Mario Draghi dient der Stabilität

Er nannte keine Summen, keine Ziele, keinen Zeitplan: Auf den ersten Blick blieb Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, heute in seiner Erklärung zu möglichen Staatsanleihekäufen durch die Notenbank im Ungefähren stecken. Was, wann und wie viel die EZB kaufen könnte, das ließ er  im Dunkeln. Erst in den nächsten Wochen will die EZB die genauen Details ausarbeiten.

Die wenigen Einzelheiten und die vielen „Vielleichts“ enttäuschten die Finanzmärkte. Nach der Brandrede, die der EZB-Chef in der vergangenen Woche in London gehalten hatte, hatten die Beobachter mehr Details und konkrete Pläne erwartet. Die Botschaft, die bei ihnen ankam, lautete: Die EZB will alles tun, was nötig ist, um den Euro zu retten – weiß aber noch nicht genau, was oder hat sich zumindest noch nicht entschieden.

Doch diese naheliegende Interpretation wird dem wahren Inhalt von Draghis Rede nicht gerecht. Denn indirekt hat der EZB-Präsident zum ersten Mal öffentlich eingeräumt, dass die Notenbank eine bestimmte Zielgröße für die Risikoaufschläge bei Staatsanleihen hat – und dass sie bereit ist, alles zu tun, um diese Zielgröße zu erreichen. Wo die Schmerzgrenze der Notenbank liegt, verriet Draghi zwar nicht. Aber allein die Tatsache, dass es sie gibt, ist ein wichtiger Schritt nach vorn. Wenn Draghi meint, was er sagt, dann bedeutet das, dass die Bank im Zweifel unbegrenzt aufkauft. » weiterlesen

Herr Riecke schießt über das Ziel hinaus

Im Handelsblatt vom 2. März kritisiert Torsten Riecke scharf die EZB und die Euro-Länder („Europas Kanoniere schießen über das Ziel hinaus“, online: “Weidmanns Mahnung ist richtig”).

Bei ihren Rettungsmaßnahmen hätten sie „jedes Maß verloren“. Herr Riecke errechnet als Beleg eine Gesamtsumme des Europäischen Hilfsvolumens von 3000 Mrd. Euro. Es lohnt sich, seinen Rechnungen auf den Grund zu gehen.

Zunächst einmal zählt Herr Riecke die beiden Long Term Refinanacing Operations (LTROs) aus den Monaten Dezember und März als Hilfspaket. Tatsächlich handelt es sich aber um Kredite, für die Sicherheiten gewährt werden. Über die Qualität dieser Sicherheiten lässt sich trefflich streiten, aber man sollte sie nicht unerwähnt lassen. » weiterlesen

Ein Zombie kehrt zurück

Zur Target2-Debatte ist meiner Meinung nach schon lange alles gesagt – nur noch nicht von jedem.

Gestern haben die Ökonomen  Aaron Tornell (UCLA) und  Frank Westermann (Universität Osnabrück) die Debatte wieder ausgegraben – mit einem seltsamen Beitrag bei Voxeu.org.

Leider haben FT Alphaville und  Felix Salmon das Stück aufgegriffen und den Thesen von Tornell und Westermann viel internationale Aufmerksamkeit verschafft. Auch die “Deutschen Mittelstands-Nachrichten” sind auf die Argumente von Tornell und Westermann eingestiegen.

Dankenswerterweise hat der Dubliner Ökonom Karl Whelan mir diesmal die Arbeit abgenommen – er zerlegt die Argumentation von Tornell und Westermann haarklein.

Sein Fazit ist vernichtend:

“this piece has even less to add (and more to subtract, if believed) to the stock of useful knowledge than Sinn’s various pieces”

Ich habe dem nichts hinzuzufügen.

Allerdings kann man sich wirklich fragen, wie manche Akademiker arbeiten. Hätten Tornell und Westermann einen Blick in den Bundesbank-Montasbericht von März (S. 34ff) oder in den Oktober-Monatsbericht der EZB (S. 35) geworfen, hätten sie eigentlich merken müssen, dass sie argumentativ auf dem Holzweg sind.

