»Thomas Knüwer 06. May 2005, 17:04 Uhr

Bundesagentur-Logo – einen Tag später

Ich bin verwirrt. Entgeistert. Hab ich eine Vision? Spinne ich? Anscheinend hat die gesamtdeutsche Medienwelt das neue Logo der Bundesagentur für Arbeit – sagen wir’s direkt – verpennt.

Freitag, 16.12 Uhr. Und es scheint, als sei eine elegante Presse-Verhinderungskampagne von Erfolg gekrönt. Die der Bundesagentur für Arbeit nämlich. Denn nirgends, aber auch wirklich nirgends, wird außerhalb des Handelsblatts über das neue Logo der BA berichtet. Nicht in der “FAZ”, nicht in der “Süddeutschen”, nicht in der “Welt”. Im Fernsehen? Auch nichts. Online? Nur in Weblogs. Nicht einmal die “Bild” verwertet diese Vorlage für die Schlagzeile: “Dieses Logo kostet 100.000 Ein-Euro-Jobs”.

OK, vielleicht interessiert das Thema einfach niemand. Aber so ganz mag ich nicht daran glauben, angesichts der Rekordklicks auf meinen Eintrag von gestern und die gewaltige Menge von Kommentaren (dafür vielen Dank!).

Übrigens: Die Recherche ist kein investigatives Ruhmesblatt. Es scheint vielmehr, die Bundesagentur hat sehr geschickt auf die Faulheit von Journalisten gesetzt – und leider gewonnen.

Hier also für alle Berufskommunikatoren unter den Lesern ein Leitfaden, wie man zwar pflichtschuldigst zur Berichterstattung einlädt – diese aber so weit wie möglich verhindert:

1. Wenn Du weißt, dass Du bei einem Thema Prügel beziehen wirst, halte es so lang wie möglich geheim.

2. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass doch jemand drauf kommt. Zum Beispiel das Marketing-Fachblatt “Absatzwirtschaft”, das als erster vom neuen Logo und den optischen Renovierungen bei der BA berichtete. Dann wähle Dir einen exklusiven Gesprächspartner, der keine allzu kritische Fragen stellt – weil er froh ist, dieses Interview zu bekommen. Zum Beispiel die DPA, auf deren Couch sich BA-Chef Weise ausweinen durfte. .

3. Trotzdem werden sich die üblichen Verdächtigen melden um auf Dich einzuschlagen. Ignorierere sie. Erst recht, wenn es um Marketing geht. Politiker haben keine Ahnung von Marketing. sonst gäbe es mehr Wahlplakate oberhalb der Peinlichkeitsgrenze.

4. Setze eine Pressekonferenz an. Wähle aber den Termin und Ort mit Bedacht. Sehr geeignet ist zum Beispiel der Mittwoch vor einem bundesweiten Feiertag an einem verkehrstechnisch aus Hamburg/Berlin/München/Düsseldorf/Frankfurt schwer erreichbaren Ort. Sagen wir mal… Halle an der Saale. Der Ort muss so weit von den Redaktionsstandorten entfernt sein, dass der Besuch der Pressekonferenz private Abendtermine oder Familienkurzurlaube garantiert verhagelt. 

5. Lasse bloß kein hochrangiges Mitglied der Geschäftsführung anreisen. Je länger und langweiliger die Titel der angebotenen Gesprächspartner, desto besser.

6. Schreibe eine Pressemitteilung, die so lang und langweilig ist, wie die Titel der angereisten Unternehmensvertreter. Erwähne den möglichen Streitpunkt nur nebenbei. Geht es zum Beispiel um ein neues Logo, könnte die einzige Erwähnung desselben lauten:
“Für Carsten Heller, Leiter Marketing und Interne Kommunikation bei der BA, reduziert sich die überarbeitete Gestaltung daher nicht nur auf die Modernisierung des Logos…”

7. Ist der Streitpunkt optisch darstellbar, halte ihn zurück. Biete ihn nicht zum herunterladen auf der Homepage an. Verstecke ihn grau auf weiß im Word-Dokument der Pressemitteilung. Und wage ja keinen Relaunch Deiner Internet-Seite.

7. Ruft ein Journalist an, verbinde ihn mehrmals weiter und kündige dann einen Rückruf an.

8. Sollte der Journalist, weil er zwei Stunden später noch immer nichts gehört hat, auch noch bei Deiner Außenstelle anrufen, vertröste ihn weiter. Jetzt aber melde Dich aus der Zentrale und schick ihm das Logo – Du willst ja nicht unkooperativ erscheinen. Es ist dann ohnehin schon Nachmittag.

