Ist der Mindestlohn eine Lachnummer?

Frische Brötchen aus der Bäckerei werden immer teurer.
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Die Mindestlohndebatte ist ein Thema, das in Deutschland sehr emotional geführt wird – gerade in Zeiten des Wahlkampfes. Das zeigt sich aktuell wieder bei der Umfrage, die Forsa im Auftrag des Handelsblatts unter Führungskräften durchgeführt hat. Das überraschende Ergebnis: Eine Mehrzahl der Manager ist für einen Mindestlohn von 8,50 Euro.

Ein Leser von Handelsblatt Online hat dabei eine interessante Debatte angestoßen. » weiterlesen

Herr Brüderle und die “asozialste Steuer”

Im  Handelsblatt schreibt FDP Wirtschaftsexperte Rainer Brüderle über die Verteilungswirkung der Inflation. Seine Anmerkungen zu diesem Thema verdienen eine nähere Analyse.

Es gibt Themen, die so wichtig sind, daß eine differenzierte Betrachtung angebracht ist. Dazu gehört auch die drängende Frage nach der Verteilungswirkung der verschiedenen Lösungsmöglichkeiten für die Schuldenkrise. Denn die Verteilung der Lasten der Schuldenkrise wird über die politische Zukunft Europas mitentscheiden.

Nach Rainer Brüderle ist Inflation nun die “asozialste Steuer, die man sich vorstellen kann”. Er meint damit vermutlich, daß sie arme Leute stärker belastet als reiche. Aber stimmt das? » weiterlesen

Die EZB und ihre Inflationsneurose

Paul de Grauwe, Ökonomieprofessor an der Universität Leuven, hat heute im Ökonomenportal Voxeu.org einen bermerkenswerten Gastbeitrag veröffentlicht.  (Aufmerksam darauf wurde ich durch meinen FAS-Kollegen Patrick Bernau).

De Grauwe fordert darin, die EZB solle als “lender of last resort” für Staatsanleihen agieren – und argumentiert sogar, Milton Friedman hätte dies wahrscheinlich ähnlich gesehen. Die Inflationsrisiken seien gering, und die “moral hazard”-Probleme ließen sich in den Griff kriegen.

Sein Fazit lautet:

“The ECB has been unduly influenced by the theory that inflation should be the only concern of a central bank. It is becoming increasingly clear that financial stability should also be on the radar screen of a central bank. In fact, most central banks have been created to solve an endemic problem of instability of financial systems. With their unlimited firing power, central banks are the only institutions capable of stabilising the financial system in times of crisis.

In order for the ECB to be successful in stabilising the sovereign bond markets of the Eurozone, it will have to make it clear that it is fully committed to exert its function of lender of last resort. By creating confidence, such a commitment will ensure that the ECB does not have to intervene in the government bond markets most of the time, very much like the commitment to be a lender of last resort in the banking system ensures that the central bank only rarely has to provide lender of last resort support.”

Mit Blick auf Milton Friedmans mutmaßliche Position bin ich mir zwar nicht so sicher, ansonsten denke ich aber, dass de Grauwe weitgehend recht hat.

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Die US-Geldpolitik und der Rest der Welt

Ist die nach wie vor lockere  Geldpolitik in den USA ein Irrweg oder genau richtig? Mein Kollege Dirk Heilmann, unser Chefökonom, und ich sind bei dieser Frage uneins. Dirk kritisierte den Kurs der Fed in einem Leitartikel hart, worauf ich den armen Ben ein bisschen verteidigt habe.

Dirk und  das Wirtschaftsblog Lost Generation haben mit ähnlichen Argumenten auf meinen Blogpost reagiert. Eines ihrer Kernargument ist, dass die importierte Inflation in den USA letztlich gar nicht importiert sei, weil die expansive Geldpolitik der Amerikaner in Boom in China anheize, der die internationalen Rohstoffpreise und damit die Inflation in den USA  beflügelt.

Bei Dirk liest sich das  so:

Das Problem ist eben, (…)  dass Bernankes extrem lockere Geldpolitik weltweit über spekulative Zuflüsse amerikanischen Anlagekapitals in die Rohstoffmärkte und manche Immobilienmärkte der Schwellenländer die Inflationsraten vor allem in den wachstumsstärksten Ländern in die Höhe treibt. Diese Inflation importieren die USA vor allem über die Energiepreise.

