Warum Target2-Forderungen keine Kredite sind

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn behauptet es seit mehr als einem Jahr: Die Forderungen, die die Bundesbank über das Target2-Zahlungssystem an die EZB hat, seien letztlich  ein Kredit der deutschen Notenbank an die Target2-Defizit-Länder: Die Target-Salden seien  „eine Art Kontokorrentkredit“ und würden  „eine öffentliche internationale Kreditvergabe“ zwischen den Notenbanken „messen“.

Von vielen – auch von mir – ist diese Wortwahl immer wieder kritisiert worden. So betonte der ehemalige Wirtschaftsweise Olaf Sievert in einem offenen Brief an Sinn:

“Über das Target2-System wird kein Kredit gewährt. (…) Eine irreführende Wortwahl bei der Kennzeichnung eines Sachverhalts ist kein guter Einstieg in dessen Analyse”

Zwei Ökonomen der Uni Jena – Peter Burgold und Sebastian Voll – machen in einem jetzt veröffentlichten Arbeitspapier mit dem Titel “Mythos TARGET2 — ein Zahlungsverkehrssystem in der Kritikden gleichen Punkt”. Aus der Zusammenfassung:

“Die Salden sind keine echten Kredite und sollten nicht als solche betrachtet werden. Die zugrunde liegenden ökonomischen Probleme sind weder hinreichend noch notwendig mit dem Zahlungssystem verknüpft und können deswegen darüber nicht sinnvoll angegangen werden. “

» weiterlesen

Target2-Debatte: Hans-Werner Sinn antwortet Hans Peter Grüner

Im folgenden eine Antwort von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn auf den Blogpost, den Hans Peter Grüner am 23. April zum Zusammenhang zwischen der Leistungsbilanz und den Target-Salden geschrieben hat:

Lieber Herr Grüner,

vielen Dank für Ihre Antwort vom 23. April 2012. Lassen Sie mich nochmals rekapitulieren. Sie haben als Kritik an meiner Position angeführt, die Target-Salden hätten die Leistungsbilanzdefizite nicht finanzieren können, weil diese Defizite ja auch schon vor der Krise und vor dem Herausbilden der Salden vorhanden gewesen seien. Daraufhin habe ich gesagt, dass ich die Ausweitung der Leistungsbilanzdefizite auch nicht behauptet hatte, sondern nur die Finanzierung dieser Defizite mit Target-Krediten. Ein Leistungsbilanzdefizit im Euroraum müsse nun mal durch Target-Kredite oder durch (normale) Kapitalimporte finanziert werden. Sie erwiderten in Ihrem letzten Brief, dass Leistungsbilanzdefizite auch durch Vermögensübertragungen, wie sie durch Konkurse stattfinden, bezahlt werden können.

Was Sie sagen ist zwar richtig: Ein griechischer Konkurs führt zu einem Forderungsverzicht der Ausländer, der für sich genommen eine Verminderung des griechischen Kapitalimports bedeutet und insofern neben dem normalen Kapitalimport und den Target-Krediten eine weitere Finanzierungsquelle für das Leistungsbilanzdefizit hätte sein können. » weiterlesen

Die ganze Wahrheit über Target2

Was steckt wirklich hinter den Target-Salden? Der Berliner Makroökonom Philipp Johann König, einer der auf dem Gebiet  führenden deutschsprachigen Wissenschaftler,   erklärt in einem Gastbeitrag für Handelsblatt.com, was wirklich hinter den Ungleichgewichten im Zahlungssystem der EZB steckt.

König hat sich  zusammen mit dem EZB-Volkswirten Ulrich Bindseil schon im vergangenen Jahr mit einem detaillierten Arbeitspapier in die Debatte eingeschaltet. Eine aktualisierte Version der Arbeit mit dem Titel “Target2 and the European Sovereign Debt Crisis” ist hier online verfügbar.

In seinem Gastbeitrag für Handelsblatt.com wirft König zahlreichen deutschen Medien vor, die Target2-Thesen von Hans-Werner Sinn ungeprüft zu übernehmen. Konkret nennt er die Kollegen von Spiegel Online, die FAZ und der Wirtschaftswoche. Dabei gebe es

“gute Gründe, Sinns Thesen kritisch zu hinterfragen. Sie sind teilweise inkorrekt und bisweilen sehr unscharf formuliert.”

König betont – wie auch der ehemalige Wirtschaftsweise Olaf Sievert letzte Woche  in seinem offenen Brief an Hans-Werner Sinn – dass es anders als von Sinn behauptet  keine „Target-Kredite“ gibt.

