Herr Brüderle und die “asozialste Steuer”

Im  Handelsblatt schreibt FDP Wirtschaftsexperte Rainer Brüderle über die Verteilungswirkung der Inflation. Seine Anmerkungen zu diesem Thema verdienen eine nähere Analyse.

Es gibt Themen, die so wichtig sind, daß eine differenzierte Betrachtung angebracht ist. Dazu gehört auch die drängende Frage nach der Verteilungswirkung der verschiedenen Lösungsmöglichkeiten für die Schuldenkrise. Denn die Verteilung der Lasten der Schuldenkrise wird über die politische Zukunft Europas mitentscheiden.

Nach Rainer Brüderle ist Inflation nun die “asozialste Steuer, die man sich vorstellen kann”. Er meint damit vermutlich, daß sie arme Leute stärker belastet als reiche. Aber stimmt das? » weiterlesen

“The Italian Job” – Die EZB und ihre Lebenslüge

Die Nationalität des EZB-Führungspersonals hat messbaren Einfluss auf die  geldpolitischen Entscheidungen der Notenbank, zeigt  eine neue Studie. Die Ergebnisse sind so brisant, dass die Forscher wichtige Details der Arbeit unter Verschluss halten.

Mario Draghi

Der neue EZB-Chef Mario Draghi (EZB-Pressebild, Fotograf: Dirk Michael Deckbar)

Heute ist der erste Arbeitstag des neuen EZB-Chefs Mario Draghi.  Neben Draghi sind ab heute zwei weitere Italiener im EZB-Rat, dem wichtigsten Führungsgremium der Bank, vertreten: Lorenzo Bini Smaghi und Ignazio Visco, Draghis Nachfolger an der Spitze der italienischen Notenbank,

Keine anderes Land der Euro-Zone hat damit derzeit so viel Einfluss auf die geldpolitischen Entscheidungen wie Italien – pikanterweise ausgerechnet das Land, das im Mittelpunkt der Schuldenkrise steht.

Mein “Welt”-Kollege Holger Zschäpitz schrieb dazu gestern auf Twitter:

“Ab morgen wird #EZB von 3 Italienern und damit jenen dominiert, die monetäre Rettungstruppe aus FFM am meisten brauchen.”

Welche Rolle spielt die Nationalität der Entscheidungsträger für die Geldpolitik in Europa tatsächlich? Gar keine – das zumindest ist die offizielle Lesart der EZB. Die Mitglieder des EZB-Rates würden in ihrem Amt ihre Pässe gedanklich abgeben und hätten nur noch das Interesse der gesamten Euro-Zone  im Blick.

Aber stimmt das?

Die beiden Ökonomie-Professoren Harald Badinger (Wirtschaftsuniversität Wien) und  Volker Nitsch (TU Darmstadt) sind dieser Frage in einer bemerkenswerten Studie nachgegangen – und entlarven eine Lebenslüge der EZB. Denn die Nationalität der Entscheidungsträger spielt sehr wohl eine Rolle für ihre geldpolitischen Entscheidungen, zeigen die Forscher.

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Hans-Werner Sinn und ein “übermäßig aktiver Blogger”

Vorbemerkung: Nach meinen Posts hier und in meinem englischen Blog sowie einer Email an Hans-Werner Sinn hat dieser schnell reagiert und mir Recht gegeben. Die entsprechende Passage in seinem Paper wurde geändert, und es wurde eine Klarstellung in die Fußnote hinzugefügt. Ich bin Herrn Sinn für diese schnelle Reaktion dankar und freue mich, dass der Vorwurf, ich hätte ihn falsch zitiert, aus der Welt ist. Ich habe daher den Titel meines englischen Blogs ergänzt und hier in der Überschrift den Verweis auf  ”schmutzige Tricks” entfernt.

— Ende der Vorbemerkung

Ich habe in den vergangenen zehn Jahren immer wieder  mit Hans-Werner debattiert. Ich habe ihn dabei stets als hart in der Sache, aber fair und intellektuell ehrlich wahrgenommen. Bis jetzt.

In der ersten Fassung der englischen Version seines neuen Target2-Papiers behauptet Sinn, ich hätte ihn in meinem englischen Blogpost missverständlich vom Deutschen ins Englische übersetzt. Fakt ist, dass ich gar nichts übersetzt habe. Ich habe ausschließlich Original-Stellen aus seinem englischen Artikel “The Stealth Bailout” zitiert.

Ausführlich beziehe ich dazu in meinem englischen Blog Stellung: “The dirty tricks of Hans-Werner Sinn (or why it looked like this, at least”.

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Die US-Geldpolitik und der Rest der Welt

Ist die nach wie vor lockere  Geldpolitik in den USA ein Irrweg oder genau richtig? Mein Kollege Dirk Heilmann, unser Chefökonom, und ich sind bei dieser Frage uneins. Dirk kritisierte den Kurs der Fed in einem Leitartikel hart, worauf ich den armen Ben ein bisschen verteidigt habe.

Dirk und  das Wirtschaftsblog Lost Generation haben mit ähnlichen Argumenten auf meinen Blogpost reagiert. Eines ihrer Kernargument ist, dass die importierte Inflation in den USA letztlich gar nicht importiert sei, weil die expansive Geldpolitik der Amerikaner in Boom in China anheize, der die internationalen Rohstoffpreise und damit die Inflation in den USA  beflügelt.

