»Thomas Knüwer 19. January 2006, 11:49 Uhr

Jean-Remy von Matt kollerkommuniziert

Tiiiiieeeef einatmen… Ccchhhhhhh… Tieeeef ausatmen… Puuuhhhhh…. Und jetzt, lieber Jean-Remy von Matt, überlegen wir nochmal gemeinsam, ob es eine so gute Idee war, die eigene Wut und Enttäuschung über E-Mail zu kommunizieren.Ich möchte ein Wort für mich schützen lassen:

Kollerkommunikation, die; Zwang, seine Meinung öffentlich kundzutun mit der absehbaren Folge der eigenen Bloßstellung in der Öffentlichkeit; ausgelöst durch Frustration, Ärger oder/und Wut über eine Person, die eine andere Meinung äußert als der Kollerkommunizierende; K-K tritt in vielen Formen auf, besonders verbreitet ist sie mündlich und schriftlich.

Gesten schrieb ich bereits über diese derzeit sehr häufig auftretende Geistesverwirrung. Nun kollerkommuniziert auch Star-Werber Jean-Remy von Matt (gefunden bei Wirres.net), berichtet Jens Scholz in seinem Weblog. Thema im wöchentlichen internen Agentur-Newsletter von Jung von Matt ist die von seiner Agentur mitentworfende Kampagne “Du bist Deutschland”, die zumindest einen Erfolg erzielt hat: Sie ist im Gespräch.

Von Matt schreibt:

“Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man sich für ein Geschenk bedankt, selbst wenn man damit nichts anfangen kann. Wie Recht sie hatte, ist mir gerade wieder klar geworden.
Vor zwei Wochen startete “Du bist Deutschland”, die größte gemeinnützige Kampagne aller Zeiten und ein riesiges Geschenk.”

Eidududu, Du böser Deutscher. Freust Dich nicht über die schöne Werbung. Da hat er aber auch Recht, der Jean-Remy. Also: Danke, liebe Du-bist-Deutschland-Erdenker, danke, liebe Persil-Werber, danke, liebe Ferrero-Marketer, dank, liebe Mercedes-Filmer…

“Die großen Verlage haben Zeit und Raum im Wert von 35 Millionen Euro geschenkt. 30 Promis der ersten Liga haben Zeit und ihr Gesicht geschenkt. Wir und kempertrautmann haben Zeit und Herzblut geschenkt.”

Kann ich das auch direkt bekommen? Ohne Werbung? Dann bitte eine Stunde mit Herrn von Matt und einen Liter seines Blutes. Letzteres versteigere ich bei Ebay.

“Das Ziel: Die Miesepetrigkeit bekämpfen.

Der Dank: Miesepetrigkeit.”

Mmmh… Jetzt könnte man natürlich auf die Idee kommen, dass die Kampagne vielleicht einfach nicht funktioniert. Sie also, ja, jetzt nicht direkt schlecht ist, oder so, aber doch vielleicht, eben, nicht so richtig gelungen eben. Aber das kann natürlich nicht sein bei einem Cocktails aus Jung von Matt, kempertrautmann (die sind so bescheiden, die wollen gar keine Großbuchstaben), Herzblut und Zeit.

“Glücklicherweise nur von den Gruppen, von denen man nichts besseres erwarten konnte:”

Jetzt, genau jetzt, wäre beim Schreiben der Zeitpunkt innezuhalten. Und die Mail zu löschen. Denn: Wenn nichts anderes zu erwarten war – warum dann noch einen Gedanken daran verschwenden?

“1. Von den Werbekollegen, die sich in den Branchenblättern eifrig zu Wort meldeten. Viele von ihnen finden die Kampagne nutzlos, “weil Werbung doch nicht das gegeignete Mittel sein kann, eine Nation wirtschaftlich wieder nach vorn zu bringen”. Nicht gut, wenn unsere Branche selber nicht mehr an die Kraft von Kommunikation glaubt.”

Eben, die Kraft der Kommunikation. OK, leider nicht stark genug, um die Meinung derer zu wenden, von denen nichts anderes als Miesepetrigkeit zu erwarten ist – aber doch schon ganz schön stark, diese Kommunikationskraft.

“2. Von den Weblogs, den Klowänden des Internets. (Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern?…”

Die Meinungsfreiheit. Ist aber überkommen. Können wir abschaffen. Ist ja nicht Deutschland, die Meinungsfreiheit.

