Sehenden Auges ins Desaster

Wer in diesen Wochen durch Europa reist, den können schon depressive Anwandlungen beschleichen. Das gemeinsame europäische Haus brennt an mehreren Ecken, doch niemand fühlt sich bemüßigt, den Feuerwehrschlauch in die Hand zu nehmen. Im Gegenteil streiten sich die potenziellen Retter darüber, wer an allem Schuld ist, wer als erster gewarnt hat, dass ein Brand droht und ob Wasser, Schaum oder Sand die beste Löschmethode sind. Fast fühlt man sich an Schilderungen aus Geschichtsbüchern oder Romanen über die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg erinnert: Jeder sieht das drohende Desaster kommen, keiner tut etwas, um es abzuwenden.

In der vergangenen Woche habe ich mich intensiv mit den deutschen Gegnern der bisherigen Euro-Rettungspolitik befasst. Da wächst, wie in der Handelsblatt-Ausgabe vom 29. Mai geschildert (hier die Online-Version), eine “bürgerliche Apo” heran, deren politischer Arm in der Bundestagswahl 2013 die Freien Wähler werden könnten.

Wut und Angst sind bis tief in bürgerliche Schichten groß: Deutschland, so fürchten viele, hat sich auf eine Rutschbahn begeben, auf der ein Rettungsschirm auf den nächsten folgt und immer weitere deutsche Milliarden als Garantien für die Krisenländer bereitgestellt werden. Diese Bewegung, die schon von Zehntausenden offen unterstützt wird, hat sich Angela Merkel selber zuzuschreiben. Sie hat die Menschen nicht mitgenommen auf den Weg in eine engere europäische Integration; sie verzichtet darauf, die Vorteile, die Deutschland aus dem Euro hatte und die es jetzt aus den extrem niedrigen Zinsen hat, offen anzusprechen. » weiterlesen

Die Kluft wächst eigentlich schon lange

Heute morgen fiel mein Blick auf die Schlagzeile meines Kollegen Dirk Heilmann: „Die Kluft in der Euro-Zone wächst“. Darin nennt er die neuesten Wachstumszahlen der Euro-Zone – und zeigt, dass sich die einzelnen Staaten zuletzt sehr ungleich entwickelt haben. So war das vierte Quartal in Frankreich den Umständen entsprechend stark, in Italien, Portugal und Griechenland dagegen deprimierend lausig.

Ich habe mich gefragt, seit wann diese Kluft denn eigentlich wächst. Ist die größer werdende Ungleichheit nur eine Begleiterscheinung der Krise – oder ein Dauerphänomen?

Dafür habe ich einmal bei Eurostat die Pro-Kopf-BIP-Zahlen der zwölf Länder herausgesucht, die als erste den Euro als Bargeld eingeführt haben. Das Ergebnis ist erschreckend: Nach dem Euro-Start 1999 ist der Wohlstand der einzelnen Staaten praktisch immer ungleicher geworden (siehe blaue Kurve). Eigentlich hatte man den Euro ja auch deswegen erfunden, um das Zusammenwachsen Europas zu fördern. Doch beim Wohlstandsniveau scheint das nicht funktioniert zu haben –  im Gegenteil.

Sicher, mein Ungleichheitsmaß ist ziemlich grob (ich habe berechnet, um wie viel Prozent die Pro-Kopf-BIPs der einzelnen Länder im Schnitt vom durchschnittlichen Pro-Kopf-BIP aller zwölf Länder abweichen). Aber eine gewisse Aussagekraft hat es sicherlich.

Dass Währungsunionen als solches die Ungleichheit fördern, sollte man daraus aber bitte nicht schlussfolgern. So zeigt die schwarze Kurve eine entsprechende Berechnung für die Westafrikanische Währungsunion, die aus acht Staaten besteht, deren Bürger seit 1994 mit „CFA-Franc“ bezahlen. Sie ist seitdem stark gefallen.

So sehr hat Deutschland vom Euro profitiert

Containerterminal in Hamburg (Quelle: Wmeinhart via Wikipedia)

Containerterminal in Hamburg (Quelle: Wmeinhart via Wikipedia)

In der deutschen Diskussion über den Euro und die Schuldenkrise hört man immer wieder, die Einführung des Euro habe der deutschen Wirtschaft gehörig geschadet.

In einer bemerkenswerten Studie verweisen die  Volkswirte der Citigroup dieses Argument jetzt ins Reich der Legende. Die Citi-Ökonomen Nathan Sheets und Robert Sockin argumentieren, die Einführung des Euro habe zu einem massiven Windfall-Profit für die deutsche Volkswirtschaft geführt – das Papier ist meiner Meinung nach Pflichtlektüre für jeden D-Mark-Nostalgiker.