9. Lass dann die Pressesprecherin der Außenstelle anrufen und auf seine Mailbox sprechen: Er hätte ja jetzt alles, habe sie aus der Zentrale gehört. Damit gibst Du ihm das Gefühl, dass er nicht den vorgegebenen Weg verlassen kann, ohne aufzufallen. Big BA ist watching you.

10. Auf eines musst Du Dich einrichten: Wenn Weblogs das Thema aufgreifen, macht es im Internet die Runde. Nicht schön.

11. Und die “Bild”, die kannst Du auch nicht verhindern. Denen ist egal, wann sie ein Thema machen. Kauf schon mal Beruhigungstee. Für die Schlagzeile: “Dieses A kostet 100.000 Ein-Euro-Jobs”.

Mein Tipp: Die kommt spätestens Montag.

»Thomas Knüwer 06. May 2005, 17:04 Uhr

    13 Kommentare zu “Bundesagentur-Logo – einen Tag später”


  1. Hi!..ko says:

    Wie vor einigen Tagen zu lesen war, hat die Bundesagentur für Arbeit ein neues Logo/Design in Auftrag gegeben, welches etwa 100.000 Euro gekostet haben soll. Der Unterschied vorher/nachher war ja in der Tat nicht riesig, so dass diese Kosten einigen U…

  2. hartzcore I says:

    das arbeitsamt hat ein neues logo. laut blog.handelsblatt hat die reine logo-erstellung 30.000 euro gekostet.

    Wer ein wenig Geschick mit Grafikprogrammen an den Tag legt, kann jetzt viel Geld verdienen meint roxomatic

    jetzt weiss ich auch, wesh…

  3. YASBLOG() says:

    Kann denn sowas möglich sein? Mitten in der Bundesrepuplik Deutschland? “Presse-Verhinderung”?
    Folgt man dem Bericht von Thomas Knüwer – Handelsblatt, scheint das tatsächlich möglich zu sein. Durch geschickte Terminwahl kann man u.U. auch nur von einer…

  4. Malocher says:

    Skandal aufgedeckt: BA behindert Vermittlung von ALG2-Empfängern

    Wie der Präsident des Deutschen Landkreistags am 5.4.2005 offiziell erklärt hat (Quelle: http://www.kreise.de/landkreistag/dlt-aktuell/pressetexte/pt-05-04-04a-2.htm), verwehrt die BA vorsätzlich Empfängern von Arbeitslosengeld II den Zugang zum Virtuellen Arbeitsmarkt. Hiervon sind 4 der insgesamt 5 Mio. Arbeitslosen betroffen!

    Warum möchte die BA nicht, dass ALG2-Empfänger Stellenangebote erhalten?

    So wie die BA mit ihrer steuerfinanzierten Stellenbörse (teurer als alle privatwirtschaftlichen Stellenbörsen in Europa zusammen!) Wirtschaft spielt und (erfolglos) versucht, die private “Konkurrenz” an die Wand zu fahren, so sieht sich die BA auch in ihrem “Kerngeschäft” vor allem als Versicherung, nicht als öffentlicher Dienstleister von Arbeitsvermittlung.
    Als Versicherung macht die BA wegen ihrer schlechten Vermittlungsleistungen Jahr für Jahr Milliardenverluste, die dann der Steuerzahler ausgleichen muss.
    Weil für derart schlechte “Geschäftsergebnisse” irgendwann auch der Vorstand zur Rechenschaft gezogen werden wird, versucht man jetzt alles, um möglichst bei einer Null zu landen. Hierbei sind die ALG2-Empfänger im Weg.

    Denn:

    1. Die BA hat nichts davon, wenn ALG2-Empfänger wieder einen Job finden. Denn anders als bei ALG1 muss nicht die BA das ALG2 bezahlen, sondern der Bund aus Steuergeldern, die BA schiebt das nur durch. Und die Unterkunfts- und Heizungskosten tragen die Kommunen.

