Weblogs lösen in Journalisten oft eine Mischung aus Neid und Faszination aus. Einerseits dürfen da Laien ohne Recherche so aggressiv texten, wie es bei einem klassischen Medium in der Regel nicht möglich ist – andererseits entstehen daraus Artikel und Themen. Am liebsten aber, würde mancher fest Angestellte diese ganzen Blogs weg haben, diesen Müll, der dazu führt, dass sein Arbeitgeber seltener gelesen wird.Kürzlich versuchte der Vorsitzende des Netzwerks Recherche bereits, Weblogs in die Schmuddelecke zu rücken. Nun tut dies Marc Pitzke vom “Spiegel”, wenn auch eleganter. “Schwitzende “Schwitzende Swinger” überschreibt Spiegel Online seinen Artikel über einen Empfang beim “Time”-Magazin, wo die “Crème de la crème der Presseszene antanzte” – und natürlich auch Pitzke (mutmaßlich, denn wir wollen nicht annehmen, dass er Szenen beschreibt, bei denen er nicht gegenwärtig war).
Es geht um Andrew Sullivan, der seine Blog-Aktivitäten (oder “Web-Wallungen”, wie es Pitzke umschreibt) an “Time” verkauft hat.
Nun ist so ein “Spiegel”-Artikel in der Regel einem Aufbau aus dem Playmobil-Kasten unterworfen – und das macht ihn manchmal schwierig. Denn er braucht eine Grundthese. In diesem Fall: Blogger sind nicht unabhängig, sie warten geldgierig nur auf die Chance, sich zu verkaufen. Diese These muss durchgehalten werden, komme, was da wolle.
Ist die These im Kopf formuliert, wird zunächst ein szenischer Einstieg formuliert, der hier leider etwas dröge daher kommt. Dann braucht es ein Portal, das dem Leser erklärt, warum er diese Geschichte nun lesen soll. Pitzke wählt die Methode des “Bild”-Hammers:
“Die “Time”-Sullivan-Fusion ist eine der ersten Ehen zwischen etablierten Medien und ihren angeblichen Todfeinden, den Bloggern.”
Dumm nur, dass eine verschwindend geringe Zahl von Bloggern sich Todfeind der etablierten Medien nennen würde. Diese Bezeichnung wählen nur Angestellte der klassischen Medien auf der verzweifelten Suche nach einem Portal. Vielleicht aber gibt es einige Leser des “Spiegel”, die unverschämterweise Sympathien für Unangepasste hegen, Blogger also sympathisch finden. Dem ist nur mit dem Die-sind-auch-Kapitalisten-Bohrer beizukommen:
“Sullivan kassiert nun Lizenzgebühr in unbekannter Höhe.”
Das impliziert: Der Typ macht Kohle. Ob das stimmt, weiß natürlich auch Pitzke nicht.
Ein böser Abkassierer reicht ihm jedoch nicht, es muss noch ein weiterer her. Denn der journalistische Witz “Zwei Beispiele sind ein Trend, drei eine Welle” wird gerne auch mal um eins runtergerechnet. Und deshalb kommt Gawker ins Spiel. Das New Yorker Medienblog ätzt zwar auch gegen Sullivan, wird aber gleich ebenfalls in die Ecke der Millionarios gestellt – womit Pitzke sich selbst eigentlich entkräftet, denn warum einen Bösen in die Geschichte einbauen, der gegen Böse arbeitet? Ach egal, der Leser wirds schon nicht merken.
“Längst ist Gawker Media ein richtiger Verlag, der neben dem bissigen “Gawker” noch 13 weitere Blogs produziert – etwa die Klatsch-Pages “Wonkette” (aus Washington) und “Defamer” (aus Hollywood) und, Geschäft ist Geschäft, das Softporno-Blog “Fleshbot”. An die 4000 Dollar am Tag, hat das “New York Magazine” ausgerechnet, dürfte “Gawker” mit Anzeigen verdienen. Mehrere “Gawker”-Blogs haben Verträge mit Yahoo! abgeschlossen und liefern dem Portal Inhalte zu.”
Da wäre doch zu fragen, was so ein “Spiegel”-Mann unter einem “richtigen” Verlag versteht. Seine Geschäftsführer würden den Vergleich zwischen ihnen und Gawker sicher nur bedingt schmeichelhaft finden.
Immerhin, dank Gawker darf Spiegel Online die klickbringende Überschrift “Schwitzende Swinger” wählen – das freut die Statistiker im Verlag. Und dann noch mal das googelnde “schwitzender Medien-Gruppenfick” – klasse. Obwohl natürlich Gawker das Wort Clustfuck wählte, das im Geschäftsleben auch noch andere Bedeutungen hat – aber Schwamm drüber, seit wann werden Korinthen gekackt bei Spiegel Online?
