»Thomas Knüwer 06. January 2006, 11:56 Uhr

Warum Manager nicht bloggen sollten

Derzeit ziehen Unternehmensberater umher und reden den Kommunikationsabteilungen der Republik ein, sie sollten Führungskräfte zum Weblog-Schreiben überreden. Warum man das vielleicht doch besser lassen sollte, zeigt einer der prominentesten bloggenden Manager: Robert Scoble, “Technical Evangelist” von Microsoft.Wenn der gewöhnliche, westlichen Werten verhaftete Mitbürger hört, dass die chinesische Regierung einem politischen Gegner einen Internet-Maulkorb umlegt, reagiert er in der Regel mit Ärger.

Da macht Robert Scoble keine Ausnahme. Scoble aber hat ein Problem: Er arbeitet bei Microsoft. Was an sich natürlich kein Problem wäre. Aber: Er führt auch noch ein Weblog, den Scobleizer. Derzeit führt ihn die Weblog-Suchmaschine Technorati auf Rang 63 der meist verlinkten Blogs. Nicht schlecht bei 24 Millionen gezählten Online-Journalen.

Scobleizer wird oft als Musterfall herangezogen, wie ein Weblog das Image eines Unternehmens ein klein wenig aufpolieren kann. Ein Beispiel aus dieser Woche aber zeigt, dass selbst ein solch prominenter Blogger Probleme bekommt, wenn er seinen Arbeitgeber kritisieren will.

Scoble nämlich hatte auch davon erfahren, dass der Microsoft-Ableger MSN das Weblog eines Gegners der chinesischen Regierung abgedreht hat (sehr viele Details dazu gibt es hier). Und er reagierte mit eben jenem westlichen Reflex: Ärger.

Zitat:“And, I?ve been raised by people who taught me the value of standing up for the little guy. My mom grew up in Germany. Her mom stood up to the Nazis (and got a lot of scorn from family and friends for doing so)…
Oh, and to: Zhao Jing, aka Michael Anti I?d like to offer you a guest blog here on my blog. I won?t censor you and you can write whatever you?d like.
Guys over at MSN: sorry, I don?t agree with your being used as a state-run thug.”

Das war deutlich. Zu deutlich. Denn schon kurz darauf hat er anscheinend ordentlich einen auf die Pfoten bekommen. Neun Stunden später schreibt er:
“Working in a big company is interesting cause there are lots of moving parts. Tracking them all down is difficult, especially when you have a full day of meetings and other things to do and when the stakeholders of the decision you?re trying to find out about are on the other side of the world in a time zone opposite of ours.
Blogger time isn?t that easy to live with when you work in a big company. That?s not an excuse, but just a fact. Already there are plenty of people who took me to task for reacting like a blogger and not waiting until I had checked with all the parties. Truth is this thing was going supernova already (it was on Instapundit before I even knew about it).
I have been talking to lots of people today, though, inside and outside of Microsoft. In every instance they asked me to keep those conversations confidential. Why? Cause we?re talking about international relations here and the lives of employees. I wish I could go into it more than that, but I can?t. Not yet. See, it?s real easy as Americans to rattle the door and ask for change, but we don?t live there. Saying ?give them the finger? isn?t that easy when there are real human lives at stake. And I don?t need to spell out what I?m talking about here, do I?
One thing I?ve heard is that we spell out our terms of service very explicitly on MSN Spaces. Here in the United States we pull down stuff too at government request, like child pornography or other illegal content.
Being in the content business is not an easy one, that?s for sure.”

Ein ziemlich langer Anlauf für einen kurzen Satz: Ich hab mich mit der Veröffentlichung meiner Meinung richtig in den Dreck geritten. Wäre Scoble nicht so bekannt – er wäre wahrscheinlich jetzt auf Jobsuche.