» weiterlesen

Herr Riecke schießt über das Ziel hinaus

Im Handelsblatt vom 2. März kritisiert Torsten Riecke scharf die EZB und die Euro-Länder („Europas Kanoniere schießen über das Ziel hinaus“, online: “Weidmanns Mahnung ist richtig”).

Bei ihren Rettungsmaßnahmen hätten sie „jedes Maß verloren“. Herr Riecke errechnet als Beleg eine Gesamtsumme des Europäischen Hilfsvolumens von 3000 Mrd. Euro. Es lohnt sich, seinen Rechnungen auf den Grund zu gehen.

Zunächst einmal zählt Herr Riecke die beiden Long Term Refinanacing Operations (LTROs) aus den Monaten Dezember und März als Hilfspaket. Tatsächlich handelt es sich aber um Kredite, für die Sicherheiten gewährt werden. Über die Qualität dieser Sicherheiten lässt sich trefflich streiten, aber man sollte sie nicht unerwähnt lassen. » weiterlesen

Herr Brüderle und die “asozialste Steuer”

Im  Handelsblatt schreibt FDP Wirtschaftsexperte Rainer Brüderle über die Verteilungswirkung der Inflation. Seine Anmerkungen zu diesem Thema verdienen eine nähere Analyse.

Es gibt Themen, die so wichtig sind, daß eine differenzierte Betrachtung angebracht ist. Dazu gehört auch die drängende Frage nach der Verteilungswirkung der verschiedenen Lösungsmöglichkeiten für die Schuldenkrise. Denn die Verteilung der Lasten der Schuldenkrise wird über die politische Zukunft Europas mitentscheiden.

Nach Rainer Brüderle ist Inflation nun die “asozialste Steuer, die man sich vorstellen kann”. Er meint damit vermutlich, daß sie arme Leute stärker belastet als reiche. Aber stimmt das? » weiterlesen

2011 ist nicht 2008; 2012 wird nicht wie 2009

Viele reden in diesen Tagen davon, dass sich die Ereignisse des Winters 2008/09 zu wiederholen drohen.

Damals rauschte die Weltwirtschaft nach dem Schock der Lehman-Pleite in eine tiefe Rezession – die Banken hörten auf, Geld zu verleihen, die Unternehmen hörten auf, zu investieren und die Menschen begannen aus Angst mehr zu sparen.

Die Ausweitung der Euro-Schuldenkrise von der Peripherie der Währungsunion in den Kern hat zweifellos das Zeug, eine neue Finanzkrise auszulösen, aber noch sind wir nicht so weit. Außerdem hat sich die Euro-Krise hinreichend langsam entwickelt, so dass auch Menschen, die nicht regelmäßig den Wirtschaftsteil lesen, sich allmählich an den Ernst der Lage gewöhnen konnten.

Das ist ein Faktor, der dazu beiträgt, dass es außerhalb der besonders hart von Sparprogrammen betroffenen Länder keine schockartigen Auswirkungen auf die Realwirtschaft zu geben scheint. Ein anderer Faktor ist, dass die Unternehmen ganz offensichtlich aus den Erfahrungen von 2008 gelernt haben und ruckartige Anpassungen an die verschlechterten Aussichten vermeiden, um nicht zu der Rezession beizutragen, die sie fürchten.

Zwar haben die Banken begonnen, ihre Kreditvergabe einzuschränken, aber die Unternehmen investieren weiter und die Menschen konsumieren weiter - das zeigt sich in Deutschland in diesen Wochen ganz deutlich.

Der Konsum und die Unternehmensinvestitionen haben im dritten Quartal den Export als Wachstumstreiber abgelöst und das scheint auch in das vierte Quartal hinein zu tragen. Drei Hinweise darauf sind heute: Der weitere Rückgang der Arbeitslosenzahlen im November, der unerwartet kräftige Anstieg der Einzelhandelsumsätze um real 0,7 Prozent im Oktober und der nochmalige, wenn auch nur einprozentige Anstieg der Aufträge im deutschen Maschinenbau.

Auch in den USA haben die Pessimisten ein weiteres Mal mit ihrer Ankündigung eines Double-Dips nicht recht behalten, Japan erholt sich nach den Katastrophen des Frühjahrs und China und andere Schwellenländer halten starke Wachstumsraten aufrecht. Das alles sieht nicht danach aus, dass 2012 so wird wie 2009.

Und das sind wiederum gute Nachrichten für die deutsche Wirtschaft. Sie wird zwei, drei schwache Quartale erleben, aber die Indikatoren lassen uns die Hoffnung, dass eine Rezession trotz der Probleme in der Euro-Zone noch vermeidbar ist.