Lost Gen schreibt:

Die USA importiert keine Inflation, sondern exportiert netto welche – un zwar nach China. Das ist genau der Grund, warum die massiven Konjunkturprogramme wenig Auswirkungen auf das nominale BIP haben. China absorbiert einen großen Teil der frisch gedruckten Dollars mit frisch gedruckten Yuan. Die Inflation, welche die Fed erzeugen wollte, entsteht so in China statt in den USA.

Mir kommen dazu zwei Dinge in den Sinn.

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Warum importierte Inflation nicht egal ist

Postbank-Volkswirt Heinrich Bayer liefert heute eine bemerkenswerte Analyse darüber, wie sich über steigende Rohstoffpreise der Inflationsdruck in Deutschland verstärkt und warum sich alle täuschen, die die derzeitige importierte Inflation für ein vorübergehendes, vernachlässigbares Phänomen halten.  Das passt übrigens auch prima zu der gestrigen Debatte zwischen Olaf Storbeck und mir im Handelsblog.

Ich empfehle insbesondere die Grafik auf Seite 3 und die dazu gehörige Argumentation. Bayer zeigt, dass die Inflationsraten auf den drei Ebenen Importpreise ohne Öl (7,7 Prozent), Erzeugerpreise ohne Öl (4,4 Prozent) und Großhandelspreise incl. Öl (10,9 Prozent) so hoch sind wie noch nie seit der Wiedervereinigung Deutschlands. Und er weist darauf hin, dass auch die deutschen Ausfuhrpreise mit 4,9 Prozent extrem hoch sind, obwohl Deutschland nicht gerade als Rohstoffexporteur bekannt ist. Ich zitiere:

“Die Heftigkeit des Preisauftriebs in dieser Breite zeigt, dass die aktuelle Beschleunigung der Inflation keineswegs monokausal ist. Sicherlich ist der Anstieg der Notierungen von Öl und anderen Rohstoffen in diesem Kontext nicht zu vernachlässigen. Von dieser Seite dürfte sogar eine gewisse Entspannung erfolgen. (…) Allerdings rechnen wir auch nicht mit einer Trendwende nach unten.”

Und weiter:

“Als nachhaltiger könnte sich aber eine andere Entwicklung erweisen. Derzeit zieht die starke globale Nachfrage, insbesondere aus den Schwellenländern, auch die Preise für Industriegüter nach oben. Gleichzeitig verteuert die starke Konjunktur in den Schwellenländern die dortige Produktion.”

Die Folge laut Bayer: Tendenziell höhere Inflationsraten als in den vergangenen zehn Jahren stehen uns ins Haus. Gleichzeitig werde die Verknappung qualifizierter Arbeitskräfte in Deutschland dazu führen, dass Zweitrundeneffekte über Lohnsteigerungen eintreten.

Sein Fazit: Die Inflationsraten werden steigen, und zwar auch über den Durchschnitt in der Euro-Zone. Eine Prognose, die auch wir schon vor einiger Zeit vertreten haben.  Es mag also sein, dass die Notenbanken in Europa und Nordamerika die importierte Inflation nicht direkt beeinflussen können. Ignorieren dürfen sie sie aber auch nicht.

Bernankes “richtigen Weg” hatten wir schonmal – an den Folgen leiden wir noch heute

Nachdem sich mein lieber Kollege Olaf Storbeck veranlasst sah, meinem Leitartikel im Handelsblatt zu Inflation und Geldpolitik wortreich zu widersprechen, kann ich mir meinerseits eine Replik nicht verkneifen. Olafs Argumente, warum Ben Bernanke doch auf dem richtigen Weg sei, haben mich nämlich wiederum nicht überzeugt.