Ebensowenig, wenn jemand von Gawker behauptet, gar nicht so viel Geld zu machen:
“Wir sind kleiner, als alle denken. Das Anzeigengeschäft deckt nur unsere Rechnungen”, widerspricht Gaby Darbyshire, Entwicklungsdirektorin für Gawker Media. “Erwarte nicht, mit Bloggen reich zu werden.”
“Blöde Kuh”, denkt Pitzke, “macht mir jetzt noch die Geschichte kaputt”. Und weil derzeit in der “Spiegel”-Titelgeschichte ja auch behauptet wird, die Staatsanwaltschaft Bielefeld ermittele gegen einen Profi-Fußballer, obwohl die Staatsanwaltschaft Bielefeld dem “Spiegel” mitgeteilt hat, dass sie nicht ermittelt, wird doch wohl noch erlaubt sein, auch Frau Darbyshire in den Ruch der Besserverdienenden zu rücken:
“Über konkrete Geschäftszahlen will sie nicht reden.”
Und wer da nicht drüber reden will, der hat bestimmt jede Menge Dollar auf dem Konto, ist doch klar.
So eine “Spiegel”-Geschichte braucht, kurz vor dem Schluss, noch einen Höhepunkt. Und der kann in Sachen Internet natürlich nur mit der Dotcom-Blase zusammenhängen:
“Kommt einem bekannt vor: Firmen mit minimalem Profit wechseln für enorme Summen den Besitzer. “Dies ist wie der Beginn des Internets”, sagt Darbyshire. In der Tat erinnert der Blogger-Hype an den ersten Web-Boom: Aus einer anfangs völlig unorganisierten Informationsmasse kristallisiert sich eine Elite heraus.”
Zwar ist Sullivans Wechsel zu “Time” eine der “ersten Ehen”, wie weiter oben zu lesen war, aber bis zum Ende des Artikels hat der Leser das sicher schon vergessen und glaubt an eine gewaltige, die Börsen aufpumpende Menge Blogs, die von der Pitbull-Meute der Großverlage gejagt wird.
Ja, so ist es halt. Aus einer uninformierten Fleischmasse kristallisiert sich manchmal eine Voreingenommenheitselite heraus. Die darf sich dann auch darüber aufregen, dass es einige Weblogs gibt, die von vielen gelesen werden und eine riesige Menge mit wenigen Lesern.
Womit sich letztendlich der Neid so manches Berufsjournalisten manifestiert: Wie kann es nur sein, dass Millionen Autoren für fünf, sechs Leser schreiben – und einfach nicht damit aufhören wollen? Die Antwort ist einfach – und desillusioniert jeden von sinkenden Auflagen und stagnierenden Anzeigen frustrierten Profi: Weil es Spaß macht. Doch es darf nicht sein, dass anderen Spaß macht, was journalist frustriert. Und deshalb fabuliert Pitzke:
“Meldungen vom Tod der Blogs scheinen indes ebenso verfrüht wie die vom Tod der etablierten Massenmedien.”
Meldungen aber über tote Blogs hat wohl nur er gelesen – und wahrscheinlich hat er sie selbst geschrieben.










14 Kommentare zu “New Yorker Neidanfälle”
Natürlich kenne ich den Unterschied zwischen Online und Print. Allerdings: Die Print-Redaktion produziert Woche für Woche weit mehr als sie im Heft unterbringen können. Das wandert dann oft genug Richtung online. Was also ursprünglich für Print und Online gedacht war, lässt sich von außen meist nur schwer unterscheiden.
Nur zur Info an Herrn Stephen Colbert. Spiegel Online nutzt bewußt und mit Zustimmung den Markennamen “Spiegel”. Das Abfärben von Spiegel auf Spiegel Online und eben auch umgekehrt ist bewußt gewollt. Es soll ja gerade der Eindruck erweckt werden, Spiegel Online sei Teil des Spiegel – nur eben online.
Wenn also die Markenbesitzer diesen Eindruck beim Leser wünschen, dann sollen sie sich besser nicht beschweren, wenn er auch eintritt. Für alle praktischen Betrachtungen ist Spiegel Online ein Teil des Spiegel, ist der auf Spiegel Online verzapfte Dünnschiß vom Spiegel verzapft.
Sollten die Markeninhaber das nicht wünschen, könnten sie Spiegel Online die Nutzungsrechte entziehen (tun sie aber nicht), oder die Online-Redaktion mit besseren Journalisten besetzen (tun sie auch nicht). Also ist aus Sicht des Markeninhabers wohl alles in Ordnung und genau so gewollt.
