Transparency International und Wahlbetrug in Weißrussland – das sind derzeit die heißen Themen der deutschen Weblog-Szene. Zwei Beispiele für den markanten Unterschied zwischen Nachrichten in klassischen Medien und im Internet.Eine Zeitung wie das Handelsblatt leidet darunter, einem gewissen Vollständigkeitsanspruch zu unterliegen. Alles, was für den Leser wichtig erscheint, muss ins Blatt – notfalls eben nur als Kurzmeldung.
Bei einem Weblog ist das nicht so. Und deshalb habe ich in den vergangenen zwei Tagen zwei sich heiß laufende Geschichten übersprungen, zum einen, weil meine Zeit es nicht erlaubte, mich eingehender damit zu beschäftigen, zum anderen, weil ich auch nichts wirklich neues beizutragen hatte. Und prompt fragen sich hier Leser, warum ich nicht drauf eingehe. Mann, Mann, hier entsteht ja langsam Leistungsdruck…
Nun aber sehe ich gerade einen interessanten Beitrag bei Medienrauschen, der sich Sorgen macht, ob Weblog-Autoren nicht zu schnell auf eine Geschichte aufspringen und so wie ein Rudel Hooligans auf jeden einprügeln, der ihnen zu nahe kommt. Nein, so ist das nicht, meint Don Alphonso in der Blogbar: Wer sich so dämlich anstellt, hat nichts anderes verdient.
Beide Diskussionen umweht ein Hauch alter Medien. Zeitungen, Zeitschriften, TV, Radio – dort wird ein Beitrag gesendet oder gedruckt, eine Reaktion kann erst mit der nächsten Ausgabe erfolgen. Fehler werden bestenfalls korrigiert, vorzugsweise klein gehalten, so dass jeder, der die vorhergehende, fehlerhafte Sendung/Artikel verpasst oder vergessen hat nichts versteht.
Aus diesem Grund veröffentlichen Journalisten, die sich gewissen Standesgrundsätzen (nein, kein Kodex) verpflichtet sehen, erst dann ihre Geschichten, wenn sie diese für ausreichend fundiert halten.
Weblogs (und natürlich Internet-Seiten insgesamt) aber haben die Möglichkeiten, Artikel immer wieder zu verändern und zu ergänzen. Deshalb ermöglichen sie eine Art Werkstatt-Journalismus, was auch jene zwei Geschichten demonstrieren, auf die nun doch eingegangen sei.
Da gibt es zum einen das Weißrussland-Video. Aufgetaucht ist es bei Media Ocean. Angeblich soll es Betrug bei der Wahl in Weißrussland dokumentieren. Würde das stimmen, wäre es ein weiterer Triumph für den Bürgerjournalismus. Mehrere Blogs recherchierten also und auch Media Ocean aktualisierte seine Erkenntnisse immer wieder, bis sich sogar anscheinend derjenige zu Wort meldete, der das Video einstellte. In einer Zeitung hätte man diese Geschichte wohl kaum veröffentlicht, und wenn, nur mit erheblichem Bauchgrimmen. Online aber, mit der Möglichkeit zur Korrektur und Erweiterung, ist dies möglich und auch lauter.
Ähnliches zeigt auch der zweite Fall. Eine Weblog-Autorin berichtete von einer Freundin, die der gemeinnützigen Anti-Korruptionsvereinigung Transparency International keinen Vertrag mehr erhalten hatte. Daraufhin erhielt sie eine Abmahnung von TI. Rechtsanwalt gegen Blogger, das regt das Schutzbedürfnis der Weblog-Gemeinde (zu Recht, wie ich meine) an.
Und so entstanden mehrere Handlungsfäden, die kontinuierlich erweitert wurden. Zum Beispiel wollte der Anwalt von TI seinen Brief nicht online gestellt sehen – noch so ein Kommunikationsdesaster für eine Organisation, die sich er Transparenz verschrieben hat. Lawblogger und Rechtsanwalt Udo Vetter antwortete genüsslich – und das gleich mehrmals.
Ein Beitrag in der Online-Ausgabe der “Tagesschau” wurde mehrmals von Bloggern inhaltlich attackiert und stillschweigend verändert.
Das Graben der Blogger aber ging noch weiter. So geriet der Justitiar von TI ins Blickfeld, und auch die Organisation als Ganzes. Wie ein Virus breitete sich die gesammelte Recherche über Transparency International aus.
Genau solch eine Recherche ist es, die Weblogs von klassischen Medien unterscheidet. Eine Zeitungsredaktion muss mit einer begrenzten Menge Leute einen möglichst vollständigen Überblick über die Nachrichtenlage auf einem limitierten Raum zu einem bestimmten Zeitpunkt liefern.
Weblogs recherchieren mit einer unbegrenzten Personenmenge ohne den Anspruch auf Vollständigkeit der Nachrichten zu haben. Dabei haben sie unbegrenzten (OK, irgendwann platzt der Server, aber das dauert) Platz und keinen festen Abgabetermin.
