Kulturkritiker sind eine besonders Spezies Journalist. Dass sie sich aber so weinerlich und zickig gerieren wie der Abgeordnete der “Frankfurter Allgemeinen” im schwelenden “Theaterskandal”, zeugt von besonderer memmenhaftigkeit. Und von einer erstaunlichen Zusammenarbeit zwischen den scheinbaren Rivalen “FAZ” und “Süddeutsche Zeitung”.Wir Männer sind schmerzempfindlicher als Frauen. Das muss ja von Natur aus so sein, Frauen müssen halt Geburten durchstehen. Wegen dieses biologischen Unterschieds, zum Beispiel, leiden wir Männer unter Erkältungen stärker als Frauen, die dann gerne fragen: “Mann oder Memme?”
Künftig werden sie dies vielleicht variieren in “Mann oder FAZ-Redakteur”. Denn was FAZ-Mann Gerhard Stadelmeier nach dem “Frankfurter Theaterskandal” so von sich gibt, ist leider eine Beleidigung seiner Geschlechtsgenossen.
Nochmal kurz zusammengefasst, was passiert laut DPA ist:
Bei der Premiere im Werkraumtheater der Städtischen Bühnen wurde das Stück ?Das große Massakerspiel oder Triumph des Todes? von Eugéne
Ionesco aufgeführt. Theaterkritiker Stadelmaier hatte sich nach eigener Darstellung während der Aufführung kurz mit einem Kollegen unterhalten und dabei leise gelacht. Daraufhin habe ihn der
Schauspieler angesprochen und ihm nach einem kurzen Wortgefecht mit den Worten ?Mal sehen, was der Kerl geschrieben hat? seinen Block entrissen. Lawinky habe aber anscheinend seine Schrift nicht lesen können und ihm den Block wieder gegeben. Er -Stadelmaier – sei daraufhin gegangen. Der Schauspieler habe ihm Beleidigungen hinterher
gerufen.
Schauspieler Lawinky ist inzwischen gefeuert, das Berliner Ensemble hat ihm Asyl angeboten. Eigentlich also, Zeit sich wieder um die Normalität zu kümmern. Nicht aber für das deutsche Feuilleton. Denn für das Feuilleton der “Süddeutschen”, dass ja gerne Personalrochaden mit dem der “FAZ” betreibt, ist das Affärchen ein Interview wert. Und in dem darf Stadelmeier auf eine Weise “Mama, er hat mir weh getan” weinen, dass ich als Mann eine Geschlechtsumwandlung als ernsthafte Option in Erwägung ziehe.
“SZ: Der Vorfall scheint Ihnen sehr zugesetzt zu haben.
Gerhard Stadelmaier: Es ist, als sei jemand in Ihre Wohnung eingebrochen. Ihre Briefe und Kleider sind durchwühlt, die Wände beschmutzt. Der materielle Schaden hält sich in Grenzen, aber der immaterielle Schaden, das Gefühl des Ausgeliefert-Seins, ist enorm. Ich habe mich noch nie so gedemütigt gefühlt.
…
SZ: Aber Sie blieben unversehrt, oder?
Stadelmaier: Mir wurde mein Spiralblock brutal aus der Hand gerissen. Ich hätte mich dabei verletzen können. Aber es hat auch so ganz schön weh getan.”
Ganz schön weh tut auch, dass Stadelmeier sofort “Pressefreiheit” schreit, wenn ihm jemand sein Blöckchen klaut:
“SZ: “Angriff auf die Pressefreiheit” ist ein harter Vorwurf.
Stadelmaier: Ich bitte Sie! Wenn man mir meinen Notizblock entreißt, nimmt man mir nicht nur das Handwerkszeug, sondern man macht es mir unmöglich, über den Abend zu schreiben. Das ist der noch viel gravierendere Eingriff in die Pressefreiheit. Ich kann über den Abend nicht mehr schreiben, weil der Schauspieler mir meine Unbefangenheit nimmt. Es handelt sich um die Ausschaltung von Kritik – das mag im Affekt passiert sein, gehört aber strukturell zu dieser Art von Theater, die gar keine Kritik mehr will, sondern nur noch ein Mitlaufen.”
Bemerkenswert übrigens, dass Stadelmeier behauptet, man habe ihm einen “toten Schwan” auf den Schoß geworfen. Dieser Wurf wird nur in seinen Zitaten erwähnt. Ob es sich um eine Requisite oder um ein tatsächlich totes Viech gehandelt hat (was ich jetzt mal für unwahrscheinlich halte), ist noch offen.
Traurig auch, dass Stadelmeier insgesamt in eine Falle gelaufen ist, wie sie in den Kulturressorts der Republik völlig alltäglich ist – dass hätte er mit seiner Erfahrung wissen müssen.
