Erinnern Sie sich noch? An damals, als Ihr Wertpapier-Depot “Puff” machte und in sich zusammensackte ein ein überalterter Fußball-Profi nach dem 50-Meter-Sprint? Genau das könnte Ihnen bald wieder blühen.Denn sie sind wieder unterwegs, die Geldfänger. Erst fängt es mit einem Begriff an. “Internet-Revolution”, “B2B”, “M-Commerce” – Sie kennen das ja. Derzeit könnten Ihnen Menschen begegnen, die von Web 2.0 faseln.
Dann werden tolle Anwendungen vorgestellt, erstmal nur bei den Schwerreichen, die in Private-Equity-Fonds investieren. So werden dann Unternehmen groß gepumpt. So groß zumindest, dass sich ihre Gründer einen schlecht geschnittenen Maßanzug bei Prince of Wales bestellen können und eine kleine PR-Agentur am Rande der Stadt engagieren um bei den Redaktionen der Republik hausieren zu gehen. Die sollen dann trommeln für das große Ziel namens Börsengang.
In diesen Redaktionen sitzen inzwischen oft sehr junge Menschen. Das ist ja an sich nicht schlecht. Nur: Manche der Erfahreneren unter den Journalisten haben jene wilde Zeit erlebt, als selbst in ihrer Branche Jobwechsel an der Tagesordnung waren, weil die Werbung der mit Private Equity hoch geschossenen Unternehmen die Zeitungen und Magazine dick machten mit Werbung.
Und weil jene Schreiber erleben mussten, dass nicht nur die Dotcom-Euphorie eine Blase war, sondern auch das Versprechen eines sicheren Arbeitsplatzes, wollen sie heute nichts mehr zu tun haben mit dem Internet – das überlassen sie den jungen Kollegen.
Die haben das alles nicht miterlebt. Und sind genauso anfällig für schwungvolle, sympathische Gründer, wie ihre damals genauso alten Kollegen in jenen Zeiten vor der Jahrtausendwende. Deshalb also tauchen derzeit Artikel auf die in heilloser Gedankenlosigkeit überschrieben sind mit:
“Gelbe Seiten fordern Google heraus”.
Schon mal gehört? Ja, könnte sein. Denn auch ein gewisses Portal namens Delter.de wollte ja Google herausfordern. Und dessen Geschäftsidee war ähnlich gestrickt wie die von Neomo.
Sicher, es gab David und Goliath. Und gelegentlich kicken die Kickers Offenbach den 1. FC Köln aus dem DFB-Pokal. Trotzdem sollten Sie auf dem Teppich bleiben, wenn Ihnen jemand solche gigantomanischen Ankündigungen macht: Entweder der angebliche Herausforderer leidet an Größenwahn oder an Suizidwünschen.
Neomo nämlich ist eine Suchmaschine, die “auf das deutschsprachige Internet zugeschnitten ist”. Was das deutschsprachige Internet unabhängig von der Sprache vom restsprachigen unterscheidet, erfahren wir leider nicht. Außerdem wird versprochen, dass bessere Resultate erzielt würden, weil “statt dem reinen Adressdatensatz eine wesentlich größere Datenmenge durchforstet” werde. Welche das ist und wo die herkommt – darüber schweigt man sich aus. Ebenso wird nicht erwähnt, dass die großen Suchmaschinen ebenfalls keinen Unterschied machen zwischen Adress- und anderen Daten.
Neomo also will die bessere Suchmaschine sein. Dumm nur: Für ausreichende Nutzerzahlen müssten sie werben. Das ist teuer. Und deshalb bieten sie sich als Dienstleister an. Eine lokale Branchensuche soll also auf anderen Seiten zu finden sein. Das ist ungefähr so sinnvoll, wie die Notfallnummer 112 umzuändern in 328563957643. Wenn ich etwas suche, brauche ich nicht nur jemand, der es findet – ich muss diesen jemand auch selbst schnell auftreiben.
Mmmh… Reicht noch nicht als Geschäftsmodell. Muss noch was rein nach dem Motto: Think big.
Deshalb soll ein Suchindex eine spezialisierte Suche im Internet ermöglichen. Das soll dann interessant werden für Riesenportale wie AOL – die derzeit mit Google arbeiten. Solche Katalogartigen Indexierungen aber gab es schon einmal – und zu wenige Menschen wollten sie, hinkte der Index doch dem Angebot ständig hinterher.
Nun ist es nicht verwerflich über Neomo zu berichten. Jeder Gründer darf versuchen, seine Idee an den Start zu bringen. Nur kritisch hinterfragen – das ist schon nötig.
Warum ich das alles hier jetzt schreibe? Weil mein Kollege Christian Schnell in jenen wilden Tagen zum Handelsblatt kam, um über den Neuen Markt zu berichten. Und er erlebt derzeit ebenfalls ein gewaltiges Dejà-vu. In Gestalt von Neosino nämlich.
