Der publizistische Amoklauf des Walter Krämer

Mein Düsseldorfer  Kollege Jan Mallien hat eine ziemlich unglaubliche Story ausgegraben: In einem Interview mit der Studentenzeitung “Pflichtlektüre” hat der  Dortmunder Statistik-Professor  Walter Krämer  einen publizistischen Amoklauf hingelegt.

(Update: Nach dem Handelsblatt-Bericht hat Walter Krämer das Interview mit der Studentenzeitung überarbeitet und die kritischen Passagen herausnehmen lassen – mehr dazu unten.  Die Original-Fassung ist allerdings noch hier verfügbar.

Noch ein Update: Meine Kollegen von Handelsblatt.com haben heute mit Krämer gesprochen: Das Interview mit der “Pflichtlektüre” sei nicht authorisiert worden, er habe sich bei Bofinger entschuldigt.)

Seinen Kollegen Peter Bofinger, der den von Krämer initiierten Ökonomenaufruf hart kritisiert hat, bezeichnet Krämer als “akademische Nullnummer”. Und den “Spiegel”-Journalisten, der einen kritischen Artikel über Hans-Werner-Sinn geschrieben hat, möchte Krämer am liebsten “erwürgen und an die Wand klatschen”.

Bislang hatte ich den Aufruf selbst für den Tiefpunkt der akademischen Debatte über die Euro-Krise gehalten, aber dieses Interview toppt die Sache gewaltig. Das ist auf einem Niveau mit anonymen Kommentatoren, die hier im Blog Leuten, die anderer Meinung sind, offen gedroht haben: “Machen Sie ruhig so weiter, wenn die Stimmung im Volk kippt wird man sich an Sie erinnern.” » weiterlesen

Ein Zombie kehrt zurück

Zur Target2-Debatte ist meiner Meinung nach schon lange alles gesagt – nur noch nicht von jedem.

Gestern haben die Ökonomen  Aaron Tornell (UCLA) und  Frank Westermann (Universität Osnabrück) die Debatte wieder ausgegraben – mit einem seltsamen Beitrag bei Voxeu.org.

Leider haben FT Alphaville und  Felix Salmon das Stück aufgegriffen und den Thesen von Tornell und Westermann viel internationale Aufmerksamkeit verschafft. Auch die “Deutschen Mittelstands-Nachrichten” sind auf die Argumente von Tornell und Westermann eingestiegen.

Dankenswerterweise hat der Dubliner Ökonom Karl Whelan mir diesmal die Arbeit abgenommen – er zerlegt die Argumentation von Tornell und Westermann haarklein.

Sein Fazit ist vernichtend:

“this piece has even less to add (and more to subtract, if believed) to the stock of useful knowledge than Sinn’s various pieces”

Ich habe dem nichts hinzuzufügen.

Allerdings kann man sich wirklich fragen, wie manche Akademiker arbeiten. Hätten Tornell und Westermann einen Blick in den Bundesbank-Montasbericht von März (S. 34ff) oder in den Oktober-Monatsbericht der EZB (S. 35) geworfen, hätten sie eigentlich merken müssen, dass sie argumentativ auf dem Holzweg sind.

Auch hier bin ich vollkommen bei Whelan, der argumentiert:

“The crazy thing is that the Euro area is undergoing a real crisis and there is a huge need for an informed public debate on potential solutions. We don’t need academics making up fake crises and stirring intra-European resentments based on a misunderstanding of central bank arcania.”

Wer sich selbst in das Thema einlesen möchte – ich habe hier mal eine Leseliste zu Target2 zusammengestellt.

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Die EZB und ihre Inflationsneurose

Paul de Grauwe, Ökonomieprofessor an der Universität Leuven, hat heute im Ökonomenportal Voxeu.org einen bermerkenswerten Gastbeitrag veröffentlicht.  (Aufmerksam darauf wurde ich durch meinen FAS-Kollegen Patrick Bernau).

De Grauwe fordert darin, die EZB solle als “lender of last resort” für Staatsanleihen agieren – und argumentiert sogar, Milton Friedman hätte dies wahrscheinlich ähnlich gesehen. Die Inflationsrisiken seien gering, und die “moral hazard”-Probleme ließen sich in den Griff kriegen.

Sein Fazit lautet:

“The ECB has been unduly influenced by the theory that inflation should be the only concern of a central bank. It is becoming increasingly clear that financial stability should also be on the radar screen of a central bank. In fact, most central banks have been created to solve an endemic problem of instability of financial systems. With their unlimited firing power, central banks are the only institutions capable of stabilising the financial system in times of crisis.

In order for the ECB to be successful in stabilising the sovereign bond markets of the Eurozone, it will have to make it clear that it is fully committed to exert its function of lender of last resort. By creating confidence, such a commitment will ensure that the ECB does not have to intervene in the government bond markets most of the time, very much like the commitment to be a lender of last resort in the banking system ensures that the central bank only rarely has to provide lender of last resort support.”

Mit Blick auf Milton Friedmans mutmaßliche Position bin ich mir zwar nicht so sicher, ansonsten denke ich aber, dass de Grauwe weitgehend recht hat.

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