Der publizistische Amoklauf des Walter Krämer

Mein Düsseldorfer  Kollege Jan Mallien hat eine ziemlich unglaubliche Story ausgegraben: In einem Interview mit der Studentenzeitung “Pflichtlektüre” hat der  Dortmunder Statistik-Professor  Walter Krämer  einen publizistischen Amoklauf hingelegt.

(Update: Nach dem Handelsblatt-Bericht hat Walter Krämer das Interview mit der Studentenzeitung überarbeitet und die kritischen Passagen herausnehmen lassen – mehr dazu unten.  Die Original-Fassung ist allerdings noch hier verfügbar.

Noch ein Update: Meine Kollegen von Handelsblatt.com haben heute mit Krämer gesprochen: Das Interview mit der “Pflichtlektüre” sei nicht authorisiert worden, er habe sich bei Bofinger entschuldigt.)

Seinen Kollegen Peter Bofinger, der den von Krämer initiierten Ökonomenaufruf hart kritisiert hat, bezeichnet Krämer als “akademische Nullnummer”. Und den “Spiegel”-Journalisten, der einen kritischen Artikel über Hans-Werner-Sinn geschrieben hat, möchte Krämer am liebsten “erwürgen und an die Wand klatschen”.

Bislang hatte ich den Aufruf selbst für den Tiefpunkt der akademischen Debatte über die Euro-Krise gehalten, aber dieses Interview toppt die Sache gewaltig. Das ist auf einem Niveau mit anonymen Kommentatoren, die hier im Blog Leuten, die anderer Meinung sind, offen gedroht haben: “Machen Sie ruhig so weiter, wenn die Stimmung im Volk kippt wird man sich an Sie erinnern.” » weiterlesen

Hans-Werner Sinn und der Ökonomenaufruf

Heute morgen überrascht das Münchener Ifo-Institut mit einer merkwürdigen Pressemitteilung.

Die Denkfabrik erklärt, Hans-Werner Sinn sei für den Aufruf der deutschsprachigen Ökonomen gegen die Ausweitung des ESM auf die Bankenrettung nicht verantworlich, sondern nur einer von 250 Unterzeichnern.

In der Pressemitteilung heißt es:

“In den vergangenen Tagen wurde in der Presse mehrfach geschrieben, dass Prof. Sinn den Aufruf der deutschsprachigen Ökonomen gegen die Ausweitung des ESM auf die Bankenrettung, der am 5. Juli auf den Online-Seiten der FAZ erschien, initiiert habe.

Diese Behauptung ist falsch. Der Aufruf wurde von Prof. Walter Krämer, Technische Universität Dortmund, initiiert und formuliert. Richtig ist, dass Prof. Sinn als einer von mittlerweile 250 deutschsprachigen Ökonomieprofessoren unterschrieben hat und – wie viele andere auch – Vorschläge zur Änderung des Textes gemacht hat. An der Anwerbung von Mitunterzeichnern war Prof. Sinn nicht beteiligt.”

Diese Erkärung ist  aus mehreren Gründen erstaunlich.

Vor allem, weil Walter Krämer in der E-Mail, mit der er vor der Veröffentlichung des Aufrufs um Unterschriften warb, ausdrücklich Bezug auf Sinns Mitarbeit an den Text nahm.

Wörtlich heißt es in der E-Mail, die Krämer am Abend des 3. Juli an zahlreiche Ökonomie-Professoren verschickte und die dem Handelsblatt vorliegt:

“Liebe Kolleginnen und Kollegen,

was halten Sie – was haltet Ihr – von dem beigefügten Aufruf, den ich zusammen mit H. W. Sinn (und redaktioneller Unterstützung von Manfred Deistler) verfaßt habe?» weiterlesen

Die Märkte geben eher Merkel Recht

Eines der Argumente im Aufruf der inzwischen mehr als 200 Ökonomen um Hans-Werner Sinn und Walter Krämer gegen die Beschlüsse des EU-Gipfels vom 28./29. Juni ist es, dass die Finanzmärkte über die Bereitschaft der Deutschen “jubelten”, noch größere Risiken für die Euro-Rettung einzugehen.

Auch in der Antwort Sinns und Krämers auf den Chor der Kritiker, die heute in der FAZ erschienen ist, heißt es wieder: “Der Jubel der Kapitalmärkte über die Bereitschaft Deutschlands, die Verluste mit seinem Geld auszugleichen, sollte die deutschen Bürger genauso sorgenvoll stimmen wie uns.” Wenn man allerdings einmal auf die Kursentwicklung für Bankaktien und Staatsanleihen schaut, dann fragt man sich: Welcher Jubel?