    2. Jeder Arbeitsplatz kann nur einmal besetzt werden: Entweder mit einem ALG1-Empfänger, einem ALG2-Empfänger oder einem Jobwechsler. Mit jeder Vermittlung eines ALG2-Empfängers verhindert man eine Vermittlung eines ALG1-Empfängers. Das heißt, die BA hat nicht nur nichts von der Vermittlung, sondern muss noch länger die Versicherungsleistung ALG1 zahlen und vergrößert ihr Defizit – schlecht für die Jobperspektiven des Vorstands und die Existenz der BA. Denn wer leistet sich schon gerne auf Dauer eine Geldvernichtungsmaschine?

    3. Mit jeder Nichtvermittlung eines ALG2-Empfängers steigt das Risiko für die BA, dass ein ALG1-Empfänger langzeitarbeitslos wird und ins ALG2 fällt. Das ist schlecht für die BA, denn dann muss sie an den Bund einen sog. Aussteuerungsbetrag von ca. 10.000 Euro zahlen. Folgen: siehe unter 2.

    4. Mit jeder Vermittlung eines ALG2-Empfängers steigt außerdem das “Risiko”, dass dieser mindestens 12 Monate im Job überlebt. Denn dann würde er bei erneuter Arbeitslosigkeit wieder Anspruch auf ALG1 haben! Und damit zusätzliches Geld kosten.

    Die BA hat also nicht nur nichts von der Vermittlung von ALG2-Empfängern, sondern sie würde noch oben drauf zahlen, insgesamt wahrscheinlich ca. 13.000 Euro pro Fall.

    Konsequenter Weise versucht die BA daher, ALG2-Empfänger möglichst nicht zu vermitteln. Die Bundesregierung hat in den sogenannten Arbeitsgemeinschaften (ARGEn) den Bock zum Gärtner gemacht.

    Ein “Konzept” der BA: Ihre Möglichkeiten in den Arbeitsgemeinschaften dazu missbrauchen, die ALG2-Empfänger über ihr internes System coArb erst gar nicht in den Virtuellen Arbeitsmarkt zu lassen (siehe oben Dt. Landkreistag). Wen ich als Arbeitgeber oder Vermittler nicht finde, den kann ich auch nicht mit Stellenangeboten kontaktieren und auch nicht einstellen/ vermitteln.
    Ein anderes Konzept: Die Profile der ALG2-Empfänger unabhängig von der tatsächlichen Flexibilität und Mobilität so eingeschränkt mit einer Berufskennziffer und dem berüchtigten Tagespendelbereich zu verschlagworten, dass sie schon technisch in der Datenbank kaum gefunden werden können.

    Das Ergebnis sieht jeder: 5,1 Mio. offiziell gezählte Arbeitslose im Mai nur deshalb nicht, weil man die von den Optionskommunen gemeldeten 200.000 arbeitslosen ehemaligen Sozialhilfeempfänger nicht mitgezählt hat.
    Außerdem werden nicht gezählt, obwohl sie keinen Job haben, aber arbeiten könnten und in der Regel auch wollen:
    - alle Arbeitslosen in öffentlich geförderter Weiterbildung
    - alle Arbeitslosen in betrieblichen Trainingsmaßnahmen/ Praktika
    - alle Arbeitslosen in ABM u. ä.
    - alle Arbeitslosen in Arbeitsgelegenheiten (1-2 Euro-Jobs)
    - alle älteren Arbeitslosen nach bestimmten Voraussetzungen
    - alle Berufsrückkehrer/innen, die keine Leistungen beziehen …

    Eigentlich müsste man noch eine größere Anzahl von Ich-AGlern und Überbrückungsgeldbeziehern hinzurechnen, die mit ihrer “Firmengründung” zum Teil auch das ALG2-Risiko noch etwas hinausschieben wollen. Von vielen Minijobbern einmal ganz zu schweigen …

    Insgesamt kommt man so inkl. der sog. stillen Reserve auf über 7 Mio. Arbeitslose, die wir in Wirklichkeit haben! Das ist die höchste Arbeitslosigkeit, die es in Deutschland jemals gegeben hat. Und statistisch ist einmal in vier Jahren jeder Deutsche davon betroffen.

    Warum ist es in Deutschland noch so ruhig? Warum löst man den unlösbaren Interessenkonflikt der BA in den Arbeitsgemeinschaften nicht dadurch auf, dass man die BA wenigstens aus dieser Aufgabe ausschaltet? Und damit natürlich auch schon einmal den Personalstamm um 80 % reduziert. Womit 4 Mio. Arbeitslose aus den Fesseln eines bürokratischen Molochs befreit wären, der in mehreren Jahrzehnten seine Existenzberechtigung nicht nachweisen konnte? Der mit den vier Hartz-Gesetzen seit 2003 alle verlangten Möglichkeiten bekommen und praktisch nichts genutzt hat?