Dass dies alles unter dem Vorbehalt steht, dass die Währungsunion nicht auseinanderfällt, versteht sich von selbst.

Böse Überraschungen haben Konjunktur

Wer hätte das gedacht? Keiner der von Bloomberg befragten Ökonomen jedenfalls. Keiner hatte erwartet, dass das Ifo-Geschäftsklima im November steigen wird.

Positive Überraschungen sind in Krisenzeiten ohnehin eine Rarität.

Die Volkswirte der Commerzbank führen darüber sogar Buch. Der Chefvolkswirt der Bank, Jörg Krämer, hat mit seinen Kollegen über einen längeren Zeitraum beobachtet, was die Mehrheit der Ökonomen vor der Veröffentlichung von Konjunkturdaten für die Euro-Zone erwartet - und was dann tatsächlich passierte.

Die Überraschung war in den meisten Fällen: negativ. Jedenfalls in Europa überwiegen die unbeliebten Überraschungen. Das zeigt ein sogenannter Surprise-Index:

Euro Area Surprise Indicator

Was dahinter steckt? Die Bankvolkswirte vergleichen die Werte, die ihre Zunft für wichtige Konjunkturdaten im Schnitt erwartet hatte mit den tatsächlichen Ergebnissen. Die Differenz standardisieren sie, so dass sie die in unterschiedlichen Einheiten gemessenen Werte vergleichen können.

Dass die Überraschungen in Europa derzeit so oft so negativ waren, preisen die Volkswirte in ihre Konjunkturprognose ein. Nicht einmal eine Stagnation trauen die Commerzbank-Ökonomen der Euro-Zone inzwischen noch zu.  Erst vor enigen Tagen haben sie ihre Prognose auf minus 0,4 Prozent für 2012 für die Euro-Zone gesenkt.

In den USA ist der Überraschungseffekt übrigens ein anderer:

US Surprise Indicator

Rettet die Banken, nicht die Staaten

In der vergangenen Woche hat der Mannheimer VWL-Professor Hans Peter Grüner hier im Handelsblog einen Vorschlag seiner Kollegen Harald Hau und Bernd Lucke zur Lösung der Schuldenkrise auseinandergenommen. Hau und Lucke hatten in einem Gastbeitrag für die FAZ vorschlagen, statt den Staaten die Banken zu retten. Grüner hält diesen Ansatz für falsch. Jetzt haben Hau und Lucke auf Grüners Kritik reagiert:

Hans-Peter Grüners vermeintliche Kritik an unserem Vorschlag ist zunächst einmal eine Bestätigung unserer zentralen These: Es gibt eine Alternative zum Rettungsschirm.

Statt deren Existenz zu leugnen (wie die Bundesregierung dies tut), sollten die Zahlen auf den Tisch: Was kostet eine Rekapitalisierung der Banken und was kostet der Rettungsschirm?

Hans-Peter Grüner nimmt diese Debatte ernst und leistet seinen Beitrag dazu. Die Kosten verschiedener Strategien kann man nur evaluieren, wenn man einen geeigneten Referenzpunkt setzt. Für Grüner lautet dieser Referenzpunkt: Der Rettungsschirm funktioniert.

» weiterlesen

Können wir wirklich fünf EU Länder pleite gehen lassen?

Harald Hau und Bernd Lucke finden, daß eine Rekapitalisierung der Banken eine kostengünstige Alternative zur jetzigen Politik sei. Ich teile diese Einschätzung nicht.

In einem kürzlich erschienenen Zeitungsartikel legen Harald Hau und Bernd Lucke nahe, daß ein Default Griechenlands, Italiens, Spaniens, Portugals und Irlands durch eine Rekapitalisierung der Banken für Europa verkraftbar sei.

Hau und Lucke sehen die Rekapitalisierung und den dann möglichen Default als Alternative zur Ausweitung des EFSF. Die Bankenrekapitalisierung sei „kostengünstiger und effektiver“ als die „gegenwärtige Politik“. Deshalb sei die Politik der Bundesregierung nicht alternativlos.

Der Aufsatz der beiden verfolgt den (in seiner Anreizwirkung nützlichen) Ansatz, die Eigentümer der Banken zunächst weitgehend mit Eigenkapital haften zu lassen. Bei der Rekapitalisierung stünden den eingesetzten Mitteln dann die Assets der Bank gegenüber, so daß hier keine Verluste auftreten müssen. Zu recht argumentieren Hau und Lucke, daß jeder Bailout der Investoren gerade auch vermögende Anleger verschont. Dennoch bin ich überzeugt, daß die beiden in ihren Schlussfolgerungen zu weit gehen.

» weiterlesen