Dieses Unternehmen hat einen kaum glaubbaren Börsenstart hingelegt: Von 55 Euro schossen die Aktien auf 139 Euro.
Wieder tauchen alte Muster auf, zum Beispiel das Engagement von Promis, die vom Geschäft keine Ahnung haben, sondern nur des Geldes wegen Werbung machen (in diesem Fall Bayern-Stürmer Roy Makaay). Und ein alter Bekannter ist auch von Bord: Edmund “Eddy” Krix nämlich, Ex-Chef von Teleplan. Im heutigen Handelsblatt schreibt Schnell vom “Neosino-Wahnsinn”.
Es geht also wieder los, daran sollten Sie denken. Denn in diesem Jahr werden Ihnen noch viele ähnliche Google-Herausforderer, Nächste-Amazons und Ebay-Nachfolger begegnen. Die Blase wird langsam wieder aufgepumpt.
Nachtrag zu Web 2.0: Leider erst gerade habe ich diesen hübschen Artikel über die Web 2.0-Konferenz gefunden.










18 Kommentare zu “Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt”
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die Parteien hier aneinander vorbeireden.
Vieleicht gibt es ja wieder einen Blase, und vieleicht wird das alles in zwei Jahren wieder in einem großen Scherbenhaufen enden. So what? Wenn sich der Staub gelegt hat werde ich immer noch taggen, social software und Wikipedia verwenden, von Unternehmen ein gewisses Verhalten erwarten, bloggen und podcasten und andere tolle Sachen machen. Und ich nenne es Web 2.0. Was interessiert mich die Börse?
Aber bitte, gern geschehen.
Chapeau, Herr Alphonso: Ein sehr lesenswerter Beitrag!
Irgendwie ist das Thema “Denkverbot bei Web2.0″ bei den Evanngelisten der Beweung wohl ziemlich angesagt, ein paar Worte dazu auch hier:
http://www.blogbar.de/archiv/2006/01/11/web20-und-der-totale-durchblick/
Nein, das nicht. Aber das Konzept des argentinischen Automobilkonzerns.
Das Konzept des Internets ist nicht verfehlt. Auch nicht alles, was derzeit an Neuem ensteht. Aber derzeit sind wieder viele unterwegs, die unter hypigen Etiketten jede Menge heiße Luft verkaufen wollen.
Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Das Objekt eines Hypes hat nichts mit dem System Hype zu tun. Wenn windige Geldeinsammler Anteile an einem obskuren argentinischen Automobilkonzern verhökern, viele spendable (sprich: gierige) Investoren finden, der Kurs somit explodiert und das Ding schließlich vor die Wand schrammt, dann heißt das nicht, dass das Konzept des Automobils versagt hat.
Selbst genug Geld verloren, die Wichtigkeit des gesunden Menschenverstanden neu erkannt. Damals. In der dotcomzeit.
Aber hallo. Nur weil man mal was schlechtes erlebt hat, gleich einen auf Weltuntergang zu machen, nur weil die selbe (?) Branche was neues versucht? Nein danke. Mit gesundem Menschenverstand positiv denken. Nur weil es eine angebliche Luftnummer wie diese Suchmaschine gibt (kann ich nicht beurteilen, kenne sie nicht)?
Und sorry, Analysten genauso wie Journalisten glaube ich nach der dotcom-Erfahrung auch nichts mehr. Ohne diese wäre die Blase nämlich erst gar nicht möglich gewesen. Das auf die Unternehmen zu schieben ist mir zu einfach. Oder wird das jetzt die Tour “Wir sind die Geläuterten?”.
Drum: Selber denken, gesunden Menschenverstand einschalten, Informationen abwägen, chancen- und risikoorientiert Entscheiden. Fertig.
Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer betätigt sich heute in seinem Weblog Indiskretion Ehrensache wieder einmal als Warner vor den “Web 2.0-Seifenblasen”. Beispiel sind diesmal die vollmundigen Ankündigungen des deutschen Suchmaschinenbetreibers Neomo,…
Man mag den Web 2.0-Hype durchaus kritisch beäugen, und auch dem heraufziehenden neuen Börsenboom skeptisch gegenüberzustehen ist durchaus legitim. Nur frage ich mich, warum ausgerechnet Neomo als (schlechtes) Beispiel dafür herhalten muss. Wir haben weder jemals das Schlagwort Web 2.0 gebraucht, noch sind wir auf der Suche nach Private Equity; und einen Börsengang streben wir auch nicht an, schließlich haben wir ja eine Reihe von potenten Gesellschaftern, warum sollten wir da den ganzen Börsenwahnsinn mitmachen?
