe, einer Tochter des Kommunikationskonzerns Interpublic, die Note D+ verpasst, was im Deutschen ungefähr einer 4+ entspricht. “Ausreichend” aber ist nicht ausreichend für eine Werbeagentur die dem Himmel entgegenzustreben glaubt. Oder deren Spitze sich dieser Vision hingibt.

Und so schrieb Wnek:
“As is the case with much of the journalistic coverage of our agency, it seems that the writers have chosen to take every detail and twist it to paint the worst possible story.”

Kurzer Erinnerungseinschub:
“Blöd, wenn man soviel Kopf hat, dass einem jedes Bauchgefühl verloren gegangen ist.”
Jean-Remy von Matt über Journalisten

Auch Wnek hat noch nicht begriffen, dass Management by Mailing die beste Möglichkeit ist, den internen Flurfunk für jedermann offen zu senden.

Früher hätten Wnek und von Matt ein Meeting einberufen. Dort hätten sie feurig gesprochen, die Mitarbeiter hätten stumm dagestanden (Kritiker), entschlossen genickt (karrierehoffende Schleimer) oder sich ermutigt gefühlt (Dummköpfe).

Anschließend hätten sich die beiden ersten Kategorien vor der Kaffeemaschine getroffen, oder beim Mittagessen irgendwo auswärts, und hätten abgelästert über den Chef, der ihnen weismachen will, dass alles in Ordnung sei und die Kritiker böswillige Wirtschaftssatanisten.

Denn wenn der Karren im Dreck steckt, sind die meisten Mitarbeiter intelligent genug, das zu registrieren. Aufmucken aber ist nur im Extremfall angesagt, niemand will seinen Job mit einer Revolte riskieren. Gut, manch einer ist dann doch kreativ, wie damals bei der Axa.

Früher also, hätte jener Flurfunk ganz still gesendet, nach außen wäre nicht viel gedrungen, bestenfalls mal bei einem Lunch mit dem Ex-Kollegen, der zum Konkurrenten gewechselt ist, hätte man ein wenig parliert.

Doch Meeting ist nicht mehr en vogue, sind ja viele nicht anwesend, weil Urlaub oder krank oder Termin. Und deshalb mailen die Chefs jetzt. Geschrieben aber wirken die hilflosen Rechtfertigungen noch viel lustiger als gesprochen. Und die Mitarbeiter machen sich ihrem Ärger Luft, indem sie die Mails weitersenden.

Mit einem Schlag wird aus dem Flurfunk ein Rundfunk. Noch dazu einer, der viel lästerlicher und schlimmer ist als die interne Variante. Beispiel: George Parker, der in seinem bitterbösen Weblog Adrand Wneks Schreiben öffentlich machte. Sein Kommentar zur Journalistenkritik:

“Hey, Wnanker, The reason they pay you a shitload of money is to turn that Titanic of an agency around before it hits the iceberg.”

Genüsslich nimmt er auch den Rest des Schreibens auseinander. Beispiel:

“While the report discussed things as recent as last week, somehow our win of EarthLink and our finalist status in the last 3 pitches is not included.”
Earthlink is a piece of shit, even CP+B did shit work on it, and being in 3 finals means you lost out in 3 finals? No fucking cigar!

Noch schlimmer kommt es, wenn jemand aus dem angegriffenen Haus meint, sich rechtfertigen zu müssen. So wies ein Kommentator bei Parker darauf hin, dass hinter Lowe doch Mitarbeiter ständen, die Familien hätten. Seine Reaktion:

“What?s your point? I should only hammer on singles, one parent families, fucking Venusian Aliens…”

Es wird Zeit für jeden Manager, sich zu fragen, was seine Mitarbeiter wirklich denken, über das, was er von sich gibt. Die Antwort werden sienur finden, wenn sie nicht von oben herab Sitzungen im kleinen Kreis abhalten, sondern reden, reden, reden. Auch die E-Mail kann kein Management by Walking Around ersetzten – selbst wenn es das ist, was so mancher denkt, wenn er am Rädchen der Plastiktoastscheibe namens Blackberry dreht und sich als Bestandteil der Kommunikation im 21. Jahrhundert fühlt.

»Thomas Knüwer 13. April 2006, 10:52 Uhr

    2 Kommentare zu “Jean-Remy à l’Americain”


  1. Cator says:

    Ich musste auch erst lernen, daß die Kommunikationsformen des 21.Jh. wie E-mail/Blogs/Foren/etc. nur Ergänzungen zur klassischen Variante “von Angesicht zu Angesicht” oder auch Telefon sind. Bei mir hatte das aber wesentlich weniger Konsequenzen. Von einer Partyeinladung per E-Mail fühlen sich halt nicht so viele angesprochen. :-)

  2. Hanna says:

    Es ist schon so, daß Firmen langsam mehr und mehr Angst vor dem Nachaußendringen von Interna haben. Ich erlebe das gerade am Rande in einer völlig anderen Branche.

    Zum dritten Mal innerhalb weniger Monate läßt man alle Mitarbeiter irgendwie geartete Geheimhaltungsverpflichtungen unterschreiben. Es gibt keinen Anlaß, doch bei jeder Version werden die Regeln verschärft, die bei Verstoß angedrohten Folgen werden deftiger. Jeder Kleinkram wird zum Geschäftsgeheimnis erklärt.

    Dort ist man bald soweit, daß es schon verboten ist, seinem Partner am Abend zu erzählen, daß man einen miesen Tag in der Firma hatte.