Die spontane Reaktion vieler Bankaktien war in der Tat sehr positiv. Aber nachdem die Märkte Gelegenheit hatten, die Gipfelergebnisse zu analysieren, sehen sie das Geschehen ganz anders. Bei Aktien südeuropäischer Banken ergibt sich ein uneinheitliches Bild. Während zum Beispiel die Aktie der italienischen Großbank im Vergleich zum Vor-Gipfel-Stand am 28. Juni um sieben Prozent gestiegen ist, ist die Aktie der ebenfalls italienischen Krisenbank Monte dei Paschi um ein Prozent gesunken. » weiterlesen

Weltexlusiv: Die einzig wahre Urfassung des Aufrufs der 172 Ökonomen

Einem  Handelsblog-Leser mit dem Pseudonym “kicker” haben wir es zu verdanken, dass endlich die ursprüngliche Fassung des Ökonomenaufrufs der 172 ans Licht der Öffentlichkeit gelangt ist, der in der vergangenen Woche in schwer redigierter Form in der FAZ erschienen ist.

“Liebe Mitbürger,

wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinnen der deutschsprachigen Länder sind überzeugt, dass eine Invasion Außerirdischer unmittelbar bevorsteht. Die mangelnde Vorbereitung der Bundesregierung sehen wir mit größter Sorge.

Der Jupiter ist fast dreimal so groß wie die Erde. Nach Berechnungen des Münchner Ufo-Instituts passen zwischen 9 und 57 Billionen Euro in ein einziges schwarzes Loch. Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner, Sparer, Kassiererinnen, Krankenschwestern, Opelaner und Möbelpacker der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Summen in die Haftung zu nehmen. » weiterlesen

Gipfelbeschlüsse “gehen in die richtige Richtung”

Es gibt einen zweiten Gegen-Aufruf von deutschen Ökonomen zur Bankenunion – erfrischend nüchtern, sachlich und fundiert.

Update: Bis Sonntag, 8. Juli  haben mehr als 100 Volkswirte dieses Aufruf unterzeichnet, wie aus diesem Dokument hervorgeht.

Hier der Wortlaut:

Stellungnahme zur Europäischen Bankenunion

Die Krise im Euroraum hat fatale Konstruktionsfehler der Währungsunion offenbart. Sie kann nur durch eine entschiedene Kursänderung bewältigt werden. Die Politik hat nun die Chance, die Weichen in die richtige Richtung zu stellen.

Ein wesentlicher Teil des Problems ist die enge Verknüpfung zwischen der Verschuldung des Finanzsektors und des Staates auf nationaler Ebene. Staatshaushalte müssen für die Refinanzierung ihrer systemrelevanten Banken einstehen. Umgekehrt halten die Geschäftsbanken in großem Umfang Schuldverschreibungen ihrer eigenen Staaten. Dadurch wird jede Bankenkrise zu einer Staatsschuldenkrise und umgekehrt – das Misstrauen schaukelt sich gegenseitig immer weiter hoch. » weiterlesen

“Schaden für das Ansehen unseres Fachs”

Normalerweise liegen sie wirtschaftspolitisch meilenweit auseinander – Michael Hüther vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft und Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut Makroökonomie und Konjunkturforschung. Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger und der HWWI-Chef Thomas Straubhaar sind selten der gleichen Meinung.

Umso bemerkenswerter ist es, dass sie alle eine vom Ex-Wirtschaftsweisen Bert Rürup initiierte Replik zum gestern in der FAZ erschienenen Ökonomenaufruf unterzeichnet haben.

In der Stellungnahme, die wir in der heutigen Ausgabe des Handelsblatts exklusiv veröffentlicht haben, gehen die Unterzeichner ungewöhnlich hart mit ihren Kollegen ins Gericht. Sie werfen ihnen vor,

“… mit Behauptungen, fragwürdigen Argumenten und in einer von nationalen Klischees geprägten Sprache die Öffentlichkeit durch einen Aufruf weiter zu verunsichern. So werden in diesem Text insbesondere Ängste und Emotionen vor einer Bankenunion geschürt, ohne dass dies mit den erforderlichen Fakten unterlegt wird.”

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