Auch hier bin ich vollkommen bei Whelan, der argumentiert:

“The crazy thing is that the Euro area is undergoing a real crisis and there is a huge need for an informed public debate on potential solutions. We don’t need academics making up fake crises and stirring intra-European resentments based on a misunderstanding of central bank arcania.”

Wer sich selbst in das Thema einlesen möchte – ich habe hier mal eine Leseliste zu Target2 zusammengestellt.

Besuchen Sie mein englisches Weblog “Economics Intelligence” und meine Facebook-Seite – ich freue mich über jedes “like”!


“The Italian Job” – Die EZB und ihre Lebenslüge

Die Nationalität des EZB-Führungspersonals hat messbaren Einfluss auf die  geldpolitischen Entscheidungen der Notenbank, zeigt  eine neue Studie. Die Ergebnisse sind so brisant, dass die Forscher wichtige Details der Arbeit unter Verschluss halten.

Mario Draghi

Der neue EZB-Chef Mario Draghi (EZB-Pressebild, Fotograf: Dirk Michael Deckbar)

Heute ist der erste Arbeitstag des neuen EZB-Chefs Mario Draghi.  Neben Draghi sind ab heute zwei weitere Italiener im EZB-Rat, dem wichtigsten Führungsgremium der Bank, vertreten: Lorenzo Bini Smaghi und Ignazio Visco, Draghis Nachfolger an der Spitze der italienischen Notenbank,

Keine anderes Land der Euro-Zone hat damit derzeit so viel Einfluss auf die geldpolitischen Entscheidungen wie Italien – pikanterweise ausgerechnet das Land, das im Mittelpunkt der Schuldenkrise steht.

Mein “Welt”-Kollege Holger Zschäpitz schrieb dazu gestern auf Twitter:

“Ab morgen wird #EZB von 3 Italienern und damit jenen dominiert, die monetäre Rettungstruppe aus FFM am meisten brauchen.”

Welche Rolle spielt die Nationalität der Entscheidungsträger für die Geldpolitik in Europa tatsächlich? Gar keine – das zumindest ist die offizielle Lesart der EZB. Die Mitglieder des EZB-Rates würden in ihrem Amt ihre Pässe gedanklich abgeben und hätten nur noch das Interesse der gesamten Euro-Zone  im Blick.

Aber stimmt das?

Die beiden Ökonomie-Professoren Harald Badinger (Wirtschaftsuniversität Wien) und  Volker Nitsch (TU Darmstadt) sind dieser Frage in einer bemerkenswerten Studie nachgegangen – und entlarven eine Lebenslüge der EZB. Denn die Nationalität der Entscheidungsträger spielt sehr wohl eine Rolle für ihre geldpolitischen Entscheidungen, zeigen die Forscher.

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Euro-Krise: Heftige Worte von Lagarde und Bernanke

IWF-Chefin Christine Lagarde (Bild: IWF)

Die neue IWF-Chefin Christine Lagarde hat auf der Notenbank-Konferenz in Jackson Hole, Wyoming gerade eine bemerkenswerte Rede gehalten.

Mit Blick auf die Euro-Krise nimmt sie kein Blatt vor den Mund.

Wenn die Politik nicht die richtigen Schlüsse sieht, sieht Lagarde die Zukunft des Euros bedroht.

Die Krise drohe dann vollends auf den Kern der Euro-Zone überzugreifen.

Nach der Rede von Fed-Chef Bernanke von gestern ist das der zweite Warnschuss in Richtung Europa.

Lagarde betonte: Ohne eine schnelle Rekapitalisierung der Banken in Europa drohe die Schuldenkrise noch stärker auf die Kernländer der Währungsunion überzugreifen. » weiterlesen

Bitte, bitte! Glaubt wenigstens dem “Economist”

"Stand back, I'm a central banker!"

Der “Economist”, für mich der Goldstandard in Sachen Wirtschaftsberichterstattung, hat in dieser Woche den Kampf der Notenbanken gegen die Finanzkrise zum Titelthema gemacht: “Central banking and the crisis - Emergency manoeuvres”.

Der Text – wie eigentlich das gesamte Heft, jede Woche – ist Pflichtlektüre für jeden, der sich irgendwie für die Wirtschaftskrise interessiert.