Weil es eben so schwierig ist, seine ehrliche Meinung zu veröffentlichen, wenn sie von der des Arbeitgebers abweicht, sollten Manager einfach die Finger vom Bloggen lassen. Die meisten Versuche sind ohnehin eher peinlich.

Lesen sollten sie dagegen schon. Aber: Das Leben kann auch ohne eigenes Blog schön sein.

Ehrlich.

»Thomas Knüwer 06. January 2006, 11:56 Uhr

    9 Kommentare zu “Warum Manager nicht bloggen sollten”


  1. Nach meiner Auffassung, muss man die ganze Sache ein wenig differenziert Betrachten. Als erstes stellt sich doch die Frage, wie der Blog positioniert ist – ist es ein “corporate Blog” in dem ein leitender Angestellter (Manager) irgendewas zum Unternehmen schreibt, oder ob es ein “Themen Blog” ist. Beim ersteren kann ich die Bedenkendes Autors durchaus nachvollziehen – beim zweiten sehe ich keine Grundlage dafür. Wenn ein Manager eines Pharmaunternehmens z.B. einen Blog führen würde, indem er nicht auf das Unternehmen an sich eingeht sondern z.B. allgemeine Faktoren die für die Führung eines Unternehmens in der Branche relevant sind, oder seine (im Idealfall auch die des Unternehmens) Kompetenzen auf dem pharmazeutischen Markt in Form von Tipps abgibt, dann kann das denke ich einen sehr positiven Blick auf das Unternehmens werfen. Just my 2 cents…

  2. Consultant says:

    Consultant

    Wir fliegen hin, wir fliegen her, wir haben regen Flugverkehr.
    Jung, dynamisch und mit Strategie beraten wir in dieser Welt und verprassen fremdes Geld.
    Die Branche ist im Crash ersoffen und unser Job ist offen.

    Angestellte bloggen oder schreiben sich sehr oft den Job weg. Das Internet verzeiht keine Fehler.

  3. tknuewer says:

    @Robert
    Eine Zeitung braucht keine Blogs, wirklich nicht. Wenn sich Menschen finden, die ein Weblog aus Spaß und mit der richtigen Idee führen, helfen sie die Klickzahlen (und vielleicht auch das Image zu heben). Die Abgrenzung vom “großen Content” läuft vom Kleinen aufs Große. Sprich: Die Blogs sind abgeschlossene Schrebergärtchen, die sich um ihr Zeug kümmern. Das große Umfeld kann zwar auf sie verweisen, aber eine Ausschließlichkeit nach dem Motto: “Thema A läuft im Blog, Thema B in der Rubrik Politik” würde viel zu viel Absprache erfordern.
    Dieses Blog hier ist eine kleine berufliche Veranstaltung, die mir Spaß bereitet, ordentliche Klickzahlen mit stetigem Wachstum erreicht und vielleicht ja auch dem einen oder anderen Leser den Tag ein wenig erhellt.

    @Kornelia Schelisch:
    Natürlich dürfen Manager bloggen. Verbieten sollte man so was nicht. Aber das beste Beispiel, in welche Zwickmühlen man geraten kann, habe ich schon in Sachen Boeing geschildert. Da muss der Chef gehen, weil er eine Affaire mit einer untergebenen hat. Was tun? Entweder man lobt das Vorgehen des Unternehmens (und sorgt dafür zumindest in der Blogs-Szene für heftiges Weitergeben der Nachricht – während man es sich mit eben diesem Ex-Chef, der vielleicht noch mal nen interessanten Posten zu vergeben hat, verdirbt). Oder man kritisiert es – und liefert damit nen richtig schönen Kündigungsgrund. Boeing-Blogger Baseler hat es verschwiegen – und sich so diskreditiert.

    Das Problem ist ja auch die Börse: Wenn Führungskräfte unmittelbar vor Quartalszahlen schon keine Interviews mehr geben, werden sie erst recht nicht bloggen. Es gibt eben Situationen im Leben, in denen man nicht alles öffentlich machen darf. Blogs leben aber von einem erhöhten Grad der Öffentlichmachung – ein Dilemma, das sich kaum umgehen lässt.

