»Thomas Knüwer 18. November 2005, 15:50 Uhr

Altes Web in neuen Tüten

Nun salbadern sie alle vom Web 2.0 und Social Software. Wurde ja auch mal wieder Zeit für einen supertollen innovativen Hype. Schade, dass er so durchsichtig und platt daherkommt.Web 2.0 ist jetzt das gaaaaaaanz heiße Ding. Soooo spannend! Kommt wie ein Tsunami über uns, Du, echt. Alle reden davon und keiner weiß jetzt so ganz genau, was das ist, macht aber nichts, denn damals, also 1999, als die Aktien so toll liefen und ein Tag ohne IPO kein guter Tag war, damals also, wusste ja auch niemand jetzt so genau, was sich hinter jedem einzelnen in den Konferenzraum geworfenen Begriff so verbarg, brachte doch alles Geld, zumindest eine Zeit lang.

Und nun also das voll menschliche Web 2.0, wo alle mit allen kommunizieren.

Solch eine Idee können eigentlich, da stimme ich der Diskussion an der Blogbar zu, nur soziale Vollpfosten (neues Lieblingswort) entwickeln. Gestern Abend, zum Beispiel, saß ich mit Freunden in Köln beisammen. Wie so oft in diesen Wochen kam irgendwann das Gespräch auf Open BC, jene Nettwörking-Plattform. Und wieder einmal stellte sich heraus: Die meisten sind da drin, weil man drin sein muss, der praktische Nutzen rechtfertigt nicht den zeitlichen Aufwand. Ich selbst bin auch Mitglied, habe aber einen Vorteil: Ich recherchiere über Firmen. Und über Open BC lassen sich ganz einfach Ex-Mitarbeiter von Unternehmen auftreiben, die gerne auch mal reden.

Für die meisten anderen Menschen in meinem Umfeld hat Open BC nur einen Zweck: Man kann mal über Open BC reden. Und sagen, dass man da nicht mehr aktiv dabei ist.

“Und ehrlich gesagt: Ich hab auch keinen Bock, schon wieder ein Profil mit neuem Usernamen und neuem Passwort einzurichten”, sagte J. Womit er Recht hat, denn wer kann noch all seine Passworte verwalten? Seit jeder Anbieter glaubt, seine Kunden vor Passwort-Missbrauch schützen zu müssen, ist das Internet ein Dschungel, bei dem man Brotkrumen streuen muss, um nicht den Weg zu verlieren. SAP zum Beispiel, bürokratisiert nicht nur den Pressemitteilungsversand, sondern auch die Passwort-Welt: In unserem Reiseabrechnunssystem wird alle zwei Monate ein neues Passwort verlangt, bisher verwendete sind nicht erlaubt. Wer sich das ausdenkt, der hatte in einem früheren Leben Spaß am Circus Maximus.

Eine Grundvoraussetzung also, um aus dem Internet ein Social Web 2.0 zu builden ist also nicht erfüllt. Und ohnehin sind ja nun die meisten Versuche, Menschen digital zusammenzubringen bisher wenig gelungen. Erinnert sich noch jemand an das Wort Kommjunitie? Musste man damals, 99, unbedingt haben als Unternehmen. Alle wollten eine, auch wenn die Nutzerzahl sich auf dem Niveau der Bevölkerung von Ottmarsbocholt-Kattenvenne bewegte.
Ciao und Dooyoo waren ja auch mal als Plattform von Meinungsführern gedacht. Die hatten aber irgendwie keine Lust, ständig neue Artikel zu schreiben.

Und dann gab es natürlich noch die tolle kommunikative Online-Versteigerung bei Ricardo. War auch wirklich unterhaltsam und schön gemacht – aber viel zu teuer im Betrieb.

Wer also nun von Web 2.0 faselt, macht sich entweder etwas vor, war 99 nicht dabei, oder hat sich das Gedächtnis beim Frustsaufen über Aktienverluste gelöscht. Sollte Ihnen jemand ein tolles Investment in ein Web 2.0-Internet-Unternehmen anbieten – schicken Sie ihn zum Teufel.

Zu diesem Thema übrigens hier noch ein hübscher Cartoon.

Nachtrag vom 19.11.: Lieber Leser, in den Kommentaren finden Sie einen x-mal wiederholten Beitrag der Autorin Silke. Ich habe die Wiederholung auf Grund des Unterhaltungswertes nicht gelöscht – also einfach weiterscrollen und nach circa 32 Varianten geht es weiter.

»Thomas Knüwer 18. November 2005, 15:50 Uhr

    64 Kommentare zu “Altes Web in neuen Tüten”


  1. Hushang says:

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  2. Vorbemerkung zu diesem Artikel

    Diesen Artikel schreibe ich, weil ich die neue Kategorie web2.0 eingeführt habe. Wenn ich in nächster Zeit in dieser Kategorie Projekte oder Meinungen zum Thema web2.0 vorstellen möchte, will ich wenigst…

  3. Wer die Web 2.0-Ausgabe von “DE:BUG – Zeitschrift für elektronische Lebensaspekte” noch nicht in Papierform gelesen hat, kann sie hier kostenlos als PDF downloaden. Unter anderem gibt es darin folgende Beiträge: – Web 2.0 Grundlagen – Eine Einführung -…

  4. Damit war leider zu rechnen: Auch Spiegel Online mischt sich nun mit einem Beitrag in die Diskussion um das Web 2.0 ein. Unter der Überschrift “Ich wär so gern Pixelmillionär” heißt es da “Als ob niemand aus der mit…

  5. tknuewer says:

    Dann freue ich mich, dass Sie in diesen Bereich investieren möchten. Vielleicht ja bei einem der oben angesprochenen Entrepreneure, die von zehn Unternehmen nur eines durchbringen?