Schlimm in dem SPon Artikel finde ich diese Beschreibung:
“der konservativ-schwul-katholisch-HIV-positive Blog-Pionier”
Das alleine reichte mir schon, den Artikel in die unterste Schublade zu “packen”… da lohnt es schon gar nicht mehr, sich über den weiteren Rest aufzuregen…
Die Grundthese der Serie lautet: “Da ändert sich was, aber der SPON is watching und kriegt das alles mit. Was wir machen, ist gut, was andere machen, ist schlecht oder wird schlecht gemacht.”
Dabei wissen die vermultich auch, dass sie mit ihren Arbeitsvermeidungssurfern längst zwischen Rinnstein und Gullydeckel sind, weil viele halt lieber für 6 Leute schreiben, als mit dem Massenfrass irgendwelcher Zeilensklaven abgespeist zu werden. Die grosse Sache sind nicht die A-Lister, die grosse Sache sind die vielen kleinen Enthusiasten.
Nur zur Info (und weil es mich wundert, dass Herr Knüwer den Unterschied nicht kennt): Das war ein SpOn-Stück, kein Spiegel-Stück. Pitzke ist SpOn-Zuarbeiter. Natürlich färbt die Spiegel-Konstruktion auch auf SpOn ab; letzteres glänzt aber bekanntermaßen mit nochmals verminderter Qualität.
Es stehen gut und gerne 500 Rinder an einem zugefrorenen See. Der Frühling ist recht nah und so recht tragend will die Eisdecke des Sees nicht mehr wirken. Das ist den umherstehenden Rindviechern relativ egal und so wagt sich, Rind nach Rind, ein besonders keckes nach vorne, betritt das Eis, macht ein paar Schritte und bricht ein – schreit, ertrinkt, aber: Das Rindvieh hat’s versucht. Sobald den verbliebenen Rindern die Erinnerung an Geschehenes schwindet, vollzieht sich das Schicksal für zumindest eins der Rinder aus der wiederkäuenden Meute erneut. So oder zumindest ähnlich kommt mir derweil das Austreten x-beliebiger Journalisten vor, die scheinbar überzeugt davon sind, ausgerechnet mit ihrem Artikel den Menschen das Bloggen zu vergällen – sie treten aus der Masse hervor, betreten unsicheres Terrain und brechen ein – schreien, ertrinken, aber: Es wurde versucht. Der Nächste, bitte.
spricht mir aus der seele. spon entwickelt sich meiner ansicht nach immer mehr zum antipoden einer gewissen boulevardzeitung.
Haha, sehr schöner Artikel. Genauso funktioniert Sponline.
Wie heisst es so schön: “Wer auf die Jagd nach einem Tiger geht, muß damit rechnen, einen Tiger zu finden.” In diesem Sinne…
anmerkung:
hrmpf. auch wenn´s wahrscheinlich überflüssig ist zu erwähnen: mein kommentar oben bezieht sich natürlich auf den artikel von herrn knüwer, nicht auf den spiegel-online-artikel, der tatsächlich mist ist. das kommt davon wenn viele leute zeitgleich kommentieren und dabei die gleichen begriffe verwenden.
grüsse an lars.
Ganz grossartiger Artikel. bisher habe ich noch nie so gut und eindrücklich über die Konflikte der Berufs-Journalisten mit den Weblogsschreibern gelesen. Und noch nie habe ich so pointiert das Spiegel-Artikel-Konstruktionsprinzip erklärt bekommen.
hab ich heute doch noch was gelernt…
Es ist schon echt ein mieser artikel. Ich habe ihn wirklich ganz durchgelesen, aber man sollte es nicht so ernst nehmen. Der bericht hat bestimmt wieder ein paar mehr neugierig auf blogs gemacht.
Es ist nicht wichtig was man über blogs schreibt, hauptsache man schreibt darüber. haha.
@Grundthese: Blogger sind nicht unabhängig, sie warten geldgierig nur auf die Chance, sich zu verkaufen.
Dies ist bei einem Blog auf den ersten Blick zu sehen. Werbeeinblendung Ja/Nein.
Bei einem Journalisten ist dies allerdings die Grundvoraussetzung für seine Artikel. Wessen Brot ich fress, dessen Lied ich sing.
Dies soll nun wahrlich nicht als Journalistenschelte verstanden werden, aber mich beschleicht immer mehr der Eindruck, dass Blogs zunehmend als lästige Konkurrenz gesehen werden. Der Bildblog ist hier ein wunderbares Beispiel. Vielleicht ist es aber auch purer Frust, da einige Blogs von so bestechender Qualität sind, dass sie den kommerziellen Medien den Rang ablaufen könnten.
Der Spiegel hat seinen Ruf als Leitmedium ja bereits seit Jahren verloren und guter Journalismus ist gute Recherche und damit von Qualität. Marc Pitzke bestätigt mir da einige Vorurteile. Vielleicht sollte er sich umorientieren und zukünftig Kinderbücher schreiben. Dies würde für Autor und Leser bestimmt entspannender sein.
Spon-Bashing vom Feinsten. Ehrensache!