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Falsche Generalabrechnung mit dem Euro

Martin Feldstein ist so etwas wie der Grand Seigneur der US-amerikanischen Makroökonomie.

Der konservative Harvard-Professor hat US-Präsident Ronald Reagan beraten, lange Jahre das amerikanische Forschungsnetzwerk NBER geleitet und wird regelmäßig als Kandidat für den Ökonomie-Nobelpreis gehandelt.

Feldstein hat die europäische Währungsunion immer kritisch gesehen – jetzt hat er eine Generalabrechnung mit dem Euro veröffentlicht.

In einem Arbeitspapier mit dem harmlosen Titel “The Euro and European Economic Conditions” stellt er die These auf, die Schuldenkrise sei die unvermeidliche Folge der Währungsunion.

Der Euro sei gescheitert – nicht nur wegen der wirtschaftlichen Gegensätze in Europa, sondern auch wegen kultureller Differenzen.

Feldstein schreibt:

“The emergence of these problems just a dozen years after the start of the euro in 1999 was not an accident or the result of bureaucratic mismanagement but the inevitable consequence of imposing a single currency on a very heterogeneous group of countries, a heterogeneity that includes not only economic structures but also fiscal traditions and social attitudes.”

Die niedrige Inflation seit dem Start der Gemeinschaftswährung, die sich die EZB an die Brust hefte, sei kein Argument für den Euro – andere Länder hätten ebenfalls Preisniveau-Stabilität genossen, ohne die “Kosten einer gemeinsamen Währung” in Kauf nehmen zu müssen.

Nach Ansicht von Feldstein ist die Einführung des Euro ein Experiment, das idie Schuldenkrise in den Mitgliedsstaaten erst ausgelöst habe. Der Euro sei zudem für die Probleme im europäischen Bankensektor verantwortlich, für die hohe Arbeitslosigkeit und die großen Handelsdefizite.

Meiner Meinung nach schießt Feldstein deutlich über das Ziel hinaus. Auch ich frage mich inzwischen, ob der Euro rückblickend ein Fehler war und den Umgang mit der Finanzkrise erschwert. Aber die Gemeinschaftswährung für die gesamte Krise verantworlich zu machen, halte ich für deutlich überzogen.

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Herrn Schäfflers “geordneter” Euro-Austritt

Der Initiatoren-Antrag, der dem FDP Mitgliederentscheid zugrunde liegt, fordert statt der Ausweitung von Rettungsmaßnahmen den “geordneten Austritt” der betroffenen Länder aus der Währungsunion.

“Sollten sich die bisher beschlossenen Maßnahmen nicht als hinreichend herausstellen, spricht sich die FDP dafür aus, überschuldeten Staaten einen geordneten Austritt aus dem Euro zu ermöglichen, um ein ungeordnetes Auseinanderbrechen unserer Währung zu verhindern.”

Wie dieser geordnete Austritt genau aussehen soll – dazu findet sich im Schäffler Papier praktisch kein Wort. » weiterlesen

Der indische Elefant und die Euro-Krise

Zwei Wissenschaftler lernen auf einer Indien-Reise einen dressierten Elefanten kennen. Das Tier kann Walzer tanzen und Porzellanteller kleben. Sie bringen es mit nach Europa, wo sie eines Tages mit dem Elefanten einen Porzellanladen aufsuchen. Das Tier beginnt einen Walzer zu tanzen und zerstört Teller und Tassen. Anschliessend klebt es die Scherben behände zusammen.

Befragt, warum sie den Elefanten in den Porzellanladen mitgenommen haben, antworten die Wissenschaftler, es sei die kostengünstigere Alternative, den Elefanten die Scherben kleben zu lassen.

Hätte jemand das Porzellan zerstört, der weniger geschickt ist, als der Elefant, dann würde das viel teurer:

“Verantwortungsbewusste Politik darf nicht darauf setzen, dass man vielleicht Glück haben kann.”

Das Geschäft müsse zwar für einige Jahre geschlossen werden, aber das Porzellan werde geklebt. Nach Abschluss der Umschuldungsverhandlungen erhole sich der insolvente Laden “oft überraschend schnell”. Daher: “Die Richtung stimmt”.

Harald Hau und Bernd Lucke betrachten die Rekapitalisierung der Banken als eine günstige Versicherung gegen die Folgen einer Bankenkrise. » weiterlesen

Target2-Unsinn ist nicht zu stoppen

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, meine knappe Lebenszeit nicht weiter für die Target2-Debatte zu verschwenden. Nachdem Hans-Werner Sinn aber seine objektiv falschen Thesen  über angebliche Kredite der Bundesbank an die Peripheriestaaten und das vermeintliche “Crowding-out” der Kreditvergabe in Deutschland unermüdlich weiter verbreitet, erkläre ich auf “Ecnomics Intelligence” abermals, warum der Ifo-Chef falsch liegt: “GIPS Euros” vs. “German Euros” – Debunking Hans-Werner Sinn, Vol. II

Mein Fazit:

Hans-Werner Sinn fritters away his reputation as a serious academic and has entered the domain of populists that make biased and flawed arguments.

