Wie war’s in Lindau? Handelsblatt-Fellows berichten

Zum dritten Mal konnten wir als Medienpartner des Lindauer Ökonomie-Nobelpreisträgertreffens Nachwuchsforscher nominieren, die dann als “Handelsblatt Fellows” an den Bodensee gereist sind.

Das Programm war im vergangenen Herbst im Handelsblatt und in unserem Ökonomie-Newsletter ausgeschrieben. Wir konnten 25 Forscher vorschlagen, von denen 16 den Auswahlprozess des wissenschaftlichen Kuratoriums überstanden.

Lindauer Ökonomie-Nobelpreisträgertreffen: Handelsblatt Fellows 2011

Am Donnerstag abend trafen wir uns alle – gemeinsam mit dem Nobelpreisträger Edmund Phelps – an der Uferpromenade in Lindau zu einem gemeinsamen Abendessen. Dabei habe ich dieses Gruppenbild gemacht.

vordere Reihe, von links:

Stefanie Lehmann (Uni Bonn), Katja Drechsel (IWH Halle), Lisa Herzog (Oxford), Cornelia Düwel (Uni Gießen / Bundesbank) Michael Weber (Berkeley)

mittlere Reihe, von links

Sebastian Ebert (Uni Bonn), Christoph Lakner (Oxford), Maria Gerhardt (Universität Gent/CEPS), Stefan Bauernschuster (Ifo Institut, München) , Jan Starmans (HU Berlin)

hintere Reihe, von links:

Moritz Meyer (EUI Florenz), Edmund Phelps (Columbia, Nobelpreisträger 2006), Vivian Mohr (Cambridge), Kristina Czura (Universität Frankfurt),  Sebastian Findeisen (Universität Zürich), Jana Stöver (HWWI Hamburg), Dominique Shure (Oxford, nicht im Bild)

Hier ein paar Eindrücke der Handelsblatt-Fellows:

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Warum mich die Wulff-Rede enttäuscht hat

Gerade hat Bundespräsident Christian Wulff das 4. Ökonomie-Nobelpreisträgertreffen in Lindau eröffnet – mit einer aus meiner Sicht ziemlich enttäuschenden Rede.

Ziemlich viele Phrasen, und die normale deutsche wirtschaftspolitische Orthodoxie, aber keine wirklich neuen, konstruktiven Ideen.

Hier ein paar der schönsten Phrasen:

“Nun klaffen in den öffentlichen Kassen Löcher, wertvolles Saatgut wurde verzehrt, statt fruchtbaren Boden zu bestellen. Politik mit ungedeckten Wechseln auf die Zukunft ist an ihr Ende gekommen.”

“Die Versündigung an der jungen Generation muss ein Ende haben.”

“Vertrauen ist schwer zu erarbeiten, aber schnell zu zerstören.”

“Eines der Grundprinzipien der Marktwirtschaft ist: Risiko und Haftung gehen Hand in Hand.”

Wulff erinnerte zwar daran, dass erste die europäische Einigung nach dem zweiten Weltkrieg Frieden und Wohlstand gebracht hat und wir uns dieser Errungenschaften täglich bewusst ein sollten. Aber er sagte auch: Solidarität bedeutet nicht, dass man für andere zahlt.

Eurobonds hält Wulff für falsch, weil man ja schließlich auch als Privatmann nicht für jeden Verwandten eine Kreditbürgschaft übernehmen würde und jeder seine Probleme alleine lösen solle. Die Ankäufe von Staatsanleihen durch die EZB sei “politisch und rechtlich fragwürdig” und sollten daher so schnell wie möglich wieder eingestellt werden. (Wulff machte sich nicht die Mühe zu diskutieren, ob diese Ankäufe vielleicht ökonomisch sinnvoll sind.)

Richtig schräg ist Wulffs Argument, der Ankauf von Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt durch Notenbanken sei teurer als auf dem Primärmarkt – weil dabei Banker Provisionen verdienen würden. Tatsächlich ist es in der derzeitigen Lage günstiger, weil die Staatsanleihen der Krisenstaaten an den Finanzmärkten mit einem deutlichen Preisabschlag gehandelt werden.

Etwas hilflos finde ich seinen Appell, dass die Politik wieder die Initiative ergreifen sollte. Wulff sagte:

“Statt klare Leitplanken zu setzen, lassen sich Regierungen immer mehr von den globalen Finanzmärkten treiben. Immer öfter treffen sie eilig weitreichende Entscheidungen kurz vor Börsenöffnung, anstatt den Gang der Dinge längerfristig zu bestimmen. Dies trifft unsere Demokratien in ihrem Kern.”

Das klingt gut, aber was hieße es konkret? Wenn das Finanzsystem und / oder die Währungsunion vor dem Durchglühen steht, gibt es keine Alternative zu diesen eiligen Entscheidungen. Wer in solchen Situationen versuchen würde, “den Gang der Dinge langfristig zu bestimmen”, erlebt schneller als ihm lieb ist, dass Keynes Recht hatte – “langfristig sind wir alle tot.”

Dass die irrlichternde Politik Deutschlands maßgeblich dazu beigetragen hat, die Panik an den Finanzmärkten zum überkochen zu  bringen, und dass mit diesen nächtlichen Krisensitzungen ein Totalzusammenbruch des Finanzsystems vermieden wurde, scheint Wulff nicht zu verstehen.

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Attac ist auch da

Heute abend habe ich mich beim Ökonomie-Nobelpreisträgertreffen noch schnell meine Akkreditierungsunterlagen abgeholt – und nicht schlecht gestaunt über die Plakate, die an der gewaltigen Mauer direkt gegenüber der Lindauer Inselhalle hingen: Auch die Globalisierungsgegner von Attac  heißen die Ökonomie-Nobelpreisträger in Lindau willkomen – auf ihre Art und Weise.

"Shame on you 'nobel' economists"

Ich selbst sehe ja die etablierte Volkswirtschaftslehre ebenfalls nicht gerade unkritisch. Für meinen Geschmack sind die Plakate etwas zu schrill und enthalten etwas zu viele Ausrufezeichen. Einige sprechen durchaus berechtigte Fragen an, zum Beispiel ob Ethik für Volkswirte ein Fremdwort ist. (Über diese Frage hat sich ja der Nobelpreisträger Amartya Sen, der nicht in Lindau dabei ist, viele kluge Gedanken gemacht.

"Is ethics in economic science a foreign word?"

Andere erscheinen mir  - zumindest vor dem Hintergrund der Besucher, die nach Lindau gekommen sind – etwas dümmlich.

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Edmund Phelps und der Wahn

Ich habe gerade hier in Lindau auf dem Ökonomie-Nobelpreisträgertreffen mein erstes Interview geführt – mit Edmund Phelps, dem Preisträger von 2006.

Edmund Phelps: "Wahn, Wahn! Überall Wahn!"

Inhaltlich war es sehr spannend. Seine  Analyse und Politik-Empfehlungen für die USA dürften den Konservativen im Land nicht gefallen: Phelps spricht sich für massive Steuererhöhungen aus. Mehr in den nächsten Tagen bei Handelblatt.com.

Sehr lustig war das T-Shirt, das er anhatte – Phelps war vorher in Bayreuth und hat sich dort ein Shirt mit der Aufschrift “Wahn, Wahn! Überall nur Wahn!” gekauft.

Der Bezug zur Lage auf den Finanzmärkten ist aber nur rein zufällig.
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