Vor allen die Herren Frank Schäffler, “Finanzexperte” der FDP-Bundestagsfraktion und auch Klaus-Peter Flosbach, finanzpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, sollten diesen Text bitte lesen – und dann endlich aufhören, ihre gefährliche und haltlose Kritik an der EZB zu verbreiten.

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Euro-Krise: Auf welchem Stern lebt Berlin?

Letzten Freitag war ich Studiogast bei Sky News – es ging, wie könnte es anders sein, um die Euro-Krise.

Als mein Wall-Street-Journal-Kollege Simon Nixon in Zweifel zog, ob es in Deutschland überhaupt den politischen Willen gebe, alles zu tun, um den Euro zu retten, habe ich ihm ziemlich deutlich widersprochen.

Wenn ich jetzt aber so lese, was manche Politiker in Berlin so zur Euro-Krise und EZB erzählen, kommen mir aber doch einige Zweifel.

Meine Kollegen Dietmar Neuerer und Daniel Delhaes zitieren den FDP-Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler zum Beispiel so:

„Die EZB ist inzwischen neben der amerikanischen Fed die größte Bad Bank der Welt.“ Sie setze das Sparvermögen von Millionen Bürgern mit dieser Inflationspolitik aufs Spiel. „Wenn die EZB so weitermacht, kauft sie bald auch alte Fahrräder auf und gibt dafür neues Papiergeld heraus.“

Schäffler ist laut Handelsblatt.com “Finanzexperte” – tatsächlich betreibt er demagogische Panikmache, die von keiner Sachkenntnis getrübt ist.
Die Fed und EZB sind keine “Bad Bank”, sie betreiben keine “Inflationspolitik” und sie setzen nicht die Ersparnisse der Menschen aufs Spiel.

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Sinn verteidigt sich

Auf einer zweieinhalbstündigen Pressekonferenz hat sich Hans Werner Sinn in Frankfurt seinen Kritikern gestellt. Dabei gab er sich konziliant und diskussionsbereit und nahm einzelne Positionskorrekturen vor, untermauerte aber seine Target-2-Kampagne mit einer ausführlichen neuen Studie. Diese wurde vor Ort im Japan Center in Frankfurt als broschierter Vorabdruck verteilt und sollte heute mit letzten Korrekturen auf der Ifo-Homepage www.cesifo-group.de zur Verfügung stehen. Das ist bis jetzt allerdings nicht der Fall.

Update: Sinns Papier ist inzwischen in deutsch und englisch online.

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“Professor Sinn Misses the Target”

Das ist wirklich bemerkenswert: Karl Whelan, VWL-Professor in Dublin, hat am Wochenende genau das gleiche gemacht wie ich – er hat sich detailliert mit den Thesen von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn zum angeblichen Geheim-Bailout der Europäischen Zentralbank auseinandergesetzt.

Das Ergebnis ist der Text “Professor Sinn misses the target“, in dem er mit ganz ähnlichen Argumenten zu einem ganz ähnlichen Fazit kommt wie ich (deutsche und englische Fassung)

“Unfortunately, Professor Sinn’s analysis is incorrect and his policy prescriptions extremely dangerous.”

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Die Zukunft der Bundesbank

Viele Beobachter finden, dass es Axel Webers Aufgabe gewesen wäre, in der EZB als Präsident eine „deutsche Linie“ durchzusetzen. Dahinter stecken gleich zwei verkehrte Vorstellungen. Erstens wird die Macht des Präsidenten im Zentralbankrat völlig überschätzt. Der Präsident kann alleine wenig erreichen, und vermutlich ist die Rolle des Chefvolkswirts in der EZB wenigstens vergleichbar wichtig wie die des Präsidenten. Zweitens ist die Vorstellung falsch, dass die Franzosen, Italiener, Spanier und Portugiesen im Rat der EZB entweder grundsätzlich nicht in der Lage sind zu begreifen, dass das der Ankauf griechischer Staatsanleihen durch die Zentralbank zu Inflation führen kann oder, daß ihnen Inflation eben nicht so wichtig ist, wie ihren deutschen Kollegen. Nur nach dieser Vorstellung bedarf es eines deutschen Lehrmeisters, der in der EZB die Sachen in Ordnung bringt. » weiterlesen