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Schweizer Franken: Jan Egbert Sturm im Rausch

Ich habe hier im Foyer des schicken neuen Hörsaalgebäudes der Goethe Uni Frankfurt am Rande der Jahestagung des Vereins für Socialpolitik gerade einen völlig euphorisierten Jan-Egbert Sturm getroffen.

Wenige Minuten vorher hatte er die Nachricht bekommen, dass die Schweizer Nationalbank den Schweizer Franken an den Euro gekoppelt hat und einen Frankenwechselkurs unter 1.20 Euro nicht zulassen will. Genau das hatte Sturm und die von ihm geleitete Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich empfohlen.

Sturm konnte es kaum glauben – und hielt jedem, der ihm über den Weg lief,  sein iPhone mit dem Wechselkurs-Chart unter die Nase.

Tatsächlich kommt es wohl nur selten vor, dass Empfehlungen von Ökonomen so schnell und konsequent umgesetzt werden.

Was für die Schweizer Wirtschaft wahrscheinlich sinnvoll ist, kann übrigens für die Euro-Zone unangenehm werden. Denn um den Wechselkurs zu stabilisieren, dürfte die SNB im großem Stil europäische Staatsanleihen  kaufen – leider nicht solche aus Griechenland, Italien und Spanien, sondern wahrscheinlich lieber welche aus Deutschland und Frankreich.

Das dürfte ein Grund dafür sein, dass die Renditen der Bundesanleihen in letzter Zeit gesunken sind – und verschärft die Situation, dass die Risikoaufschläge, die die Regierungen der Krisenländer für ihre Staatsanleihen bezahlen müssen, weiter steigen.

Gut möglich, dass die SNB damit indirekt  die Euro-Krise verschärft…

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Unseriöse Zahlen? Ifo-Institut kommt erneut unter Feuer

Die Zahl hat es in sich – wenn sie denn stimmt. 47 Milliarden Euro würden Euro-Bonds Deutschland pro Jahr kosten, schätzt das Münchener Ifo-Institut, weil die Zinsen für Deutschland steigen würden. Ifo-Chef Hans-Werner Sinn bezeichnete Eurobonds jüngst in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt als “süße Droge”.

Wim Boonstra, Chefvolkswirt der niederländischen Rabobank, hat diese Berechnungen in einem Gastbeitrag für die niederländische Wirtschaftszeitung Eufin, heftig kritisiert. Der Text ist auf niederländisch geschrieben, aber zum Glück funktioniert Google Translate ja ganz gut.

(Vielen Dank an Robert Went, Ökonom beim niederländischen Thinktank WRR, der mich über Twitter [@went1955] auf den Boonstra-Text hingewiesen hat.)

Schon die Überschrift des Boonstra-Textes geht in die Vollen: “Der heftiger Schnitzer des Ifo Instituts”. Es geht heftig weiter: Boonstra vergleicht die Ifo-Forscher mit Naturwissenschaftlern, die den Klimawandel belegen wollen und dafür die Temperaturen in einem brennenden Haus messen.

Boonstras zentraler Vorwurf ist, dass die Annahmen, mit denen das Ifo-Institut das Zinsniveau nach der Einführung der Eurobonds berechnet hat, falsch sind.

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Das Sommertheater um Eurobonds

Bruegel-Eurobonds wären in ihrer Wirkung kaum anders, als die fortgesetzte Ausweitung des Stabilitätsfonds. Bei einer Auflage von Eurobonds würden sukzessive die auslaufenden italienischen Staatsanleihen durch neue europäische Anleihen ersetzt.

Es würde einige Jahre dauern, bis diese Bonds sechzig Prozent des italienischen BIP ausmachen. Von da an müsste Italien neue Schulden wieder selbst und zu sehr schlechten Konditionen aufnehmen. Wenn Italien bis dahin die Defizite nicht abgebaut hat, beginnen die Probleme von vorn.

Eine fortgesetzte Kreditvergabe über den europäischen Stabilitätsmechanismus EFSF würde ganz ähnlich wirken. Hier würde Italien sukzessive Kredite durch den Rest Europas erhalten, die dann gemeinsam am Markt refinanziert werden. Italien würde als Garant für neue Kredite an Griechenland ausscheiden. Das sähe nicht gut aus – aber es verkleistert die Lage nicht.

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