“…Und die meisten Blogger sondern einfach nur ab. Dieser neue Tiefststand der Meinungsbildung wird deutlich, wenn man unter www.technorati.com eingibt: Du bist Deutschland.)”

Machen wir das doch mal. Und wir stellen fest: Es gibt viele Einträge, und bei weitem nicht alle haben etwas mit der Kampagne zu tun. Einige sind böse, andere platt, die nächsten lesenswert geschrieben. Und dann gibt es noch Verweise auf die Trittbrettfahrerei der IG Metall, diesen Miesepetern. Ist aber auch wirklich nicht Deutschland, einfach hinzugehen und böse Texte zu schreiben. Hat Goethe das etwa gemacht? Oder von Matt? Eben.

“3. Von den intellektuellen Journalisten von FAZ bis TAZ, die ihre Meinung zwar insofern gefragt absondern als sie eine nachweisbare Leserschaft haben, aber: “Den Höhepunkt an Zynismus gewinnt die Kampagne aber in dem Fernsehspot, der Schwule und Behinderte auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals versammelt” (Die Zeit).”

Pressefreiheit. Auch das ist nicht Deutschland. Abschaffen. Zusammen mit der Meinungsfreihet. Ein Abwasch, so was ist echtes Marketing… äh, Polit-Controlling.

“Blöd, wenn man soviel Kopf hat, dass einem jedes Bauchgefühl verloren gegangen ist.”

Oder wenn das Bauchgefühl den Kopf ausschaltet.

“Übrigens: Sebastian Turner findet die Kampagne einfach nur falsch.”

Noch so ein Meinungsfreiheitsfetischist. Einsperren. Nicht Deutschland, der Typ.

“Falsch, was ist das?”

Das Gegenteil von richtig. Logik und so. Aber die ist auch nicht Deutschland. Nobel-Preise kriegen wir schließlich für Spieltheorie. Und ist Spielen logisch? Eben.

“Auch nach dem 50. Mal gucken, bin ich von dem TV-Spot immer noch berührt bis ergriffen – obwohl ich nicht einmal Deutschland bin.”

Schön, dass er Gefühle zeigen kann, so ist er der moderne Mann. Aber warum ist Jean-Remy von Matt nicht Deutschland? Nur, weil er Schweizer ist? Die Kampagne richtet sich doch wohl an alle in Deutschland Lebenden – und nicht nur an die Besitzer eines deutschen Passes, oder? Ist der Mit-Erfinder dieser Kampagne, jedes Mal wenn er freiwillig oder unfreiwillig eines der Plakate, einen Spot, oder eine Anzeige sieht, also der lebende Beweis des Streuverlustes?

“Kann das falsch sein?
Euer Jean-Remy”

Ja. Wenn man es per E-Mail hinausposaunt.

PS: Mal eine Frage. Sollten sich Werber nicht freuen, wenn eine Kampagne so viel kreative Energie in so kurzer freisetzt?

Nachtrag: Beim Versuch herauszufinden, ob der Text authentisch ist, verweist JvM erstmal an Fischer-Appelt, die PR-Agentur von “Du bist Deutschland”. Auf meine Zweifel, ob ein Dienstleister die Echtheit eines internen Newsletters bestätigen kann, heißt es: “Die wissen sicher schon, dass da was im Internet steht.” Der zuständige Ansprechpartner meldet sich um kurz nach 14 Uhr und bestätigt, dass der Text authentisch ist.

Nachtrag vom 23.1.06: Von Matt hat sich entkollert…

»Thomas Knüwer 19. January 2006, 11:49 Uhr

    107 Kommentare zu “Jean-Remy von Matt kollerkommuniziert”


  1. laoffru says:

    Äîáðîãî âðåìåíè ñóòîê!
    Íàêîíåö ìû ñ ðàäîñòüþ ìîæåì ñîîáùèòü Âàì î çàïóñêå íîâîãî ñåðâåðà èãðû Lineage II !
    Ìû ãîòîâû ïðåäëîæèòü âàì èíòåðåñíûé è çàõâàòûâàþøèé èãðîâîé ïðîöåññ!
    Ïîñòîÿííûå ýâåíòû,îñàäû çàìêîâ è ïðîñòî êîíêóðñû!
    Ó íàñ âû ìîæåòå èãðàòü áåç ëàãîâ è íå îïàñàòüñÿ ÷èòîâ!
    Íàäååìñÿ ÷òî Âàì ïîíðàâèòñÿ íà íàøåì ñåðâåðå!
    Àäìèíèñòðàöèÿ áóäåò ïðèëàãàòü âñå óñèëèÿ äëÿ òîãî ÷òîáû Âàøå ïðåáûâàíèå íà íàøåì ñåðâåðå áûëî êîìôîðòíûì è ïðèÿòíûì!
    Äî âñòðå÷è â ìèðå Lineage II!

    http://www.La2off.ru

    Èíôîðìàöèÿ î ñåðâåðå

    Âåðñèÿ
    Lineage II Chronicle 4 Scions of Destiny + C5 ñêèëû (íå Java!)