Denn nicht jeder Kritiker kann über alles schreiben. Wer absehbar mit einer Band, einer Inszenierung oder einem Buch nichts anfangen kann – Kritiker sind Menschen und somit auch vom eigenen Geschmack beeinflusst – der sollte die Finger davon lassen.
Stadelmeier selbst gibt zu, dass ihm das Konzept des aufgeführten Stückes von Anfang an nicht behagte:
“Ich bin nicht im Theater, um mitzuspielen.”
Genau darauf aber war die Inszenierung angelegt.
Und so schildert der Regisseur des “Großen Massakerspiels” die Szenerie auch ein wenig anders:
“Es war so, dass wir in einer Halle an verschiedenen Orten spielten und das Publikum aufforderten, sich zu bewegen. Beim ersten Ortswechsel, wir hatten sehr helles Licht, blieb ein Kritiker demonstrativ sitzen. Wir wussten nicht, dass das Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist. Thomas Lawinky hat den Herrn freundlich aufgefordert – ich betone: freundlich, dafür gibt es Zeugen – mitzukommen. Daraufhin wedelte Herr Stadelmaier entsetzt mit dem Arm und rief: “Nicht anfassen! Nicht anfassen!” Lawinky ließ ihn in Ruhe. Später gähnte Herr Stadelmaier mehrfach. Und das nicht in einem Publikum von 1 400 Leuten, wo 25 Spots auf einen Guckkasten gerichtet sind und die Schauspieler das sowieso nicht mitbekommen, sondern in einer ausgeleuchteten Halle, während die Schauspieler teilweise auch im Publikum spielten. Dann ging Stadelmaier dazu über, seinem Kollegen gestisch seine Meinung über den Abend, der gerade erst angefangen hatte, mitzuteilen: Er wedelte scheibenwischerartig mit der Hand vor seinem Gesicht und signalisierte so dem Kollegen, aber eben auch den Schauspielern: Ich werde diesen Abend verreißen. Als eine Schauspielerin mit Tränen in den Augen ungefähr anderthalb Meter von Herrn Stadelmaier entfernt einen toten Vogel gebar, lachte der Kritiker höhnisch. Da sprach Lawinky ihn an. Und er sagte nicht: Wie blöd sind Sie denn?, sondern er blieb in seiner Rolle und sagte ungefähr: “Bitte schreiben Sie doch morgen in der Zeitung, was für ein schöner Junge hier auf die Welt kam. Bitte, schreiben Sie das, Sie sehen so intelligent aus.” Als Herr Stadelmaier erwiderte: “Sie leider nicht!”, nahm Lawinky dem Kritiker seinen Block weg. Das wird jetzt als krimineller Akt gewertet, als Angriff auf die Person, als Nötigung und – ganz sensibles Thema – als Angriff auf die Pressefreiheit.”
Nachtag: Gerade bekomme ich etwas interessantes zugemailt. Anscheinend hat die “Süddeutsche Zeitung” ihre Beurteilung der Geschichte im Laufe des Sonntags gewendet. Denn in den frühen Ausgaben der “SZ” erschien eine für Stadelmaier weniger schmeichelhafte Geschichte, übertitelt mit:
“Killer-Mimose schlägt zurück
Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier täte einem noch mehr leid, wenn er sich nicht selbst schon so offensiv leid täte.”
“Die Mimose wird zum Killer, wenn Stadelmaier seine Kränkung an die denkbar größte Glocke hängt, die im medialen Dorf zu finden ist. Die freilich schwer entschuldbare Entgleisung des Schauspielers Thomas Lawinky ist ihm und seiner Zeitung immerhin die rare Form eines in Ich-Form abgefassten Aufmacher-Artikels wert, worin Stadelmaier die Attacke auf sich zu einem Angriff auf die Pressefreiheit und die Öffentlichkeit als solche hochspielt.
Davon kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Das Demütigende des Vorfalls liegt ja gerade darin, dass hier nicht die Öffentlichkeit oder sonst ein Abstraktum beleidigt wurde, sondern ein konkreter Mensch: eben Gerhard Stadelmaier. Und mitfühlen kann man nur mit einem Menschen. Aber der Erniedrigte und Beleidigte geht zu weit, wenn er in unstatthafter Weise den Vorfall sogleich theaterpolitisch instrumentalisiert und den Druck erhöht, indem er eine “strukturelle Logik” zu erkennen glaubt.”
Es steht zu vermuten, dass reichlich telefoniert wurde am Sonntag Nachmittag zwischen Frankfurt und München.