Sie hätten mich nachdenklicher gestimmt, wenn die USA eine Insel wären. Aber das sind sie bekanntlich nicht. Sie sind ein maßgeblicher Bestandteil der globalen Wirtschaft und die Heimat der größten Kapitalmärkte. Darum führt es am Kern des Problems vorbei, die Wirkungen der US-Geldpolitik nur auf die US-Wirtschaft zu betrachten. Das Problem ist eben, wie ich im Leiter beschrieben habe,  dass Bernankes extrem lockere Geldpolitik weltweit über spekulative Zuflüsse amerikanischen Anlagekapitals in die Rohstoffmärkte und manche Immobilienmärkte der Schwellenländer die Inflationsraten vor allem in den wachstumsstärksten Ländern in die Höhe treibt. Diese Inflation importieren die USA vor allem über die Energiepreise. Das schwächt wiederum den privaten Konsum, weil die Amerikaner mehr Geld an den Zapfsäulen lassen müssen. Ausgerechnet die durch diese Wirkungskette verursachte Dämpfung des US-Wirtschaftswachstums wird nun als Argument herangezogen, dass Helikopter-Ben die Geldpolitik noch nicht straffen dürfe. Das ist pervers.

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Ben Bernanke ist auf dem genau richtigen Weg

Mein geschätzter Kollege Dirk Heilmann,  Chefökonom des Handelsblatts, geht in seinem  heutigen Leitartikel hart mit der Zinspolitik der Federal Reserve Bank ins Gericht. Dirk bezeichnet die Niedrigzinspolitik der Fed als “riskante Wette”:

Weltweit steigen die Preise, und wer das als vernachlässigbare Folge eines Rohstoffpreisschubs abtut, der ist leichtsinnig. Im zweiten Jahr eines globalen Aufschwungs ist es höchste Zeit, dass die extrem lockere Geldpolitik beendet wird, die im Kampf gegen die schwerste Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren begonnen wurde.

Die Entscheidung der EZB, die Leitzinsen anzuheben, betrachtet Dirk als wegweisend:

Unter den traditionellen Industriestaaten steht die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer Leitzinserhöhung vom 7. April einsam da. Sie musste sich für ihre zarte Anhebung von 1,0 auf 1,25 Prozent viel Kritik anhören. Doch der Handelsblatt-RBS-Inflation-Live-Index, der für Herbst eine Inflationsrate von drei Prozent in der Euro-Zone voraussagt, bestätigt die Entscheidung für die Zinswende.

Ich sehe es aus mehrern Gründen genau anders als Dirk. Ich bin fest davon überzeugt: Ben Bernanke handelt genau richtig,  und die EZB ist auf dem Holzweg.

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Vorhang auf für “Quantitative Tightening” (QT)

Sie haben bestimmt schon von „Quantitative Easing“ (QE) gehört, der quantitativen Lockerung. Dieses Schlagwort steht für eine neue, unkonventionelle Form der Geldpolitik, mit der die Federal Reserve Bank und andere Notenbanken gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise kämpfen.

Aber kennen Sie auch „Quantitative Tightening“ (QT), also quantitative Straffung? Diesen Begriff hat Stephen King, geprägt, Chefökonom der britisch-asiatischen Großbank HSBC. Das erste Mal habe davon vor ein paar Wochen auf einer Konferenz bei der London Business School gehört. Heute hat HSBC seinen neuen Emerging Market Index veröffentlicht, und ich hatte die Gelegenheit, King zu interviewen.

Was also ist QT?

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Griechenland ist nicht allein

Einen hervorragenden Überblick über die globale Schuldenkrise gibt der Chefvolkswirt der Citigroup, Willem Buiter, in seiner neuen 66-seitigen Studie “Sovereign Debt Problems in Advanced Industrial Countries”.  In seinem früheren Leben als Professor an der London School of Economics und FT-Blogger war er für markige Sprüche und zuweilen apokalyptische Warnungen bekannt, jetzt steht die sachliche Analyse im Vordergrund. Und die spricht einige wichtige Punkte an, die in der aktuellen Debatte öfter mal unter den Tisch fallen. Zum Beispiel den, dass die Euro-Zone insgesamt in einer stärkeren fiskalischen Position ist als Großbritannien, die USA und Japan, und dass auch diese Länder bald “von den Märkten getestet” werden könnten. Der fiskalische Konsolidierungsbedarf sei in Japan und Großbritannien größer und in den USA ähnlich groß wie in den PIIGS-Ländern der Euro-Zone. » weiterlesen