    Ðåéòû:
    Adena x15 / Exp x15 / SP x15 / Drop x7 / Spoil x5

  2. A. Kaul says:

    Hallo Herr Knüwer,

    haben Sie sich “Kollerkommunikation” schützen lassen? Da wäre aber ne schöne Abmahnung drin bei den Kollegen von SPON… ;-)

    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,497757,00.html

  3. klar dich stimme dem voll zu nur von haus aus entscheidet sich der kunde erstmals für den etwas schlechteren entwurf, der rest ist verkaufstalent – und ohne dem geht es nicht, wissen wir alle – oder?
    lange rede, kurzer sinn – ich denke mal J.v.M. und seine leute wissen eigentlich was sie tun, sonst wären sie nicht so bekannt und erfolgreich!
    davon abgeseh sollte man den mensch an seinen erfolgen messen und nicht an den “ausrutschern”!!!

  4. Zitat: “Und einiges davon hatte mehr Witz als die humorlosen JvM-Motive, oder?” – Ich glaube das fällt dann unter “gestalterische Freiheit”, welche Teil jeder “guten” AGB`s dieser Berufsgruppe sein sollte! …ABER…gehen wir mal davon aus das JvM wie jeder “Normale” Werbemensch mehr als einen Entwurf abgegeben hat, so besteht immernoch das ungeschriebene Gesetz das “der Kunde immer den schlechtesten Entwurf wählt” – und jeder hat mal ne Idee die nicht so ganz der Brüller in den Augen der Anderen ist! Fackt ist: Die allwissenden, gottgleichen Dozenten der BHU-Weimar haben mit Sicherheit dank “du bist Deutschland” mal wieder massig Brennholz für ihr kommunikatives Lagerfeuer gefunden – bleibt nur zu hoffen das deren arme Studenten auch mit nem Feuerlöscher umgehen können!
    In diesem Sinne: “Tach auch,wir sind Deutschland” und ich persönlich hätte es irgendwie anders gemacht – gestalterische Freiheit und so….

  5. Also selbstgemacht haben ja auch eine Menge Kritiker, in der “Du bist Deutschland”-Flickr-Gruppe, zum Beispiel. Und einiges davon hatte mehr Witz als die humorlosen JvM-Motive, oder?

  6. aber eins sollte man JvM lassen, die werbung, wenn ich persönlich sie nicht mag, was aber daran liegt das es werbung ist und ich werbung grundsätzlich eher weniger mag….bla,bla…nja sie haben erreicht was nur wenige erreichen und das wäre: jeder kennt die werbung und jeder zerreißt sich das maul drüber, somit ist erreicht was zu erreichen sein kann! und zwar werbung für…! aber sagen wir wies ist, es ist gut, alle haben wir gelacht und dennoch nichts derartiges hinbekommen, liebe stammtischgemeinde…”erst mal besser machen dann mukieren und negieren”…und ja wir alle sind, so leid es mir tut, DEUTSCHLND! auch wenn die werbung ans ironie gerenzt, da die meisten derer gezeigten Mitbürger reich und bekannt sind und dies keineswegs dem durchschnitt wiederspiegelt der ein land ausmacht, machen wir aus “du bist deutschland” ein wir sind “deutschland” und zeigen die alkis und obdachlosen, das wäre eine ironie die keine wäre, also gal wie man`s (matt`s) macht, man (matt`s) würde es falsch machen und es würden wieder alle heulen…wie wäre es mit dem spruch “armes deutschland”? das würde es wenigstens treffen!

  7. von Fredy Künzler

    Jean Remy von Matt ist einer der angesehensten Werber (gewesen). Doch innert wenigen Tagen und Wochen hat er selber sein Ruf versaut – wegen Blogs, den Klowänden des Internets.

    Die Geschichte kurz zusammengefasst: Jean Remy von Ma