»Thomas Knüwer 25. January 2006, 17:28 Uhr

Die Dummverkäufer und das Unwort

In meiner Kindheit gab es für mich drei Schocker-TV-Sendungen: “Aktenzeichen XY”, einen Anti-Rauch-TV-Spot, in dem ein gespenstartiges Wesen auftauchte – und “Nepper, Schlepper, Bauernfänger”. Letztere Sendung würde heute wohl berichten über die Jury zum “Unwort des Jahres” und einen Suchtexperte der Universität Bremen.Na, wann haben Sie das letzte Mal mit Freunden über Entlassungsproduktivität diskutiert? Was? Noch nie? Aber das ist doch das “Unwort des Jahres”. Keine Sorge: Sie hängen nicht der Zeit hinterher. Vermutlich haben 99,9 Prozent der deutschen Bevölkerung das Wort noch nie gehört. 1998 soll es schon aufgetaucht sein, behauptet die Jury – und bis heute kennt den Begriff keine Sau.

In unserer Redaktion haben wir Zugriff auf das Archiv der Online-Datenbank Genios. Sie deckt von “FAZ” bis “Taz” weite Teile der deutschen Presselandschaft ab. Und sie listet gerade einmal 51 Treffer zu “Entlassungsproduktivität” auf. 14 davon berichten über das “Unwort des Jahres”.

Für das Jahr, in dem “Entlassungsproduktivität” das Unwort Nummer eins gewesen sein soll, 2005 also, gibt es gerade mal sechs Treffer: Die Hälfte davon entstammen der “Frankfurter Allgemeinen”, immer ist der Autor mit “nf” abgekürzt. Dann taucht noch einmal die “Wirtschaftswoche” gedruckt auf und einmal die Wiwo online – es handelt sich um den gleichen Artikel. Schließlich haben wir noch einmal die “Welt”.

Die Sprachforscher behaupten also, das zugegebenermaßen hässliche Wort “Entlassungsproduktivität” sei das Schlimmste, was ihnen 2005 begegnet ist. Man darf sich fragen, in welchen Elfenbeintürmchen sie sich bewegen und welche verstaubten Wälzer sie als Nachtlektüre bevorzugen. Oder wollen sie einfach das Volk für dumm verkaufen?

Ähnlich verhält es sich mit Gerhard Meyer von der
Universität Bremen
. Hier ist er Experte für Suchtforschung. Heute nun hatte er einen Auftritt vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Bei dieser Anhörung ging es um die Öffnung des Sportwettenmarktes. Zu diesem Thema ist er nicht er erste, der seine Zuhörer über den Tisch ziehen will. Aber sollte es stimmen, was DPA meldet, hätte Meyer eine neuen Maßstab der Naivität – oder Dreistigkeit – gesetzt:

“…erklärte Professor Gerhard Meyer von der
Universität Bremen, dass deutschlandweit 13 Prozent aller ambulanten und stationären Suchtpatienten Probleme mit Sportwetten hätten.
Aggressive Werbemethoden privater Anbieter sorgten dafür, dass auch der deutsche Lotto- und Totoblock immer stärker Spielanreize mache. “Aus Sicht der Forschung spreche ich mich gegen eine Marktliberalisierung aus”, sagte der Psychologe und Suchtforscher.”

Nun stimmt es natürlich, dass Sportwetten süchtig machen können. Doch dass der staatliche Anbieter Oddset nur wegen der privaten Konkurrenz so aggressiv wirbt – das glaubt nur, wer noch nie Lottowerbung gesehen hat. Dort gibt es ein Monopol und es wird munter weitergeworben. Schließlich geht es um Einnahmen für den Staat und für die Lottogesellschaften, deren altgediente Funktionäre dann übrigens gern in Sportverbänden aktiv werden – zum Beispiel in der DFB-Spitze. Der DFB wieder ist ein ausgesprochener Freund von Oddset.

Ja, die Sehnsucht ist groß nach Ede Zimmermann und “Nepper, Schlepper, Bauernfänger”. Und nie war der Bedarf höher als heute.

»Thomas Knüwer 25. January 2006, 17:28 Uhr

    12 Kommentare zu “Die Dummverkäufer und das Unwort”


  1. tknuewer says:

    Oh, ich muss mich entschuldigen! Der Kollege Prüfer hat Recht: Es war nicht die “Welt”, die jenes hübsche Wort zitierte, sonden die “Welt am Sonntag”.

  2. 37sechsBlog says:

    Wer steckt sich den Überschuss ein? Beim bewusst gewählten Ertragsmodell sind sämtliche Kalkulationsposten bis hin zu Investitions- und Ersatz-Rücklagen berücksichtigt.

  3. Eine rein quantitative Betrachtung hilft da nicht unbedingt weiter. Legt man indes eine semantische Betrachtung zugrunde, ist der Begriff “Entlassungsproduktivität” derart sophistisch, dass andere Begriffe, namentlich etwa der des “Heuschrecken-Kapitalismus” neben ihm verblassen. Einzelheiten in meinem Blog:
    37sechsblog

    Werter Kollege Knüwer, über die Frage, wer die wahren “Dummverkäufer” sind, lässt sich trefflich streiten.

  4. Werter Kollege, Sie unterschlagen eine Nennung in der Welt am Sonntag. :-)
    Dort sagte am 16.12.2005 Gesamtmetallchefin Kunstmann zur Frage der Lohnsteigerung: “Es ist noch viel zu früh, um über Zahlen zu sprechen. Wir müssen uns am Produktivitätsfortschritt der Gesamtwirtschaft orientieren, abzüglich der Entlassungsproduktivität.”

  5. simoench says:

    *Aua*
    Gratulation zum gelungenen Kalauer!

  6. Antuan says:

    Was ist eigentlich mit SOKO 5113 und dem Tatort? Diese flüchtenden Beine und die weiße Zielscheibe!!! Wohl auch eher eine gruselige kategorie…

  7. wer kann der kann. wer nicht kann lauert. worauf lauert er? auf das “k”. ergo er ka-lauert.

    aus: shakepeare, wie es euch gefällt.
    übersetzung der wuppertaler bühnen

  8. simoench says:

    Kein kapieren kundtuend:
    Klärung! @Katrin Kammann

  9. Köstlich: Kleinkariertes Kokshirn kollerkarriert Klowände. Kleiner Klodeckel kommuniziert kongenial. Kommunikationsgenie kündigt kränkelnd komplette Konversation. Koller kollabiert.

  10. Bernie says:

    Ich war für “Heuschrecken” als Unwort des Jahres. Passt hervorragend auf die Jury-Kriterien und wurde weithin öffentlich erwähnt. Leider hat die Jury es vorgezogen, ihr Fachlexikon der unangenehmen Wirtschaftssprache zu erweitern.

  11. Wird Aktzeichen XY jetzt nicht von Rudi Cerne moderiert? Ex-Eiskunstläufer und Sportmoderator? Der bringt bestimmt gerne etwas über Sportwetten. Und macht anschließend seinen Dr.h.c. an der Uni Bremen. Die stecken doch alle unter einer Decke!

  12. kaotisch says:

    Also, ich habe das Unwort des Jahres, bevor es dazu wurde, noch nicht bewußt in meinen Sprachschatz übernommen. Irgendjemand sonst?

    Und wie Thomas Knüwer recherchiert hat, ist das auch kein Wunder, denn in der großen, weiten Medi…