Target2-Defizite: Warum die Leistungsbilanz nicht entscheidend ist

Ermöglicht es die Europäische Zentralbank über Target2 den Krisenstaaten in der Peripherie, weiter über ihre Verhältnisse zu leben? Verzögert die Zentralbank so die nötigen Anpassungsprozesse? Treiben die Leistungsbilanz-Ungleichgewichte im Euro-Raum die Target-Salden?

Verschiedene Ökonomen und Kommentatoren, unter anderem mein FAZ-Kollege Philipp Plickert, vertreten diese These. Meiner Meinung nach gibt es aber wenig harte Belege dafür.

Zwei Volkswirte aus der Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfonds – Ashoka Mody und Fabian Bornhorst – haben heute in einem faszinierenden Beitrag bei Voxeu.org  (“TARGET imbalances: Financing the capital-account reversal in Europe”) den Zusammenhang zwischen Target2 un der Zahlungsbilanz im Detail ausgeleuchtet.

Sie vertreten die These, dass mit Blick auf die gewaltigen Target2-Ungleichgewichte im Euroraum die Kapitalbilanz entscheidend ist, nicht die Leistungsbilanz:

“the focus on current-account imbalances within Europe has distracted from the more dramatic evolution on the capital account.” » weiterlesen

EU-Kommission: Fünf Prozent Leistungsbilanzdefizit sind gefährlich, fünf Prozent Überschuss nicht

Zum ersten Mal hat die EU-Kommission gestern die Ergebnisse ihres neuen Frühwarnsystems veröffentlicht: Der „Alert Mechanism Report“ betrachtet zehn verschiedene Wirtschafts-Kennzahlen der EU-Staaten und sucht nach Anzeichen für gefährliche Ungleichgewichte. Der Report ist Teil des berühmten „Six-Packs“, einer Reihe von Regelungen, mit der die EU-Ökonomien krisenfester gemacht werden sollen.

Neben der Arbeitslosenrate der Länder oder der privaten und öffentlichen Verschuldung schaut das Warnsystem auch auf außenwirtschaftliche Ungleichgewichte: Es löst zum Beispiel Alarm aus, wenn der Weltmarktanteil eines Landes zu sehr sinkt – oder eben, wenn die Leistungsbilanz zu ungleich ist (also, grob gesagt, der Unterschied zwischen Im- und Exporten).

Doch hier misst die Kommission seltsamerweise mit zweierlei Maß: So bekommt ein Land Ärger mit Brüssel, wenn das Leistungsbilanzdefizit mehr als vier Prozent der eigenen Wirtschaftsleistung (BIP) ausmacht. Wer dagegen Überschüsse macht, also mehr exportiert als importiert, dem wird erst dann näher auf die Finger geschaut, wenn der Überschuss mehr als sechs Prozent beträgt.

Aber was soll das? Eigentlich sollten die Grenzwerte doch gleich sein, denn Langzeit-Ungleichgewichte destabilisieren die Weltwirtschaft, so oder so. Eine Pressesprecherin von Währungskommissar Olli Rehn schreibt mir, hohe Defizite seien gefährlicher als hohe Überschüsse, weil sie die Kreditwürdigkeit eines Staates schmälerten und die ganze Eurozone in Gefahr bringen könnten – Überschüsse dagegen nicht. Aber das überzeugt mich nicht, denn das Zuviel des einen einen ist gleichzeitig das Zuwenig der anderen.

Wem die unterschiedlichen Grenzwerte nützen, zeigt sich auf Seite 18 des dicken Tabellen-Stapels, den die Statistiker der Kommission hinten an ihren Bericht getackert haben: Deutschland nämlich, dessen Überschuss zwischen 2008 und 2010 genau 5,9 Prozent betrug. Dass die Grenzwerte von -4 und +6 kein Zufall sind, sondern tatsächlich dem wissenschaftlichen Standard entsprechen, wie die Kommission in einer Fußnote schreibt – man kann es bezweifeln.

Auf Seite 18 finden sich übrigens auch die vergangenen Drei-Jahres-Durchschnitte für den deutschen Leistungsbilanzsaldo. Sie zeigen: Deutschland macht seit mehr als neun Jahren regelmäßig Überschüsse, liefert also Waren ins Ausland und bekommt dafür Schuldscheine.

Schade eigentlich, wir hätten das Geld auch für mehr Importe ausgeben können. Und 5,9 Prozent des BIPs sind eine ganze Menge, nämlich rund 150 Milliarden Euro.

Die Bundesbank erklärt mir Target2

Vor ein paar Tagen hatte ich der Bundesbank-Pressestelle einige Fragen zu Target2 gestellt, die mir die Pressestelle heute beantwortet hat – ausführlich und sehr verständlich. Vielen Dank dafür nach Frankfurt!

Ich möchte den Target2- und Zahlungsbilanz-Aficionado (Dank an jmg für diese Wortschöpfung) unter uns diese Informationen nicht vorenthalten.  Hier die Antwort der Bundesbank.

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Finanziert die EZB über Target2 die Leistungsbilanz-Defizite der GIPS-Staaten?

Mit dieser Frage beschäftige ich mich derzeit – plane dazu einen größeren Text im Print-Handelsblatt.

Hans-Werner Sinn vertritt diese  Meinung. So hat er am Montag in München die Target-Salden so erklärt:

Das ist das Extra-Geld, was man dort gedruckt hat, über das hinaus, was in diesen Volkswirtschaften zirkuliert, und für die eigenen Zwecke, für die Tansaktionen benötig wird. Welches verwendet wurde, um Güter und Vermögensobjekte im Rest des Euro-Raums zu kaufen.

Buiter/Rahbai/Michael ( “TARGETing the wrong villain: Target2 and intra-Eurosystem imbalances in credit flows”) , Bindseil/König (“The economics of  TARGET2 balances”) und Jürgen Stark widersprechen ihm.

Ich bin mir nicht ganz sicher,  brüte derzeit über den Zahlen zur Leistungs- und Handelsbilanz der GIPS-Staaten im Vergleich zu ihren Target2-Verbindlichkeiten und brauche Eure Hilfe.

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