  4. Warum sollten Manager nicht bloggen?
    Bloggen ist doch nichts anderes als eine neue Art miteinander öffentlich zu kommunizieren. Früher schrieb man Briefe und Postkarten heute nutzt man die Internettechnologie, die es einem ermöglicht in sekundenschnelle ohne bürokratische Umwege eine Nachricht an alle Internetnutzer also einem Millionenpublikum mitzuteilen. Selbstverständlich ist es wichtig darauf zu achten, was man schreibt. Keine Beleidigungen, Verleumdungen etc. sonst bekommt man Probleme. Das ist aber kein Problem der Internettechnologie wie u.a. das Bloggen, sondern eine Frage des Umganges miteinander. Deshelb ist das Bloggen selbstverständlich auch für Manager erlaubt. Es wäre absolut unklug nicht die Potenziale dieser neuen Technologie nicht nuzten zu wollen.
    Ich würde mich freuen, wenn ich wertvolle und mich interessierende Nachrichten sofort erhalten würde.
    Die richtige Information zur richtigen Zeit am richtigen Ort – das ist doch absolut genial.

  5. Robert Basic says:

    ich danke Dir für Deine Antwort, finde ich spannend, wie Handelsblatt seine Blogs positioniert. Denn es ist sicherlich nicht einfach zu differenzieren, wozu man Blogs bei Zeitungen benötigt und wie man sie vom “großen Content” abgrenzt.

  6. tknuewer says:

    Ich blogge hier als Journalist. Das heißt, ich bin ohnehin in der Branche der Informationsverbreiter. Wäre ich beispielsweise in der Rechtsabteilung oder im Marketing, würde ich nicht unter meinem Namen oder Angabe meiner Funktion bloggen.

    Und auch ich unterliege gewissen, auch selbst gesetzten Regeln: Ich jubele das Handelsblatt nicht hoch, sondern versuche unsere Unternehmenspolitik möglichst gar nicht zu kommentieren. Und genauso, bei allem Draufhauen, muss ich immer darauf achten, ob das, was ich schreibe, sich mit den Grundsätzen des Handelsblattes verträgt. Ebenso kann ich eben nicht alles verraten, was ich weiß.

    Scoble ist ein Angestellter, ja. Aber nach meiner Meinung in leitender Position. Und somit unterliegt er genau diesem Problem: Er darf nicht über alles schreiben, was er weiß. Und genauso muss er sich mit Kritik zurückhalten. Das ist ein schmaler Grad. Und deshalb sollten die meisten Entscheider und Angestellten einfach nicht bloggen.

  7. Robert Basic says:

    wieso bezeichnest Du Robert als Manager? Er ist Angestellter des Unternehmens Microsoft.

    Wenn Du also sagst: “Weil es eben so schwierig ist, seine ehrliche Meinung zu veröffentlichen, wenn sie von der des Arbeitgebers abweicht, sollten Manager einfach die Finger vom Bloggen lassen”…

    frage ich Dich als Angestellter des Handelsblattes: Wieso bloggst Du dann hier überhaupt noch? Wenn Du eh nicht Deine Meinung sagen kannst, was bringst noch, Dich zu lesen? Oder bist Du die bloggende Ausnahme?

  8. In China gibt es inzwischen eine ganze Menge an Reaktionen auf die Löschung des Blogs von Zhao Jing (Michael Anti) durch MSN Spaces. Die Reaktionen sind, verständlicherweise, überwiegend negativ. Es…

  9. Blogruf says:

    Blogs waren im Dezember der meistgenannte Begriff in der deutschen Wirtschaftspresse, wie die FTD via PR-Blogger Klaus Eck berichtet. Doch was heißt das konkret?

    Es gibt bis heute keinen Dienst, der ausschließlich blogspezifische Werbung …