Bei Dirk liest sich das  so:

Das Problem ist eben, (…)  dass Bernankes extrem lockere Geldpolitik weltweit über spekulative Zuflüsse amerikanischen Anlagekapitals in die Rohstoffmärkte und manche Immobilienmärkte der Schwellenländer die Inflationsraten vor allem in den wachstumsstärksten Ländern in die Höhe treibt. Diese Inflation importieren die USA vor allem über die Energiepreise.

Lost Gen schreibt:

Die USA importiert keine Inflation, sondern exportiert netto welche – un zwar nach China. Das ist genau der Grund, warum die massiven Konjunkturprogramme wenig Auswirkungen auf das nominale BIP haben. China absorbiert einen großen Teil der frisch gedruckten Dollars mit frisch gedruckten Yuan. Die Inflation, welche die Fed erzeugen wollte, entsteht so in China statt in den USA.

Mir kommen dazu zwei Dinge in den Sinn.

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Bernankes “richtigen Weg” hatten wir schonmal – an den Folgen leiden wir noch heute

Nachdem sich mein lieber Kollege Olaf Storbeck veranlasst sah, meinem Leitartikel im Handelsblatt zu Inflation und Geldpolitik wortreich zu widersprechen, kann ich mir meinerseits eine Replik nicht verkneifen. Olafs Argumente, warum Ben Bernanke doch auf dem richtigen Weg sei, haben mich nämlich wiederum nicht überzeugt.

Sie hätten mich nachdenklicher gestimmt, wenn die USA eine Insel wären. Aber das sind sie bekanntlich nicht. Sie sind ein maßgeblicher Bestandteil der globalen Wirtschaft und die Heimat der größten Kapitalmärkte. Darum führt es am Kern des Problems vorbei, die Wirkungen der US-Geldpolitik nur auf die US-Wirtschaft zu betrachten. Das Problem ist eben, wie ich im Leiter beschrieben habe,  dass Bernankes extrem lockere Geldpolitik weltweit über spekulative Zuflüsse amerikanischen Anlagekapitals in die Rohstoffmärkte und manche Immobilienmärkte der Schwellenländer die Inflationsraten vor allem in den wachstumsstärksten Ländern in die Höhe treibt. Diese Inflation importieren die USA vor allem über die Energiepreise. Das schwächt wiederum den privaten Konsum, weil die Amerikaner mehr Geld an den Zapfsäulen lassen müssen. Ausgerechnet die durch diese Wirkungskette verursachte Dämpfung des US-Wirtschaftswachstums wird nun als Argument herangezogen, dass Helikopter-Ben die Geldpolitik noch nicht straffen dürfe. Das ist pervers.

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Ben Bernanke ist auf dem genau richtigen Weg

Mein geschätzter Kollege Dirk Heilmann,  Chefökonom des Handelsblatts, geht in seinem  heutigen Leitartikel hart mit der Zinspolitik der Federal Reserve Bank ins Gericht. Dirk bezeichnet die Niedrigzinspolitik der Fed als “riskante Wette”:

Weltweit steigen die Preise, und wer das als vernachlässigbare Folge eines Rohstoffpreisschubs abtut, der ist leichtsinnig. Im zweiten Jahr eines globalen Aufschwungs ist es höchste Zeit, dass die extrem lockere Geldpolitik beendet wird, die im Kampf gegen die schwerste Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren begonnen wurde.

Die Entscheidung der EZB, die Leitzinsen anzuheben, betrachtet Dirk als wegweisend:

Unter den traditionellen Industriestaaten steht die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer Leitzinserhöhung vom 7. April einsam da. Sie musste sich für ihre zarte Anhebung von 1,0 auf 1,25 Prozent viel Kritik anhören. Doch der Handelsblatt-RBS-Inflation-Live-Index, der für Herbst eine Inflationsrate von drei Prozent in der Euro-Zone voraussagt, bestätigt die Entscheidung für die Zinswende.

Ich sehe es aus mehrern Gründen genau anders als Dirk. Ich bin fest davon überzeugt: Ben Bernanke handelt genau richtig,  und die EZB ist auf dem Holzweg.

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Das Comeback der Stagflation droht

Ein tot geglaubtes Ungeheuer erhebt sein hässliches Haupt: die Stagflation. Die Kombination aus einer stagnierenden Wirtschaft und hohen Inflationsraten war  im Zeitalter der Schlaghose ein Problem. Der Ölpreisschock von 1973 führte damals in den westlichen Industrieländern zu dieser seltenen und unglückseligen Verbindung. Nun taucht das S-Wort in Großbritannien wieder vermehrt auf, wie hier in der Analyse der jüngsten britischen Wachstumsdaten im ”Motley Fool“.

Nicht zu Unrecht, schaut man sich die Lage auf der Insel an. Die Inflationsrate ist hier stärker als auf dem europäischen Festland gestiegen, liegt nun über vier Prozent und droht nach Einschätzung vieler Ökonomen fünf Prozent noch im Jahresverlauf zu erreichen.

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Vorhang auf für “Quantitative Tightening” (QT)

Sie haben bestimmt schon von „Quantitative Easing“ (QE) gehört, der quantitativen Lockerung. Dieses Schlagwort steht für eine neue, unkonventionelle Form der Geldpolitik, mit der die Federal Reserve Bank und andere Notenbanken gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise kämpfen.

Aber kennen Sie auch „Quantitative Tightening“ (QT), also quantitative Straffung? Diesen Begriff hat Stephen King, geprägt, Chefökonom der britisch-asiatischen Großbank HSBC. Das erste Mal habe davon vor ein paar Wochen auf einer Konferenz bei der London Business School gehört. Heute hat HSBC seinen neuen Emerging Market Index veröffentlicht, und ich hatte die Gelegenheit, King zu interviewen.

Was also ist QT?

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