    Nein, nein, die Wirtschaft funktioniert so nun einmal nicht. Erst muss das Geschäft laufen, dann investieren. Wolkige Formulierungen und verschwurbelte Anwendungen zu einer Zeit, da die meisten Menschen damit überfordert sind einen Festplattenrekorder zu bedienen, haben kurz- bis mittelfristig keine Chance am Markt. Und bis die lange Frist erreicht ist, sind sie an Kapitalmangel in die ewigen Jagdgründe entschwunden.

    Und wie ich oben schon sagt: Wer über die Zukunft des Internet diskutieren mag, darf das gerne tun. Nur: Ganz schnell diskutieren die Kapitalvermittler mit. Und dann wird Geld eingesammelt – so ist das Business halt. Und Geld lässt sich nur einsammeln, wenn ein Buzzword auf dem Markt ist. Und jeder, der sich an solchen Begriffen erfreut, lässt sich somit kommunikativ instrumentalisieren.

    Und übrigens: Warum wohl war Google so schnell so erfolgreich? Weil es ein wahnsinnig individualisierbares “Tool” war? Weil es Menschen zusammenbrachte? Milliarden von Funktionen hatte? Nein. Weil es schlicht bis an die Schmerzgrenze war. Gute Geschäfte sind meist sehr, sehr schlicht. Sie aber zu entwickeln ist viel schwerer als sich irgendwelche x-fach anpassbaren Plattformen aus dem Hirn zu quetschen.

  6. Kaus W. says:

    Das ist ja eine wirklich tolle Meta-Diskussion die hier geführt wird. Der Begriff Web 2.0 mag ja unstrittig ein effekthascherischer Titel sein – die dann aber hier vorgenommene Verknüpfung mit der Dotcom-Blase ist genauso blödsinnig wie die versuchten technischen Definitionen oder gar das persönliche Hick-Hack. Mein Kommentar dazu lautet: Ganz schwach Leute.

    Worüber hier stattdessen diskutiert werden sollte sind die Möglichkeiten und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen eines unter “Sozialem” Fokus gebauten Webs/Internets. Und die werden durchaus revolutionär sein.

    Und lieber Herr Knüwer – auch wenn Sie der Meinung sind Ihre Erfahrung würde Sie bis auf alle Ewigkeit schlau machen: Wenn Ihnen jemand ein tolles Investment in ein Internetunternehmen mit diesem Fokus anbietet besteht die Chance dass es das Beste ist was Sie jemals tun können.

    Das gilt im übrigen auch für die anderen DotCom-Hämer die sich noch immer ägern dass sie den Zug verpasst haben

  7. Richard Joerges fasst in seinem Weblog die aktuelle Diskussion über das Web 2.0 in der deutschen Blogger-Szene, die unter anderem von DonAlphonso und Thomas Knüwer angezettelt wurde, sehr schön zusammen: “Schon seit geraumer Zeit bahnt sich eine unselig…

  8. @Björn Werden Sie nicht albern.

  9. Rondua blog says:

    Die deutsche Blogosphäre streitet sich momentan ja lustig über das Thema Web 2.0. Ganz abgesehen davon, kommen momentan natürlich eine coole Applikation nach der anderen raus. Um da noch den Überblick zu behalten, gibt es das Museum of Modern Betas.

  10. Weblog ist da, Beitraege sind da, Besucher nicht.

    Wie bekomm’ ich die jetzt?

    Ich koennte allen meinen Freunden davon erzaehlen. Dauert aber lange und ist auch nicht sehr effektiv. Ausserdem altmodisch, wir leben in Zeiten von Web 2.0. Das ist es! Ich….

  11. Blog Age says:

    Die Blogosphäre diskutiert über das Web 2.0. Über was? Ja, genau, das habe ich mich auch gefragt. Die Begrifflichkeit alleine stiftet schon Verwirrung. Deshalb ein kleiner Beitrag zum Thema.

  12. @Silke: nur weil OpenBC dir vielleicht nicht den Erfolg gebracht hat, soll es gleich schlecht sein? :) Ich denke, dass das alles nur subjektive Wahrnehmungen sind. OpenBC ist Mittler, dh. ob man es erfolgreich nutzen kann oder nicht, definiert man durch sein eigenes Handeln.

    Ich in meinem Falle (OpenBC Nutzer der ersten Stunde und sicherlich nicht mit allem glücklich, was OpenBC so bietet) nutze OpenBC bisher recht erfolgreich, denke ich.

  13. tknuewer says:

    @nipsnaps

    Ich hätte gar nicht reich werden können. Wie alle Mitglieder der Redaktion Handelsblatt unterliege ich Standesregeln, die es untersagen, Aktien von Unternehmen zu besitzen, über die man regelmäßig schreibt.

  14. Jürgends says:

    Na dann ;)
    Ich bin die erste Ausnahme der heuristischen Einschätzung.