Darüber hinaus kennen wir den Markt viel zu gut als dass wir heute allen Ernstes “Google herausfordern” wollten, dazu reicht nicht mal unser Optimismus aus. Wir sind allerdings der Überzeugung, dass wir einige gute Suchprodukte anbieten können, die auf die Eigenheiten des deutschen Marktes eingehen. Sobald wir soweit sind, werden wir auch unsere PR-Arbeit dazu starten. Bis dahin konzentrieren wir uns darauf unsere Technologie zu verbessern.
Also dieses ständige draufhauen auf Web 2.0 wird ja auch langsam bisschen müde. Ich schließe mich an: Bei Web 2.0 gehts nicht um Ebay-Nachfolger…. Herr Knüwer, wieviel haben Sie denn beim ersten New-Economy-Crash verloren, dass Sie dauernd vor Web 2.0 warnen müssen??
Thomas schrieb: “Mit genau diesem Begriff werden die Geldeinsammler durch die Lande ziehen, um geistig armen, material aber gut begüterten Seelen das Gold aus dem Tresor zu ziehen.”
Oh, du hast deine Kristallkugel frisch geputzt? Ich bin ja ein bekennender Fan von persönlichen Prophezeiungen, finde allerdings, man sollte sie als solche kennzeichnen.
“Nemeo” ist übrigens auch “bairisch”.
Soll heißen mehrerlei:
a) “Nehme ich an” i. S. von akzeptieren
semantische Interpretation: Wenn Du Geld in meine
Aktie pumpst, dann nehme ich es gerne an
b) “Nehme ich an” i.S. von ich vermute
semant. Interpretation:
Wenn Du Geld in uns investierst, dann nehmen wir mal an, daß wir es gut verwenden.
Aber g`wiss is niks!
Ljuti
Ja Mario
Die Rede ist ja wohl von einem “web2.0″-Hype, der sich an der Börse gut und gerne etablieren könnte
und der über kurz oder lang wieder dort enden könnte,
wo “Hype” nun doch schon so öfters geendet hat.
Nämlich an der Wand, gegen die der Investor rangefahren ist. Das ist dann auch der Ort, wo es mancheinen hinterher “sauber aufgstellt hat”.
Reicht das an Erklärung? Oder bedarf Dein Gedankentransferpotential noch einer zusätzlichen
explikativen “Spritze”.
Niks für unguet
Ljuti
Was das mit Web 2.0 zu tun hat? Mit genau diesem Begriff werden die Geldeinsammler durch die Lande ziehen, um geistig armen, material aber gut begüterten Seelen das Gold aus dem Tresor zu ziehen.
Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer betätigt sich heute in seinem Weblog Indiskretion Ehrensache wieder einmal als Warner vor den “Web 2.0-Seifenblasen”. Beispiel sind diesmal die vollmundigen Ankündigungen des deutschen Suchmaschinenbetreibers Neomo,…
Und jetzt erklärst du uns bitte, was das alles deiner Meinung nach mit Web 2.0 zu tun hat, oder? Kann es sein, dass du Opfer einer kleinen Begriffsverwirrung bist?
ja servus,nachert!
Wenn es ein Börsianer Unwort für die letzten 15 Jahre zu küren gäbe, so könnte es gut und gerne das Kosnstrukt “gutaufgestelltsein”, welches durch eine weitere Rechtschreibreform vielleicht zu der Schreibweise “gutaufgeställtsein” gelangen könnte.
Es gibt im “Bairischen” die Redewendung “Den hat`s sauber aufgstellt”. Das sagt man dann, wenn er “richtig auf die Schnauze gefallen” ist. Oder: wenn er voll an die Wand gefahren ist. Da kann man dann an der Wand schon mal “richtig gut aufgestellt” sein.
Wenn also einer dieser IPO-Kandiddaten in der Vergangenheit von seiner Klitsche behauptete, er sei “gut aufgestellt”. Dann war dieser Zustand vielleicht bereits eingetreten, nur es hatte noch keiner die Unfallstätte bzw. die Wand gesichtet.
In Sendern wie Bloomberg TV gilt i. R. von Interviews diese Redewendung immer noch als todschick. Sie stammt wohl originär aus dem spärlichen Sprachschatz der Bundesligatrainer.
Aber wie gesagt in Bayern, da sagt man schon mal:
“Iezd schaugn mer mal,bis er si wieder riert.
Vileicht hat`s`n bis dahin sauber aufgstellt.
Herzlichst
Ljutennnan
Ist es wirklich schon wieder soweit, dass man nur ein möglichst kenntnisfreies Gebräu aus hippen Online-Begriffen mixen muss, um Gehör zu finden? Alles andere ist dann nicht mehr so wichtig, und so wird das fabelhafte Neomo im viertletzten Absatz des FTD-Artikels – in einem O-Ton! – für den Rest des Textes zu Nemeo. Egal, Hauptsache irgendwas mit Internet.