Und deshalb ist es legitim auch Geschichten zu schreiben, die vielleicht nur halbgar sind. Die Bereitschaft, zurückzuziehen, zu korrigieren, sich zu entschuldigen und den Kotau zu machen – die muss allerdings vorhanden sein.










15 Kommentare zu “Wahlbetrug, Transparency International und der ständige Wandel”
Thomas Knüwer schrieb im Artikel: “In einer Zeitung hätte man [die Weißrussland-Wahlbetrugs-Video-Geschichte] wohl kaum veröffentlicht, und wenn, nur mit erheblichem Bauchgrimmen. Online aber, mit der Möglichkeit zur Korrektur und Erweiterung, ist dies möglich und auch lauter.”
Thomas Knüwer schrieb in den Kommentaren: “Aber genau das ist wohl auch der Unterschied zwischen vielen Bloggern und einem Boulevard-Blatt. Der Blogger überlegt – nicht immer, aber oft – sehr genau, wie die Quellenlage ist. Das zeigt auch das Weißrussland-Beispiel. So mancher Journalist hat nur die Schlagzeile im Auge [...]“
Hast du dich verschrieben, hab ich die gedankliche Ausfahrt verpasst, widersprichst du dir einfach, oder widerrufst du deinen eigenen Artikel in den Kommentaren – ganz gemäß dem von dir propagierten Bloggerkotau?
(P.S.: Sorry für das kleine Privatspamming vorhin!)
Kleines Problem, Thomas:
Wir haben schon jetzt in der deutschsprachigen Blogosphäre Blogs, die wie Boulevard-Blätter arbeiten/manipulieren. Von Einzelfällen abgesehen noch nicht sonderlich erfolgreich, aber vermutlich gibt es da Potential (Problem, zum Glück: Würde letztendlich auch nur als Versteckspiel funktionieren, weil’s sonst TZ-like schnell teuer werden kann).
Eigentlich haben wir also eher das Glück, dass es unter den A-Listern noch so viele besonnene Menschen gibt, die wissen, was sie mit ein paar unbedachten Zeilen anrichten können. Allerdings: Auch denen kann mal was durchrutschen.
Ein Beispiel ist vielleicht die Meldung über den angekündigten CSU-Spam zur Bundestagswahl, die sich, u.a. ausgehend von spreeblick und wirres.net, fix verselbständigt hat. Dort konnte man das Phänomen in Teilen schon beobachten.
Das Problem beim Werkstatt-Journalismus in Blogs ist dann, dass eine Sau, die nach der Trackback-Hatz bereits tot am Boden liegt (Man erinnere sich, was damals im CSU-Wahlblog abging!), sich nicht mehr rechtfertigen kann.
Nachträgliche Korrekturen helfen da wohl auch nur noch bedingt (Was Steffen bei media-ocean macht, ist eine von vielen rühmlichen Ausnahmen, auch wenn sich die Updates zu einem beachtlichen Teil versenden).
Wer erstmal von ein oder zwei Blogwellen überrollt würde, hat – völlig unabhängig von tatsächlicher “Schuld” – wohl auch ein ganz pauschales Glaubwürdigkeitsproblem. Da kann man sich Rechtfertigungen gleich sparen und nur noch hoffen, dass es bald vorbei ist. Das scheint man nun bei TI erkannt zu haben.
Eigentlich kann man nur hoffen, dass es da nicht irgendwann wirklich Unschuldige trifft.
So, liebe RB, lieber Surfguard, wir freuen uns mit Euch, dass Ihr Euch hier gefunden habt. Nun aber bitte entweder eine Diskussion zum Thema oder privater Mail-Verkehr. Lasst uns wissen, wenn Ihr heiratet. Danke!
@SurfGuard: Habe ich schon längst gemacht. Du schreibst (wie nicht anders erwartet) sehr kurzweilig!
Werde dich nun häufiger besuchen.
RB
@RB: Dann besuch mich doch einfach mal zuhause (unten auf den Namen klicken
“Irgendwas läuft gerade mächtig falsch in Klein-Bloggersdorf”, resümiert Jörg-Olaf Schäfers in medienrauschen.
In den letzten Tagen hatte ich keine Zeit, weiter zu diesem Fall zu recherchieren und Neues beizutragen….
@SurfGuard: Ja!
Danke für den Beitrag. Kann es sein, dass in den Blogs vieles läuft nach dem Motto: Kleine Anlass – große Aufregung?
Aber ich denke, es zeigt, dass die Blogs etwas bewegen können – und hoffe, dass es dann mal um mehr geht als solche Pipikram wie Praktikanten und Klowände.
Dies ist natürlich der Extremfall einer rechtliche handhabbaren Aussage.