19 Kommentare zu “Mann oder FAZ-Feuilletonist?”
Meine Liste mit Themen für Einträge in diesem Blog ist eigentlich schon lang genug: auf das von Rayson angerissene Thema “Google in China” eingehen, mit einem von groÃ?em Sachverstand getragenem und sich durch profunde Recherche-Tiefe au…
Von dem Skandälchen hat doch jeder profitiert. OB Roth ist Aufsichtsratsvorsitzende der Städtischen Bühnen Frankfurt und hat in dieser Eigenschaft etwas zu sagen.
Ärgerlich nur, daß der Steuerzahler solch widerliche Theateraufführungen subventionieren muß.
Fands sehr witzig zu lesen, aber als ich dann folgendes sah musst ich echt richtig lachen… Ich hätte mich dabei verletzen können. Aber es hat auch so ganz schön weh getan
haha… der typ hat ne meise.. ich bleib bei der taz..
Vor einiger Zeit schrieb ich in einem Kommentar* bei Blogs!: Ein Journalist, der stolz auf seinen Berufsstand sein will, sollte imo zuallererst im eigenen Nest nach den Kuckuckseiern suchen (oder auch nach faulen) und sie selbst dahin befördern, wo sie….
Mann oder Memme?
Mann oder FAZ-Feuilletonist?
Warum? Darum!
@varzil:
Zum einen war das für Stadelmann ja nicht der entspannende Theaterbesuch nach einem stressigen Arbeitsalltag, sondern eher der Arbeitsalltag selbst. Zum anderen ist er ja nicht mit “Arschloch” begrüßt worden, sondern es gab eine Vorgeschichte. Und außerdem dürfte, so wie ich das verstanden habe, aus der Ankündigung des Stückes hervorgegangen sein, daß es nunmal keine Aufführung werden würde, während derer man ruhig auf seinem Platz sitzen und vielleicht ein Nickerchen einschieben könnte. Es ist in Ordnung, wenn Stadelmann kein “Theater zum Mitspielen” wünscht, aber dann kann er die entsprechenden Aufführungen ja meiden. Was ist denn davon zu halten, wenn ein Kritiker Stücke aufsucht, deren Bewertung für ihn schon vorher feststeht?
Ob Herr Stadelmaier überreagiert hat oder ein Schauspieler ausgeflippt ist, weiß ich nicht.
Ich bin jedoch überzeugt:
Wenn ich für 15 €, 20 € oder 30 € eine Theaterkarte kaufe und nach einem stressigen Arbeitsalltag auf eine Theaterinszenierung hoffe, möchte ich nicht als Arschloch beschimpft werden. Das muss man sich nicht gefallen lassen, und wenn man sich denn unbedingt beschimpfen lassen will, tun das die Halbwüchsigen Kinder für den Preis sicher auch.
Die Einstellung “Wenn er die reinen Stücke genießen will, soll er sie doch lesen.” (O-Ton Hartmann in der Berliner Zeitung) find ich jedenfalls bei einem öffentlich subventionierten Theater einfach fehl am Platz.
Gerhard Stadelmeier, ein Kulturkritiker der FAZ, gibt in der Süddeutschen Folgendes zu Protokoll:
SZ: Der Vorfall scheint Ihnen sehr zugesetzt zu haben.
Gerhard Stadelmaier: Es ist, als sei…
Thema verfehlt
Der Kritiker S. hat zum Schaden nun auch noch reichlich Spott. Sicher in guten Teilen berechtigt.
Doch wäre das Thema keine Zeile wert, hätte die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt nicht persönlich zur Feder gegriffen. Wer sich als politischer Journalist begreift, sollte das Schmierentheater wohl vom wahren Theaterdonner unterscheiden können.
Der Skandal liegt in der arbeitsrechtlichen Konsequenz, im Rechtsverständnis der OB und der Willfährigkeit der Intendantin.
Hätte die OB nicht eingegriffen, wäre die Schweinerei (besser: Schwanerei) dort verkümmert, wo sie hingehört. Auf den Seiten des Feuilleton der FAZ.
Über die Berufsauffassung des Kritikers S. zu diskutieren lohnt sich kaum. Das veröffentlichte Interview ist entweder eine Fälschung oder … entstanden. (… verbleibt der Phantasie des Lesers überlassen. Zugunsten des Kritikers S. sei vermutet, das Interview wurde nur bruchstückhaft und sinnentstellt wiedergegeben.
Auch die Diskussion, ob derartige Inszenierungen noch durch einen weitgefaßten Kunstbegriff zu decken sind, geht am Thema vorbei. Für dergleichen Diskussionen ist vor der Premiere genügend Zeit.
Dagegen ist die Rechtsauffassung der OB zum Arbeitsrecht indiskutabel. Auch sollte die FAZ lieber daran arbeiten, den Stellenteil ihrer Samstagsausgabe zu erweitern. Und nicht den Kundenpool der Arbeitsagentur vergrößern.