    Bei Präsentation des Hartz-Konzepts im August 2002 wurde versprochen, dass binnen 2-3 Jahren die Arbeitslosigkeit von seinerzeit 4 Mio. auf 2 Mio. reduziert würde.
    In Wirklichkeit ist sie um mehrere Millionen gestiegen!
    Und doch nicht, weil die ganzen Experten alle keine Ahnung hatten, sondern weil man mit der Umsetzung ausgerechnet die Organisation beauftragt hat, zu deren Reorganisation aufgrund des Vermittlungsskandals mit den gefälschten Vermittlungszahlen man die Hartz-Kommission überhaupt gegründet hatte.

    Es ist zwar grundsätzlich löblich, wenn man Leistungsschwache und Mogler nicht abschreibt, sondern ihnen noch eine Bewährungschance gibt. Aber spätestens jetzt muss jedem vernünftig denkenden Entscheidungsträger klar sein, dass auch diese Chance komplett vermasselt wurde.

    Welche Einzelinteressen haben führende SPD-Politiker, dass sie sich einen solchen Narren an einer derartig leistungsschwachen Organisation gefressen haben? Und wann kommt man dort einmal zur Einsicht und erkennt, dass sich diese BA definitiv als nicht reformierbar erwiesen hat und in dieser Form schlicht aufgelöst gehört? In anderen Ländern gibt es auch keine BA, und die existieren auch noch – mit Masse inzwischen besser als unser Staat.
    Was ist so schwierig daran, ausgerechnet die BA aufzulösen und die Aufgaben neu zu verteilen? Wer fürchtet, dann von den Milliardenbeträgen weniger abzubekommen als jetzt? Mit Ministerien und anderen Ämtern schafft man das doch auch.

    Wer mir die o. g. Begründungen, warum die BA mit Masse die Vermittlung von ALG2-Empfängern zu verhindern versuchen wird, mit vernünftigen Gegenargumenten widerlegen kann, den schlage ich für den Nobelpreis vor.

  5. tknuewer says:

    Danke für den Hinweis, Link ist im nächsten Eintrag enthalten.

  6. Outsider says:

    Bei Bild.de folgende Überschrift:
    Spinnen die beim Arbeitsamt?
    100 000 Euro für dieses neue Symbol

  7. YASBLOG() says:

    Kann denn sowas möglich sein? Mitten in der Bundesrepuplik Deutschland? “Presse-Verhinderung”?
    Folgt man dem Bericht von Thomas Knüwer – Handelsblatt, scheint das tatsächlich möglich zu sein. Durch geschickte Terminwahl kann man u.U. auch nur von einer…

  8. Vor ein paar Wochen war es eine dahingesaute Schlagzeile der “Bild”, die f

  9. Für das neue Logo der Bundesagentur für Arbeit interessieren sich bis jetzt nur die Blogger. Keine Zeitung schreibt darüber, keine Zeitung prangert den Dilettantismus und die Geldverschwendung an.  Warum wohl?Im Handelsblatt-Blog macht man sich Ged…

  10. nodomain.cc says:

    Danke für den Link im Kommentar zum vorigen Eintrag! Es sieht nun wirklich so aus als wäre der Bundesanstalt die Geldrauswerfaktion … sagen wir mal “unangenehm”. Keiner weiß was davon, nicht mal die BA selbst . Ich freu mich schon auf die reißerische …

  11. Gerold Braun says:

    Na ja, die BA ist halt nicht Porsche, die Journalisten in die Sierra Nevada fliegen, wo die dann 5 Tage – bei 1.klassiger “Verpflegung” – ausgiebig testen dürfen. Aber nach Halle laden, Höchststrafe sozusagen, da scheint wirklich Vorsatz dahinter.

  12. tknuewer says:

    Wird korrigiert. Und was die 100.000 betrifft – die Kollegen der Bild würden selbstverständlich die höchstmögliche Zahl nehmen, um die Geschichte anzuhübschen.

  13. Stefan says:

    Da fehlt in der letzten Zeile eine Null. Und es waren dem Vernehmen nach für das “A” nur 30.000 Ein-Euro-Stundenlöhne.