Problemen düfte ein Blogger entgehen können, indem er das tut, was auch die “TZ” unterließ: Bei Schweinsteiger nachfragen. Dessen Management, beziehungsweise das des FC Bayern, wird entweder nicht reagieren oder dementieren. Im zweiten Fall hat er genauso wie auch jedes andere Medium die Auswahl zwischen “Nix schreiben” und “Schreiben aber Dementie erwähnen”.
Aber genau das ist wohl auch der Unterschied zwischen vielen Bloggern und einem Boulevard-Blatt. Der Blogger überlegt – nicht immer, aber oft – sehr genau, wie die Quellenlage ist. Das zeigt auch das Weißrussland-Beispiel. So mancher Journalist hat nur die Schlagzeile im Auge mit der inneren Gewissheit, dass ihn die Rechtsabteilung des Verlags vor Schaden bewahrt.
Allerdings: Dass eine Geschichte “ohne Wahrheitsgehalt” ist, weiß man erst hinterher? Nein, das glaube ich nicht wirklich. Bemerkenswert im “TZ”-Fall ist doch: Die Zeitung berief sich auf Informationen aus Kreisen erst des Vereins, dann der Staatsanwaltschaft (ja, was denn nun?) aber hat anscheinend weder Club noch Behörde kontaktiert (oder sind meine Infos da nicht vollständig?). Warum nicht? Vielleicht Angst vor einem harten Dementi?
Und wie wäre das jetzt im Schweinsteiger-Beispiel? Ein Blogger hört von jemandem, der mal angenommen bei der Staatsanwaltschaft arbeitet, dass Bastian Schweinsteiger als Beschuldigter vernommen worden sei. So ungefähr wird’s bei der tz auch gewesen sein.
Von der tz erwartet man nun zu Recht, eine zweite, glaubwürdige Quelle zu haben oder wenigstens eine Stellungnahme der Staatsanwaltschaft einzuholen.
Aber dürfte der Blogger das Gehörte einfach veröffentlichen? Oder nicht?
Dass eine Geschichte “ohne Wahrheitsgehalt” ist, weiß man schließlich erst hinterher. Denn dass nicht wissentlich falsche Tatsachen veröffentlicht werden sollten, das versteht sich wohl von selbst und ist zu Recht mit Abmahnung und ggf. einer Verurteilung wegen Verleumdung bedroht.
Moment: Ein Freibrief ist das nicht. Ich spreche von halbgar nicht ganz und gar roh. Und: Blogger sind keine Journalisten. Oft sind ihre Rechechemöglichkeiten begrenzt – gleichzeitig muss man sehr genau darauf achten, wie glaubwürdig ein einzelner Autor ist. Sie erfüllen eine bisher nicht besetzte Position in der Medienwelt, die künftig noch sehr wichtig werden dürfte: Die des “Whistleblower” (mir fällt gerade keine Übersetzung ein – ich brauch Kaffee!) zweiter Klasse, der etwas hört, dazu stehen kann, diese Information zur veröffentlichen und sie deshalb zur weiteren Recherche öffentlich macht.
Geschichten ohne Wahrheitsgehalt aber diskreditieren auch in Weblogs den Autor und dürften ihn schnell in die Kategorie “Wer einmal lügt” einordnen – mit entsprechend sinkenden Leserzahlen.
Wenn RB = Räuberbraut, dann bin ich’s
SurfGuard?! Vollste Zustimmung von mir! Der Unterschied zwischen klassischer Zeitung und Blog ist hier evtl. auch, dass Zeitung erst druckt, wenn es auch wirklich was zu berichten gibt. Naja, eine nie endende Diskussion…
Bist dus wirklich?
RB
Ich habe mich aus dem Konflikt Transparency International vs. Moni bislang heraus gehalten. Wie Thomas Knüwer hatte ich in den letzten Tagen eher wenig Zeit zum bloggen und Neues beizutragen hatte ich ebenfalls nicht.
Jetzt wo es offenbar erneut e…
“Und deshalb ist es legitim auch Geschichten zu schreiben, die vielleicht nur halbgar sind.”
Verstehe ich das richtig: Wenn das wohl falsche Gerücht, nach dem Bastian Schweinsteiger von der Staatsanwaltschaft als Beschuldigter verhört wurde, nicht von der tz sondern von Bloggern veröffentlicht worden wäre, dann wäre es ok gewesen?
Nur, damit kein Missverständnis aufkommt: Ich bin weit davon entfernt, von Bloggern die gleiche Sorgfaltspflicht wie von Journalisten zu fordern. (Ich bin deswegen übrigens auch weit davon entfernt, ihnen die gleichen Rechte zuzugestehen.) Aber ich finde den hier ausgestellten Freibrief, man könne schreiben was man wolle, Haupsache man sei später bereit zu widerrufen, schon ein bisschen schwierig: Irgendwas bleibt schließlich immer hängen.