Wo kommen wir hin, wenn die FAZ alle Menschen, die ihr sorgsam gehütetes Weltbild verletzen, mit Entlassung strafen darf?
korfstroem
Ich bitte, bei allen Memmen, Killern und ihren Opfern nicht den wahren Skandal zu übersehen: Wer dieser Tage mit toten Hühnern, Schwänen oder sonstigem Federvieh um sich wirft, macht sich mit verantwortlich, dass die WM abgesagt wird. Und dann werden noch mehr Männer weinen
Man muÃ? ja den “Theaterskandal”, über den jetzt allenthalben herumgewurschtelt wird, nicht unbedingt ernstnehmen. Der Regisseur findet es befremdlich, wie Politik und Theaterleitung reagierten, und wenn man das wehleidige Interview lies…
Ich fuehle mich immer sicherer wenn die Schauspieler ihre Distanz halten. Seit Jahren wurde ich in den vorderen Reihen bespuckt. Leider hatte ich nicht den Mut einen Knirps mitzubringen denn man weiss nie wenn so ein Thespier ein Opfer sucht.
In dem Fall hier, habe ich den Eindruck dass ein macaberes Schauspiel von merkwuerdigen Actors bearbeited wurde. Kritiker sind natuerlich erfreuliche Ziele fuer Schauspieler die schon jahrelang under der Kritik leiden, und ich kann mir nicht eine kleine Schadenfreude verkneifen, denn so manche Kritikien in den Zeitungen sind sehr bissig und bringen sicherlich Traene in die Augen der Actors. This is a fine example of giving a little back to those who dish it out. Ausserdem grosse Publicite for das Theater.
Ohne Hohn und Spott, macht so eine Affaire Unbekannte in Bekannte. Na das ist ja schoen, jeder hat dann seine 15 Minuted Ruhm.
Und was kommt jetzt? Ich fürchte schon die nächsten Inszenierungen publicity-geiler Regisseure, die versuchen werden, Herrn Stadelmeiers Kollegen in peinliche Situationen zu verwickeln – um sich anschließend endlich auch mal in größeren Schlagzeilen wieder zu finden.
Viel Lärm um nichts. Der “Fall” Stadelmeier.
Wer sich als Theaterkritiker mit einem Spiralblock ins Publikum setzt, hat a) ein Gedächtnis wie ein Sieb, oder braucht den Spiralblock b) als Insignie seiner Bedeutung.
G.B. Shaw nahm, als er noch Musikkritiken schrieb, keinen Spiralblock mit, sondern einen Revolver.*
Die Zeiten waren anders damals.
*Man lese: Musikfeuilletons des Corno di bassetto (von G.B. Shaw).
Zum Thema “Schwan”:
In einem Interview auf 3Sat hat der Regisseur gestern gesagt, es wäre ein Huhn gewesen. Klingt irgendwie auch logisch – so einen erwürgten Schwan kann man nicht mal eben beim Metzger kaufen…
Ist ja interessant, dass sich Herr Stadelmaier auf die Pressefreiheit beruft. Das zeigt, zum einen, dass er das Konzept der Pressefreiheit nicht verstanden hat – Denn Pressefreiheit meint Freiheit vom Staat, icht Freiheit vor Angriffen von Privatpersonen. Zum anderen zeigt es aber auch, dass er, obwohl er sich gerade eben noch zum Verteidiger der Grundrechte aufgeschwungen hat, die Kunstfreiheit offenbar als der Pressefreiheit nicht gleichgestellt ansieht.
Denn eigentlich kann man wohl kaum vertreten, sich in einer Darbietung, in der vom Publikum Interaktion erwartet wird, dem Stück völlig verweigern zu dürfen. Das gebietet normalerweise nicht nur die Aufgabe des Kunstkritikers, sondern auch der Repekt vor Schauspielern und Publikum.
Warum erhaelt der Bloedsinn eigentlich soviel Aufmerksamkeit … ?
Waehre doch besser, wenn es moeglichst schnell still wuerde und nicht auch noch Werbung gemacht wird ?
Dem “Kuenstler-Ensemble”, dem “Theater”, “dem Regisseur” kann doch nix besseres passieren als Publicity… egal ob positiv oder negativ, bei dem was man als Inhalt herraushoert fragt man doch, ob man sich angesichts leerer Kassen solche “Kultur” ueberhaupt leisten sollte.
Zuerst dachte ich, das Interview sei ein Fake. Aber der “gefürchtete Kritiker” ist tatsächlich vollkommen traumatisiert, und Sie übergießen das Opfer noch mit Spott!
Darf man jetzt, quasi im Umkehrschluß, sagen: “Der Mann/die Memme hat einen Schaden”?
Entschuldigung – aber wer tote Vögel gebärt, neben dem würde ich mich auch nicht wohl fühlen …